Späte Bewegung

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„Nachts, wenn der Teufel kam“ wurde 1958 mit zehn Bundesfilmpreisen gefeiert – bis heute der Rekord bei den „Lolas“. Doch für seine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus war der Regisseur Robert Siodmak selbst auf eine Nazi-Lüge reingefallen. Später distanzierte sich der Hauptdarsteller Mario Adorf von der Rolle, die ihm den Durchbruch bescherte. | Foto © DIF

Die Debatte ist eröffnet: Soll man, darf man, muss man das Filmerbe bearbeiten?

Übers Filmerbe hatten wir in der vorigen Ausgabe berichtet und konnten noch ein Happy End vermelden: Wim Wenders wird sein Frühwerk „Falsche Bewegung“ nicht mehr zeigen lassen, bis er sich mit Nastassja Kinski geeinigt hat. Der Film enthält eine Szene, die es eigentlich gar nicht geben sollte, meint die Schauspielerin. Sie war damals 13 und wurde nicht gefragt. Offen bleibt „die Frage nach dem Umgang mit heute problematischen Bildern des Filmerbes“, schreibt Kira Kramer in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Damit hatte zuvor Wenders begründet, warum er seinen Film nicht korrigieren möchte. Und zugleich die Deutsche Filmakademie um eine Debatte gebeten.

Die soll wohl auch kommen, meldet die Deutsche Presse-Agentur. „Es benötige Zeit und Sorgfalt, sich inhaltlich auf einen fundierten Austausch vorzubereiten, daher sei im September eine Veranstaltung dazu geplant. Möglich ist, dass frühestens ab Herbst dann auch eine Entscheidung gefällt werden könnte, wie mit dem Film weiter umgegangen werden soll.“

Michael Hanfeld ärgert sich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]: „Kommt es dergestalt, […] liefe es doch so, wie Wenders es bei der Verleihung des Filmpreises ausdrückte, als er die Frage nach seiner persönlichen moralischen Verantwortung für die Nacktszene mit einem Kind zu einer scheinbar allgemeinen der Kunstfreiheit machte. Zu fragen wäre dann, was Wenders‘ Entschuldigung bei Nastassja Kinski von diesem Mittwoch wert ist und bedeutet.“

Kritisch sieht’s auch Daniel Kothenschulte in der „Frankfurter Rundschau“. „Wie bei der Berliner Rede rückt er die persönliche Verantwortung in eine gesellschaftliche. Er sieht seinen Film offensichtlich als Teil eines Filmerbes, zu dem auch viele andere Filme gehören, in denen Minderjährige ausgebeutet worden sein könnten oder die heutigen ethischen Standards widersprechen.“ Nicht nur „heutigen“ Standards. Zu diesem Filmerbe gehört zum Beispiel Leni Riefenstahls „Tiefland“: Als Statist*innen zwangsrekrutierte die Regisseurin mehr als einhundert Sinti; die meisten wurden anschließend im Konzentrationslager ermordet. Restaurierung und Digitalisierung des Films wurden 2019 von der FFA im Programm „Filmerbe“ gefördert.

Oder Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“: Als Abrechnung mit dem Nationalsozialismus wurde der Film 1958 mit zehn Bundesfilmpreisen gefeiert – bis heute der Rekord bei den „Lolas“. Bloß war der Regisseur selbst auf eine Nazi-Erzählung reingefallen: der angebliche Serienmörder war bloß ein Sündenbock. Dessen Schwestern protestierten vergeblich gegen den Film. Später distanzierte sich der Hauptdarsteller Mario Adorf von der Rolle, die ihm den Durchbruch bescherte.

Und noch immer feiert die Filmgeschichte die Übergriffe im Namen der Kunst. Valérie Catil nennt in der „Taz“ einige Bespiele, bei denen sie sich fragt: „Warum müssen Frauen ,vernünftig’ über Filme diskutieren, die Gewalt an ihnen legitimieren? […] Diese Szenen herauszuschneiden, wäre keine politisch korrekte Zensur oder ein Symptom moralischer Kleinkariertheit. Die Szenen zeigen Missbrauch an Frauen, festgehalten für die Ewigkeit und verteidigt von einer Kulturbranche, die argumentiert, dass man Kulturrevision betreibe, wenn man solche Filme ändere. Aus der dargestellten Gewalt lernt sie aber nichts.“

Der Medienwissenschaftler Gerhard Schweppenhäuser weiß gar nicht, wo das Problem liegen soll. Schließlich werden Filme häufig im Nachhinein verändert, und „nirgends steht geschrieben, dass ein Director’s Cut länger sein muss als die Kinofassung.“ Zudem kam die strittige Szene in Wenders’ Film in der Buchvorlage gar nicht vor. „Es wäre auch 1975 möglich gewesen, darauf zu verzichten, die spannungsreiche Beziehung des Helden zur äußeren und zur triebhaften inneren Natur anders, sprich: weniger die Schaulust bedienend, zu visualisieren“, schreibt er in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. „Hätte Beethoven sich mit sorgenzerquältem Antlitz vor das Publikum gestellt und gefragt, ob man eine Oper im Nachhinein kürzen kann? So fragte ein Künstler von Beethovens Rang nicht; er straffte und kürzte. Wenders hat die Chance, der Einsicht Rechnung zu tragen, dass auch eine Schauspielerin den Anspruch erheben darf, als Mitautorin des kollektiven Kunstwerks Film anerkannt zu werden. Das Machtgefälle zwischen Regisseur und Aktrice ist kein Wesensmerkmal des Mediums.“

Das ist doch eine Riesenchance für Wenders, findet die Regisseurin Julia von Heinz in einem Gastbeitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ [Bezahlschranke]: „Bisher lautete sein Gegenargument, man richte großen Schaden an, wenn man das Filmerbe verändere. Dabei fertigen sehr viele Regisseure und Regisseurinnen sogenannte Director’s Cuts an, teilweise Jahrzehnte nach der Veröffentlichung der ursprünglichen Filmfassung. Sie möchten ihrem Filmerbe diejenige Version hinzufügen, die sie für die richtige halten. […] Es ist keine grundsätzliche Zerstörung des Filmerbes oder der Kunst an sich, kein alles infrage stellender Vorgang, sondern ein einzelner, symbolischer Akt, der erklärt: Heute sehe ich diese Version meines Films als die richtige an. Damit möchte ich meinem Werk kein Kapitel nehmen, sondern ihm ein Kapitel hinzufügen. […] Wim Wenders hat von Nastassja Kinski ein Geschenk erhalten: Sie sucht den Dialog und ist bereit, über ihre traumatische Erfahrung zu sprechen. Er könnte ihr also den Platz einräumen für ein begleitendes Interview oder einen Essay, in dem sie über diese Dreherfahrung und die Jahre der Auswertung Auskunft gibt. Damit schriebe er weitere Filmgeschichte, modernisierte sein Werk und erreichte womöglich ganz neue Zuschauergruppen. Ich kann mir seine bisherige Sorge um das Filmerbe nur damit erklären, dass sie auf einem Geniebegriff basiert, der annimmt, ein Film käme Frame-genau, also Einstellung für Einstellung, zustande – und diese Form sei die einzig wahre und dürfe nicht verändert werden.“