Der Videorecorder, das Privatfernsehen, das Internet… die Evolution trieb den Zuschauer unaufhaltsam in ein Paradies der Programmvielfalt und des zeitsouveränen Hinguckens. Das ist natürlich gut, weil ein Fortschritt aus der öffentlich-rechtlichen Knechtschaft, als es nur drei Kanäle gab und keine Fernbedienung.
Die Einschränkung hatte freilich auch Vorteile: Einfach rumzappen war nicht – weniger wegen der eingeschränkten Auswahl, sondern weil jeder Programmwechsel wohlüberlegt sein wollte; man musste ja die gesamten drei Meter vom Sofa bis zum Fernseher zu Fuß zurücklegen und wieder zurück. So bekam man, ob man wollte oder nicht, immer wieder Perlen und auch weniger gelungene Beispiele aus lange vergessenen Jahrzehnten der Filmgeschichte vorgestellt. Und die auch noch am Stück von Anfang bis Ende samt komplettem Abspann. Weiterlesen
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2014-03-30 21:55:462014-03-30 21:55:46Glanz und Elend des Deutschen Films V: Kanon
Die vergangenen Weihnachtsfeiertage verbrachte ich in meinem alten Heimatort im Rhein-Main-Gebiet. Größere Städte sind da in etwas mehr als einer halben Stunde mit dem Auto zu erreichen. Doch auch was dazwischen liegt, bietet einiges an Unterhaltungs-Infrastruktur, bei der Filmförderungsanstalt das Herz aufgehen sollte: Allein vier Kinos gibt es im Umkreis von zehn Autominuten, eigenständige Unternehmen mit ein bis drei Sälen. Aber alle zeigten sie dasselbe: „Der Medicus“ und die zweite Folge der „Tribute von Panem“. Weiterlesen
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2014-03-26 08:05:302014-03-25 22:06:01Glanz und Elend des Deutschen Films IV: Verbreitung
In der vorigen Folge hatte ich das Star-Tum am Beispiel unseres publikumsmagnetischsten Schauspielers erklärt und besungen und werde dafür vermutlich ebenso viel Freude verbreiten und Häme ernten wie der. Dass Til Schweiger es nicht so leicht hat auf den Filmseiten, die höchste Ansprüche an die Filmkunst erheben, ist bekannt. Ebenso, dass das Publikum das völlig anders sieht.
Freilich nur, solange Til Schweiger sich selbst nicht so ernst nimmt. Weiterlesen
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2014-03-24 11:12:592014-03-24 11:12:59Glanz und Elend des Deutschen Films III: Genre
1997 kam „Knockin’ on Heaven’s Door” in die Kinos. Ein Taxifahrer hatte Til Schweiger ein Drehbuch in die Hand gedrückt, und der war so begeistert, dass die beiden einen Film machten. So ging die Produktionslegende, die gerne weiterverbreitet wurde, weil man sich so ungefähr ja auch gerne das Filmemachen vorstellt … In diesem Falle scheint es tatsächlich so gewesen sein, freilich verfilmten die beiden ein anderes Drehbuch als das In-die-Hand-gedrückte, denn der Taxifahrer hatte noch viele weitere fertige Bücher in seiner Schublade, unter anderem eben das lustige Gangster-Buddy-Roadmovie „Knockin’ on Heaven’s Door”.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2014-03-18 09:01:432018-04-17 09:13:07Glanz und Elend des Deutschen Films II: Stars
In den vergangenen Wochen ist wieder eifrig um Sinn und Unsinn der deutschen Filmförderung diskutiert worden, auch andieser Stelle, wo demnächst noch mehr dazu zu lesen sein wird, und oft schwingt in den wohlformulierten und fundierten Meinungen das Urteil mit: Das Fördersystem ist schuld, dass es dem Deutschen Film so schlecht geht!
Nun bin ich gerne dabei, auf Filmförderungen einzuhauen. Nicht, weil mir manche Entscheidungen nicht gefallen – „was auch immer man macht, irgendjemand findet det immer falsch“, hatte schon Rio Reiser erkannt. Sondern weil ich Subventionen generell für bedenklich halte, wo gewirtschaftet werden soll.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2014-03-15 18:05:032014-03-15 18:06:19Glanz und Elend des Deutschen Films I: Filmförderung
Arne Birkenstocks Beltracchi – Die Kunst der Fälschung
Die Kunst der Fälschung: Wie ein Dokumentarfilm skandalisiert wird – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 82. Folge
»Ein Kritiker muss dem Mainstream widerstehen, er sollte die Seite stark machen, die in der öffentlichen Debatte gerade schwach ist. Ein Kritiker ist nur dann einer, wenn er sich als Anti-Establishment versteht.«
Susan Sontag, mal wieder, diesmal in einer Szene in Martin Scorseses Untiteled New York Review of Books Project, der als »work in progres« auf der Berlinale lief.
+ + +
Empörung an sich mag verständlich sein, ist aber immer auch etwas fragwürdiges. Sehr nachvollziehbar kritisierten gerade deutsche Medien in den letzten Jahren Empörungstendenzen in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit. Wenn es um die »Wutbürger« von Stuttgart ging, um Sarrazins Geschwätz von den Kopftuchmädels, um europafeindliche D-Mark-Freunde, um Rechtpopulisten oder zuletzt um Schweizer Fremdenfeinde – da standen die deutschen Journalisten instinktsicher gegen solch‘ vermeintlich »gesundes Volksempfinden«, plädierten für Vernunft, Differenzierung, Objektivität. Mit anderen Worten: Für Aufklärung.
+ + +
Gefährlich wird es dann aber schnell, wenn sich Journalisten einmal selbst empören. Dann kennen sie keine Gnade, dann trieft Moral und Rechtschaffenheit aus jeder ihrer Zeilen, so, als sei man froh, endlich einmal das offenbar so schwere Joch der Skepsis abwerfen und ganz subjektiv drauflosledern zu dürfen. So, als fürchte man auch ein wenig die eigenen Zweifel, den eigenen Verstand, und müsse daher um so lauter sich krakeelend gebärden. Weil es natürlich sie selbst betrifft.
So geschehen vor Jahren beim »Fall Tom Kummer«, jenem SZ-Journalisten, der Interviews frei erfunden hatte. Dass dazu immer auch ein paar Leute gehörten, die sie ihm gern und gegen alle Zweifel abkauften, wurde schnell vergessen. Erst recht die Frage, ob diese Interviews womöglich gut und interessant zu lesen waren, ob sie in gewissem Sinn »Kunstwerke« waren, und ob die ganze Geschichte womöglich einige tiefere Wahrheiten über den Medienbetrieb verriet.
Noch einmal ging es so, als dann ein Film über Kummer gemacht wurde.
Und jetzt gibt es endlich wieder einen Anlass: Diesmal sind es vor allem Kunstkritiker und Kunstjournalisten, die mit Schaum vorm Mund und wie gleichgeschaltet, mit unter auch recht hirnlos und in jedem Fall ohne eine Spur Humor und Gelassenheit über einen Film reden und schreiben: Die Kunst der Fälschung ist ein Dokumentarfilm, der kommende Woche in die deutschen Kinos kommt. Er handelt von dem Fall des Malers und Kunsthändlers Wolfgang Beltracchi und all den interessanten Geschichten, die dazugehören: Beltracchi hat über Jahrzehnte Gemälde erfunden und diese Werke als angebliche Originale für hohe Summen verkauft. 2010 flog der Fall auf, 2011 wurde Beltracchi wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt, und in der Öffentlichkeit zum »Jahrhundertfälscher« erklärt.
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2014-03-02 11:01:422014-02-28 15:27:49Cinema Moralia – Folge 82: Das Kunstkartell schlägt zurück
Die Berlinale hat ihre Bären verteilt, und wie immer sind solche Entscheidungen erstens auch Geschmackssache, zweitens meist das Ergebnis langer Diskussionen und schwerer Gedanken und drittens neigen die Jurys in Berlin meist zu Werken exotischerer Art beziehungsweise aus exotischeren Filmländern, wie das Festival selbst gerne vom Weltkino träumt. Weshalb man darüber auch gar nicht diskutieren soll. Am Gewinner des „Goldenen Bären“gibt’s wohl heuerauch nichts auszusetzen – und man merkt an dieser Formulierung: Yinan Diaos Serienmörder-Krimi aus China ist einer der wenigen Wettbewerbsbeiträge, die ich nicht gesehen habe, weshalb ich erst recht nichts dazu sage.Will ich auch nicht, weil ich schon auf den „Silbernen Bären“ blickte, den „Großen Preis der Jury“, den Eröffnungsfilm des Festivals, dem ich gute Chancen auf noch mehr eingeräumt hätte, zugleich aber doch nicht, weil er doch zu locker und fröhlich daherkommt für eine mittlerweile staatstragende Veranstaltung wie die Berliner Festspiele. Und schon mutmaße ich, ob es den Juroren nicht vielleicht ebenso ging, und ihr „Großer Preis“ sowas ist wie die Geheimauszeichnung für den Film, den sie sich dann später zu Hause doch ein bisschen lieber nochmal angucken als all die anderen …
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Peter Hartighttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgPeter Hartig2014-02-15 22:55:132014-02-16 16:07:11Fördern ohne Fantasie – wie der DFFF seine Chancen vertut
Soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Große Vorbilder, Deutsche und die Filmwelt, Genremotive und verspielte Zukunft: Das beste deutsche Kino liegt jenseits der Arte-Povera – und andere Beobachtungen beim beim 36. »Festival Max-Ophüls-Preis« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 80. Folge
»War is an uncertain thing. The enemy has a brain, they adapt and adjust, and as Dwight Eisenhower said ‚the planning is important, but the plan is nothing.’«
Donald Rumsfeld
»Aber ich liebe Euch doch alle!«
Erich Mielke
»…und dann und wann ein weißer Elephant.«
Rilke
Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Haus, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläubigern zum Fraß vorgeworfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit der Alten weiter fließt – ein Opfergang von ganz irdischem, also ungeheurem Ausmaß. Arthur Schnitzler schrieb seine auch heute noch atemberaubende Novelle Fräulein Else im Jahr 1924, also noch vor der großen Weltwirtschaftskrise – voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit voraus, handelt es sich doch um den ersten inneren Monolog der Literaturgeschichte. Das ist schwer für Filmemacher und im Gegensatz zu anderen Schnitzler-Stoffen wurde diese Novelle kaum verfilmt. Nur Paul Czinners Stummfilm von 1928, noch zu Schnitzlers Lebzeiten mit Elisabeth Bergner, blieb im Gedächtnis.
Anna Martinetz hat es jetzt für ihren Münchner Regie-Abschluss gewagt, mit wunderbarem Ergebnis, den die Regisseurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken hat. Im Wettbewerb des Saarbrücker »Festival Max-Ophüls-Preis« hatte Martinetz‘ Version jetzt Premiere, die den Stoff unter Deutschen in einem postkolonial-dekadenten, zugleich prachtvoll traumverwunschenen Indien spielen lässt, in dem alles dem Verfall preisgegeben scheint – bis auf die Natur, die hier in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt. Dies ist so phantastisch wie klug wie fürs Publikum mitreißend – es stach zudem ins Herz der Zeit, weil Martinetz eine moralisch korrupte Elterngeneration zeigt, die die Zukunft ihrer Kinder verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.
+ + +
Dieser beste Film im Wettbewerb wurde aber leider von der Jury ebenso ignoriert, wie Johanna Moders High Performance, der immerhin den Publikumspreis bekam und Rick Ostermanns Wolfskinder, Highlights in einem starken Saarbrücker Jahrgang, der viele Filme voller Kraft, Spielfreude, Farben und Liebe zum Kino bot. Weiterlesen
https://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpg00Rüdiger Suchslandhttps://out-takes.de/wp-content/uploads/2019/11/out_takes_logo01.jpgRüdiger Suchsland2014-02-02 11:38:092014-02-02 17:21:27Cinema Moralia – Folge 80: Die alten Ängste der jungen Frauen
Glanz und Elend des Deutschen Films V: Kanon
out takesGanz schön modern: Drei junge Filmemacher ziehen mit der Kamera in die Stadt und drehten mit Laiendarstellern einen der ersten Independent-Filme. Das gab’s schon 1929. Gesehen? Wie auch? | Foto © Archiv cinearte
Der Videorecorder, das Privatfernsehen, das Internet… die Evolution trieb den Zuschauer unaufhaltsam in ein Paradies der Programmvielfalt und des zeitsouveränen Hinguckens. Das ist natürlich gut, weil ein Fortschritt aus der öffentlich-rechtlichen Knechtschaft, als es nur drei Kanäle gab und keine Fernbedienung.
Die Einschränkung hatte freilich auch Vorteile: Einfach rumzappen war nicht – weniger wegen der eingeschränkten Auswahl, sondern weil jeder Programmwechsel wohlüberlegt sein wollte; man musste ja die gesamten drei Meter vom Sofa bis zum Fernseher zu Fuß zurücklegen und wieder zurück. So bekam man, ob man wollte oder nicht, immer wieder Perlen und auch weniger gelungene Beispiele aus lange vergessenen Jahrzehnten der Filmgeschichte vorgestellt. Und die auch noch am Stück von Anfang bis Ende samt komplettem Abspann. Weiterlesen
Glanz und Elend des Deutschen Films IV: Verbreitung
Peter Hartig13 Filme starten im Durchschnitt jeden Donnerstag in den deutschen Kinos. Die kleinste Teil ist abseits der großen Städte zu sehen – da wo der größte Teil des potenziellen Publikums lebt. | Foto © cinearte
Die vergangenen Weihnachtsfeiertage verbrachte ich in meinem alten Heimatort im Rhein-Main-Gebiet. Größere Städte sind da in etwas mehr als einer halben Stunde mit dem Auto zu erreichen. Doch auch was dazwischen liegt, bietet einiges an Unterhaltungs-Infrastruktur, bei der Filmförderungsanstalt das Herz aufgehen sollte: Allein vier Kinos gibt es im Umkreis von zehn Autominuten, eigenständige Unternehmen mit ein bis drei Sälen. Aber alle zeigten sie dasselbe: „Der Medicus“ und die zweite Folge der „Tribute von Panem“. Weiterlesen
Glanz und Elend des Deutschen Films III: Genre
out takes, Peter HartigVorher – nachher: Als „Schutzengel“ blieb Til Schweiger unter seinen Erwartungen, im „Tatort“ begeisterte er mit Action. Selbst das beliebteste Genre der Deutschen blüht nur im Biotop der Mattscheibe. Für die übrigen sieht es noch trostloser aus. | Fotos © Warner Brothers, NDR
In der vorigen Folge hatte ich das Star-Tum am Beispiel unseres publikumsmagnetischsten Schauspielers erklärt und besungen und werde dafür vermutlich ebenso viel Freude verbreiten und Häme ernten wie der. Dass Til Schweiger es nicht so leicht hat auf den Filmseiten, die höchste Ansprüche an die Filmkunst erheben, ist bekannt. Ebenso, dass das Publikum das völlig anders sieht.
Freilich nur, solange Til Schweiger sich selbst nicht so ernst nimmt. Weiterlesen
Glanz und Elend des Deutschen Films II: Stars
Peter HartigWas macht einen Star aus? An der Aussprache kann’s nicht liegen, wohl eher an der Ausstrahlung. Teil zwei unserer Schnitzeljagd durchs Deutsche Kino. | Fotos © WDR/NDR, Montage: cinearte
1997 kam „Knockin’ on Heaven’s Door” in die Kinos. Ein Taxifahrer hatte Til Schweiger ein Drehbuch in die Hand gedrückt, und der war so begeistert, dass die beiden einen Film machten. So ging die Produktionslegende, die gerne weiterverbreitet wurde, weil man sich so ungefähr ja auch gerne das Filmemachen vorstellt … In diesem Falle scheint es tatsächlich so gewesen sein, freilich verfilmten die beiden ein anderes Drehbuch als das In-die-Hand-gedrückte, denn der Taxifahrer hatte noch viele weitere fertige Bücher in seiner Schublade, unter anderem eben das lustige Gangster-Buddy-Roadmovie „Knockin’ on Heaven’s Door”.
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Glanz und Elend des Deutschen Films I: Filmförderung
Peter HartigGeht’s dem Deutschen Film nun gut oder schlecht? Und warum? Die große Antwort haben wir auch nicht, aber viele kleine Ahnungen – und starten eine kleine Serie. | Foto © cinearte
In den vergangenen Wochen ist wieder eifrig um Sinn und Unsinn der deutschen Filmförderung diskutiert worden, auch an dieser Stelle, wo demnächst noch mehr dazu zu lesen sein wird, und oft schwingt in den wohlformulierten und fundierten Meinungen das Urteil mit: Das Fördersystem ist schuld, dass es dem Deutschen Film so schlecht geht!
Nun bin ich gerne dabei, auf Filmförderungen einzuhauen. Nicht, weil mir manche Entscheidungen nicht gefallen – „was auch immer man macht, irgendjemand findet det immer falsch“, hatte schon Rio Reiser erkannt. Sondern weil ich Subventionen generell für bedenklich halte, wo gewirtschaftet werden soll.
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Cinema Moralia – Folge 82: Das Kunstkartell schlägt zurück
out takes, Rüdiger SuchslandArne Birkenstocks Beltracchi – Die Kunst der Fälschung
Die Kunst der Fälschung: Wie ein Dokumentarfilm skandalisiert wird – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 82. Folge
»Ein Kritiker muss dem Mainstream widerstehen, er sollte die Seite stark machen, die in der öffentlichen Debatte gerade schwach ist. Ein Kritiker ist nur dann einer, wenn er sich als Anti-Establishment versteht.«
Susan Sontag, mal wieder, diesmal in einer Szene in Martin Scorseses Untiteled New York Review of Books Project, der als »work in progres« auf der Berlinale lief.
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Empörung an sich mag verständlich sein, ist aber immer auch etwas fragwürdiges. Sehr nachvollziehbar kritisierten gerade deutsche Medien in den letzten Jahren Empörungstendenzen in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit. Wenn es um die »Wutbürger« von Stuttgart ging, um Sarrazins Geschwätz von den Kopftuchmädels, um europafeindliche D-Mark-Freunde, um Rechtpopulisten oder zuletzt um Schweizer Fremdenfeinde – da standen die deutschen Journalisten instinktsicher gegen solch‘ vermeintlich »gesundes Volksempfinden«, plädierten für Vernunft, Differenzierung, Objektivität. Mit anderen Worten: Für Aufklärung.
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Gefährlich wird es dann aber schnell, wenn sich Journalisten einmal selbst empören. Dann kennen sie keine Gnade, dann trieft Moral und Rechtschaffenheit aus jeder ihrer Zeilen, so, als sei man froh, endlich einmal das offenbar so schwere Joch der Skepsis abwerfen und ganz subjektiv drauflosledern zu dürfen. So, als fürchte man auch ein wenig die eigenen Zweifel, den eigenen Verstand, und müsse daher um so lauter sich krakeelend gebärden. Weil es natürlich sie selbst betrifft.
So geschehen vor Jahren beim »Fall Tom Kummer«, jenem SZ-Journalisten, der Interviews frei erfunden hatte. Dass dazu immer auch ein paar Leute gehörten, die sie ihm gern und gegen alle Zweifel abkauften, wurde schnell vergessen. Erst recht die Frage, ob diese Interviews womöglich gut und interessant zu lesen waren, ob sie in gewissem Sinn »Kunstwerke« waren, und ob die ganze Geschichte womöglich einige tiefere Wahrheiten über den Medienbetrieb verriet.
Noch einmal ging es so, als dann ein Film über Kummer gemacht wurde.
Und jetzt gibt es endlich wieder einen Anlass: Diesmal sind es vor allem Kunstkritiker und Kunstjournalisten, die mit Schaum vorm Mund und wie gleichgeschaltet, mit unter auch recht hirnlos und in jedem Fall ohne eine Spur Humor und Gelassenheit über einen Film reden und schreiben: Die Kunst der Fälschung ist ein Dokumentarfilm, der kommende Woche in die deutschen Kinos kommt. Er handelt von dem Fall des Malers und Kunsthändlers Wolfgang Beltracchi und all den interessanten Geschichten, die dazugehören: Beltracchi hat über Jahrzehnte Gemälde erfunden und diese Werke als angebliche Originale für hohe Summen verkauft. 2010 flog der Fall auf, 2011 wurde Beltracchi wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt, und in der Öffentlichkeit zum »Jahrhundertfälscher« erklärt.
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Fördern ohne Fantasie – wie der DFFF seine Chancen vertut
Peter HartigStefan Zweig trifft Tim und Struppi: „The Grand Budapest Hotel“ ist eine irre Hommage an das alte Mitteleuropa, wie sie das Kino noch nicht erlebt hat. Da musste erst ein Texaner kommen, um zu zeigen wie das geht… Foto © 20th Century Fox
Die Berlinale hat ihre Bären verteilt, und wie immer sind solche Entscheidungen erstens auch Geschmackssache, zweitens meist das Ergebnis langer Diskussionen und schwerer Gedanken und drittens neigen die Jurys in Berlin meist zu Werken exotischerer Art beziehungsweise aus exotischeren Filmländern, wie das Festival selbst gerne vom Weltkino träumt. Weshalb man darüber auch gar nicht diskutieren soll. Am Gewinner des „Goldenen Bären“ gibt’s wohl heuer auch nichts auszusetzen – und man merkt an dieser Formulierung: Yinan Diaos Serienmörder-Krimi aus China ist einer der wenigen Wettbewerbsbeiträge, die ich nicht gesehen habe, weshalb ich erst recht nichts dazu sage.Will ich auch nicht, weil ich schon auf den „Silbernen Bären“ blickte, den „Großen Preis der Jury“, den Eröffnungsfilm des Festivals, dem ich gute Chancen auf noch mehr eingeräumt hätte, zugleich aber doch nicht, weil er doch zu locker und fröhlich daherkommt für eine mittlerweile staatstragende Veranstaltung wie die Berliner Festspiele. Und schon mutmaße ich, ob es den Juroren nicht vielleicht ebenso ging, und ihr „Großer Preis“ sowas ist wie die Geheimauszeichnung für den Film, den sie sich dann später zu Hause doch ein bisschen lieber nochmal angucken als all die anderen …
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Cinema Moralia – Folge 80: Die alten Ängste der jungen Frauen
out takes, Rüdiger SuchslandKorinna Kraus als Fräulein Else | © HFF & Anna Martinetz 2013
Soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Große Vorbilder, Deutsche und die Filmwelt, Genremotive und verspielte Zukunft: Das beste deutsche Kino liegt jenseits der Arte-Povera – und andere Beobachtungen beim beim 36. »Festival Max-Ophüls-Preis« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 80. Folge
»War is an uncertain thing. The enemy has a brain, they adapt and adjust, and as Dwight Eisenhower said ‚the planning is important, but the plan is nothing.’«
Donald Rumsfeld
»Aber ich liebe Euch doch alle!«
Erich Mielke
»…und dann und wann ein weißer Elephant.«
Rilke
Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Haus, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläubigern zum Fraß vorgeworfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit der Alten weiter fließt – ein Opfergang von ganz irdischem, also ungeheurem Ausmaß. Arthur Schnitzler schrieb seine auch heute noch atemberaubende Novelle Fräulein Else im Jahr 1924, also noch vor der großen Weltwirtschaftskrise – voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit voraus, handelt es sich doch um den ersten inneren Monolog der Literaturgeschichte. Das ist schwer für Filmemacher und im Gegensatz zu anderen Schnitzler-Stoffen wurde diese Novelle kaum verfilmt. Nur Paul Czinners Stummfilm von 1928, noch zu Schnitzlers Lebzeiten mit Elisabeth Bergner, blieb im Gedächtnis.
Anna Martinetz hat es jetzt für ihren Münchner Regie-Abschluss gewagt, mit wunderbarem Ergebnis, den die Regisseurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken hat. Im Wettbewerb des Saarbrücker »Festival Max-Ophüls-Preis« hatte Martinetz‘ Version jetzt Premiere, die den Stoff unter Deutschen in einem postkolonial-dekadenten, zugleich prachtvoll traumverwunschenen Indien spielen lässt, in dem alles dem Verfall preisgegeben scheint – bis auf die Natur, die hier in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt. Dies ist so phantastisch wie klug wie fürs Publikum mitreißend – es stach zudem ins Herz der Zeit, weil Martinetz eine moralisch korrupte Elterngeneration zeigt, die die Zukunft ihrer Kinder verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.
+ + +
Dieser beste Film im Wettbewerb wurde aber leider von der Jury ebenso ignoriert, wie Johanna Moders High Performance, der immerhin den Publikumspreis bekam und Rick Ostermanns Wolfskinder, Highlights in einem starken Saarbrücker Jahrgang, der viele Filme voller Kraft, Spielfreude, Farben und Liebe zum Kino bot.
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