„Das Neue Evangelium“. | Foto © Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic

„Sobald die Kinos wieder öffnen“ – Streaming-Angebote in den Wochen vom 17. und 24. Dezember 2020 – Teil 1.

Ein einschneidendes Jahr geht zu Ende. In genau einer Woche ist Weihnachten. Ich bin sicherlich nicht die Einzige, für die sich das nicht so anfühlt. Die Zeit ist für mich gefühlt stehengeblieben. Irgendwann am Anfang des Jahres. In zwei Wochen ist Silvester. Ein Einschnitt, der etwas Neues verspricht und sich doch so anfühlt, als würde ein Sog einen zurückziehen. Es ist die Zeit, Listen zu schreiben. Erstaunlich viele Kulturliebhandene pflegen Listen. Die besten Filme, die interessantesten Ausstellungen, ein Zählen, ob man in diesem Jahr mehr Bücher gelesen hat als im Jahr davor … Das Gleiche gilt für Filme. Nein, ich habe viel viel weniger Filme dieses Jahr gesehen als in den Jahren zuvor. Weil ich kaum im Kino war. Weil das alleine zu Hause auf dem kleinen Bildschirm gucken wirklich nicht vergleichbar ist. Und meine Top-Listen füllten sich nur sporadisch.

Ich setze mir am Anfang des Jahres ein paar Ziele und schreibe diese auch auf. Darunter war der Punkt: weniger Screener sichten, auch wenn immer mehr Film nur noch als Stream angeboten werden, weil sich eine Pressevorführung nicht lohnt. Ein promintes Beispiel ist die Pressevorführung zu dem Dokumentafilm „Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“ von Halina Dyrschka über die Künstlerin Hilma af Klint und die Rolle der Frauen in der Kunstrezeption. Zu der Vorführung waren 19 Kolleg*innen gekommen. Der Dokumentarfilm steht in meiner Top-Liste für 2020 ganz weit oben. Und ein weiterer Dokumentarfilm: „The Royal Train“ von Johannes Holzhausen über eine Reise mit Margareta von Rumänien, Tochter des letzten rumänischen Königs, quer durch ihr Land. Im Spielfilmfeld mochte ich „Niemals Selten Manchmal Immer“ von Eliza Hittman (unsere Besprechung) und „The Nightingale – Schrei nach Rache“ von Jennifer Kent (unsere Besprechung hier). Nur ein paar Beispiele. „Walchensee Forever“ von Janna Ji Wonders hatte ich im März im Rahmen der Berlinale gesehen. Ursprünglich sollte der biografische Dokumentarfilm im Herbst in die Kinos kommen. Zur Zeit ist ein Start Ende Januar vorgesehen. Meine Besprechung bleibt vorerst in der Mottenkiste. Zu den Entdeckungen zählten für mich Filippo Meneghetti, der in „Wir beide“ eine kraftvolle Liebesgeschichte im Alter vorstellt (unsere Besprechung) und Tonia Mishiali, die mit „Pause“ (unsere Besprechung) über ein Hausfrauenleben in der Erstarrung erzählt.

Die Floskel des Jahres ist für mich nicht die zigste Variation von „überwältigenden“, „umjubelten“ und sonstigen Premieren. Die Premieren fielen ja weitgehend aus. Nun hieß es in den Startmeldungen und Presseinformationen oft „sobald die Kinos wieder öffnen“. 2020 ist das Jahr des Brexit. Das Jahr, in dem „Windows 7“ endgültig keinen Support mehr bekam. Das Jahr, in dem die Printfassung der „Zitty“ in Berlin eingestellt wurde. Das Jahr, in dem die letzte Folge der „Lindenstraße“ ausgestrahlt worden ist. Das Jahr, in dem der neue Verleih Leonine mit „The Gentleman“ sein Programm startete. Das Jahr, in dem Walt Disney Studios aus den angekauften Fox-Filmen das Fox-Logo entfernte. Das Jahr, in dem keiner nach Cannes fahren konnte. Wir sprechen noch einmal darüber, wenn wir in neun Jahren unsere Toplisten der 2020er erstellen. Dann wird all das nur noch ein Schatten in der Erinnerung sein.

Das alte Jahr ist also noch zwei Wochen Jetzt und Zukunft. Und das inzwischen im „harten Lockdown“. Mal sehen, ob es was bringt. Es gibt Zweifler, die nicht so wirklich an einen Neustart Mitte Januar glauben. Vielleicht brauchen wir Tom Cruise, der an jeder zweiten Straßenecke und auf U-Bahnhöfen und Bushaltestellen Respekt einfordert. Die „US Sun“ hat eine Audiodatei online gestellt, in der der Schauspieler bei einer Crew-Besprechung am Set von „Mission Impossible 7“ angesichts der Tatsache, dass Crew-Mitglieder die Auflagen verletzen, überdeutlich seinen Frust herausbrüllt. Am Set sind die Regeln härter und nicht verhandelbar. Anders sieht unser Alltag aus. Man kann es sich aussuchen, ob man sich auf Diskussionen einlässt oder nur frustriert schweigt, oder gar ebenfalls die Maßnahmen klein redet und auf den gegenseitigen Respekt pfeift.

Noch einmal ein Rückblick auf den Dezember 2019. „Der Tagesspiegel“ widmete den Trends für das Jahr 2020 einen Artikel. Streaming bleibe „eine Herausforderung“. Ein Jahr später wirkt es, als wäre das Jahr in der Streamingschleife gefangen. Deutschlandfunk Kultur sprach mit Björn Hoffmann vom Verleih Pandora-Film. Er glaubt an eine Renaissance in der Kino-Rezeption. Zumal man nun wisse, was einem fehlte. 

German Films bringt einen Rückblick auf den Deutschen Film auf dem internationalen Parkett. Die FFA bringt monatlich auf ihrer Filmhitlisten-Seite eine Übersicht über die bestbesuchtesten Filme, steckt aber noch in der Auswertung vom Oktober. Da ist „Inside Kino“ schon weiter und listet die Top 100 in Deutschland auf. Da steht an erster Stelle „Bad Boys for Life“ mit 1.818.023 Besuchern. Der „Filmdienst“ bringt eine Einschätzung über „Das (Corona)-Jahr der Filmfestivals“ und zeigt die unterschiedlichen Strategien auf. „Kino-Zeit“ bringt ein ganzes Special mit „filmischen Trüffeln“. „Filmstarts“ sammelt ebenfalls die „Highlights im Kino“, sprich mit Filmen, die es auch tatsächlich im Kino zu sehen gab. Eine Übersicht des Filmjahrs 2020 bietet auch zuverlässig die Wikipedia.

Jetzt mal was ganz anderes. Die Masterclasses der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf (in Zusammenschluss mit der Deutschen Filmakademie und deren Portal Vierundzwanzig.de) werden erstmalig auch auf ZDF Kultur zu sehen sein. Es gibt sechs neue Folgen, in denen die Gewerke zu „Systemsprenger“ und „Berlin Alexanderplatz“ präsentiert werden. Dazu gehören aus dem Darstellergewerk Albrecht Schuch und Jella Haase, die Komponist*innen Dascha Dauenhauer und John Gürtler, die Szenenbildnerin Silke Buhr und der Tonmann Gregor Bonse.

Und nun ein letztes Mal: Wir fassen die verbleibenden Startwochen zusammen und verabschieden uns dann in den Winterschlaf.

Ein „politisches Passionsspiel“ verspricht der Verleih Port au Prince Pictures. „Das Neue Evangelium“ des Theater- und Filmregisseurs Milo Rau („Das Kongo-Tribunal“) geht direkt in die Video-on-Demand-Auswertung [Trailer]. Die Kinos werden zu 30 Prozent beteiligt. Das heißt, wenn man ein Ticket löst, wählt man das Kino aus, das beteiligt werden soll. Zwar ist der Kreuzgang Jesu kein Weihnachtsfilm, doch zu wichtig ist der politische und gesellschaftliche Ansatz, den Rau verfolgt. Sein Jesus wird von dem Aktivisten Yvan Sagnet gespielt. Seine Jünger, darunter auch weibliche Folgende, werden aus den Reihen der Migranten am Drehort verkörpert, die zudem muslimischen Glaubens sind. Wer sich daran stört, sollte es überdenken. Überhaupt bietet „Das Neue Evangelium“ viele Denkanstöße, die vor 2.000 Jahren und auch heute notwendig sind. Migranten werden für die Tomatenernte zu Hungerlöhnen angestellt und ausgebeutet. Das wird thematisiert. Ihr Kampf um „Würde“ ist eine zeitgemäße Umsetzung der biblischen Themen. Austragungsort der Passionsgeschichte ist Matera. Hier hat Mel Gibson seine Jesus-Geschichte verfilmt. Noch wichtiger, hier hat auch Pier Paolo Pasolini sein „Vangelo Secondo Matteo“ (1964) gedreht. Rau holt Enrique Irazoqui, Pasolinis Jesus-Darsteller in die Besetzungsliste und auch Maia Morgenstern, die in Gibsons Film (2004) die heilige Maria gespielt hatte.
Matera war 2019 eine der amtierenden Kulturhauptstädte. Aus dem Anlass trat man an Milo Rau heran und bot ihm eine Neufassung der Passionsgeschichte an. Rau, der sich als Atheist bezeichnet, interpretiert die biblische Vorlage zeitgemäß. Sein Jesus ist schwarz und ein Rebell, ein Aktivist, der für die Rechte der Migranten eintritt und die mafiösen Strukturen anprangert. Das vermittelt Rau folglich auch transparent. Der anvisierte Film ist Teil der Dokumentation, in die Casting und Dreharbeiten und zum Beispiel die Sichtung von Pasolinis Film hineinfließen. Die Arbeiten begannen bereits 2018. Man erarbeitet sich das Material gemeinsam, wächst zusammen, interpretiert und formt. Kämpft mit dem Gegenwind, den es natürlich auch gab. Offiziell ist „Das Neue Evangelium“ eine Dokumentation, doch ohne die Filmvorgabe gäbe es auch keine Dokumentation. Ein reines Making-of ist es eben auch nicht. Es zeigt den Prozess des Entstehens und Verwerfens, Rau arbeitet auch an dem Film eher wie an einer Theaterarbeit und nennt es eine „utopische Dokumentation“.

„Port Authority“, ein Busbahnhof ist der Ausgangspunkt für das Provinzei Paul (Fionn Whitehead), der in der Metropole New York landet und von dort nicht abgeholt wird [Trailer]. Ursprünglich war ein Filmstart für den 10. Dezember vorgesehen. Jetzt geht der Film in die Video-on-Demand-Auswertung. Paul wollte bei seiner Halbschwester bleiben, aber auch als er sie findet, ist sie ihm keine Familie. Anschluss findet er bei einer Gruppe junger Männer, die, man könnte es so beschreiben, als Möbelpacker jobben. Paul fühlt sich aber mehr und mehr zu einer anderen Gemeinschaft zugehörig. Er verliebt sich in Wye (Leyna Bloom), einer Tänzerin, die es zulässt, dass er Gefühle entwickelt. Dabei verbindet die beiden erst einmal gar nichts.
Danielle Lessovitz stellte ihr Langspielfilmdebüt 2019 in Cannes vor. Jomo Fray fungierte in dem sehr auf Atmosphäre bedachten Film als  DoP und Emmeline Wilks-Dupoise als Production Designerin. Der Name von Martin Scorsese in der Funktion als Executive Producer ist fast nur eine Fußnote. Aufsehen erregte die Besetzung der Rolle der Wye. Leyna Bloom ist eine der ersten offen transgender farbigen Frauen. Ihre Rolle ist die einer selbstbewußten Frau, während Paul weder seine Indentität, noch seine Zugehörigkeit kennt und diese teilweile mit Aggression kaschiert und seine Verunsicherung erst bewältigen muss. So ist denn auch der Zeitpunkt, an dem er erfährt, dass Wye trans ist, ein Wendepunkt.
Lessovitz hatte als Filmstudentin „Paris is Burning“ (Jennie Livingston, 1990) gesehen und stellte fest, dass die Ballroom-Kultur in New York immer noch pulsiert. In diese Kultur setzt sie die Geschichte von Paul und seinem Coming-of-Age. Als er in New York ankommt, orientiert er sich zuerst an anderen Männern, deren Umfeld aber von Gewalt, Kriminalität und homophoben Machismen bestimmt wird. Ganz anders geht es bei Wye und ihren Freunden zu, die als Außenseiter sich zu einer queeren Familie mit eigenen Regeln verbunden haben, die sich gegenseitig Respekt zollen und die Werte von Familie auch leben.

Gleichzeitig zeigt der Salzgeber Club eine weitere kleine und im internationalen Rahmen übersehene Filmperle. „Je suis à toi“ – „Für immer dein“ von David Lambert („Jenseits der Mauern“), und ein weiteres Mal spielt Nahuel Pérez Biscayart die Hauptrolle (siehe unsere Besprechung zu „Glue“ in der vorigen Woche). Sein Lucas in dieser belgisch-kanadischen Produktion [Trailer] lebt in Buenes Aires und wo immer er willkommen ist und es aushält. Per Videobotschaft annonciert er sich selbst. Sein Angebot, „Schick mir ein Ticket und ich gehöre dir!“, führt ihn nach Belgien. Ein kaltes, graues Land, noch dazu eine Kleinstadt, und Henry (Jean-Michel Balthazar), der ihn aufnimmt, ist rein äußerlich kein Hauptgewinn. Henry ist Bäcker und das mit Leidenschaft. Leidenschaft bringt er Lucas nicht entgegen. Er ist sich im Klaren über die Beweggründe des Jüngeren. Lucas bringt einen Farbtupfer in die Landschaft, doch nicht viel mehr. Henry gibt sich Mühe, versucht Lucas das Bäckereihandwerk beizubringen. Seine Mitarbeiterin Audrey (Monia Chokri) am Tresen nimmt die Dinge, wie sie kommen, und ausgerechnet zwischen ihr und Lucas entwickelt sich eine stille Verständigung und auch etwas mehr als Zuneigung. Audreys Sohn bietet dann auch für Lucas die Möglichkeit, eine Seite an sich zu finden, in der er bedingungslos sich kümmern kann.

„Wolfwalkers“ ist der neue Animationsfilm von Tomm Moore, der 2009 mit „Brendan und das Geheimnis von Kells“ eine Entdeckung im Genre war. Schon damals war Ross Stewart der künstlerische Leiter. Bei „Wolfwalkers“ [Trailer] fungiert Stewart bereits als Co-Regisseur. Das Drehbuch stammt wie schon bei Moores „Die Melodie des Meeres“ von Will Collins, die Musik wurde auch dieses Mal von Bruno Coulais komponiert. Kein 3D, das hat man gar nicht nötig, aber keineswegs ist die Animation „oldschool“. Die Hintergründe sind flächig und die Zeichnungen wie losgelöst. Bestimmt und gleichzeitig frei und unbezähmbar. Die Handlung spielt Mitte des 17. Jahrhunderts, aber auch wenn die Bezüge zur irischen Geschichte (gemeint sind die irischen Konföderationskriege und die Eroberung des Landes durch Oliver Cromwell) eine Rolle spielen, ist die Essenz der Handlung universell. Figuren wie Cromwell sind es ebenso. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mädchens, Robyn, die mit ihrem Vater nach Kilkenny gezogen ist. Ihr Vater soll die Gegend von den Wölfen befreien. Denn das Land wird immer mehr gerodet – der Mensch kommt den Waldbewohnern und hier den Wölfen viel zu nahe. Auch das hat Aktualität. Robyn soll als Mädchen eine gute Hausfrau werden und sich überhaupt nicht hinausbegeben. Draußen ist es gefährlich. Damit könnten nicht die Wölfe, sondern die Menschen gemeint sein. Doch Robyn ist ein Freigeist und ungehorsam. Sie lernt ein etwa gleichaltiges Mädchen kennen, Mebh, die scheinbar im Wald lebt. Das ist natürlich nicht die ganze Geschichte. Mebh ist ein Wolfwalker: Sie verwandelt sich zum Wolf, wenn sie schläft, und durch ein Missgeschick wird auch Robyn wie sie. Eine Verwandlung zum Positiven …
Tomm Moore und Ross Stewart haben die Geschichte wie ein Märchen angelegt. Die zwei Mädchen knüpfen eine Freundschaft, die von den äußeren Umständen auf die Probe gestellt wird, denn sie müssen sich immer noch gegen die Menschen, die die Wölfe fürchten, und den Lord Protector, dem die Tiere ein lästiges Übel sind, wehren. Die Handlung und die Wandlungen springen dabei von Hand gezeichnet von Papier, man taucht mit in den tiefen Wald ein, versteckt hinter dem Geäst und wird nachts zum Wolf, wird wild und frei, und alle Sinne springen an. Moores Produktionsfirma Cartoon Saloon hat den Film in Toronto vorgestellt. Zurzeit ist er bei Apple TV im Programm. Er gehört ganz sicherlich zu den schönsten Animationsfilmen des Jahres.

Sebastián Muñoz’ „Der Prinz“ hätte im November seinen Kinostart gehabt [Trailer]. Der Verleih Salzgeber entschied sich jetzt gegen eine weitere Verschiebung und bietet den Film ab dem 24. Dezember in seinem Salzgeber Club an. „El príncipe“, eine chilenisch-argentinisch-belgische Produktion des vormaligen Szenenbildners (etwa „Il Futuro – Eine Lumpengeschichte in Rom“, 2013, von Alicia Scherson mit Rutger Hauer) ist fast ein Kammerstück. Der junge Jaime (Juan Carlos Maldonado) landet für die Tötung eines Freundes im eifersüchtigen Affekt in einer Gemeinschaftszelle im Gefängnis. Die Handlung spielt in den 70ern, und in der Zelle gibt es für fünf Insassen nur zwei Schlafplätze. Die Überbelegung hat System. Jaime ist gutaussehend und gut bestückt und wird sogleich der neue Favorit von El Porto (Alfredo Castro), der die Hierarchie in der Zelle bestimmt, auserkoren. Im Knast muss man sich einen Namen machen. Der Ältere nennt den Neuzugang „El Príncipe“, seinen Prinzen. Das Machtgefüge wird durch sexuelle Zuwendung und dem Entzug selbiger bestimmt. Dabei kann Zuneigung stattfinden und Eifersucht erst recht. Jaime findet in dem Mann, der ihn zuerst vergewaltigt, einen Mentor und in dieser Hierarchie seine Bestimmung. Muñoz nahm sich des gleichnamigen Groschenromans von Mario Cruz an, den er zufällig Second-Hand in Santiago fand. Cruz schrieb den „Prinzen“ zu der Zeit, in der die Handlung stattfindet, kurz vor der Übernahme von Salvador Allende. Homosexualität war damals noch ein Tabu, veröffentlicht wurde im Selbstverlag, eine deutsche Veröffentlichung erfolgte zeitgleich zum ursprünglichen Filmstart. Muñoz weiß die Figuren in der Enge zu führen, er verlässt sich nicht nur auf die sexuelle Spannung beziehungsweise auf den Sex, sondern zeichnet ein vielschichtiges Porträt der Hauptfiguren, in dem auch die Nebenfiguren wichtig bleiben. Venedig zeigte das Erstlingswerk 2019 im Programm, „Der Prinz“ gewann dort den „Queer Lion“.

Das Beethoven-Jahr geht zu Ende, und die ARD bestückt das Weihnachtsprogram mit einem biografischen Film über den Komponisten. Nach der Formel „online first“ kann man „Louis van Beethoven“ allerdings schon ab heute abend sichten. Nach Ausstrahlung am ersten Weihnachtsfeiertag bleibt der Film 30 Tage in der Mediathek verfügbar. „Freude schöner Götterfunken“, auch das. Verklärt wird die Figur des Komponisten dennoch nicht. So gar nicht. Eher ist die Biografie ein schwieriges Coming-of-Age, hin zu einer musikalischen Stimme, die erst gehört werden muss. Tobias Moretti spielt den Komponisten in der letzten Lebensphase, die Hin- und Rückreise zum Bruder ist sozusagen die Klammer. Er hadert mit sich und mit anderen. Er macht nicht nur sich das Leben schwer und ungemütlich. Seine Taubheit macht es schwierig, sein Drang zu Komponieren ist pure Herausforderung für den Hausstand und die Musiker. Als Kind spielt ihn Colin Pütz, 13 Jahre alt, Schüler am Pre-College an der Kölner Musikhochschule. Als junger Mann gibt ihn der Schauspieler Anselm Bresgott („Das schönste Mädchen der Welt“).
Auffallend ist die Struktur. Regisseur Niki Stein springt immer wieder zwischen drei Lebensepochen hin und her, deckt so die Jahre zwischen 1776 und 1826 ab, lässt die Jahre in Wien jedoch aus. Mit den Augen des Kindes erspürt das Publikum die Zeit, in die van Beethoven hineingeboren worden ist. Die Freiheitsbestrebungen in Amerika, die Unabhängigkeitserklärung wirkt aus dem Hintergrund. Als junger Mann ist ihm sein Stand in der Gesellschaft wohl bewusst, und mehr als einmal weist man ihn auf seinen Platz hin. Während die Welt der Musik ihre eigenen Räume kennt, bleibt der Alltag in dem engen Korsett der Zeit stecken. Betthoven, bereits als junger Mann, entzieht sich von den Zwängen, für einen Herrn zu spielen und zu gefallen. Dabei ist van Beethovens Musik die Erzählstimme, die als Kommentar und als innerer Monolog des Komponisten fungiert. Eingespielt werden die Stücke (neben denen von Beethoven auch Bach und Mozart) teilweise vor der Kamera. Gedreht wurde in Köln auf Schloss Arff und in Prag.

Ferner, wer’s noch nicht gesehen hat, weder im Kino und auch nicht auf den Streaming-Portalen, kann zum Jahresende die Erstausstrahlung auf den Öffentlichen von „Werk ohne Autor“ von Florian Henkel von Donnersmarck anschauen. In der Ausgabe 432 der „cinearte“ findet sich dazu eine Besprechung. Digital geht diese Woche der surreale Film „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ von Aritz Moreno an den Start (hier die Besprechung).
So viele Filme … ich wünsche einen ruhigen Jahresausklang. Um die weiteren spannenden Filme auf den Portalen der Streaming-Platzhirsche geht es in unserem zweiten Teil. Ich verabschiede mich.

 

 

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