Unsere Autorin schaut immer wieder bei „ihren“ Kinos vorbei – zur Versicherung, dass es sie noch gibt: „Sie warten auf uns!“ Das „Bundesplatz Studio“ in Berlin. | Foto © Elisabeth Nagy

An die Tür zum Berliner Kino „Delphi Lux am Zoo“ hat ein Kino-Freund ein Gedicht angeklebt. Eine Liebeserklärung an das Kino als Ort der Erfahrung. Ich war vor sechs Wochen das letzte Mal im Kino, an einem Freitag. Das war zur Pressevorführung zu Oskar Roehlers „Enfant terrible“. Für den nächsten Montag jetzt im Mai wäre eine zweite Vorführung geplant gewesen. Die Fassbinder-Biografie ist auf unbekannt verschoben, wie so viele Filmstarts. Bei der Vorführung Mitte März unkten einige Kolleg*innen noch, das würde vielleicht unsere letzte PV (kurz für Pressevorführung) gewesen sein. Am Wochenende stellte sich heraus: genauso ist es. 

Weltkino ist jetzt einer der ersten Verleiher, der neue Starttermine bekannt gibt. Noch nicht für den Roehler-Film, aber für die Schlingensief-Dokumentation „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler, der doch auf der Berlinale so gut ankam. Den 20. August visiert man an und hält sich offen, entweder, wenn man darf, Sondervorführungen anzusetzen, oder halt, wenn man Ende August immer noch nicht zurück in die Kinosäle darf, noch einmal zu verschieben. In der Pressemitteilung erklärt Weltkino-CEO Michael Kölmel: „Wir hoffen sehr, dass die Kinos spätestens im August wieder öffnen können. Sollte sich herausstellen, dass der Spielbetrieb doch erst zu einem späteren Zeitpunkt beginnen kann, werden wir entsprechend umplanen, Sicherheit geht natürlich vor. Es ist uns aber wichtig, sowohl für die Kinobetreiber als auch für das Publikum ein Zeichen der Hoffnung zu setzen und die Vorfreude auf neue Filmkunst im Kino zu schüren.“

Übrigens, die Pressevorführungen sind für die Kinos eine zusätzliche Einnahmequelle, die zur Zeit auffällt. In Berlin wären das unter anderem die Kinos Filmkunst 66, das Delphi, das Delphi Lux, die Astor Film Lounge, der Zoo Palast, die Hackeschen Höfe, das Central. In den letzten Wochen spaziere ich viel herum. Genieße die frische Luft, stärke mein Immunsystem, schalte ab oder um, um neue Perspektiven zu gewinnen. Bei den immer weitläufigeren Wanderungen schaue ich auch bei meinen Kinos vorbei, zur Versicherung, dass es sie noch gibt. Es gibt sie, sie warten auf uns. Manche treten mit den Passanten der Stadt über ihre Anzeigetafeln in Kontakt. Hauptsache, wir kehren auch zu ihnen zurück.

Ein Streit kündigt sich an, das heißt, inzwischen eskaliert er, weil die digitale Auswertung des Animationsfilms „Trolls World Tour“ trotz hoher Leihgebühr ein gewaltiger Erfolg wurde. Doch als jetzt Universal-CEO Jeff Shell dem „Wall Street Journal“ sagte, man überlege, ob man auch nach der Pandemie Filme gleichzeitig auf zwei Formaten anbieten könnte, reagierten die Kinos unwirsch – zuerst die AMC-Theaterkette, die auch die UCI-Kinos in Deutschland betreibt, dann auch weitere Ketten. Von einem Boykott der Universal-Titel ist die Rede. Es steht viel auf dem Spiel, für alle Seiten. 

Kinoöffnungen wird es vorerst nicht geben. Wenn es nach Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen geht, soll der Zugang zu den Kulturbereichen, dazu gehören Theater, und Kinos, aber auch Konzertveranstaltungen, erst in der dritten Stufe gelockert werden. Vorerst geht es also digital weiter. Der Salzgeber Club stellt eine kleine Dokumentarperle in sein Programm. „Rettet das Feuer“ von Jasco Viefhues, ein Porträt über Jürgen Baldiga. Künstler, Fotograf, Chronist seiner Zeit. Eines der bekanntesten Porträtbilder von Derek Jarman hat Baldiga aufgenommen. Das erfahren wir in Viefhues’ Dokumentarfilm, den er in Koproduktion mit der DFFB gedreht hat. Nur eine kurze Sequenz zeigt die Bekannten und Berühmten, die auf den Berliner Filmfestspielen anzutreffen waren. Baldiga fotografierte das Leben in Berlin Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre. Leben bedeutete damals den Tod. Das HI-Virus forderte so viele Tote, auch ihn selbst. Er schreckte nicht davor zurück, diesen Prozess sichtbar zu machen. 25 Jahre später, „Rettet das Feuer“ wurde voriges Jahr auf dem Filmfest München erstmalig vorgestellt, holt der Film Baldiga aus der Vergessenheit. Freude wie Aron Neubert und Michael Brynntrup, der ihn damals mit der Kamera begleitete, kommen zu Wort, Tagebuchnotizen werden eingesprochen. Nur schade, dass Viefhues konsequent niemanden benennt und es somit denen schwer macht, die weder die Zeit noch die Akteure kennen.

Grandfilm bietet in seinem On-Demand-Programm immer mehr Titel aus seinem Verleih an, zum Beispiel „Der Tod von Ludwig XIV“. Nur Kerzenlicht beleuchtet spärlich die Figuren, die im Schlafgemach Ludwig XIV. kommen und gehen und beraten. Albert Serra („Story of My Death“) sollte ursprünglich für das Centre Pompidou in Paris eine Performance mit Jean-Pierre Léaud über die letzten Tage des Sonnenkönigs inszenieren. Aus dem zur Verfügung stehenden Etat entstand stattdessen ein intimes Porträt eines Sterbenden. In langen Einstellungen nehmen wir an dem Dahinschwinden des Monarchen teil, der um seine Würde und seine Pflicht bemüht ist. Das Zeremoniell steht im Vordergrund, die medizinischen Bemühungen sind an ihre Grenzen gebunden, der Minimalismus des Schauspiels und die Zurückgenommenheit der Bilder wirken hypnotisierend. Dafür gab es den „Prix Jean Vigo“ für Serra. Für Léaud und den Kameramann Jonathan Ricquebourg gar den „Lumière-Preis“.

Erstmalig digital ist jetzt „Liebesfilm“ zugänglich, und dazu gibt es auch ein Extra. Lenz (Eric Klotzsch) trifft Ira (Lana Cooper) nach einer durchtanzten Nacht. Nur ein paar Worte, und daraus wird dann mehr. Ist das Liebe? Es fühlt sich so an und Ira rutscht der Kinderwunsch heraus. Fast könnte „Liebesfilm“ ein Coming-of-Age-Film sein, fast. Denn Lenz driftet durch sein Leben ohne große Ambitionen, will sich jede erdenkliche Zukunft offen halten. Ira hat einen Job und konkrete Pläne. Das Team Robert Bohrer und Emma Rosa Simon verorten ihre Figuren konkret im Hier und Jetzt, aber sie erzählen keine Geschichte von A nach B, sondern beobachten einen fließenden Zustand, der andere Konstellationen, die Beziehung zu Freunden und Eltern, mit einbezieht. Ein tiefes Verständnis für die Figuren, ein leiser Humor und surreale Einfälle fügen sich hier zu einem bemerkenswerten Ganzen. 

Über „Liebesfilm“ sprechen Robert Bohrer und Emma Rosa Simon übrigens in der ersten Folge des neuen Kino-Podcasts Kinophon, den die Grandfilm-Verleiher jetzt auch anbieten.

Rapid Eye Movies bietet den aktuellen Sabu-Film aus ihrem Programm an: „Jam“. Die Prämisse ist ein Nebeneinander von drei Erzählungen. Zum einen über einen Popsänger, der von einem Fan entführt wird, von einem frisch aus der Haft entlassenen Kleingangster, der fortan seine demente Großmutter durch die Stadt schiebt und auf Rache aus ist, seiner alten Gang, die einen Überfall plant, und einer gutmütigen Seele, die gute Taten vollbringen möchte. Sabu (Mr. Long) verschränkt die Stränge zu einem schwarzhumorigen, kurzweiligen Thriller.

Filme aus dem Archiv, das könnte spannend werden. Die Ziegler Film Produktion wird 47 Jahre alt. Noch einschließlich heute kann man über ihre Webpage Regina Zieglers erste Produktion von 1973 anschauen: „Ich dachte, ich wäre tot“ über ein junges Mädchen, das die Enge ihres Umfeldes nicht mehr aushält und lernt, ihr Leben anzunehmen, war auch Wolf Gremms Regiedebüt. Ab dem 1. Mai werden 47 Tage lang täglich andere Filme aus der Produktionsstätte zugänglich gemacht. Ein Geschenk an den Zuschauer.

Auch das Statt-Kino-Programm des Berliner Arsenal-Kinos geht in eine weitere Runde. Die Programmkuratoren nehmen den Tag der Arbeit zum Anlass, eine entsprechende Auswahl zu dem Thema zugänglich zu machen. Übrigens mit dem ausdrücklichen Wunsch um Spenden. Man zahlt, was man zahlen kann oder gewillt ist. Vom 1. bis zum 15. Mai kann man Filme über die Arbeit auf mehreren Jahrzehnten anschauen. Dazu gehört „Die Wiederaufnahme der Arbeit in der Fabrik Wonder“ von 1968, den Studenten der Pariser Filmhochschule IDHEC vor den Wonder-Werken in Saint-Ouen nach dem Tag aufnahmen, an dem nach einem langen Streik, die Arbeit wieder aufgenommen werden sollte. „Für Frauen – 1. Kapitel“ von Cristina Perincioli (1971) zeigt die weiblichen Angestellten eines Supermarkts, die für „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ kämpfen. Über die Klassengesellschaft sinniert Julian Radlmaier in „Ein proletarisches Wintermärchen“, eine DFFB-Produktion über drei Georgier*innen, die in einem Berlin Schloss als Putzkräfte angeheuert wurden. Als ein feudales Fest mit opulentem Buffet stattfinden soll, wollen die ins Dachgeschoss verbannten Arbeiter*innen die Klassenschranke überwinden. Mit seinem darauf folgenden Film „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ kam Radlmaier schließlich auch ins Kino und nicht nur auf die Berlinale.

Schließlich noch ein Tipp fürs Fernsehen. Wer es noch nicht kennt: Wim Wenders, Annekatrin Hendel, Maryam Zaree, Volker Heise, Hans-Christian Schmid, Andreas Dresen und viele andere haben ohne großes Pipapo je einen Kurzfilm über ihr Leben mit der Corona-Pandemie gedreht. Sehen konnte man die Beiträge seit dem 1. April täglich im RBB-Fernsehen. Der Dokumentarfilmer Jan Tenhaven hat die kurzen Filme jetzt mit dem Editor Oliver Szyza zu einem langen Film zusammengeschnitten, in den sie aktuelle dokumentarische Stadtaufnahmen des Kameramanns Thomas Lütz eingefügt haben. Als „4 Wände Berlin – Filme mit Abstand“ wird diese Langfassung am 3. Mai um 22.45 Uhr erstmalig im RBB ausgestrahlt. 

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