Robert Zemeckis „Hexen hexen“ startete am Wochenende vor dem neuen Lockdown ins Kino. Jetzt läuft er bei „Sky Cinema“ weiter. Auch Arthaus-Verleiher setzen im November wieder aufs Streamen. | Foto © Sky

Streaming statt Kino … in der Woche vom 12. November 2020.

Februar 2020. Die Welt weiß zwar noch nicht, was alles in Sachen Corona auf sie zukommt, aber dass es ernst ist, das ist den Fans von James 007 Bond klar. Vorsorglich, der neue Film „Keine Zeit zu sterben“ soll am 2. April 2020 starten, bittet man um eine Verschiebung. Die Produktionsfirma sah das ganz ähnlich. Am 4. März, in Deutschland am 5. März, gut eine Woche vor dem ersten Lockdown, gab man bekannt, Daniel Craigs James Bond würde am 12. November 2020 ins Kino kommen. Der November wirkte weit, weit weg. Noch Ende September stand alles auf Los!, obwohl es auch schon früher Gerüchte gegeben hatte, dass es nicht bei dem November-Start bleibt. Am 2. Oktober 2020 zog man die Reißleine, am 8. Oktober gab man bekannt: Neuer Starttermin ist, in Deutschland, der 31. März 2021. Da noch niemand absehen kann, wie lange uns Corona tatsächlich im Griff haben wird, machten Streamingportale bereits ein Angebot. Vergeblich, man will, und das ist löblich, an einem Kinostart festhalten.

Als Fußnote in der Bond-Geschichte wird sicherlich das Bestreben einiger Fans eingehen, die sich Team Bond nennen und unter dem Motto „Bond Saves Christmas“ eine Crowdfounding-Aktion gestartet haben, um den Film zu kaufen und um ihn noch dieses Jahr zu Weihnachten in die sicherlich inadequaten Beamer-Haushalte zu bringen. Zur Zeit ist man dem selbstgesetzten Ziel, 607 Millionen Britische Pfund aufzutreiben, um mickrige 850 Pfund näher gekommen (Stand 11. November 2020).

Heute startet kein Bond-Film. Aber mit James Bond sollen wir uns trotzdem beschäftigen. Zumindest wir Filmkritiker*innen. Der Sender Sky lädt „alle Filmjournalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zur großen James-Bond-007-Umfrage ein.“ Wir, „die Experten“, sollen „über die wichtigsten Fragen rund um James Bond“ abstimmen. „Absolut unrepräsentativ, aber vollkommen fundiert.“ Das geht doch runter wie Butter, auch wir Kritiker*innen haben ein Ego, und trotzdem hört man nicht auf uns, nicht mal, weiß ich aus eigener Erfahrung, im engsten Umkreis.

Man hält es simpel: „Wer ist der beste Bond-Darsteller?“, „Wer der beste Bond-Bösewicht?“ Als hätte es diese Diskussionen nicht schon oft genug gegeben. So eine Umfrage hätte man noch nie durchgeführt, heißt es in der Mitteilung und meint sicherlich die Beschränkung auf „uns Experten“. Mitmachen kann man anonym. Man kann aber auch Begründungen und Anmerkungen einschicken. Die „besten Zitate“ werden dann bei der Verkündung „Die Filmjournalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben entschieden!“ eingebunden. Das hört sich nach ganz bescheidenem Zeilenhonorar an. Langer Rede, folgender Zweck: Sky wird einen Pop-up-Sender starten: „Sky Cinema 007“. Zwischen dem 20. November und 14. Januar 2021 werden alle 24 Filme rund um die Uhr auch in der Originalfassung und ohne Werbeeinblendungen abrufbar sein.

Die Meldungen häufen sich. In Lettland bleiben die Kinos voraussichtlich bis 6. Dezember 2020 geschlossen. In Polen wurde am 7. November alles dicht gemacht. Die Maßnahmen gelten vorerst bis zum 29. November 2020. Litauen ebenso. Und das ist nur der Blick in den Osten.

Es gibt viel zu streamen, schalten wir ab. Ach nein, schalten wir zu. Was gibt es so im Land? Neben Netflix, Amazon und Co? Bereits während des ersten Lockdowns hatte der neu aufgestellte Verleih Leonine (zuvor Concorde und Universum) eigene Spartenkanäle eröffnet. Unter dem Motto „Home of Horror“ konnte man Horror sichten, für den allgemeinen Mainstream-Geschmack gab es „Filmtastic“, und Anspruchsvolleres startete im August unter der Adresse von „Arthouse CNMA“. Kostenpunkt knapp unter 4 Euro im Monat, und Kündigung ist jederzeit möglich. 

Gut, andere Richtung bei der Suche nach Streamingmöglichkeiten. Was macht eigentlich das Hannoveraner Kino „Lodderbast“, das während des ersten Lockdown gezeigt hat, wie man das Publikum trotzdem erreicht? Kurz, sie halten sich kulinarisch über Wasser und bieten per Imbiss genau ein Gericht: „Grünkohl & Bregenwurst“. Man muss sich zu helfen wissen, und dabei stimmt man eben nicht in die Wehklagen der Branche ein. Ganz im Gegenteil, wie ein langer Facebook-Eintrag von Mitbetreiber Johannes Thomsen vom 10. November bezeugt: „Um langfristig Perspektiven für das Kino als zukunftssicheren Ort der Filmrezeption, der gesellschaftlichen Zusammenkunft und des regen Austauschs entwerfen zu können, muss sich die Branche endlich auf Augenhöhe mit ihren Gästen und potentiellen Besucher*innen begeben.“ Am besten selbst lesen – der Text ist nun auch hier auf Out-takes mit weiterführenden Links zu lesen.

Ein Schlenker zu W-Film. W-Film feierte am 11. November 2020 seinen 20. Geburtstag und eröffnet an dem Tag auch ganz offiziell einen Online-Shop.

Oder zum Filmkunst 66, dessen Inhaberinnen, Regina und Tanja Ziegler, über den Zeitraum des Wellenbrecher-Lockdowns im November Filme aus dem Ziegler-Produktionsfundus frei zum Streamen geben. Direkt über die Seite des Kinos.

Und natürlich Netflix. Auf Netflix kann man ganz aktuell die österreichische „Oscar“-Einreichung „Was wir wollten“ anschauen, allerdings nur außerhalb von Österreich. Auf das Drama über einen unerfüllten Kinderwunsch mit Lavinia Wilson und Elyas M’Barek, Regie Ulrike Kofler, werden wir nächste Woche näher eingehen. Spannend ist es sicherlich auch, wieder einmal Sophia Loren auf der Leinwand … nein, natürlich nicht, sondern auf Netflix in einem Film zu sehen. Unter der Regie von Edoardo Ponti spielt Loren eine Holocaust-Überlebende, die sich mit einem sengalesischen Waisenjungen anfreundet: „Du hast das Leben vor dir“ – eine Besprechung liefern wir nächste Woche nach.

Gerade hat Alina Serban für ihre Rolle in „Gipsy Queen“ (Regie Hüseyin Tabak), über eine Mutter, die in den Ring steigt, den Preis des Oberbürgermeisters beim „Günter-Rohrbach-Filmpreis 2020“ gewonnen. Auf Netflix ist der Titel seit Ende Oktober verfügbar.

Auf Sky wiederum startet – „Gestern noch im Kino, heute schon bei Sky!“ – Robert Zemeckis Roald-Dahl-Verfilmung „Hexen hexen“. Ins Kino kam der Fantasy-Film am 29. Oktober 2020, also knapp vor dem Wellenbrecher-Lockdown. Ein Neueinsatz im Dezember schenkt sich Warner Bros., hat man doch andere Starts am 3. Dezember in Planung. Unsere Besprechung auf Out-takes kann man hier nachlesen. Übrigens, auf der Seite der Filmuniversität Babelsberg kann man ein kurzes Gespräch mit Dr. Roderik Smits zur Konjunktur von VoD-Angeboten vom 5. November 2020 lesen [allerdings in Englisch].

Auch die Öffentlich-Rechtlichen bieten gutes Programm. Teils sogar „Online first“. Teilweise für eine längere Zeitspanne. Die Dokumentation über „Wim Wenders, Desperado“, den die ARD zum Anlass des 75. Geburtstags ausgestrahlt hatte, ist immer noch verfügbar. Kinostart war im Juli, und unsere Besprechung kann man in der Folge 17 dieser Reihe nachlesen.
In der international produzierten Serie „Schatten der Mörder – Shadowplay“ (Regie: Måns Mårlind, Bildgestaltung: Erik Sohlström) steht Nina Hoss an der Seite von Taylor Kitsch, der nach dem Krieg in Berlin, in der amerikanischen Zone, eine Polizeieinheit aufziehen soll. Zum deutschen Cast gehören noch und unter anderem Sebastian Koch, Mala Emde, Benjamin Sadler und Anne Ratte-Polle. In der Mediathek lässt sich lobenswerter Weise auch die Orignaltonspur wahrnehmen.

Dieser Tage kommt auf Arte (ab 17. November 2020, mit Wiederholungen in der ARD und im MDR) eine zweiteilige Dokumentation mit dem Titel „Vertreibung. Odsun – Das Sudetenland“ ins Programm. Hier blicken erstmals Deutsche, Österreicher und Tschechen auf die Vertreibung der sogenannten Sudetendeutschen zurück. Als Erzählerin konnte die Produktion von Matthias Schmidt und Vít Polá?ek Sandra Hüller gewinnen.
Kaum im Kino schon im Programm der ARD: „I Am Greta“. Die Dokumentation über die Aktivistin Greta Thunberg wird am 16. November 2020 ausgestrahlt. In der Mediathek ist der Film bereits ab dem 14. November zugänglich. Unsere Besprechung kann man in der Folge 30 nachlesen.

„Expedition Arktis – Ein Jahr. Ein Schiff. Im Eis.“ Diese Dokumentation würde sich eigentlich auch gut im Kino machen. Große Leinwand, ein dunkler Raum und dann eintauchen in die Polarnacht. Ein Jahr im Eis der Arktis. Die Expedition trägt den Namen Mosaic, das steht für „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“. Übersetzt heißt das „Multidiziplinäres Driftobservatorium zur Untersuchung des Arktisklimas“. Vor knapp einem Monat kehrte das Forschungschiff Polarstern zurück, als eine der wenigen Unternehmungen, die wegen der Corona-Krise nicht abgebrochen wurden. Im September 2019 brach man auf, ließ sich von den Schollen einschließen und driftete mit dem Eis. Aufgabe für die zahlreichen Teams, die im Detail jeweils eigene Forschungsbereiche hatten: Erkenntnisse über das Eis und die Atmosphäre, das Meer und die spärlichen Anzeichen von Leben zu untersuchen, vor allem im Hinblick auf den Klimawandel. Erstmals wollte man auch einen ganzen Jahreszyklus vor Ort, einem absolut lebensfeindlichen Territorium, sein.
In dem ersten Film von Philipp Grieß von der Ufa Show & Factual gewinnen wir einen Überblick, lernen die einzelnen Teams kennen. Nicht nur war das Unterfangen, die Expedition in der Arktis (hier gibt es keine niedlichen Pinguine), ein gewaltiger Apparat, auch die Dreharbeiten dürften nicht ohne gewesen sein. Fünf Kamera- und Ton-Teams waren in Etappen involviert (DoP: Jakob Stark, Lars Barthel, Dieter Stürmer, Susanna Salonen, Bettina Borgfeld, Assistenz und Ton: Nikolaus von Schlebrügge, Nina Wesemann, Manuel Ernst, Hannes Spitz, Karl Finkbeiner). Gedreht wurde in 4K hochauflösend bei minus 40 Grad. Nicht zu vernachlassigen ist der Fakt, dass die arktische Nacht 140 Tage Dunkelheit bedeutete. Dabei wurde Material von rund 500 Stunden eingefangen.
Grieß geht das Material in diesem Film thematisch an. Er zeigt die einzelnen Teams von Meereisphysikers, Biogeochemikern, Schneephysikern, Polarbiologen, Atmosphärenbiologen, Meeresbiologen, Meteorologen und und und. Aber auch den Chefsteward und den Koch. Dabei wird der Alltag der Mannschaft genauso vorgestellt, wie wissenschaftliches Arbeiten, ohne dabei dröge zu werden. Die Arbeit von Eisbärhütern kannte man bisher vielleicht auch nicht so genau. Die Produktion der UFA zusammen mit den Sendeanstalten RBB, NDR und HR, wird am 16. November in der ARD ausgestrahlt.  Weitere, vertiefende Filme folgen in den Dritten.

Knapp vor dem Lockdown, am 5. März 2020 kam ein Dokumentarfilm ins Kino, der bis heute zu meinen Favoriten des Jahres gehört. „Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“ von Halina Dyrschka. Hilma af Klint interpretierte die physikalischen Entdeckungen, zum Beispiel Radioaktivität oder Radiowellen, in Bildern, die wir abstrakt nennen würden. Damals hielt man das für ungehörig und sie hielt sie testamentarisch auch nach ihrem Tod zurück. Namen wie Kandinsky oder Mondrian sind bekannt, für af Klint braucht es so ansprechende Filme wie diesen. Halina Dyrschka fragt jetzt aus dem Anlass und überhaupt nach den Frauen in der Kunstgeschichte und sichert af Klint ihren Platz in selbiger. Per Video on Demand beim Verleih Mindjazz Pictures kostet 4,50 Euro, eine Option zum Kauf oder als DVD gibt es ebenso. Eine Kollegin benennt Hilma af Klint gar als „Missing Link“ der modernen Kunstgeschichte und verweist auf die Rezeption ihrer Kunst in eine Männerdomäne, die sich auch heute in der Rezeption von Filmkritik aus Männersicht fortsetzt. Die Einordnung in der Publikation „Queer View“ kann man hier nachlesen.

Und zuverlässig bietet auch der Salzgeber Club Filme, die man so vielleicht nicht auf dem Schirm hat. Diese Woche ist das die romantische Komödie „Jamie und Jessie sind nicht zusammen“ von Wendy Jo Carlton. Eine Filmproduktion fast vollständig in Filmemacherinnenhand. Jamie und Jessie sind nicht zusammen, das ist die Ausgangsposition. Die beiden sind beste Mitbewohnerinnen und haben jeweils ihre eigenen Dates. Aber. Jamie ersehnt sich eine Karriere als Schauspielerin in New York City. Ihr Neuanfang ist keine zwei Wochen entfernt, In der ersten Szene radeln die beiden mit noch zusammen gefalteten Umzugskartons durch die Stadt, Chicago. Doch es ist nicht alles in Butter. Nicht für Jessie, gespielt von Jessica London-Shields. So auf den letzten Drücker merkt sie, dass sie sich in Jamie verliebt haben könnte. Jamie, gespielt von Jax Jackson, ist irgendwie cool, burschikos, total anziehend. Jessie ist all das nicht.
Die Regisseurin Wendy Jo Carlton macht daraus kein Drama, sondern eine beschwingte Romanze mit Musical-Einlagen, mit einer Portion Independentkino und ohne zuckersüße Auflösung. Die Figuren müssen sich schon ihrer selbst bewußt werden und sich entwickeln. Glaubhaft entwickeln. Jessie möchte Jamie eifersüchtig machen, um auf die Art Jamies Interesse zu wecken. Wie unkompliziert kompliziert das mit Sex und Liebe sein kann, zeigt eine kurze Szene, in der Jessie und ein Blind-Date sich treffen. Die potenzielle Partnerin stellt gleich klar, sie sei über eine Beziehung noch nicht hinweg, woraufhin Jessie erwidert, sie sei vielleicht schon verliebt. Dann ein anderes Mal? Die zwei Frauen verabschieden sich von einander ohne großes Bohai. Aber Jessie startet in eine Achterbahnfahrt an Gefühlschaos, so dass sie, als sie vermeintlich am Ziel ist, alles wieder auf Anfang setzt.
Salzgeber brachte den 2011 gedrehten Film 2012 in die Kinos. Im Salzgeber Club kann man die Komödie wiederentdecken.

 

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