Für den Nachwuchs müsste viel mehr getan werden! Auf dem Filmfest München stellte der Produzentenverband die Zahlen zur These vor. Von links: Moderator Urs Spörri und die Leiterinnen der Nachwuchssektion im Produzentenverband, Alexandra Krampe und Saralisa Volm. | Foto © Kurt Krieger

Die erste Studie zur Situation und Förderung der Nachwuchsfilmschaffenden hat der Produzentenverband vorgestellt. Sie „zeigt nun faktenbasiert systemische Schwachstellen auf.“ 

Eigentlich und insgesamt scheint für den Filmnachwuchs doch alles zu laufen. Zahlreiche Filmhochschulen bilden in Deutschland aus, Sender reservieren Programmplätze für die Debüts, Förderer einen Teil ihrer Budgets … Ein anderes Bild zeigt der Produzentenverband, nach eigenen Angaben „die maßgebliche Vertretung der unabhängigen Kino-, Streaming- und Fernsehproduzent*innen in Deutschland“. Auf dem Filmfest München stellte der Verband vorigen Mittwoch seine „Nachwuchsstudie“ vor – die erste Studie zur Situation und Förderung der Nachwuchsfilmschaffenden in Deutschland.

Zwischen August und November 2020 wurde eine „Stichprobe“ von 488 Nachwuchs-Filmschaffende und Absolvent:innen der Bereiche Regie, Drehbuch und Produktion befragt. Ebenso die Förderer, Sender (private und öffentlich-rechtliche), Streamer, Verleiher und Filmhochschulen. Die Zahlen sollen die Grundlage für einen „breit angelegten Branchendialog“ bieten, der in den kommenden Monaten unter dem Banner „Zukunft Nachwuchs“ stattfinden werde, so der Produzentenverband. „In kollaborativen Formaten und einem ergebnisoffenen aber ergebnisorientierten Prozess“ gemeinsam an bessere Bedingungen gearbeitet werden – „für mehr Kreativität, Innovation und Diversität“, und um „dem filmischen Nachwuchs zu ermöglichen, nachhaltig in der Branche Fuß zu fassen.“ Denn die Hindernisse seien seit seit Jahren dieselben, meinen die Leiterinnen  der Nachwuchssektion des Produzentenverbands.
„Sowohl an den Filmhochschulen, als auch bei den Quereinsteigern ist großartiger Nachwuchs zu finden“, sagt Volm im Interview mit „Medienpolitik“. „Ihre Erfolge auf Festivals wie auch beim Publikum bestätigen das. Die Nachwuchsstudie zeigt jedoch, dass ihnen der Zugang zur Branche sehr schwer gemacht wird und unter extremen Bedingungen produziert werden muss. Wer sich das finanziell nicht leisten kann, seinen Lebensunterhalt und die Herstellung eines Films aus anderen Quellen zu finanzieren, verliert, unabhängig vom Talent.“ 

Und Krampe: „Als Nachwuchssektion des Produzentenverbandes hatten wir das Gefühl, dass es der Nachwuchsförderung in der jetzigen Form nicht ausreichend gelingt, den vorhandenen Talenten wirklich Mittel zu geben und Freiräume zu ermöglichen, um sich zu entfalten und zu etablieren. Als Interessenvertretung des Nachwuchses versuchen wir seit einigen Jahren auf Probleme der Nachwuchsförderung, vor allem auch für Nachwuchsfirmen, hinzuweisen. Bislang konnten wir nur aus Erfahrungen und Beobachtungen heraus argumentieren. Die Notwendigkeit einer bundesweit ersten Studie zur Situation und Förderung des filmischen Nachwuchses in Deutschland, ist eine Idee, die wir bereits vor der Sektionsgründung gemeinsam mit anderen Nachwuchsproduzenten entwickelt haben und die von uns dann in den Produzentenverband mitgenommen und weiterverfolgt wurde. Die vorliegende Studie zeigt nun faktenbasiert systemische Schwachstellen auf.“

Ein Beispiel aus der Studie: Auf Bundesebene stehen bei der Drehbuchförderung Hürden wie eine Auszeichnung mit dem „Deutschen Drehbuchpreis“ oder dem Kurzfilm-„Oscar“, die viele Autor*innen am Anfang der Karriere „ausschließen könnten.“

Schon bei der Definition wird’s schwierig, erklärt die Studie: Förderer und Sender verwenden unterschiedliche Begriffe (wie Nachwuchs, Erstlingsfilm und Debüt), die unterschiedlich definiert werden und sich auf unterschiedliche Positionen (nämlich Regie, Produktion oder Drehbuch) fokussieren. „Überwiegende Einigkeit besteht darin, dass als Nachwuchs sowohl Absolvent*innen wie auch Quereinsteiger*innen gefördert werden können.“ 

Auch da gibt es Unterschiede: Nur ein Sechstel der Befragten, deren Projekte im Jahr 2019 von Sendern redaktionell betreut und ganz oder teilweise finanziert wurden, waren Quereinsteiger*innen – bei Förderinstitutionen war deren Anteil mehr als doppelt so hoch. „Die Mehrheit der realisierten ersten Langfilme der an der Studie teilnehmenden Filmschaffenden entstand außerhalb eines Nachwuchsprogramms“ der Sender.

Von den 14 Sendern, die mitmachten, gaben 9 an, über eigene Nachwuchsförderstrukturen zu verfügen. „Fast alle befragten TV-Sender haben eine bestimmte Uhrzeit, zu der Nachwuchsfilme im linearen Programm gezeigt werden. In der Regel startet die Ausstrahlung zwischen 22 Uhr und 0:30 Uhr. Nur ein TV-Sender gab an, Nachwuchsfilme vor 22 Uhr auszustrahlen.“

Aber auch bei den Förderern ist noch Luft nach oben: Knapp 50 Millionen Euro gingen 2019 an Nachwuchsprojekte. Das seien zwar rund 3 Millionen weniger als im Jahr zuvor – aber auch 24 Millionen mehr als noch 2010, so die Studie: „Das entspricht einer ungefähren Verdoppelung seit 2010“. Trotzdem: Nachwuchsproduktionen erhalten nun gerade mal  8 Prozent des gesamten Fördervolumens Deutschland – mehr als die Hälfte davon stellen die regionalen Filmförderungen. Nur 4 der 16 befragten Institutionen haben nach eigenen Angaben ein festes Budget zur Nachwuchsförderung, erklärt die Studie. Die anderen fördern Nachwuchsprojekte „nach Antragslage oder in nicht genauer definiertem ,angemessenen Umfang‘. Auf Bundesebene hat nur das Kuratorium junger deutscher Film ein Budget zur Nachwuchsförderung. Hier wurden im Jahr 2019 im Bereich Talentfilm Förderungen in Höhe von insgesamt 225.000 Euro vergeben.“

Das durchschnittliche Produktionsbudget des ersten Langfilms liegt laut Studie bei 752.500 Euro. Deutlich niedriger liegt allerdings der Medianwert von 400.000 Euro, der genau die Mitte aller Angaben wiedergibt und Ausreißer vermeiden soll. Warum das wichtig ist, verrät das Jahr 2015: Da hatten Nachwuchsfilme einen zwei- bis viermal so hohen Umsatz gemacht wie in den anderen Jahren. Grund für das Rekordergebnis ist der Publikumshit „Fack Ju Göhte 2“, der dritte Langfilm des Regisseurs Bora Dagtekin – und daher im Rahmen der Studie noch ein Nachwuchsfilm (und übrigens mit insgesamt 3,8 Millionen Euro gefördert).

2019 war fast jeder vierte Kinostart ein Nachwuchsfilm (ein Drittel davon „mit deutscher Beteiligung“). Fast 36 Millionen Euro hatten sie an der Kinokasse umgesetzt. Kein beeindruckendes Ergebnis: eine Milliarde Euro war der  Gesamtumsatz der Kinostarts. Den bestreiten freilich vor allem Filme aus Hollywood. Nimmt man vergleichbare Zahlen (also nur die Filme, die auch ins deutsche Fernseh- und Fördersystem passen), sieht es schon anders aus: „2019 wurden zuletzt insgesamt 4,8 Millionen Tickets für deutsche Nachwuchsfilme an den Kinokassen verkauft, dies waren 19 Prozent aller verkauften Tickets für deutsche Kinofilme.“ Ihr Anteil an den Fördertöpfen ist nicht mal halb so hoch.

400.000 Euro ist das mittlere Budget der Nachwuchsfilme laut Studie. „Die Herstellungskosten eines deutschen Kinofilms außerhalb des Nachwuchsbereiches lagen im Vergleich dazu 2017 bei durchschnittlich 2,2 Millionen Euro. Ein FFA-geförderter Film hatte im gleichen Jahr ein durchschnittliches Budget von 5,22 Millionen Euro. Die Budgets der Fernsehfilme von ARD und ZDF liegen aktuell zwischen 1,54 Millionen und 1,9 Millionen Euro.“ Die späteren Antworten zur Handhabung von Honoraren und Gagen kann man sich vorstellen. 

Für Nachwuchsfrauen darf’s sogar gerne noch ein bisschen weniger sein: „Das durchschnittliche Produktionsbudget des ersten Langfilms von Produzentinnen liegt rund 350.000 Euro unter dem Budget der männlichen Kollegen.“ Die Folgen lassen sich aus einer anderen Antwort erahnen: Fast jede Vierte der befragten Nachwuchs-Produzent*innen habe nach dem ersten Langfilm keine weiteren Filme mehr produziert.

Doch auch bei den anderen ist die Begeisterung verhalten. Nur 4 von 100 Befragten betrachten die Entwicklungschancen als „sehr gut“, 25 als „eher gut“. Doch der überwiegende Rest von 69 schätzt „die allgemeinen Entwicklungschancen innerhalb der Filmbranche in Deutschland als eher schwierig oder sehr schwierig ein.“

Woran liegt’s? Die Liste der Probleme, die genannt wurden, ist lang. Ganz oben steht die „fehlende Risikobereitschaft in der Branche“ (78,6 Prozent), es folgen lange Entscheidungszeiträume der  Sender (68,3 Prozent) und lange Finanzierungszeiträume (64,5 Prozent). „49,5 Prozent benennen hohe Eintrittsbarrieren als Problem, unabhängig davon, ob sie männlich, weiblich, Absolvent*in oder Quereinsteiger*in sind. Auch haben sie das Gefühl, dass die Aufmerksamkeit für den Nachwuchs in der Branche insgesamt ungenügend ist. Eine fehlende Nachwuchsförderung des Bundes benannten 43 Prozent der Befragten.“ Ein wenig mehr, nämlich 43,5 Prozent, thematisieren die mangelnde Diversität, 40,7 Prozent die fehlende Chancengleichheit der Geschlechter – dies wurden sogar von 56 Prozent der befragten Frauen benannt. 

Entsprechend sind die Wünsche zur Verbesserung. Genannt wurden vor allem alternative und schnellere Finanzierungsmöglichkeiten, mehr kreative Freiräume, mehr Transparenz im Fördersystem, eine stärkere Drehbuch- und Stoffentwicklungsförderung und insgesamt mehr Geld. „Wiederholt thematisiert in der Befragung wurde das Fehlen einer gezielten Nachwuchsförderung im Bereich Animation“, merkt die Studie an.

Anderswo ist man schon weiter. Andere europäische Staaten hätten schon vor der Pandemie 5-Jahres-Pläne für ihre Filmwirtschaft entwickelt. „Nachwuchsförderung war stets wichtiger Teil der Konzepte“, so die Studie. Großbritannien, Dänemark und die Niederlande werden als Beispiele und Anregung vorgestellt: „Eine solche Zukunftsagenda zur Stärkung der Filmwirtschaft wäre auch in Deutschland wünschenswert und notwendig, nicht zuletzt, da zum Beispiel die pandemiebedingt verschobene Novellierung des Filmförderungsgesetzes ansteht.“

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