Förderpreis Schnitt: Jakob Michal und Kaspar Ferdinand Haußig

,

Hauen oder schlagen? Bei der Kampfsportart Schachboxen sind beide Disziplinen gefragt. Für ihre Kurzdoku „Tough Moves“ begleiteten Jakob Michal (links) und Kaspar Ferdinand Haußig einen Nachwuchssportler und seine Familie. Dabei mussten sie aufassen, dass diese sich vor lauter Begeisterung nicht selbst inszenieren. | Foto © Edimotion/Juliane Guder

Beim Festival  „Edimotion“ wurden in Köln die besten Montage-Arbeiten des Jahres ausgezeichnet. Die „Schnittpreise“ werden in drei Kategorien ausgelobt.  Der „Förderpreis Schnitt“ ging an Jakob Michal und Kaspar Ferdinand Haußig für die Montage ihres dokumentarischen Kurzfilms „Tough Moves“, bei dem Michal auch Regie führte. Der Film führt in die Welt eines besonderen Sports: des  Schachboxens – und erzählt von der Berliner Familie Rolle, in der Vater Robert, ein bekannter Boxer, seinen jungen Sohn Arminius auf den ersten großen Kampf vorbereitet. Werner Busch, Kurator beim Festival, sprach mit den Preisträgern.

Die Dynamik zwischen Vater und Sohn ist ja ganz zentral und damit auch die Gewalt, die der Vater physisch, aber auch psychisch gegen Arminius ausübt. Wie habt ihr diese beiden Figuren und ihre Beziehung zueinander im Schnitt entwickelt?
Boxen ist ein gewaltvoller Sport und deswegen war von Anfang an klar, dass Gewalt ein Thema des Films sein würde. Als wir den Schachbox-Club zum allerersten Mal besuchten und dort auf Robert und Arminius trafen, kam uns das Trainingsprogramm der beiden extrem hart vor, besonders für einen 13-Jährigen. Robert stellte extrem hohe Ansprüche an seinen Sohn, aber Arminius schien auch selbst extrem ehrgeizig zu sein. Wir hatten nie den Eindruck, dass der Vater seinen Sohn zu irgendetwas drängte. Dennoch fragt man sich, wie bei allen Disziplinen, in denen man früh beginnen muss, um Profi zu werden, natürlich, ob das Kind das wirklich will.
In der Montage wurde uns klar, dass der Film diese Frage für Arminius nicht beantworten kann – unsere Aufgabe bestand vielmehr darin, sie überhaupt aufzuwerfen. Um das zu erreichen, haben wir in vielen Szenen Momente ausgewählt, in denen die Familie in Anwesenheit von Arminius über Arminius spricht. Dabei zeigen wir ihn als passiven Zuhörer: Was denkt er gerade? Stimmt er dem zu, was da über ihn gesagt wird? Das sind die Fragen, die wir hervorrufen wollten. Unser selbst erklärtes Ziel war darüber hinaus, Arminius und seine Familie so zu porträtieren, wie wir sie erlebt hatten. Nach dem Dreh hatten wir die ganze Familie sehr ins Herz geschlossen, gleichzeitig waren Situationen entstanden, die man kritisch sehen kann. Wenn das Publikum aus dem Film mit diesem Eindruck herausgeht, erfüllt er aus unserer Sicht seinen Zweck. Die Stärke des Films liegt aus unserer Sicht in seiner Ambivalenz.

Ihr hattet mir beschrieben, dass der Vater und andere Teile der Familie während der Dreharbeiten auch immer wieder geschauspielert haben oder Vorschläge für Inszenierungen gemacht haben. Wie habt ihr im Schnitt dieser (Selbst-) Fiktionalisierung entgegen gewirkt?
Die Familie war uns gegenüber von Anfang an sehr offen und hat sich gefreut, dass wir einen Dokumentarfilm über Arminius machen. Ihre Begeisterung für das Projekt führte gelegentlich zu sehr gut gemeintem Übereifer, den Film durch Inszenierungen „noch spannender“ zu machen.
Tatsächlich ging es so weit, dass Arminius und Robert am zweiten Drehtag vorschlugen, eine Verletzung vorzutäuschen und in die Notaufnahme zu fahren – eigentlich eine ziemlich lustige Idee, aber wir trauten uns damals noch nicht, so frei mit den Regeln des Dokumentarfilms umzugehen. In Gesprächen vor der Kamera neigte die Familie dazu, sich gegenseitig zu interviewen und bestimmte Themen so anzusprechen, dass vieles sehr gestellt wirkte. Um dem entgegenzuwirken, ließen wir die Kamera während des Drehs oft einfach laufen oder taten so, als würden wir gerade etwas anderes filmen. Das führte manchmal dazu, dass die Familie uns ausblendete und wieder ganz „normal“ miteinander umging.
In der Montage ging es dann darum, genau diese Momente herauszufischen und zu beurteilen, ob bestimmte Szenen „gespielt“ wirken oder nicht. Ganz eindeutig ließ sich das natürlich nicht immer sagen. Nach dem ersten Kampf gibt es zum Beispiel eine Szene, in der der Vater seinen niedergeschlagenen Sohn aufbauen will und ihn dafür sehr rabiat an den Schultern packt und anbrüllt. Das hat uns beim Dreh ziemlich schockiert. Am nächsten Morgen beim Frühstück kam Arminius selbst noch einmal auf diesen Moment zu sprechen und sagte, er sei von dem Ausbruch seines Vaters überrascht gewesen. Später in der Montage war unser Eindruck, dass der Vater in diesem Moment für die Kamera übertreibt und die Rolle eines besonders harten Trainers spielt. Tatsächlich haben wir den heftigsten Teil dieser Szene aus diesem Grund herausgeschnitten. Wir hatten das Gefühl: Hier müssen wir unseren Protagonisten vor sich selbst schützen, denn er spielt uns etwas vor und ist sich vielleicht nicht zu 100 Prozent im Klaren darüber, wie das in einer Doku wahrgenommen wird. Die entfernte Szene rief bei unserem Testpublikum außerdem eine so starke Reaktion hervor, dass sie der Gesamtwirkung des Films aus unserer Sicht schadete.
Solche Entscheidungen sind sehr schwer zu treffen. Gleichzeitig sind es genau diese Abwägungen, die für uns die Montage eines Dokumentarfilms ausmachen. In gewisser Weise ist die Selbstinszenierung aber auch ein Thema des Films – zum Beispiel wenn die Familie diskutiert, ob der Sohn beim nächsten Wettkampf die Gladiatoren-Rüstung seines Vaters anziehen darf. Im Nachhinein hätten wir genau diese Überlappung von Realität und Fiktion gerne noch weiter erforscht.

Was für mich die Montage des Films auch besonders macht und mich an die besten Arbeiten von Inge Schneider erinnert hat: Es wurde nur mit einer Kamera gedreht, aber im Schnitt lasst ihr es wie mehrere gleichzeitig laufende Kameras erscheinen, etwa durch zeitlich versetzte Reaction-Shots. Wie seid ihr zu dieser Lösung für die Montage des Films gekommen?
Vielen Dank für das schöne Kompliment! Dieser Montagestil hat sich im Grunde ganz natürlich entwickelt. Manchmal mussten wir verstecken, dass die Kamera gerade die Position wechselt, manchmal haben wir Szenen gekürzt und dann andere Perspektiven genutzt, um die Schnitte zu verstecken. Manchmal hatten wir aber auch einfach das Gefühl, dass das Rohmaterial für sich allein nicht das transportiert hat, was wir erzählen wollten. Unsere Hauptfigur Arminius ist ein stiller Beobachter umgeben von lautstarken Persönlichkeiten. Am Set war es jedoch nie leicht zu entscheiden, ob wir die Kamera auf die Person halten, die gerade spricht, oder auf Arminius, der zuhört. Erst durch die Montage und den gezielten Einsatz von Reaction-Shots wurde diese besondere Familiendynamik, von der der Film lebt, wirklich sichtbar.
Den Schachbox-Wettkampf nur mit einer Kamera zu filmen war ziemlich ambitioniert. Wir wussten schon im Vorfeld, dass wir den Fokus auf die Reaktionen der Familie legen und den Kampf aus ihren Augen zeigen würden. Trotzdem brauchten wir natürlich auch Aufnahmen von Arminius im Ring. Unsere Kamerafrau Suzanne hatte zum Glück ein wahnsinnig gutes Gespür dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und hat in kürzester Zeit eine irre Menge an tollem Material eingefangen. Aber im Schnitt fehlten uns trotzdem viele Einstellungen, die wir gerne gehabt hätten. Da mussten wir kreativ werden und ganz viel basteln. Unser Tipp: Sportveranstaltungen NIE mit nur einer Kamera drehen.

Wie sah  insgesamt der Montageprozess des finalen Boxturniers aus, das ja einen großen Teil des Films einnimmt?
Dass der Schachbox-Wettkampf das Finale unseres Films sein würde, stand im Grunde schon vor dem Dreh fest. Wir begleiteten die Familie nur eine Woche lang, und der Wettkampftag fiel auf unseren letzten Drehtag. Alles lief also auf dieses Ereignis hinaus. In der Montage war die Wettkampf-Sequenz dann mit Abstand unsere größte Herausforderung. Wir bekamen auch spät im Prozess immer wieder das Feedback: „Euer Film funktioniert gut – bis der Wettkampf beginnt. Ab da verstehe ich nichts mehr.“ Das lag zum einen daran, dass viele Menschen noch nie von Schachboxen gehört haben und die Regeln des Sports nicht kennen. Zum anderen verlief der Kampf zwischen Arminius und seinem ersten Gegner extrem chaotisch: Die Boxrunden waren einigermaßen ausgeglichen, aber im Schach machten die beiden aus Erschöpfung so viele Fehler, dass man völlig den Überblick verlor, wer gerade besser dastand als der andere. Nach sieben hektischen Runden endete der Kampf dann auch noch in einem Remis. Der Veranstalter des Wettkampfes entschied daraufhin, den Sieger in einer Blitzschach-Partie zu küren (wogegen die Familie von Arminius heftig protestierte, denn aus ihrer Sicht hatte Arminius im Boxen klar die meisten Treffer gelandet). Erst diese zusätzliche Schachpartie ging dann eindeutig aus. Dieser komplexe Ablauf der Geschehnisse ließ sich in der Kürze unseres Films schlichtweg nicht erzählen.
Die Lösung für unser Problem bestand schließlich darin, alle guten Momente zu sammeln, alle Aussagen des Kommentators zu transkribieren und aus diesem Material einen völlig neuen Kampf-Ablauf zu konstruieren. Aus sieben wechselhaften Runden, einem Remis & einer Blitzpartie wurden in der Montage dann fünf Runden mit einem klaren Ende. Arminius’ Stellung in der Schachpartie wird von Runde zu Runde aussichtsloser, wodurch der Druck steigt, seinen Gegner im Boxen zu schlagen – eigentlich eine simple dramaturgische Mechanik, die uns dennoch extrem viel Kopfzerbrechen bereitete. Am Ende brauchte es diese Klarheit, um den Wettkampf und die Emotionen der Familie nachvollziehbar zu machen. Die Texttafeln („Runde 1“, „Runde 2“, und so weiter) halfen außerdem dabei, die Regeln des Sports zu erklären. Im Anschluss an den Schnitt mussten wir dann alles neu vertonen. Wir konnten in fast keiner Kampf-Szene den Originalton verwenden und mussten jeden einzelnen Boxschlag und jedes leise Tippen der Schachfiguren nachträglich aufnehmen. Die Musik hat die gesamte Szene dann nochmal auf ein ganz anderes emotionales Level gehoben und die Anspannung bis zum letzten Schachzug kontinuierlich gesteigert.

Die emotionalen Schlussbilder des Films, wenn Vater und Sohn sich unter anschwellender Musik innig umarmen, versöhnt die Zuschauer*innen gewissermaßen mit der schwierigen Familiendynamik. Wie schwer habt ihr euch mit einem passenden Schluss für den Film getan?

Aufgrund der limitierten Drehtage musste der Film nach dem Wettkampf aufhören. Wir haben ausprobiert, danach nochmal Szenen aus den Tagen davor zu zeigen, aber das funktionierte nicht. Wir mussten also ein gutes Schlussbild im Wettkampf-Material finden. Uns war wichtig, die Familie nach all der Aufregung um den Wettkampf und insbesondere nach der harten Szene im Umkleideraum geschlossen zu zeigen. Denn so haben wir sie auch erlebt: Sie erwarten viel von Arminius, gehen teilweise sehr hart mit ihm um, aber sie kümmern sich eben auch liebevoll um ihn und schenken sich gegenseitig viel körperliche Nähe. Uns ging es genau um diese Ambivalenz. Im allerletzten Bild sehen wir Arminius nochmal ganz nah – ihm läuft eine Träne die Wange hinunter, aber er lächelt. Das schien uns ein guter Schluss zu sein.

Woran habt ihr nach „Tough Moves“ gearbeitet?
Jakob Michal: Nach „Tough Moves“ habe ich im letzten Jahr an meinem ersten fiktionalen Kurzfilm gearbeitet: „Mistboy“ spielt auf einem norddeutschen Pferdehof und handelt von einem osteuropäischen Stallburschen, der ein ausrangiertes Pferd vor der Schlachtbank retten will. Zurzeit schreibe ich an meinem Abschlussfilm. Ich studiere weiterhin Regie, beschäftige mich aber weiterhin intensiv mit der Montage und möchte auch in Zukunft in beiden Bereichen arbeiten.
Kaspar Ferdinand Haußig: Mit Karoline Teska als Regie habe ich 2024 meinen ersten Kurzspielfilm „Des Glückes Schmied“ geschnitten, in dem ein verängstigter Schornsteinfeger von einem besessenen Schmied gekidnappt wird und die Gründe der Entführungsfahrt erst am Ziel der Reise klar werden. Aktuell schneide ich das Master-Abschlussprojekt von Adam Streicher, „Der fliegende Holländer“, in Creative Technologies, als aktualisierende Adaption von Richard Wagners gleichnamiger Oper in Virtual Reality. Dabei wird die Oper nicht in ihrer Gesamtheit repräsentiert, sondern wiedererkennbar in der Neuzeit verortet. Der experimentelle Workflow ist darauf ausgelegt, Kameraaufnahmen mit Tracking-Daten zu vereinen, um so die gedrehten Szenen erst zu schneiden und dann mittels einer KI und den anderen Departments in 3D-Szenen umzuwandeln. Ich studiere weiter Montage und entwickele dadurch weiter mein Interesse für rhythmische Dramaturgie und audiovisuelle Erzählstrukturen.