Kinos im Stillstand 20 – aber nicht mehr lange: Das „Adria“ in Berlin. | Foto © Elisabeth Nagy

Kinostarts und Streams der Woche. 

„Wir sind zurück!“ steht auf der Anzeigetafel des „Adria“ in Berlin-Steglitz. Klein darunter steht allerdings „ab 02.07.“. Die Kinobetreiber haben sich auf den 2. Juli als Öffnungsdatum geeignet. In den verschiedenen Bundesländern sieht es unterschiedlich aus. Daran hat sich nichts geändert. Bei den Blockbustern muss sich das Publikum gedulden. Zum Beispiel hat Warner Bros. in den USA gerade eine Anzahl von Filmen verschoben und die anderen Länder, so auch Deutschland, müssen entsprechend mitumplanen. So wird „Tenet“ von Christopher Nolan nun doch nicht am 16. Juli starten, sondern am 30. Juli. Woraufhin der Verleih Entertainment One sein Zugpferd „Berlin Alexanderplatz“ vom 30. Juli auf den 16. Juli vorzieht. Das Kinoprogramm der Stunde ist noch überschaubar. Aber auch diese Woche gibt es neue Filme, Wiederaufführungen und On-Demand-Veröffentlichungen.

Der große Film der Woche ist ein wortgewaltiger. Nuri Bilge Ceylan („Winterschlaf“) stellte „The Wild Pear Tree“ 2018 im Wettbewerb von Cannes vor und räumte zumindest den Großteil der türkischen Filmkritikerpreise ab. Sinan (Aydin Do?u Demirkol) kehrt als studierter Mann in seine Heimatstadt zurück. In das Leben scheint er dort nicht mehr zu passen. Er weiß aber auch nicht genau, wie es weitergehen soll. Er könnte wie sein Vater Lehrer werden, aber er fürchtet das Schicksal des Vaters und die Furcht macht ihn wütend. Er sieht sich als Schriftsteller. Für seinen Roman, dessen Titel den des Filmes teilt, interessiert sich allerdings niemand. Mit der Erkenntnis muss Sinan klarkommen. Derweil folgen wir ihn durch den bäuerlichen Ort, die Felder und Wiesen. Das Herzstück der Erzählung sind die Gespräche, die der junge Mann mit anderen führt. Gespräche, meist Zwiegespräche, über existenzielle Dinge, dabei treten die Paarungen von Stadt und Land, Väter und Sohne, das Alte und die Moderne immer wieder gegeneinander an. Die gewichtigen Dialoge und die verstörenden Träume, die Sinan heimsuchen, bringen so viele Metaphern ein, das der Raum zum Nachdenken weit eröffnet wird.

Aus Zypern kommt ein ebenso filmischer Film, wenn auch weniger Worte fallen. „Pause“ heißt der Film. Elpida heißt Hoffnung. Hoffnung gönnt sich Elpida nicht. Ihr Leben ist so trist, so eng, so bedrückend, dass es schon eine Verbesserung wäre, wenn sich die Dinge nicht zum Schlechteren wenden würden. Die zypriotische Regisseurin Tonia Mishiali porträtiert in ihrem Langspielfilmdebüt eine Mutter und Hausfrau, die sich gar sich selbst wahrzunehmen scheint, die ohne jeden Mut ist. Im ersten Filmbild verharrt sie so regungslos, dass das Publikum annehmen könnte, der Film hätte noch gar nicht begonnen. Elpida sitzt beim Frauenarzt und der zählt ihr die zahlreichen Symptome und Auswirkungen der Menopause auf. Sie ist in einer lieblosen Ehe gefangen, und nun auch noch das. Man möchte sie herausreißen, so wie es ihre Nachbarin zumindest versucht. Stella Fyrogeni, geboren in Deutschland, aufgewachsen in Griechenland, spielt diese Frau zwischen Starre und unterdrücktem Ausbruch. In ihrer Phantasie wehrt sie sich sehr wohl. Mishiali inszeniert diese Szenen, die nicht real sind, so, das man sich wünschen würde, sie wären es. Dabei gelingt es ihr gerade so viel an Humor einzuflechten, dass man nicht ganz verzweifelt und mit ein bißchen Hoffnung aus dem Film herauskommt.

Nordrhein-Westfalen sollte die Musik-Dokumentation „Krautrock 1“ zuerst spielen. Jetzt sind auch Kinos in Württemberg und in Sachsen-Anhalt dabei. Bis zum 2. Juli 2020 dürfen sich München, Hamburg und Berlin gedulden. Krautrock, Progressive Rock aus Deutschland, betrachtet aus US-amerikanischer Sicht. Adele Schmidt und José Zegarra Holder arbeiten sich als Regie-Duo durch eine Reihe „Romantic Warriors“ durch. Vor zehn Jahren haben sie mit ihrern „Progressive Music Saga“ angefangen und einen Überblick über die US-East Coast-Szene, dem Ursprung des Progressiven Rocks und der dazu gehörigen Festivalszene gegeben. „Romantic Warriors IV“ stellt den Kanon an deutschen Bands der 60er und 70er Jahre vor, der eben so typisch Deutsch sei, und schlägt einen Bogen bis ins Heute. Um den schier unzähmbaren Menge an Archivaufnahmen und Interviews einen verdaubaren Rahmen zu geben, splitette das Team dieses Kapitel in drei Dokumentarfilme in Spielfilmlänge auf. Teil 1 der Oral History behandelt die Musikszene in Köln, Düsseldorf und Hamburg: Floh de Cologne, Can, Kraftwerk, LA Düsseldorf, Neu!, Faust (beziehungsweise faUSt) und so weiter. Teil 2 konzentriert sich unter anderem auf München, Teil 3 dann auf West-Berlin. Eine wahnsinnig aufwendige Recherchearbeit liegt hinter dem Team, auf eigene Kappe beziehungsweise mit direkter Unterstützung via Indiegogo wurde produziert. Das Material wurde dann noch einmal in Kapitel unterteilt, jeweils eine Band steht im Mittelpunkt, die Musiker erzählen selbst, von den Anfängen, der Entwicklung, Umbesetzungen und Auflösungen. Für Can zum Beispiel spricht nicht nur Irmin Schmidt, sondern sowohl ihr erster Sänger Malcolm Mooney als auch ihr späterer Sänger Damo Suzuki.

Neu ins „Kino zurück“ kommt der hochdekorierte Dokumentarfilm „Für Sama“, der ursprünglich am 5. März 2020 in den deutschen Kinos gestartet war. „Für Sama“ ist ein ungewöhnlicher Film, denn er ist als Brief einer Mutter an ihre Tochter gerichtet. Die Regisseurin Waad al-Kateab studierte an der Universität in Aleppo als die Unruhen, die Unterdrückung, der Krieg in Syrien begannen. Während viele das Land verließen, ist sie geblieben, um den Alltag filmisch festzuhalten. Ebenso Hamza al-Kateab, ein junger Arzt, der sich für den Verbleib in der Stadt entschied, um mit Freunden ein Krankenhaus aus dem Boden zu stampfen und um eine medizinische Versorgung zumindest zu versuchen. Den Umgang mit der Kamera lernte Waad al-Kateab im Einsatz, und sie sah es als ihre Pflicht an, dran zu bleiben, um das Geschehen, die Freunde, die MitbürgerInnen auf Film festzuhalten. Mitten im Krieg verliebte sie sich in Hamza, sie heirateten und bekamen ein Kind. Aber kann man ein Kind in diese Hölle von Krieg gebären? Was wird das Kind einmal über ihre Entscheidungen zu Bleiben und später zu Gehen, denken? Was macht es mit einer Mutter, die nicht nur für ihr eigenes Überleben sorgen muss, sondern sich nun um das Wohlergeben ihres Kindes sorgt? Das Material stellte sie in all den Jahren dem britischen Sender Channel 4 zur Verfügung und aus dem Material entstand, nachdem sie flüchten musste, eine Wahl hatte sie nicht, ein Tagebuch beziehungsweise Brief. Dabei konnte sie in den fünf Jahren zu keinem Zeitpunkt wissen, ob sie auch nur den Tag überlebt. Ihre Aufnahmen sind immer auch persönlich, reflektierend und aufwühlend. Sie zeigen den Zusammenhalt, die Freundschaften, den Kampf verletzte Menschen zu retten, die Verzweiflung, wenn das nicht gelingt. Die Ohnmacht, wenn man Zielscheibe ist. Denn, dass gerade Krankenhäuser unter Beschuss genommen wurden, zeigt, wie schutzlos die Bevölkerung ist, wenn keine Völkerrechte gelten. Der Film ist somit nicht nur eine Liebeserklärung an die Stadt, den Mann, das Kind, das Leben, sondern eine sehr persönliche Stimme, die der Welt ihr Schweigen und ihr Versagen vor Augen führt.

Das Online-Angebot des Kinos „Arsenal“ geht jetzt in die letzte Runde. „How to Reappear“ lautet das Motto für die letzten beiden Juni-Wochen. Im Programm dieser letzten Zusammenstellung befindet sich zum Beispiel Philip Scheffners „The Halfmoon Files“ mit einer „vielschichtigen audiovisuellen Recherche zur Verflechtung von Politik, Kolonialismus, Wissenschaft und Medien – ausgehend von Bild- und Tondokumenten indischer und nordafrikanischer Kriegsgefangener aus dem „Halbmondlager“ in Wünsdorf bei Berlin während des Ersten Weltkriegs. Bis einschließlich 30. Juni kann man für die Beiträge, die man so sichten kann, auch noch spenden. Das Geld wird nun auch ausgezahlt. Das Haus bedankt sich für die lehrreiche Zeit und schreibt in seiner aktuellen Meldung: „Wir haben das Kino schon immer als etwas begriffen, das sich mit jedem Programm neu erfindet. Zudem haben wir jetzt noch einmal sehr deutlich erfahren, welch großen Anteil die Idee kollaborativer Arbeit daran hat. Das impliziert in erster Linie die Filmemacher*innen und Künstler*innen sowie das Publikum, aber auch Produktionsfirmen, Verleiher, Partnerinstitutionen und die Medien.“ Die Idee zu Arsenal 3 soll weitergeführt werden. Wenn auch nicht über Spendenbeiträge.

Immer wieder gibt es auch Gegenstimmen zu den Streaming-Angeboten, im Besonderen oder allgemein. Im „Filmmaker Magazine“ hat ein Filmemacher nun seine Einschätzung dargelegt: „Why I Will Not Put My Film Online“ [auf Englisch].

Der Grandfilm-Beitrag in Kooperation mit dem österreichischen Verleih Filmgarten ist wieder einmal ein Angebot, der beweist, dass es jenseits der Startpläne noch so viele Filmperlen zu entdecken gibt. Christiana Perschon lässt in „Sie ist der andere Blick“ Frauen zu Wort kommen, die Kunst machen wollten und dabei zu Feministinnen wurden. Zuerst konzentriert sich Perschon nur auf die Stimmen. Die Namen sind Renate Bertlmann, Linda Christanell, Lore Heuermann, Karin Mack, Margot Pilz, sie sind seit den 70er Jahren in Wien künstlerisch tätig. Frauen hatten es im Kunstbetrieb schwerer gehabt. Da wurde nur eine Frau mal ausgestellt und Sammler sagten geradeheraus, Frauen würden sie nicht sammeln. Es ist aber auch so, dass man in der Regel das künstlerisch verarbeitet, was man selbst kennt. Der Erfahrungen von Frauen und Männern sind nicht gleich. Ihr Blick auf den kreativen Akt sei somit ein weniger bedeutender, wenn er nicht ganz abgesprochen wird. Und so sprechen diese Künstlerinnen über ihr Selbstverständnis, über ihre Mutterrollen, über ihre Sexualität, über ihre Kunst und sie zeigen uns ihre Kunst. Sie zeigen auch ihren künstlerischen Prozess. Dabei ist das, was gezeigt wird, nicht einfach nur im Raum, sondern füllt den gemeinsamen Raum von Perschons Atelier und der Wissbegierde der Zuschauer und Zuschauerinnen aus. „Sie ist der andere Blick“ wurde 2018 auf der Viennale präsentiert und lief 2019 auch auf der Diagonale. Zusammen mit dem österreichischen Verleih Filmgarten bringt Grandfilm den Film ins Programm.

Der Salzgeber-Club führt seine Reihe „jüdischer Juni“ mit zwei Filmen fort. Dazu gehört „Die Wohnung“ von Arnon Goldfinger und das Familienporträt „Café Nagler“ von Mor Kaplansky und Yariv Barel.

Gerda Tuchler verstarb mit 98 Jahren in Tel Aviv und ihr Enkel, der Filmemacher Arnon Goldfinger rückt mit der Kamera an, um die Wohnungsauflösung zu begleiten. Gerda Tuchler und ihr Mann verließen Berlin in den 30ern, nach dem Krieg kehrten sie oft zurück. Ihre Tochter Hannah lebt nur für die Gegenwart, doch sie geht alle Papiere und Briefe sorgsam durch. Detektivisch nähert sich Arnon Goldfinger („The Komediant“) seiner Familiengeschichte und bald wuchs sich die Dokumentation zu einem spannenden und auch geschichtlich aufschlussreichen Film mit der Frage nach Identität und Erinnerungskultur aus. Goldfinger findet heraus, dass seine Großeltern eine enge Freundschaft mit dem SS-Kommandanten Leopold von Mildenstein verband. Wie konnte das sein? Die Mutter hüllt sich in Schweigen und so findet Goldfinger ausgerechnet in der Tochter von Mildensteins einen Gesprächspartner. Diese allerdings ist überzeugt, dass ihr Vater kein Nazi war. Mit kritischem Auge forscht Goldfinger in den Archiven, und behutsam versucht er, die Familie in diesem Prozess einzubinden. Mit einem humorvollen Unterton erzählt er von seiner persönlichen Geschichte, und lässt gleichzeitig das Interesse für noch gar nicht so lang Zurückliegendes erwachen.

Naomi Kaplansky hat 40 Jahre lang Dokumentarfilme gemacht, doch die Geschichte des angeblich berühmten Café Naglers in Berlin soll ihre Enkelin Mor erzählen. In deutsch, schweizer und kanadischer Koproduktion macht sich Mor nach Berlin auf, allein das Café belibt ein Phantom, dass sich ihr immer wieder entzieht. Mit „Café Nagler“ begibt sich die Regisseurin auf eine sehr persönliche Reise, indem sie schließlich nicht mehr so sehr nach harten Fakten sucht, sondern nach der Natur von Erinnerungen.

Das Hannoveraner Kino „Lodderbast“, über das wir schon mehrmals berichtet haben zeigt morgen, am 18. Juni „Die Tochter des Spions“, den wir hier vorige Woche vorgestellt hatten. Der Live-Stream ist kostenfrei und fängt, wie üblich, um 20 Uhr an. Eine Spende für die Filmemacher ist dabei durchaus erwünscht. Im Anschluß gibt es ein Gespräch mit der Protagonistin Ieva Lesinska und Prof. Dr. Wolfgang Krieger, einem Historiker und Experten für die Geschichte der Geheimdienste.

Wer statt ins Kino lieber ins Museum möchte, morgen öffnet endlich die Deutsche Kinemathek in Berlin. Die Sondernausstellungen „Brandspuren – Filmplakate aus dem Salzstock“ und „Du musst Caligari werden! – Das virtuelle Kabinett“ sind ab dem 18. Juni 2020 zugänglich. Die Ausstellungen laufen bis zum 2. November. „Brandspuren“ zeigt aufwendig restaurierte Filmplakate, die man 1986 in dem Salzbergwerk Grasleben gefunden hatte. Die zweite Sonderausstellung zeigt die Erfolgs-und Produktionsgeschichte von „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (Regie Robert Wiene). Der VR-Film „Der Traum des Cesare“ soll ein Highlight der Ausstellung sein. 

Eine dritte Ausstellung widmet sich dem Werk von Klaus Wildenhahn, der „direct cinema“ mit seinen Fernsehbeitragen umsetzte. Dieses Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden: „Fokus Fernsehen: Klaus Wildenhahn“ ist eine Werkschau. Tickets für die Ausstellungen können allerdings nur online vorbestellt werden. Vor Ort ist alles so organisiert, dass Abstand gewährleistet sein sollte.

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