Der Herr in der Mitte fehlt, ohne Zweifel. Die Editorin Bettina Böhler erinnert mit einer Montage-Biografie an den Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der vor zehn Jahren starb. | Foto © Filmgalerie 451

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 20. August 2020.

Zu schön um wahr zu sein? Zwei Institute der Charité, zum einen das Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, zum anderen das für Hygiene und Umweltmedizin, haben eine Stellungnahme herausgegeben, laut der Klassikkonzerte und Opern bei voller Saalbelegung machbar wären, sofern man Masken auch während der Veranstaltung trägt. Zum Beispiel der RBB berichtete. Sogleich hofften alle, die es angeht, dass das auch für die Kinos gelten müsste. Der Vorstand der Charité distanzierte sich jedoch sogleich von der Stellungnahme. Unter anderem der RBB berichtete auch darüber.

Meine Erfahrung ist, viele MitbürgerInnen scheren sich nicht um irgendwelche Vorgaben. Jeder von uns muss selbst entscheiden, wieviel Risiko er oder sie eingeht. Nicht nur um sich selbst zu schützen, sondern um seine Angehörigen mitzuschützen. In der Berliner U-Bahn passiert es durchaus, dass bis zu, na sagen wir mal 40 Prozent, keine Maske tragen oder diese nur am Kinn hängt. Daraus folgere ich für mich, eine Maskenpflicht während einer Filmvorführung ist nicht kontrollierbar. So nicht und so nicht. Also nicht für das Kinopersonal und nicht für das anwesende Publikum, das in seiner Zusammsetzung eben keine Solidargemeinschaft bildet. Aber die Hoffnung und so weiter.

„Variety“ berichtet von einer Studie, in der das Publikum befragt wurde, ob man sich einen Film auf jeden Fall im Kino ansehen würde oder bereit wäre, das Sperrfenster bis zum Home-Release abzuwarten (auf Englisch). Die Verkürzung der Wartezeit auf 17 Tage, so wie es jetzt im Deal der AMC Filmtheater und dem Major Universal Pictures vorsieht, hätte sehr wohl Auswirkungen, mehr Zuschauer*innen würden die 17 Tage abwarten. Kommt es letztlich auf den Film an? Sicherlich. Aber sollte nicht auch angedacht werden, irgendwann von irgendwem, die Publikum, das zukünftige Publikum die Unterschiede nahe zu bringen? Man sieht doch nur, was man sieht. Dass Kino ein anderes Sehen ermöglicht … na gut, das sind Allgemeinplätze.

Der Hauptverband Cinephilie hat einen Aufruf veröffentlicht. Darin heißt es: „Die Krise trifft jedes Kino, jede Produktionsgesellschaft und jede Verleihfirma unvermittelt und unverschuldet. Die vorsichtige Öffnung der Kinos und der Versuch einer Rückkehr zur Normalität unter Hygieneschutzmaßnahmen wird dominiert von einer Debatte um die Abhängigkeit der Kinos von einzelnen großen Filmen. Diese Abhängigkeit war bereits in der Vergangenheit ein Problem für die Mehrheit der Kinos. Doch während die Kinos unabhängig von ihrem Programm umfangreich gestützt werden, verstärken die Krise und vor allem die angekündigten Hilfsmaßnahmen eine bestehende bedenkliche Schieflage in der deutschen Verleihbranche: Vielen kleinen, kulturell engagierten Verleiher*innen droht das Aus. Dies ist als Folge der veränderten Kriterien für die kulturelle Verleihförderung der BKM vorauszusehen, die für viele Verleiher*innen von entscheidender Bedeutung war. Die neuen Regularien beenden die Einzigartigkeit der Förderung durch das BKM und passen dessen Kriterien an die der FFA an, die auf kommerzielle Projekte ausgerichtet ist. Die Einführung einer Untergrenze der Herausbringungskosten, die Abschaffung einer maximalen Kopienzahl sowie die Erhöhung der maximalen Förderhöhe auf 150.000 Euro öffnen Projekten den Weg, die auch bei der FFA antragswürdig sind, schließen aber im selben Zuge Projekte aus, deren einziger Anlaufpunkt in der Vergangenheit die kulturelle Verleihförderung des BKM war.“

Die „Süddeutsche Zeitung“ geht darauf auch in einem Artikel ein, der Aufmerksamkeit verdient. Über die Heraufsetzung der Einstiegshürde für diese Förderung sprach die Zeitung mit Michael Höfner von der AG Verleih, die mit GM Films zum Beispiel die Heise-Filme verleiht, und Björn Koll, dem Geschäftsführer von Salzgeber, der Verleih, der diese Woche zum Beispiel „Kopfplatzen“ auf die Leinwände bringt.

„Kopfplatzen“ ist sicherlich schwerer Stoff. Der Regisseur Sava? Ceviz wählte für sein Spielfilmdebüt das Thema Pädophilie und wählte Max Riemelt für die Hauptrolle. Riemelt schafft es, eine vielschichtige Figur zu erschaffen, die das Publikum geradezu zwingt, diese Veranlagung radikal abzulehnen (soweit Konsens), aber eben auch den Kampf vermittelt, den er kaum gewinnen kann. Ceviz fordert sein Publikum, es tut richtig weh. Man weiß, was richtig und was falsch ist, und hegt dennoch Sympathie: Man sieht, wie diese Figur Hilfe sucht und nicht bekommt. Man sieht, was alles schiefläuft und ist dem komplett ausgeliefert. Kein Wohlfühlkino also, dennnoch wichtig und verdammt gut umgesetzt.

Auch der Verleih Real Fiction bringt mit „Die Rüden“ einen Stoff ins Kino, der nicht ganz einfach ist. „Die Rüden“, eine Maßnahme für vier Strafgefangene, ein Experiment für das Publikum. Regie führte Connie Walther („Schattenwelt“, „Frau Böhm sagt nein“), das Konzept stammt jedoch von Nadin Matthews. Nicht nur im Film ist sie Hundetrainerin. Auch die Strafgefangenen sind keine Schauspieler, sondern Männer mit entsprechendem Hintergrund mit erfundenem Strafregister und Namen. Die Hunde sind Problemhunde, ihre Aggression ist echt. Der Raum ist karg, ohne Bezug zu irgendwas, wird jedoch immer und immer wieder in Distanz und Nähe dividiert, in ein innerhalb und außerhalb eines Kreises. Die Männer stecken in Overalls, die Hunde tragen Maulkorb. Ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin der Einrichtung sind scheinbar Therapeuten, tragen jedoch ein Outfit, dass den Film auch als Science-Fiction ausweisen könnte. Aber vergessen wir mal die Kostüme, die lenken nur ab. Es geht um die Konfrontation und die Entwicklung in der Beziehung zwischen den Männern und den Hunden. Die Spiegelung in Aggression und Gewalt ist das eigentliche Thema. Darüber hinaus gibt es keine Backstory und keine Handlung. Das allerdings wird in sieben Tage getaktet. Das Publikum versteht den Ansatz, beobachtet und zieht Schlüsse. Vielleicht erkennt man (es sind ja ausschließlich Männer, es geht um Maskulinität, ja sogenannte toxische Maskulinität) etwas. Regie, Konzept und Hauptfigur, Kamera (Birgit Gudjonsdottir) und Schnitt (Ewa J. Lind) sind in weiblicher Hand. Woher kommt Gewalt, wie manifestiert sich Gewalt, wie kann man Gewalt auflösen? Darüber wird verhandelt, aber eine bequeme oder anders artige Lösung gibt es nicht.

Eine echte Herausforderung, so viele Herausforderungen diese Startwoche, und das sehe ich absolut positiv, ist der spanisch-französische Film „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“. Er ist vor allem obskur, vertrackt, stellenweise abstoßend. Ein humoriges Drama mit kaum entwirrbarer Handlung. Sitzt eine Frau in einem Zug und ihr gegenüber sitzt ein Mann und will ihr seine Lebensgeschichte erzählen. Ach, das ist ein Scherz, um das Eis zu brechen, um die Zeit einer langen Zugfahrt zu verkürzen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die gleichnamige Vorlage stammt von dem Autoren Antonio Orejudo, aus der Javier Gullón das Drehbuch geformt hat (zum Beispiel auch Denis Villeneuves „Enemy“ hat er umgesetzt). Aritz Moreno hat bisher nur Kurzfilme gedreht. Für sein Langspielfilmdebüt wählte er einen schwierigen Stoff und verschachtelt ihn so weit, daß er sicherlich das Publkum spalten wird, das tut er so souverän, dass man den Figuren, die nicht wirklich zugänglich sind, fasziniert zuschaut, auch wenn das, was man da sieht, zum Teil aus einer ganz ganz dunklen Ecke des Bewußtseins hervorgekrochen kommt. Die Frau im Zug ist Helga (Pilar Castro), eine Verlegerin, die eine gute Geschichte wittert. Der Mann (Ernesto Alterio) gibt vor, Psychiater zu sein und erzählt dann von seinen Patienten, zum Beispiel von einem Soldaten (Luis Tosar), den ein Trauma ereilte. Von da an geht es immer tiefer in ein düsteres Rabbit Hole. Immer wieder taucht man in noch eine Geschichte ein, in denen es um Lügen, Obsessionen, Anhängigkeiten und um Hörigkeit geht.

Immer tiefer mit seinen Dämon verstrickt sich die Hauptfigur in „Exil“ von Visar Morina mit Mišel Mati?evi? in der Hauptrolle. Er spielt Xhafer, der zwar Deutscher ist und sich als Deutscher sieht. Aber sein Umfeld übersieht seine kosovo-albanische Herkunft nicht, zumindest ist Xhafer davon überzeugt. Zum Teil sind es feine Missachtungen, zum Teil ist es offenes Mobbing, was ihm auf der Arbeit widerfährt, und zu Hause (die wunderbar unterkühlte Sandra Hüller spielt seine Ehefrau) ist es auch nicht besser. Morina spielt dieser Tour de Force streng aus seinem eigenen Blickwinkel aus und gibt dem Zuschauer kein bißchen Helligkeit oder Raum. „Exil“ ist geradezu klaustrophobisch. Ist Xhafers Selbstwahrnehmung ein Opfer seiner selbst oder der Gesellschaft? Der Film, ein Psychodrama, lief dieses Jahr auf der Berlinale. Bereits 2018 gewann Morina mit dem Drehbuch die goldene „Lola“ für das beste deutsche Drehbuch.

Der kleine Verleih Déjà-vu bringt einen bemerkenswerten Studentenfilm in die Kinos: „Sebastian springt über Geländer“. Die Szene, eher ein Klettern, kommt recht früh und ist eine greifbare und eine beiläufige. Wie sehr Sebastian nicht aus seiner Welt heraus kann, an anderer Stelle, erfühlt man, und als er doch aufbricht, verspürt man ehrliche Hoffnung. Ceylan Ataman-Checa erzählt in seinem Abschlussfilm an der DFFB, der bereits in Rotterdam in das Bright-Future-Programm aufgenommen worden war, von einem Jungen, von einem Teenager, von einem jungen Mann. Drei Lebensphasen stellt er nebeneinander, Finn Freyer spielt das Kind, Joseph Peschko, eine Entdeckung als Schauspieler, den Älteren. Ataman-Checa hat nicht nur Buch und Regie, sondern auch den Schnitt übernommen. Ruhig und geduldig stellt er diese drei Zeiten gleichberechtigt nebeneinander. Dabei zeigt er uns immer nur kleine Einblicke, die man tadellos selbst ergänzen kann. Der Regisseur haushaltet mit der Filmzeit und hört seinen Figuren gut zu. Dabei ist Sebastian ein leises Kind, das mehr wahrnimmt, als wahrgenommen wird. Als Kind versteckt es sich noch hinter seinen Haaren, als Jugendlicher muss er seine Weltsicht justieren. Ataman-Checa gelingt es, eine Figur zum Leben zu erwecken, die sich nicht einfach anbietet, aber der man Interesse entgegen bringt und gleichzeitig mit ihr etwas von der Welt lernt.

Auf der diesjährigen Berlinale feierte auch der Dokumentarfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ Premiere. Das dokumentarische Porträt ist eine Montage-Biografie der Editorin Bettina Böhler, die mit Christoph Schlingensief zum Beispiel bei „Terror 2000“ zusammengearbeitet hatte. In ihrem Regiedebüt gelingt es ihr, nicht nur das Werk des vor zehn Jahren verstorbenen Regisseurs und Aktionskünstlers zu vermitteln, als würde es es selbst tun. Sie vermittelt mit einer klugen Auswahl und einer kurzweiligen Montage aus seinen Filmen und dem Archivmaterial an Interviews, Aktionen und Talkshows woher er kam, was ihn beschäftigte, wie er arbeitete und welche Zweifel er auch hatte. Hier macht Schlingensief mit all den Anekdoten Spaß und regt immer noch an. Er fehlt, ganz eindeutig. Und Böhlers Film ist sicherlich einer, der es am Jahresende in etliche Top-Listen schaffen wird.

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