Sorry, das Bild muss so sein. Schließlich war „Titane“ der gewagteste Film des Festivals und umstritten wie kein anderer, schwärmen vor allem die Kritiker. | Foto © Carole Bethuel

Wie war’s in Cannes? Die Feuilletons begeistern sich an der „Goldenen Palme“. Am Festival selbst gibt’s manches zu mäkeln.

Die Filmfestspiele von Cannes gingen am Samstag zu Ende, und Jurypräsident Spike Lee machte 48 Sekunden Filmgeschichte, als er gleich zu Beginn der Gala den Hauptgewinn ausplauderte. Zum zweiten Mal in 74 Ausgaben hat eine Frau die „Goldene Palme“ erhalten. Die erste hatte 1993 Jane Champion mit „Das Piano“ gewonnen, aber die musste sich den Preis damals noch teilen. Julia Ducournau hat ihn alleine gewonnen: Mit „Titane“, ihrem zweiten Langfilm, war die 37-jährige Französin eine von vier Regisseur*innen im Wettbewerb mit 24 Filmen.

Rüdiger Suchsland zieht in der letzten Folge seines Cannes-Tagebuchs auf „Artechock“ den Vergleich, denn „Titane“ sei „unbedingt etwas anderes als ,Das Piano‘, jener mir persön­lich immer schon etwas zu gediegene, zu pseudo-poetische Film, der bisher den einzigen Gewinn einer ,Goldenen Palme‘ durch eine Frau markierte. Auch das war ein Film, der vor allem wie die sehr ausge­dachte Illus­tra­tion aller möglicher Theo­rie­mo­delle der 80er-Jahre wirkte. Und zugleich plumpen Vorur­teilen in die Hände spielte: Frauen sind poetisch, Frauen sind gefühl­voll, schien dieser Film zu sagen, Frauen sind eben, wie wir Männer uns Frauen so vorstellen. Genauer gesagt: Angeblich so vorge­stellt haben. Denn auch wir Männer wussten es schon immer besser. ,Titane‘ dagegen sprengt Modelle und Vorstel­lungen. Unter anderem gemeinsam mit den anderen drei Wett­be­werbs­filmen, die von Frauen gemacht wurden, und den diversen Filmen von Regis­seu­rinnen in anderen Reihen, sprengen sie auch jede Vorstel­lung, dass es so etwas gäbe wie einen weib­li­chen Blick. Diese Vorstel­lung ist Unsinn. Es hätte das Festival dazu nicht gebraucht, aber auch Cannes beweist: Es gibt keinen weib­li­chen Blick! Es gibt viele Blicke von vielen Indi­vi­duen, unter anderem von Frauen. Aber es gibt nichts, was ,Titane‘ mit ,The Story of My Wife‘ von Ildiko Inyedi vebindet und diese Filme wieder mit ,La Fracture‘ von Catherine Corsini und diesen wiederum mit Mia Hansen-Løves ,Bergman Island‘.“

Das ist auch der „Taz“ aufgefallen: „Während der Film ,Das Piano‘ der Neuseeländerin Campion leise, poetische Töne anschlug, ist das Fantasydrama von Ducournau gespickt mit rohen, gewalttätigen Szenen. Der Film schockt und passt so gar nicht in das Raster der bisherigen Cannes-Preisträger.“  

„Die Palme für diesen Film ist ein Weckruf an das Kino“, schreibt „Die Welt“: „Ein Horrorfilm, ein absolut wilder Ritt, der kühnste Film, der an der Côte d’Azur siegte, seit Jurypräsident Clint Eastwood vor 27 Jahren ,Pulp Fiction‘ durchsetzte – und der erst zweite Palmen-Film einer Regisseurin. Die Französin Julia Ducournau ist 37, und ihr Film reflektiert all die aktuellen Debatten: Feminismus, Auflösung der Körper, fließende Geschlechtergrenzen, die Männer in ihrem verunsicherten Selbstverständnis. Zugleich ist der Film völlig frei von jedem theorielastigen Diskurs, er ist pure Emotion, permanentes ungläubiges Staunen. Eine Tour de Force, wie man sie seit langem nicht mehr im Kino gesehen hat, mit einer unglaublich mutigen Hauptdarstellerin namens Agathe Rousselle, die noch keinen Film vorher gemacht hatte und sich und ihren Körper absolut rücksichtslos einsetzt, rücksichtslos gegen sich selbst, weit radikaler noch als einst Sigourney Weaver in ,Alien‘.“

„Der gewagteste Film des Festivals“, bringt auch die „Frankurter Rundschau“ ins Schwärmen: „Umstritten wie kaum ein Film des Festivals, kann es auch kein zweiter mit der verwegenen Kraft von ,Titane‘ aufnehmen: Verführerisch wie ein schwüler Alptraum folgt er der surrealen Entwicklungsgeschichte einer androgynen Frauenfigur, stählern und gleichwohl zerbrechlich. Eines weiblichen Terminators, zu brutalen Morden fähig, der Sex mit Autos hat, aus dessen Brüsten Motoröl tropft. Und der, als er in die Rolle eines männlichen Opfers schlüpft, die kompromisslos-unschuldige Liebe des Vaters findet. Wer das alles schier unglaublich findet, unterschätzt die Kraft des Kinos: Ducournaus Aneignung des Genres gelingt auf der Basis einfühlsamer Schauspielerführung und formaler Kraft.“ 

Ob die Palme gerechtfertigt ist, darüber würde die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gerne streiten. Sie belohne „weniger ein Meisterwerk des Kinos als einen Film, der mit konventionellen Vorstellungen von erzählerischem Können wenig am Hut hat. In der Geschichte um einen Feuerwehrchef, der von dem Franzosen Vincent Lindon gespielt wird, und eine mörderische junge Frau mit einer Titanplatte im Kopf stimmt einiges nicht, etwa die Motivation der Figuren für ihr Handeln. Dafür gibt es krasse und grellbunte Bilder zu sehen, reichlich Nacktheit und Gewalt, Sex mit einem Auto und einen Striptease auf einem Feuerwehrfahrzeug. Weil Ducournaus Genre-Mix aus Motiven des Horror-, Familien- und Actionkinos mit Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit spielt, die er erst visuell aufpumpt und dann platzen lässt, dürfte der Film bei künftigen Gender-Debatten als Illustration dienen.“  

Der „Standard“ versucht sich an einem Porträt der Regisseurin: „Thematisch erobert Ducournau damit kein Neuland, sondern baut ihre Vorstellung von Kino konsequent aus. Nach ihrem Debüt ,Raw‘, einem kannibalistischen Coming-of-Age-Drama, war sie als Nachwuchsregisseurin für Größeres gesetzt. Davor erzählte sie schon im Kurzfilm ,Junior‘ von einem Tomboy, der zaghaft seine feminine Seite entdeckt. Die Filmemacherin steht für eine neuere Tendenz im französischen Kino ein, die Genrekino auch mit rezenter Theorie, diesmal Gender- und Transhumanitätsdebatten, zusammendenkt. […] Ihre Begeisterung für das Monströse in uns, die Rätsel und Mutationen des menschlichen Körpers führt sie auf die Prägung durch ihre Eltern zurück, die beide Ärzte sind. Deren ernsthafter, distanzierter Ton im Sprechen über Krankheit und Tod findet in eine Bildästhetik Eingang, die das Außergewöhnliche für selbstverständlich nimmt.“ 

Vom „Beginn einer Ära“ titelt gar „Der Tagesspiegel“, meint damit aber nur den Preisträgerfilm – das Comeback des Festivals sei eher holprig gewesen: „Ein komisches Gefühl überwog in den vergangenen zwei Wochen: Die diesjährige Ausgabe stellt vor allem eine Machtdemonstration dar. Die Fülle an renommierten Namen aus dem Autoren- und Arthousekino hatte eine verschwenderisches Maß erreicht, es schien Festivalleiter Thierry Frémaux nur noch um schiere Verdrängung der Konkurrenz in Berlin und Venedig zu gehen. Er tat damit weder dem Festival noch den Filmen einen Gefallen. Etablierte Namen wie Nanni Moretti, Bruno Dumont, die Bären-Gewinnerin Ildikó Enyedi und Sean Penn waren mit ihren schwächsten Filmen im aufgeblasenen Wettbewerb vertreten, Regisseur:innen mit formal interessanten Filmen wie Kornél Mundruczó, Andrea Arnold (ein Dokumentarfilm über die landwirtschaftliche Verwertungskette, aus der Perspektive einer Kuh) und Gaspar Noé, der dem Horror-Impresario Dario Argento eine zärtliche Altersrolle schenkte, wurden dagegen in nachrangigen Programmreihen geparkt. Diese Cannes-Hybris setzte sich unmittelbar in der äußerst laxen Umsetzung der in Frankreich ohnehin lockeren Corona-Maßnahmen fort. An der Croisette scheinen andere Regeln zu gelten, die Stimmung in den Sälen war entsprechend gereizt.“

Etwa beim „Spiegel“, der Altmeisterkino und laxe Coronaregeln kritisiert: „Nach einem Jahr coronabedingter Pause hatte sich das Festival die unmögliche Aufgabe gesetzt, sowohl alte Stärke als auch neue Relevanz zu beweisen. […] Perfekt, weil nicht perfekt, würde man am Ende der zwölf Tage von Cannes dem Festival auch gern bescheinigen. Das Kino und mit ihm seine Festspiele haben in den Coronajahren 2020 und 2021 schmerzlich gefehlt. Aber an der Doppelaufgabe, sowohl die Zwangspause vergessen zu lassen als auch die Euphorie eines Neustarts zu verbreiten, ist Cannes gescheitert. Das lag nicht zuletzt an seinem Pandemie-Management. […] ,Film-Uefa‘ nannte eine Programmerin denn auch die Festivalleitung von Cannes, die ähnlich bedenkenfrei wie die Veranstalter der Fußball-EM auf den Schein von Normalität setzte und sich nach und nach von aller Zurückhaltung verabschiedete.“

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