Das „Lodderbast“ sieht sich nicht bloß als Programmkino, sondern als „Kulturkiosk“. Mit neuen Ideen trotzte es auch der Krise. | Foto © Jazz Club Hannover/Lodderbast

Im Januar 2018 öffnete in Hannover das „kleinste Kino der Welt“. Wiebke und Johannes Thomsen zeigen im „Lodderbast“ vor 20 Sitzen ein kuriertes Programm – und haben auch vor Streaming-Produktionen keine Angst. Diese Woche machte der Kinobetreiber seinem Unmut über die Branche auf Facebook Luft:  

[Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Die Links in diesem Beitrag haben wir eingefügt – sie sind im Originaltext nicht enthalten.]

Unüberhörbar peitschen gellende Wehklagen aus den einstmals so glanz-schwangeren und über jeden Zweifel erhabenen Lichtspielhäusern der Republik: Vergessen habe man sie. Systemrelevant seien sie – und sicher obendrein. Deshalb solle man tunlichst alle cineastischen Versammlungsstätten (denn genau das sind Kinos) wieder öffnen – komme, was wolle

Was aber motiviert das Gros dieser restlos überalterten Schar von Geschäftsleuten zu einem derart peinlichen, unausgegorenen und unreflektierten Gehabe? Was bringt Kinomacher*innen dazu, ihre ganz individuelle wirtschaftliche Unversehrtheit über das Gemeinwohl zu stellen?

Natürlich stellt eine Extremsituation wie diese, in der sich die Welt momentan befindet, in jeder Hinsicht und ganz konkret die wohl schlechthinnigste aller Existenzbedrohungen unserer Zeit dar. Doch der Umgang mit dem drohenden Übel und die Auseinandersetzung mit der Politik könnten weitaus intelligenter, homogener und weniger emotional vonstatten gehen.

Warum aber ist das der Kino-Branche, die größtenteils zum Kulturbetrieb gezählt wird, nur bedingt bis gar nicht möglich?

Die zentralen Probleme des Kinos sind nicht etwa Corona, die Corona-Politik oder Vorsicht und Zurückhaltung der Kinogänger*innen. Sie bringen lediglich ans Licht, was sich früher oder später ohnehin offenbart hätte: die Eitelkeit und Unbeweglichkeit einer ewig gestrigen und wenig kreativen Branche.

Schon der kaum inspirierte Umgang mit den Filmproduktionen des designierten Erzfeindes Netflix hätte sinnbildlicher nicht sein können für die Stagnation eines einstmals so kraftvoll und selbstsicher auftretenden Zaubermediums. Der Schirmverein der Arthouse-Kinoschaffenden, die AG Kino Gilde, die ihr Facebook-Handle irreführenderweise „Programmkino“ getauft hat, sprach zum Start des späteren Dreifachoscargewinners „Roma“ die reaktionäre und nicht durchdachte Empfehlung aus, den Film zu boykottieren. Gleiches galt für „The Irishman“, „Mariage Story“ und „The Two Pops“.

Die meisten obrigkeitshörigen Programmkinos folgten dem schlechten Rat ihrer Vortänzer und verbannten diese sehenswerten Filme aus ihren Häusern. Den Cineast*innen blieb nur der Weg zum Stream auf Netflix. Hatte man naiverweise geglaubt, man könne durch diesen unsinnigen Boykott irgendetwas im Sinne des Kinos bewirken, so sprachen die stetig wachsenden Userzahlen des Streaminganbieters eine andere Sprache.

Wäre es nicht schlauer gewesen, die Filme dort zu zeigen, wo sie hingehören, nämlich auf der Leinwand? Hätte man dann nicht die Gunst der Stunde nutzen können und die Zuschauer*innen persönlich über die unzumutbaren Zustände in der Zusammenarbeit mit dem Streamingdienst aufklären können? Stattdessen entschied man sich lieber dafür, den Kinogästen vor den Kopf zu stoßen und diese großen Filme aus dem Kino zu verbannen.

Was treibt eine so wunderschöne Branche wie die der Kinos dazu, die eigene Daseinsberechtigung Stück für Stück dem Erdboden gleichzumachen? Man könnte meinen, es handele sich dabei um puren Idealismus oder einen sehr unbeholfenen Versuch, die Romantik einer längst vergangenen Zeit zu konservieren.

Mitnichten. Dahinter steckt nicht mehr als der tumbe Plan, genau das zu tun, was schon vor dreißig Jahren funktioniert hat und sich bloß keinen Millimeter zu bewegen – denn das könnte mit Anstrengungen verbunden sein.

Um langfristig Perspektiven für das Kino als zukunftssicheren Ort der Filmrezeption, der gesellschaftlichen Zusammenkunft und des regen Austauschs entwerfen zu können, muss sich die Branche endlich auf Augenhöhe mit ihren Gästen und potenziellen Besucher*innen begeben.

Das fängt bei der Vergabe von Fördermitteln durch die Bundesregierung und die Kulturstaatsministerin Monika Grütters an. Einmal im Jahr vergibt eine siebenköpfige Jury, die zu einem Großteil aus Kinobetreiber*innen besteht, die nationalen Kinoprogrammpreise im Namen der Bundesregierung [PDF]. Prämiert werden die vermeintlich besten Kinoprogramme des Vorjahres, mit dem kleinen Twist, dass sich auch die Jurymitglieder, die selbst Kinos betreiben, mit horrenden Programmpreisprämien [PDF] bedenken. Teile der Programmpreis-Jury sitzen zudem im Vorstand der AG Kino Gilde und arbeiten dort ebenfalls mit Kinobetreiber*innen zusammen. Diesen Zustand sollte die Staatsministerin schleunigst beenden, wenn sie der ganzen Branche eine faire Verteilung der Fördermittel garantieren möchte.

Im Sinne einer vielfältigen und facettenreichen Kinolandschaft erscheint es außerdem sinnvoll, die intransparente Programmpreisvergabe durch eine transparente und nachvollziehbare Wirtschaftsförderung zu ersetzen. Das sichert allen Kinos, egal ob großes oder kleines Haus, verlässliche Förderbeträge und führt zu deutlich mehr Unabhängigkeit in der Programmierung.

Ebenso wichtig ist ist die Neuorientierung der Kinos in Richtung des Kulturbetriebs. Mit ihren ausschließlich wirtschaftlich ausgerichteten Interessenvertretungsansätzen und ihrem geradezu dogmatischen Auftreten als stimmgebende Dachorganisation aller Programmkinos in Deutschland forciert die AG Kino Gilde eine öde Eindimensionalität und damit auch den Untergang des Kinos. Kino-Granden wie Gilde-Vorsitzender Christian Bräuer betrachten Kinos wohl nicht als Orte der Kunst und Kultur, sondern vielmehr als krisengeschüttelte Möglichkeit, Umsatz zu generieren. Nicht ohne Grund ist der verschobene Bond ein so herber Niederschlag für die Kinos unter Bräuers schützender Hand: Bei allem Studieren von Besucherzahlen, Statistiken und den Jagden nach den komödiantischen Umsatzgaranten aus Frankreich und Deutschland ist vielen Kinomacher*innen eines abhandengekommen – die eigene Kreativität und Unabhängigkeit.
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