Systemfragen: deutsch oder international?

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Nicht nur „Asterix“-Fans kennen die Zeilen zu diesem Bild. So ähnlich stellt sich zurzeit die deutsche Filmbranche dar, findet die Assistant Directors Union: „Drehen hat sich seit den 1950er-Jahren in Deutschland massiv verändert – lediglich das Drehsystem ist nicht mit der Zeit gegangen.“ | Illustration © Ehapa

Das AD-System ist keineswegs gescheitert, sagt die Assistant Directors Union (ADU). Sondern internationaler Standard. Und der funktioniere auch in Ländern, die beim Filmemachen kleiner denken müssen. Auf „Outtakes“ antwortet der Verband ausführlich auf „mehrere fragwürdige Aussagen“ der vergangenen Wochen.

Als Berufsverband für alle szenisch arbeitenden Regieassistent*innen, Assistant Directors (AD) und Production Assistants (PA) sind uns als ADU in der vergangenen Woche gleich mehrere fragwürdige Aussagen von unterschiedlichen Personen zum „internationalen Drehsystem“ aufgefallen, die wir nicht unkommentiert lassen wollen. Zum einen sind im BVR-Grußwort des Regisseurs Rainer Matsutani zur sogenannten „Showrunner“ Position erstaunliche Behauptungen gespickt mit Seitenhieben auf das internationale Drehsystem zu finden. Aber auch die Aussagen von Kirsten Frehse, Herstellungsleiterin bei der Degeto, zeichnen ein gefährlich falsches Bild, das uns um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Filmbranche bangen lässt.

Ist das „AD-System“ in Deutschland gescheitert? So behauptet es Rainer Matsutani. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Die ADU hat sich vor drei Jahren mit dem konkreten Ziel gegründet, das „AD-System“ in Deutschland zu fördern und Kolleg*innen in diesem internationalen Dreh-System auszubilden. Der Verband hat inzwischen 120 Mitglieder, was in etwa der Hälfte der bei Crew United gelisteten, szenisch arbeitenden Regieassistent*innen, AD und PA in Deutschland entspricht. Einige unserer Mitglieder drehen ausschließlich oder überwiegend Projekte im sogenannten „AD-System“, somit haben zum Beispiel etwa 45 von diesen 120 Mitgliedern in den letzten Jahren ausreichend viel Erfahrung auf den AD- und PA-Positionen in Projekten im internationalen System gesammelt, um diese Berufstitel in der ADU und auf der ADU-Website zu führen.

Sind das nun alles „Schönheitschirurg*innen“- um es mit Matsutanis Worten zu hinterfragen, also Regieassistent*innen, die sich den Titel des AD aneignen, weil dieser (ähnlich wie der Schönheitschirurg*innen-Titel) keine geschützte Berufsbezeichnung ist? „Jeder deutsche Regie-Assistent darf behaupten, er sei ein ,First AD’, was in den allermeisten Fällen Etiketten-Schwindel ist“, behauptet er in seinem Grußwort.

Die Realität sieht anders aus: Wenn wir als ADU von einem „AD-Projekt“ sprechen, dann bedeutet dies, dass das Drehsystem dem Standard entspricht, der weltweit in dieser Form zum Einsatz kommt. Auch Crew United überprüft zum Beispiel Titel, die in ihrer Datenbank eingegeben werden, und vergibt AD-Titel nur, wenn es sich um ein Projekt handelt das tatsächlich in der internationalen Produktionsstruktur umgesetzt wurde. 

Wir als ADU gehen zunehmend dazu über, vom „Internationalem Drehsystem“ statt vom „AD-System“ zu sprechen. Zum einen, um es vom deutschen Aufnahmeleitungs-/Regieassistenz-System abzugrenzen. Zum anderen, um zu verdeutlichen, dass es falsch ist, das als „amerikanisches 1st-AD-System“ zu bezeichnen: 

Es geht in der Regel nicht darum, eine*n 1st AD auf dem Projekt zu besetzen, sondern die gesamte Produktionsstruktur muss dem internationalen System entsprechend aufgestellt werden, damit das System funktioniert – nämlich mit Line Producer, Production Manager, Unit Manager, Transportation Captain und der AD-Abteilung: 1st, 2nd und 3rd AD.

Auch die Bezeichnung „amerikanisch“ führt irre. Das System kommt nicht nur in den USA zum Einsatz, sondern überall auf der Welt: in ganz Ost- und Südeuropa, Großbritannien, Afrika, Südamerika, Kanada und Australien nur um einige Regionen zu nennen.

Die Nachfrage, dieses System zu erlernen, zu verstehen und zu verwenden, ist in Deutschland ( entgegen den Aussagen von Matsutani) sehr groß und wächst ständig: Die ADU hat in zwei Jahren zwei Online-Seminare zum Thema „Internationales Drehsystem“ abgehalten. Beide Veranstaltungen waren gut besucht und das von sämtlichen Berufsgruppen: Regieassistenz, Aufnahmeleitung, Setaufnahmeleitung, Poduktions- und Herstellungsleitung, HL, Line Producer, Producer und Regie. Das zweite Seminar wurde in Kooperation mit einem erfahrenen Line-Producer entwickelt, der als Co-Dozent das Seminar speziell mit Schwerpunkt auf die Änderungen in der Struktur beziehungsweise Verschiebung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Produktions-Berufe konzipiert hat.

Auch der Bundesverband Herstellungsleitung und Produktionsleitung (BHP) hat begonnen, seine Mitglieder auf internationale Drehszenarien und speziell Drehs im internationalen System vorzubereiten. Dazu hat er dieses Jahr ADU-Mitglieder als Experten zu einem Online-Seminar seines Berufsverbandes eingeladen, um das internationale Drehsystem zu erläutern und die Unterschiede zu beschreiben.

Warum ist die Nachfrage so groß? In Zeiten, in denen die Film- und Fernsehbranche (auch in Deutschland) zunehmend globaler agiert, ist es selbstverständlich, dass wir verstärkt in dem System drehen, das auch außerhalb Deutschlands verbreitet ist, dort verstanden und umgesetzt werden kann. Dieser Trend zeigt sich längst schon bereits bei günstigeren Formaten (wie etwa einem Istanbul- oder Irland-Krimi) bis hin zu größeren, historischen Serienproduktionen oder Kinofilmen. Noch weiter befeuert wurde er durch die Steamer, die sowohl länderübergreifend produzieren, als auch vermehrt internationale Koproduktionen nach Deutschland bringen.

In fast jedem Land außerhalb Deutschlands und Österreichs ist das internationale Drehsystem das einzig bekannte Arbeitssystem. Unser AL-/RA-System ist außerhalb unseres Sprachraums unbekannt und kommt dort, außer bei deutschen Produktionen, niemals zum Einsatz. Lediglich Frankreich hat auch ein eigenes Drehsystem – das aber ist in seiner Struktur sehr eng verwandt mit dem internationalen Drehsystem.

Aber nicht nur länderübergreifende oder Auslandspoduktionen werden im internationalen System gedreht. Auch viele Projekte, die eine gewisse Größe und Komplexität aufweisen, lassen sich im internationalen System deutlich effizienter umsetzen als im AL-/RA-System. Dies passiert in Deutschland, vor allem im Serienbereich, bereits ständig und ist ein etabliertes Vorgehen. Eine kleine Auswahl an Serien, die in den letzten Jahren ausschließlich im internationalen System gedreht wurden: „Dark“, „Das Boot“, „Babylon Berlin“, „Sløborn“, „Biohackers“ (1. Staffel), „1899“, „Charite“, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ … 

Hinzu kommen unzählige deutsche Kinofilme und auch internationale Projekte, die teils oder komplett in Deutschland gedreht wurden oder deutsche Beteiligungen hatten und ausschließlich im internationalen Arbeitssystem angefertigt wurden und werden: „München – Im Angesicht des Krieges“, „Blood Red Sky“, „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, „Stowaway – Blinder Passagier“, „Lassie – Eine abenteuerliche Reise“, „Im Westen nichts Neues“ …

Von der Degeto wiederholte Kirsten Frehse ein oft gehörtes Argument: „Wir sind in Deutschland sehr auf Effizienz getrimmt. Wir haben im Vergleich zu amerikanischen Drehstäben zum Beispiel deutlich kleinere Stäbe. Wir haben in der Regel auch weniger Drehzeit als amerikanische Serien, auch weniger Budget.“ 

Das ist falsch und fördert ein deutschlandweit verbreitetes Vorurteil. In jedem Land werden Filme mit kleinen Budgets gedreht, natürlich auch in den USA, und mit Sicherheit in all unseren europäischen Nachbarländern; da ist Deutschland keine Ausnahme. Doch in keinem Land wird darüber nachgedacht, zum deutschen Drehsystem zu wechseln – mit der Begründung, das internationale System sei mit einem kleinen Budget nicht umsetzbar.

Es lohnt sich, das internationale System einmal genauer anzusehen, und sich der Möglichkeit der flexiblen Teamaufstellung, der Modularität und vor allem der produktionellen Kontrolle bewusst zu werden, die dieses System bietet. Dafür allerdings braucht es den Willen, sich Neuerungen zu öffnen und angelernte Arbeitsweisen auf ihre Effizienz und Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Das internationale Drehsystem ist auf jedes Projekt, jedes Budget und jede Projektanforderungen individuell anpassbar – anders als das deutsche Drehsystem, das immer gleich strukturiert ist. Ohnehin kam es bei den meisten größeren deutschen Produktionen in den jüngsten Jahrzehnten zu einer Erweiterung durch viele aus dem internationale Drehsystem entlehnte Positionen: Die Motivaufnahmeleitung, die Produktionskoordination, die Set-AL-Assistenz an der Base, die 3. Regieassistenz bei historischen Projekten oder langen Serien und viele mehr. Alles Berufe, die im deutschen AL-/RA-System weder vorgesehen noch bei der Einführung nötig waren. Doch Drehen hat sich seit den 1950er-Jahren in Deutschland massiv verändert – lediglich das Drehsystem ist nicht mit der Zeit gegangen.

Das internationale Drehsystem ist speziell für die Herstellung von Kino- und Fernsehfilmen und -serien entwickelt worden. Das deutsche AL-/RA-System wurde aus der Liveaufnahme von Theaterstücken und Showsendungen abgeleitet. 

Worin liegt der Unterschied der beiden Arbeitssysteme? In Deutschland sind wir gewohnt, zwischen der „Kreativ-Abteilung“ (sprich Regie und Regieassistenz) und der „Logistik-Abteilung“ (sprich Produktions- und  Aufnahmeleitung) zu unterscheiden: die Einen inszenieren, die Anderen „leiten die Aufnahme“. Diese Abgrenzung gibt es so im internationalen System nicht. Dort gibt es keine Aufnahmeleitung. Die AD sind im internationalen Arbeitssystem Teil der Produktionsabteilung und stehen somit im engen Austausch mit den Producern, den Line Producern und Production Managern. Die gesamte Logistik wird von verschiedenen AD geplant, überwacht und durchgeführt, womit diese ausschließlich „in einer Hand“ liegt. Durch die enge Zusammenarbeit und ständige Absprache zwischen allen ist das internationale System deutlich weniger anfällig für Missverständnisse und Fehler.

Es scheint, als ob durch diesen Systemunterschied (also der Auflösung der uns bekannten Produktions-/Regie-Dichotomie) die Regie einen ihrer engsten Partner verliert: die Regieassistenz. Und auch die Produktionsleitung: nämlich die 1. Aufnahmeleitung und die Set-Aufnahmeleitung. 

Der Vorteil ist jedoch, dass die Regie mit den AD starke Entscheidungsträger an ihrer Seite gewinnt, die sämtliche produktionellen Abläufe überblicken und somit ein viel stärkerer Partner in der Umsetzung des Filmes sind. Dies gilt genauso für die Production Manager und Line Producer: Als Teil der Produktionsabteilung hat das AD-Department den Überblick über die gesamte Umsetzung bis ins Detail und liefert somit sämtliche Informationen, um das Budget so sinnvoll und effizient wie möglich einzusetzen. 

Auch die bei uns so wohl bekannte und häufig anzutreffende Feindbild-Struktur „Regie gegen Produktion“ (oder umgekehrt) hat im internationalen Dreh-System einen schweren Stand: Die 1st AD sind die Vertretung der Line Producer beziehungsweise der Produktion am Set und sind trotzdem mit unter den engsten Mitarbeiter*innen und Vertrauten der Regie.  

 

Eine Chance für die deutsche Filmbranche? Leider ist die Meinung weit verbreitet, durch das internationale Drehsystem würden die Jobs von Aufnahmeleiter*innen nicht mehr benötigt. Eine Fehleinschätzung. 

Auch Matsutani spricht von „strukturellen Beharrungskräften“: „Im Falle des amerikanischen 1st-AD-Systems ist die Einführung gescheitert: die deutschen Produktionsleiter und Aufnahmeleiter haben sich ihre Kompetenzen nicht beschneiden lassen.“ Das ist in vielerlei Hinsicht mit Vorsicht zu genießen. Ganz abgesehen davon, dass wieder einmal irreführend vom „amerikanischen 1st-AD-System“  gesprochen wird, sehen wir eine starke Einsatz- und Entwicklungschance für alle Aufnahmeleiter*innen und Produktionsleiter*innen im internationalen Arbeitssystem. Keinesfalls teilen wir die Ansicht, dass bei Anwendung des internationalen Drehsystems die deutschen Kolleg*innen in ihrem Bereich „beschnitten“ oder sogar „aussortiert“ werden. 

Teile des Aufgabenbereichs einer 1. AL aus dem deutschen System überschneiden sich mit denen der Production Manager und auch der 2nd AD im internationalen System. Ähnlich ist die Situation bei den Produktionsleiter*innen und den Line Producern. Auch Set-AL können sehr schnell auf der Position der 3rd AD Floor arbeiten und bringen viele Qualitäten mit, welche ihnen eine Grundlage bieten, 1st AD zu werden. Wer sich mit beiden Systemen genauer auseinandersetzt, erkennt schnell, dass wir in sehr vielen Bereichen über Verschiebungen der Aufgaben und Verantwortungen sprechen, keinesfalls von „Beschneidung“ oder gar „Degradierung“. Meist geht es bei den erwähnten Positionen sogar um „Aufwertungen“. 

 

Lernen. Verändern. Verbessern. Als Berufsverband aller RA und AD ermöglichen wir unseren Mitgliedern durch Seminarreihen Fort- und Weiterbildungen, vor allem im internationalen Drehsystem, aber auch zu vielen anderen Themen. Trotzdem gibt es in  Deutschland bisher keine einheitliche und praxistaugliche Ausbildung in unseren Berufsgruppen.

Hier zeigt sich ein weiterer, entscheidender Vorteil des internationalen Arbeitssystems: Die Ausbildung erfolgt für die Produktionsberufe innerhalb der angewandten Arbeit. Das System in seiner hierarchischen Struktur innerhalb des Produktions- und AD-Departments beinhaltet natürliche und logische Aufstiegsmöglichkeiten, bei der die unteren Positionen immer der Position auf der nächsten Hierarchie-Stufe zuarbeiten. Dadurch erhalten sie Einblick in das, was als nächstes auf sie zukommt. Im AD-Bereich arbeitetet man sich klassisch in der Hierarchie nach oben: vom AD-PA zum 3rd AD; nachdem man mehrere 3rd Positionen durchlaufen hat, meist zum Crowd 2nd; dann zum Key 2nd und letztlich zum 1st AD. Man sieht vom ersten Tag als AD-PA den 1st AD bei der Arbeit zu, hat sie als direkte Vorgesetzte und lernt in der Praxis von ihnen. 

Vergleichbares passiert in den „Office“-Berufen der Produktionsabteilung: Vom Office-PA über Transport zur Production Coordination, dann zum Production Management funktioniert das System ähnlich – man arbeitet den direkten Vorgesetzten zu und lernt von diesen, bis man auf die nächste Ebene aufsteigt.

Wir als Verband sehen unter anderem hier einen der großen Vorteile des internationalen Systems und begrüßen den Trend, dass immer mehr Projekte in Deutschland das System ausprobieren oder ihre Projekte in diesem umsetzen. Nichtsdestotrotz ist uns natürlich bewusst, dass es ein langsamer Übergang vom deutschen zum internationalen Arbeitssystem ist. Das liegt vor allem am allgegenwärtigen Fachkräftemangel in der Filmbranche, mit dem sich nicht nur unser Berufsstand der Regieassistent*innen, AD und PA konfrontiert sieht, sondern von dem die Produktionsabteilung mindestens ebenso stark betroffen ist. 

In diesem Zusammenhang sollten wir auch begreifen, dass zum Beispiel die ukrainischen Filmschaffenden, die nach Deutschland geflüchtet sind, mit ihrer Erfahrung eine Perspektive für den deutschen Filmarbeitsmarkt darstellen. Entgegen der Aussage von Frehse, die der Ansicht ist, den Kolleg*Innen das „Kleinerdenken“‘ vermitteln zu müssen, sollten wir die Bereitschaft haben, uns von ihnen inspirieren zu lassen. Deutschland ist unserer Meinung nach mitten im Wandel hin zum internationalen System und kann sich über den Zuwachs durch Kolleg*innen aus der Ukraine und auch jegliche andere eingewanderte Nationalität glücklich schätzen. Wir sehen hier für unsere Berufsgruppe und die deutsche Filmlandschaft die große Chance, von professionellen Kolleg*Innen zu lernen und mutig den Schritt zum internationalen Arbeitssystem zu gehen. Denn dort liegt unserer Ansicht nach die Zukunft des Deutschen Films. 

 

 

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