Machtmissbrauch am Set: Offene Fragen 

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„Manta Manta – Zwoter Teil“, die Aufarbeitung läuft. Constantin-Chef Martin Moskowicz hat inzwischen viele Vorwürfe bestätigt, die er erst abgestritten hatte, und räumt Fehler ein. | Foto © Constantin/Bernd Spauke

Da sind sich alle einig: ein schlechter Umgang am Set darf nicht sein! Auf dem Weg zur Wahrheit stellen sich aber noch einige Fragen.

Übrigens: Beim jüngsten „Fair Film Award Fiction“ im Februar war „Manta Manta – Zwoter Teil“ auf dem letzten Platz gelandet. Schulnote: 3,52. 

Monatelang arbeitete ein Team der „Süddeutschen Zeitung“ an der Recherche zu Til Schweiger. Erst wurde die Veröffentlichung verschoben, dann platzte die Geschichte ganz – und landete beim „Spiegel“. Wie konnte das passieren? Bei „Übermedien“ schildert Lisa Kräher, warum sich die Zeitung am Ende doch nicht traute. Für sie scheint es „vor allem ein hausgemachtes Problem der ,SZ’ gewesen zu sein – eine Mischung aus schlechter interner Kommunikation, zögerlichen Entscheidungen und Vertrauensverlust. Offene Fragen aber bleiben.“ 

Statt auf die eigene Recherche vertraute die Chefredaktion auf Rat von außerhalb und „zog den Anwalt Martin Schippan als juristischen Berater hinzu. Er vertritt die Tageszeitung seit Jahren immer wieder. Eine solche Beauftragung einer externen Kanzlei ist ein normaler Vorgang. […] Schippans Kanzlei arbeitet allerdings nicht nur für die ,SZ‘, sondern vertritt in anderen Angelegenheiten auch Constantin. […] Die Information über diesen möglichen Interessenskonflikt habe die Redaktion aus der SZ-Rechtsabteilung nicht erreicht.“  

Ein Einwand „gegen eine Veröffentlichung war nach Übermedien-Informationen, dass die Berichterstattung über eine mutmaßliche Körperverletzung durch Til Schweiger nicht zulässig sei, weil es weder eine Anklage noch eine Ermittlung gebe. Das wäre ein erstaunliches Argument. Wenn das die Voraussetzung dafür wäre, dass über einen Verdacht berichtet werden darf, könnte man zum Beispiel über die meisten #MeToo-Fälle gar nicht berichten. […] Auch wenn der Anwalt berufsrechtlich korrekt gehandelt haben mag und man ihm nicht unterstellen muss, dass er die ,SZ’ gegen ihre Interessen beraten hat, hat die Sache dennoch einen Beigeschmack. Denn im Ergebnis half Schippans Rat vor allem Constantin: Der Artikel wurde zunächst nicht veröffentlicht. Und kurz vor Kino-Start hätte der Constantin ein Skandal mit ihrem Star besonders geschadet.“ 

Heikel sei vor allem der Umgang mit den Informanten, schreibt Kräher. Durch die Recherchefragen kannten die Constantin Film und Schweiger nun die Vorwürfe und konnten zum Teil nachvollziehen, von wem sie kamen. Zudem sei „nicht auszuschließen, dass Constantin Kontakt mit Quellen der Recherche aufgenommen hat, um zu verhindern, dass sie an die Öffentlichkeit gehen. Das klingt sogar in einem ,SZ’-Interview mit Constantin-Vorstand Moszkowicz [Bezahlschranke] am Freitag an. Nachdem er zugegeben hat, Fehler in der Schweiger-Sache gemacht zu haben, fragen ihn die Interviewer: ,Gehört zu diesen Fehlern auch, dass Sie auf Personen eingewirkt haben, nicht mit Journalisten über Probleme mit Til Schweiger zu sprechen?’ Moszkowicz streitet das ab.“ 

Von „Furcht und Schrecken im deutschen Film“ berichtete Claudius Seidl in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Dafür brauchte er keine große Recherche betreiben: „Es reicht völlig aus, wenn er ein paar Leute aus der Branche, Schauspieler und Regisseurinnen, Crewmitglieder und Produzentinnen trifft oder anruft und nachfragt, wie denn allgemein so die Stimmung sei. Er wird böse, verstörende und empörende Geschichten erfahren. […] Die Fernsehleute haben Angst vor der Willkür inkompetenter Vorgesetzter und vor dem nächsten Kostenkürzungskonzept der Intendanz. Die Kinoleute haben Angst vor beidem: dass die Fernsehleute sich einmischen. Und fast noch mehr davor, dass das Fernsehen kein Geld in Spielfilme mehr investiert. Regisseure haben Angst, das Budget zu sprengen, den Drehplan zu überziehen und vor lauter Druck schlampig zu inszenieren. Und alle anderen, die Autoren und Kameraleute, die Schauspieler und Maskenbildner, sind Freiberufler, die fürchten, keine Engagements mehr zu bekommen, wenn sie erst einmal als Petzen oder Querulanten verrufen sind. Das ganze System ist äußerst fragil.“

Zu Übergriffe und Machtmissbrauch bezieht die Produzentenallianz klar Position: „Als Verband ächten wir sexuelle Belästigung und gehen aktiv dagegen vor“, sagt Geschäftsführer Björn Böhning im Interview mit Thomas Schultze in „Blickpunkt Film“. „Eine systematische Ausbeutung und Machtmissbrauch am Filmset gibt es nicht, es gibt aber systemische Faktoren, die Fehlverhalten erleichtern.“ Dennoch: „Die Arbeitsbedingungen am Set können nicht als Erklärung herangezogen werden, wenn wir von Machtmissbrauch sprechen“. 

Was bereits unternommen wird, bleibt etwas ungefähr – die Produzentenallianz hat rund 320 Mitgliedsunternehmen mit eigenen Regelungen. Doch erstmal stellt sich ein anderes Problem, erklärt Böhning: „Die besten Regeln helfen nicht, wenn Fälle anonym bleiben oder Monate später erst angezeigt werden. […] Diese Fragen müssen wir uns stellen: Wie kann die schnelle, gern auch anonyme, Meldung gelingen? Und wie können wir dazu ermutigen?“ 

Auch der Deutsche Drehbuchverband hatte sich vorige Woche zum „Fall Til Schweiger“ gemeldet. „Verwiesen wird in diesem Zusammenhang häufig auf die katastrophalen Bedingungen, unter denen Filme hierzulande realisiert werden müssen, und auf den Erfolgsdruck, der bedenkliche Verhaltensauffälligkeiten geradezu zwangsläufig provoziere.“ Der Verband unterstütze „Forderungen nach besseren Bedingungen zur Herstellung von Filmen, möchte aber auch klarstellen, dass es für grobes Fehlverhalten und Machtmissbrauch keine Entschuldigungen gibt. Weder miese Drehbedingungen noch die Angst vor Misserfolgen rechtfertigen Umgangsformen, die Mitarbeiter*innen schaden oder sie persönlich herabsetzen. Es darf nicht sein, dass die auch in der Filmbranche überfällige Diskussion über Machtmissbrauch zu einer Debatte über strukturelle und finanzielle Defizite verniedlicht wird.“

Willkür und Regelverstöße seien schlimm genug, so der DDV. „Viel schlimmer jedoch ist die Tatsache, dass dieses Fehlverhalten von den Auftrag gebenden Produktionsfirmen und beteiligten Partnern (wie zum Beispiel auch Sendern) geduldet und gedeckt wird. […] Nicht minder skandalös als das skandalöse Verhalten einzelner Filmset-Potentat*innen ist deshalb auch die Tatsache, dass im Prozess der Filmherstellung vielerorts eine Kultur des Wegschauens und verordneten Schweigens vorherrscht, eine Kultur, die es Tätern leicht und Opfern schwer macht. Hinweise auf eklatantes Fehlverhalten wurden auch im Fall Til Schweiger viel zu lange ignoriert, solange, bis die Betroffenen keinen anderen Ausweg mehr sahen, als sich an Journalist*innen zu wenden. Das ist seitens der verantwortlichen Produktionsfirmen nicht nur verantwortungslos und schäbig gegenüber den eigenen Mitarbeiter*innen, sondern auch gegenüber Täter*innen, denen man – auch um sie vor sich selbst zu schützen! – schon sehr viel früher ihre Grenzen hätte aufzeigen müssen.“

Bisher in dieser Rehe erschienen:

Machtmissbrauch und die Kultur der Stille

Schlechtes Arbeitsklima: Systemfehler oder Einzelfall?

Klima der Angst

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