Zeit für Klassiker: „Taxi zum Klo“ ging 1980 ungewohnt offen mit dem Thema Homosexualität um. Salzgeber hat die Tragikomödie digital restauriert und streamt sie jetzt zum 40. Jubiläum. | Foto © Salzgeber

Die Streams der Woche.

Es steht wohl fest, so schnell werden die Kinos nicht öffnen können. Die Kontaktbeschränkungen gelten zuerst einmal bis zum 3. Mai. Bald werden wohl die Startverschiebungen für die nächsten Wochen bekannt gegeben. Man schaut bei den Kolleg*innen in die Blogs, ob die schon mehr wissen. Eine Agentur hat gerade erst ein Rundschreiben an alle Kolleg*innen rausgeschickt, dass sie trotz fehlender Kinostarts den Kontakt halten möchten. Für Fragen stünden sie jederzeit zur Verfügung. Andere Verleiher vermelden gar nichts. Hat man da eine E-Mail verpasst? Setzt eine Art von FoMO ein, eine Angst, etwas an News zu verpassen? Den Einstieg wohlmöglich, wann es weitergehen wird?

Angst, etwas zu verpassen, hat man bei dem reichhaltigen Angebot, dass man per Streaming inzwischen erreichen kann. Was ist wo verfügbar? Wer macht welche Archive frei zugänglich? Und wann gucke ich das alles? Gucke ich es gleich oder morgen oder übermorgen oder überhaupt? Kommt man überhaupt noch zum Filme schauen? Die Vorzüge von Film im Kino sind immer klarer benennbar. Kino schaut man nicht nebenbei. Kino ist eine bewußte Entscheidung.

Darum ist ein Zeitrahmen, den Verleiher oder Archive für das aktuelle Angebot ihrer Filme kommunizieren sinnvoll. „Ach, das kann ich mir immer noch anschauen“, ist meist der Vorbote von, „ich mache doch lieber etwas anderes.“ Ein neues Hobby pflegen, zum Beispiel. 

 

Das „Arsenal“-Kino in Berlin geht in die fünfte Lockdown-Woche. Jede Woche und nur für die entsprechende Woche, beziehungsweise neuerdings zwei Wochen stellen sie eine Auswahl an Filmen zur Sichtung frei. Der eine oder andere Titel bekommt eine Verlängerung, aber man muss schon dran bleiben. Kann man diese Woche noch Ulrike Ottingers „Freak Orlando“ anschauen, so wird zwischen dem 17. April und 1. Mai der dritte Film der Berlin-Trilogie, „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“, verfügbar sein.

Mit im Angebot ist „Sullivans Banken“ von Heinz Emigholz. Desweiteren kann man eine Betrachtung über Harun Farocki, „Harun Farocki – Zweimal“ von Ingo Kratisch und Lothar Schuster anschauen. Spenden sind bei Sichtung immer noch willkommen, um den FilmemacherInnen Lizenzen zahlen zu können. Die Auswahl an Titeln ist dabei nicht zufällig, sondern mir Sorgfalt vorgenommen. In der Meldung heißt es: „Die Filme, die wir im Arsenal 3 zeigen, stammen größtenteils aus unseren eigenen Verleihbeständen. Aus einem Pool an Filmen heraus zu kuratieren, der vor einem liegt, ist eine spannende neue Herausforderung. Denn statt Filme für ein Programm oder eine Ausstellung zusammenzutragen, setzen wir die, die schon da sind, in ein Verhältnis zueinander. Das ermöglicht einen neuen Blick auf unsere Sammlung, übrigens auch hinsichtlich der Frage, was digital vorliegt und was nicht, und wie eingeschränkt digitale Programme ohne Zugriff auf analoge Filme sind.“

 

Wer alte Werke von Harun Farocki und Heinz Emigholz anschauen möchte, kann das Archiv der DFFB aufrufen. Dort sind alte Studentenwerke aus den 60ern zugänglich. Hartmut Bitomskys „3000 Häuser“. Harun Farockis „Der Wahlhelfer“, von Wolfgang Petersen ist „Ich nicht“ dabei, von Helke Sander „Brecht die Macht der Manipulateure“ und Daniel Schmids „Miriam“ gehört auch dazu. „Schmetterlinge“ von Wolfgang Becker sowie „Hopnick“ von Detlev Buck oder „Ostwärts“ von Christian Petzold. Die Auswahl ist chronologisch geordnet und reicht bis 2010 mit „Manolo“ von Robert Bohrer oder „Jessi“ von Mariejosephin Schneider.

 

Einen „alten Film“ holt auch der Salzgeber Club in sein aktuelles Streaming-Portal: „Taxi zum Klo“. Frank Ripploh war Lehrer, machte aber aus seiner Homosexualität keinen Hehl. Sogar auf dem Cover vom „Stern“ landete er. Das war dann der Schulbehörde doch zu viel. Es kostete ihm die Laufbahn. 1980 drehte er „Taxi zum Klo“, in dem er sich, frei nach seinem eigenen Leben, selbst spielte. So offen er mit seiner Sexualität umging, war auch der Film sehr freizügig. Womit er natürlich umso mehr aneckte in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Einerseits, andererseits wurde die Tragikomödie auf dem Hofer Filmfest gefeiert und beim „Max-Ophüls-Preis“ prämiert. „Taxi zum Klo“ wurde zum Kultfilm. Der Verleih Salzgeber hat den Film zum 40. Jubiläum digital restauriert und bringt ihn jetzt exklusiv im Salzgeber Club.

 

Rapid Eye Movies: Auch der Kölner Verleih stellt nach und nach Filme aus ihrem Archiv on-Demand auf ihrem Vimeo-Portal zur Verfügung. Die Filme kann man ganz normal kaufen oder sich für 48 Stunden ausleihen. Dazu gehört ab heute auch „Searching For Sugar Man“. Ende der 60er Jahre, in der Industriestadt Detroit singt Sixto Rodriguez den Blues, von Arbeiterproblemen und unerfüllten Träumen. Er hätte Bob Dylan Konkurrenz machen können, doch so kam es nicht. Nur in Südafrika an hatte seine Platte dank der sozialkritischen Texte Kultcharakter, wurden zu Hymnen der Anti-Apartheid-Bewegung und der Sänger genoss den Ruhm eines Elvis Presley. Aber keiner wusste Genaueres über ihn. Zwei Besessene machten sich auf die Suche, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Inzwischen gab es das Internet und tatsächlich meldete sich eine Frau, die behauptet die Tochter von Rodriguez zu sein. Der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul puzzelt die Interviews mit Wegbegleitern zusammen und ist dann von der Auflösung ebenso überrascht.

 

Grandfilm erweitert sein Vimeo-Portal kontinuierlich mit Filmen aus dem Archiv. Seit dieser Woche kann man zum Beispiel den „Schatz“ von Corneliu Porumboiu anschauen, dessen „La Gomera – Verpfiffen und verraten“ kurz vor dem Lockdown startete. Der Familienvater Costi hilft seinem Nachbarn bei der Suche nach einem in dessem Garten verstecktem Schatz. Geduldig verfolgt Porumboiu das Herumstochern in der Erde und erzählt dabei nicht nur von politischen und gesellschaftlichen Zuständen Rumäniens, sondern verwebt eine märchenhafte Auflösung mit hinein, die von Hoffnung zeugt. 

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