Das Blog „Sleeping Screens“ sammelt Fotos von Kinos im Stillstand auf der ganzen Welt. Zum Beispiel Australien. | Foto © Sleeping Screens

Kinostarts und Streams der Woche. 

Kino, Kino, Kino. Man hört es von den Dächern. In Berlin öffnet am 12. Juni das „Rooftop Cinema“, ein Zusammenschluss der Astor Film Lounge und des Alice Rooftop & Garden auf dem Dach des Stilwerks. Die erste Vorführung, Freitag um 20 Uhr, von „Rocketman“ ist bereits ausverkauft. Der Eintrittspreis ist gesalzen, dafür gibt’s aber auch Getränke und einen Flammkuchen und natürlich Service. Bitte spätestens eine Stunde vor Filmstart kommen. Und! Berlin kann jetzt auch Autokino. Am Olympiastadion auf dem Parkplatz P05 hat am 6. Juni 2020 das „Carrona“ den Betrieb aufgenommen.

Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte bei einem öffentlichen Termin diese Woche: „Die Couch kann das Kino nicht ersetzen.“ Ich gebe ihm recht. Manch einer zählt die Tage bis zur Wiedereröffnung. Einige Kinos in Berlin nutzen die Zeit und renovieren noch einmal. Das „Kinokompendium“ sprach in seinem zweiten Teil einer Interviewreihe mit Kinobetreibern mit Iris Praefke, die in der Hauptstadt das „Moviemento“, das „Toni“ und das „Central“ leitet. Der kleinere Saal des „Centrals“ wird gerade mit neuen Stühlen versorgt. Und auch das „Bundesplatz-Kino“ meldet auf seiner Anzeigetafel: „Erst renovieren, dann projezieren“. Über ihre Webseite verlinken sie auch auf drei Episoden der Reihe „Berlin, Ecke Bundesplatz“ von den mit ihnen befreundeten Filmemachern Detlef Gumm und Georg Ullrich. Die Anzeigetafel des „Bundesplatz-Kinos“ wechselt anscheinend öfters, so bleibt man im Dialog mit dem Kiez, ich konnte bereits drei Varianten fotografieren – ein Klick auf die out-takes-eigenen Brancheninfos zeigen ein paar davon. Zwei Berliner, Simon Dickel und Martin Erlenmaier, sammeln sogar Bilder von Anzeigetafeln weltweit auf ihrem Blog „Sleeping Screens“.

Außerhalb von Berlin ist das Kinogeschäft langsam am Anlaufen. Darum gibt es auch diese Woche neue Filme im Startkalender. Zwei von drei Titeln sind erstmalig im Kino zu sehen. Zum Beispiel die tschechisch-deutsche „Nationalstrasse“.

Nationalheld nennen ihn die Kumpel in der Stammkneipe. Er selbst nennt sich Vandam, frei nach seinem Helden Jean-Claude Van Damme. Er lebt in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand von Prag, arbeitet als Dachlackierer und geht abends in die Kneipe. So einer wie er wurde von der Zeit und dem System abgehängt. Und jetzt soll die Kneipe schließen. Lucka hatte die Wirtschaft von ihrer Mutter übernommen, bereits damals war der Betrieb defizitär. Jetzt kommen die Gentrifzierer. Vandam hat keine Perspektiven. Er liebt heimlich Lucka, aber einer wie er … und so weiter. 

Jaroslav Rudiš schrieb die Vorlage und erarbeitete das Drehbuch zusammen mit dem Regisseur Št?pán Altrichter. Hynek ?ermák spielt Vandam mit einer Intensität, die die Figur, die eigentlich ein Antiheld ist, einer aus dem rechten, nationalistischen Lager, unbeschadet zum Publikum durchdringen lässt. Dabei werden seine Ansichten nicht relativiert. Keineswegs. Sein Bruder zum Beispiel, der hat nach der Wende die Kurve gekriegt. Hat Geld, Status, Familie. Klassenunterschiede werden so nebenbei eingeflochten. Vandam haut drauf, pöbelt und ist eigentlich einer, mit dem man Mitleid haben könnte. Was er nicht braucht. Aus dem Off erzählt er die ganze Chose, wie er die Kneipe retten wollte. Aber es gibt nichts zu retten. Altrichter zieht die Tragikomödie lakonisch auf, sein Hauptdarsteller ist das As im Ärmel, ein Name, den man sich merken sollte. Die deutsche 42film hat den Film koproduziert und voriges Jahr auf dem Festival in Cottbus vorgestellt, wo er den „Cottbus-ins-Kino“-Preis erhielt, der eine Förderung für einen Verleih bereithält.

Andere Länder bringt uns Philipp Majer in „World Taxi“ näher. Fünf Großstädte, vier Taxifahrer, eine Taxifahrerin, unzählige Fahrgäste, viele Geschichten. Dabei ist das Taxi der Ort, der die Leute für eine kurze Zeit mit dem Publikum zusammenbringt. Majer, der aus Saarbrücken stammt und dort Anfang des Jahres seinen Dokumentarfilm auf dem Max-Ophüls-Festival vorstellte, bringt in der Montage Berlin mit El Paso in Texas, Dakar im Senegal, Bangkok in Thailand und Pristina im Kosovo zusammen. Die Idee zu dem Film kam dem Filmemacher, als er selbst im Taxi saß, irgendwo in New Mexico, und der Fahrer Politik, Gesellschaft, Sport und Religion ins Gespräch brachte. Majer kam Jim Jarmuschs „Night on Earth“ in den Sinn, wie er auch im Abspann verrät. Bekehrt wird hier niemand, allerdings erfährt man nur bedingt neue Facetten über Land und Leute. Zum einen fungiert hier das Taxi als Mikrokosmos, gleichzeitig ist das Taxi Brennpunkt auf die Missstände außerhalb des Gefährts. Die gesellschaftlichen und politischen Probleme vor Ort sind allerdings bekannt, die Spannungen an der Grenze zwischen US und Mexiko, die Feiertouris, die nach Berlin strömen oder aber als Sextouris nach Bangkok reisen. Philipp Majer hört zu, beobachtet. Nicht mehr, nicht weniger.

Filme kehren jetzt zurück. Die Wiederaufführungen möchte ich, besonders, wenn es sich um besondere Filme handelt, gerne aus dem Stillstand aufwecken, dazu gehört „Paris Calligrammes“ von Ulrike Ottinger. Ursprünglich startete ihr Werk am 5. März 2020. Ulrike Ottinger wurde dieses Jahr mit der „Berlinale Kamera“ für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. In der Sektion Berlinale Special wurde ihr aktueller Essay-Dokumentarfilm vorgestellt. „Paris Calligrammes“ ist eine Annäherung an ihr Werk aus der Perspektive, wie sie wurde, wer sie ist. Sie sagt im Film, sie versuche aus der Perspektive einer 20-Jährigen, an die sie sich erinnere, mit der Erfahrung der Künstlerin, sie sie heute ist, zu erzählen. Da fließen Bücher, Filme, Menschen, Politik, Strömungen und Schulen mit ein, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. „Calligrammes“ ist eine Referenz auf die Buchhandlung „Librairie Calligrammes“, die ihrerseits auf Guillaume Apollinaires „Calligrammes“ verweist. Paris ist die Stadt, wo in den 1950er- und 60er-Jahren Impulse gesetzt wurden, die geistige Heimat von Künstlern und Intellektuellen. Hierher kam Ulrike Ottinger mit 20 Jahren. Das war 1962, und sie blieb bis 1969. 

Nicht so sehr die Stadt ist hier Gegenstand, sondern die Erinnerungen an eine Zeit und einem Ort, an die Kunst und an die Prägungen, die eben gerade Paris ausmachte. „Paris Calligrammes“ ist dann auch ein dichter Erinnerungsteppich, in den sie Bilder und Namen einwebt, eine Fülle an Informationen, die noch einmal ein ganz anderes Bild von den Jahren bis zu den Studentenunruhen 1968 zeigen. Überhaupt, sie hat die Augen aufgehalten und ihre Augen wurden immer größer und sie hat auch hingeschaut und Zusammenhänge erkannt und sie weiß das auch zu vermitteln. „Paris Calligrammes“ ist ein Glücksfall. In der deutschen Originalfassung spricht sie selbst aus dem Off, in der französischen Fassung der französischen Koproduktion übernimmt die Rolle Fanny Ardant.

Ein weiterer Kinostart-Kandidat ist „Die Tochter des Spions“. Der reguläre Start ist für den 2. Juli 2020 geplant, aber bereits ab dem 11. Juni 2020 ist der Film auf Kino-On-Demand verfügbar. Eine wahre Geschichte aus dem Kalten Krieg verspricht uns der zeitgeschichtliche Film des lettisch-estischen Regieduos Jaak Kilmi und Gints Gr?be. Für Ieva Lešinska, heute eine angesehene Dolmetscherin und Journalistin, die sich auch für die internationale Rezeption des lettischen Filmes einsetzt, gleicht ihre Vergangenheit einer Achterbahnfahrt. Ihre Mutter eröffnete ihr mit 16, dass ihr Vater für den KGB arbeitete. Sie verschwieg der Tochter, dass auch sie das tat. Als sie 1978 in die USA reiste, um ihren Vater zu besuchen, hing sie plötzlich in der Ferne fest. Ihr Vater wurde zum Überläufer, und sie bekam eine neue Identität. Aus Ieva wurde Evelyn aus Ost-Berlin. Die deutsche Produktion von Kick Film (in Zusammenarbeit mit RBB und BR) macht es den Zuschauer*innen nicht einfach. Zuerst blickt man in etwa so durch, wie die Protagonistin wahrscheinlich ihre Vergangenheit zu entflechten versucht. Eine junge Frau wird gecastet, um die Begegnungen mit dem Vater nachzustellen, denn der verstarb auf mysteriöse Weise, und auch heute noch kann Ieva Lešinska, die erst 1991 in ihre Heimat zurückkehrte, nicht herausfinden, was damals passiert war. Die Reenactment-Szenen treffen in Kostüm- und Ausstattung die der damaligen Zeit so gut, dass man neben all dem Archivmaterial schon genau hinschauen muss. Die vielen Ebenen im Schnitt zusammenzuführen, war sicherlich nicht einfach. Für den Schnitt erhielt Armands Za?s dann auch verdientermaßen den lettischen Filmpreis. 

Und damit kommen wir zu den Streaming-Tipps der Woche. Grandfilm zeigt im Verbund mit dem österreichischen Filmgarten ab Ende dieser Woche einen weiteren Titel, der es leider bisher nicht in unsere Kinos geschafft hat. Während ich Kinoanzeigetafeln in Berlin sammele (unter anderem), sammelte die Österreicherin Lisa Truttmann mit Planen eingepackte Häuser in dem Großgebiet Los Angeles. „Tarpaulins“ oder Tarps nennt man diese Planen. Sie zeigt uns einen Wanderzirkus, der regelmäßig sein Zelt auf und wieder ab und wieder aufbauen muss. In Los Angeles sieht man aber temporär derart eingepackte normale Häuser. Zuhauf. Auch wenn einem Christos Packkünste in den Sinn kommen, handelt es sich hier um Zweckgestaltungen. Es gibt nämlich eine Termitenplage, der Schädlingsbekämpfer mit eben jenen Planen dem Garaus machen können. Täglich verschnüren sie mehrere Häuser. Wenn erst einmal die Plane fest sitzt, wird ein Gemisch verabreicht, dass sich dann nach und nach verflüchtigt, so dass die Bewohner zurückkehren können. Zuerst schiebt die Filmemacherin Plane auf Plane, man hört das Knistern des Stoffes und fühlt ihn fast, um irgendwann den Tierchen selbst in ihrem Lebensraum dem Holz nachzuspüren. „Tarpaulins“, Truttmanns Abschlussfilm an der California Institute of the Art, wo sie dank eines Fulbright Stipendiums studieren konnte, ist ein faszinierender essayistischer Dokumentarfilm, der nicht nur eine Besonderheit im Stadtbild einfängt, sondern bis in den Makrobereich vordringt. 

Der Salzgeber Club führt am Donnerstag seine Reihe mit jüdischen Filmen fort. Auch diese Woche sind es zwei Filme, beide von der Filmemacherin Britta Wauer, die direkt zusammenhängen und sich somit ergänzen. 2011 kam ihr Film „Im Himmel, unter der Erde“ in die Kinos. Der größte aktiv genutzte jüdische Friedhof in Europa ist in Berlin-Weissensee beheimatet. Er ist 42 Hektar groß und über 115.000 Grabstellen geben den Verstorbenen eine ewige Bleibe. Der Ort ist etwas verwildert, ist eine Insel mitten in der Großstadt. Hierher kann sich ein Hinterbliebener, der Gläubige, der Ausflügler und der Historiker einfinden. Britta Wauer („Gerdas Schweigen“) widmet sich mit ausgewähltem Archivmaterial, Momentaufnahmen und Zeitzeugen-Erzählungen einem sehr lebendigen Ort, denn die Erde berührt sehr wohl den Himmel und umarmt alles was dazwischen ist. Für Archivare ist der Friedhof eine Fundgrube, für Denkmalpfleger eine Aufgabe auf zahlreiche Generationen hinaus. Für Ausflügler eine Wohltat. Für eine Familie ist der Ort ihre Adresse, für einen Heimgekehrten ist es der Ort, an dem er als Kind gespielt hatte, während sein Vater als Maurer tätig war. Der Friedhof erzählt viele Geschichten. Ein besinnlicher, harmonischer Film, der nur sehr sparsam kritische Anmerkungen macht. 

Bei den Vorbereitungen zu dem Dreh von „Im Himmel, unter der Erde“ lernte Britta Wauer den Rabbiner William Wolff kennen. Sie suchte damals jemanden, der als Erzähler fungiert, der den ZuschauerInnen etwas über die jüdischen Trauerrituale vermitteln kann. Über Umwege kam sie zum Rabbiner Willy Wolff, der mit seiner Persönlichkeit, seinem Humor das Publikum sogleich für das Thema einzunehmen wußte. Der Mann, gebürtiger Berliner, der als Kind mit der Familie zuerst nach Amsterdam und dann nach London emmigrierte, war ursprünglich Journalist beim Daily Mirror und dort Experte für Innen- und Außenpolitik. Er war bereits über 50, als er sein Leben umkrempelte, um Rabbiner zu werden. Bis 2015 war er als „Rabbi Wolff“ tätig, zuletzt als Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. Sein Lächeln, sein Charme, seine Zugänglichkeit, seine Ausrichtung auf die Menschen selbst, all das weiß Wauer in ihrem Porträtfilm, den sie sogleich anging, einzufangen. Drei Jahre lang begleitete sie den Mann, der wie selbstverständlich zwischen seinem britischen Heimatort und der Gemeinde in Schwerin pendelte und scheinbar überall und wenn man ihn mal suchte, nirgendwo aufzufinden war. Er verschlingt Zeitungen, oder lässt sie, falls die Zeit nicht reichte, ungelesen in die Tonne entsorgen, lernt auf seine alten Tage auch noch mal Russisch. Seine Lebensfreude ist ansteckend, seine Neugierde inspirierend, seine Ausflüge, zum Beispiel ganz gentleman-like zum Ascoter Pferderennen, erheiternd.

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