Trump plant den Putsch, raunt es an manchen Stellen immer lauter. Edward Zwick hatte schon vor 22 Jahren den Film dazu gedreht: „Ausnahmezustand“! | Foto © 20th Century Fox

Faschismus und der liberale Selbstbetrug: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 50. 

„We’re all living in Amerika
Coca-Cola, sometimes war
We’re all living in Amerika
Amerika ist wunderbar.“
Rammstein

 

Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es lustig: Donald Trump, immer noch US-Präsident, ist der „Disruptor in Chief“. In knapp vier Jahren ist es ihm gelungen, die Politik völlig in ihr Gegenteil zu verkehren – nicht die US-Politik oder die des Westens, sondern die Politik der Welt an sich. Er kann es sich leisten, sich im Stil eines Wutbürgers über die von ihm selbst geführte Regierung zu beschweren. 

Wie ein böser düsterer Forrest Gump stellt sich dieser Politiker immer wieder irgendwo hin, wo er nicht hingehört, schreibt er sich in Szenarien der US-Geschichte ein, kapert die historischen Kulissen, und gefällt sich zugleich darin, seine Ahnungslosigkeit zur Schau zu tragen. 

Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein hat kürzlich über ihn gesagt: „Donald Trump ist ein Idiot, aber unterschätzen Sie nicht, wie gut er darin ist.“ Das muss man ernst nehmen. Es meint genau diese Besonderheit der Trumpschen Auftritte, die man seine Performance-Qualität nennen könnte. Auf seinen Auftritt mit der Bibel vor der Kirche gegenüber vom Weißen Haus wäre niemand außer ihm gekommen. 

Würde man Trump nicht als Politiker sondern als Komiker und Performer wahrnehmen, müsste man zugeben: Seine Empfehlung, Desinfektionsmittel gegen Corona zu trinken, wäre im Slapstick-Film ein guter Gag. Trump hat große Fähigkeiten zur Improvisation, und ein gewisses Bühnen-Potenzial. Er ist in der Lage, unmittelbar auf seine Umgebung zu reagieren – das ist auch ein seltenes Talent.

Das alles ist keineswegs zynisch gemeint, sondern mein Versuch, zu verstehen, warum die öffentliche Figur Trump funktioniert? 

Der Filmregisseur Federico Fellini hat einmal die zwei Clownsfiguren der Commedia dell’arte, den „Dummen August“ und den „Weißen Clown“, und ihr Zusammenspiel, ihre gegenseitige Bedingtheit, auf die Weltgeschichte übertragen und behauptet, dass sich Weltgeschichte immer wieder in Form des Widerstreits dieser beiden Figuren abspielt. In Fellinis Lesart war Hitler der Weiße Clown und Mussolini der Dumme August.

Wer ist in dieser Struktur nun Donald Trump?

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Zoran Terzic, ein in Banja Luka geborener Soziologie und Musiker aus Berlin, hat jetzt eine überaus inspirierende Kulturgeschichte der Idiotie geschrieben, die mittels philosophischer und kultureller Referenzen von der Antike über Rousseau bis Donald Trump führt: Zoran Terzic: „Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten“ (Diaphanes Verlag, Zürich/Berlin 2020). 

Terzic geht es nicht um den Gegenstand des Schimpfworts und auch nicht um Kranke in einer Anstalt. Es geht um ein Verhalten, um das Idiotische als Wirkprinzip. Der Idiot ist hier immer derjenige, der offen oder unterschwellig gegen das Normative wirkt. „Das kann eine positiv oder eine negativ besetzte Figur sein. Es ist gefährlich hier allzu schnell normativ zu denken.“ Im Gespräch erinnert Terzic an den Wirtschaftstheoretiker Schumpeter und dessen Motiv der „schöpferischen Zerstörung“. Von der führe eine direkte Linie zu der Idee der „Disruption“, die in modernen Managementtheorien Bedeutung hat und die für die Wahrnehmung und das Verständnis von Donald Trump zentral ist. Der Politiker Trump ist eine Art verkörperte Dauerkrise – es gibt keine Ruhe, aber damit auch keine Langeweile.

Die Frage bleibt, was Trump mit seiner Verhaltensweise bezweckt? Ist er eigentlich ein Stratege, dem die Disruption ein Mittel ist, um von seinem eigentlichen Tun abzulenken, der aber im Prinzip ganz rational agiert? Oder entspricht sein Handeln seiner Natur? „Kann“ er nicht anders?

Wir sollten diese Frage präzis beantworten, um zu verstehen, was gerade in den USA geschieht.

Ekel gegenüber Trump ist angemessen, führt aber nicht sehr weit. Genausowenig wie die Verklärung seines Vorgängers. Dass Obama an die Macht kam, mag ein Hoffnungszeichen für die Schwarzen Amerikas gewesen sein, im Rückblick entpuppt sich aber genau Obamas Wahl als der Anfang der Katastrophe. Erst durch Obama wurde Trump möglich, weil erst diese Wahl den Hass freilegte, der schon lange in der US-Gesellschaft schlummerte. Man könnte behaupten, dass so, wie Obama sehr oberflächlich das Trugbild eines nicht-rassistischen Amerika verkörperte, Trump ein Amerika verkörpert, das seine Maske fallengelassen hat, das sein wahres Gesicht zeigt. 

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„When the looting starts, the shooting starts“ – diese Twitter-Botschaft Trumps wurde von der Plattform zwar mit einem Disclaimer versehen, aber nicht gelöscht. 

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Diese Woche haben die Ereignisse in Minneapolis, die Ermordung des schwarzen US-Bürgers George Floyd durch den Übergriff von vier Polizisten nicht nur zu einer Krise in den USA geführt. Die Tat und ihre Folgen erschüttern die Welt. 

Plötzlich debattieren die Öffentlichkeiten der Welt nicht über Corona, sondern über den Zustand der US-Gesellschaft und über Rassismus. Auch den eigenen. 

Auch in diesem Fall lohnte es sich wieder mehr als anderes, „Markus Lanz“ zu sehen. Schon am Dienstag widmete Lanz mit sicherem Instinkt die komplette Sendung den Ereignissen in den USA. 

Er nennt die Dinge dabei sehr präzise beim Namen: Lanz spricht von Mord, von alltäglichem Rassismus. Er beschreibt die sozialen Konflikte mit einem Hauch von Sozialneid, aber trotzdem präzis so: Das Corona-Virus habe „offiziell 40 in Wahrheit tatsächlich eher 60 bis 70 Millionen Amerikaner über Nacht arbeitslos gemacht, während reiche Weiße ihre 5000-Dollar-Hunde weiterhin in ihren bewachten Edel-Vierteln Gassi führen, als wäre nichts gewesen.“

Beschrieben wird, wie Trump in der Corona Krise die Hilfsgelder höchst ungleich verteilt hat: Manche Bundesstaaten haben pro Corona-Kranken Hunderttausende bekommen, der Staat New York gerade 20.000 Dollar. 

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Im Gespräch mit dem Historiker Hacke und der Anwältin Navidi wird zwar nicht ausgesprochen, aber unmissverständlich deutlich: Die Vereinigten Staaten sind nur formal eine Demokratie, im politisch-gesellschaftlichen Alltag sind sie zur Zeit ein Land an der Schwelle zum Faschismus. 

Christian Hacke, keineswegs ein Linker, sondern ein Unions-naher Historiker sagt: „Es gibt auch das freundliche Amerika, dass wir Deutsche alle mögen, aber Amerika ist in Wahrheit ein unfassbar brutales Land.  […] Angst wird systematisch verbreitet. Wir haben noch nie einen Präsidenten gehabt, der Land und Leute in diesem Rassismus anfeuert. Das ist neu.“

Und Sandra Navidi analysiert: „Trumps ultimatives Ziel war immer eine freundliche Übernahme der Demokratie, um eine Autokratie zu etablieren.  Das ist erst der Anfang, was es jetzt gibt. Trump sieht seine Felle davonschwimmen, das Ziel ist, je mehr wir auf die Wahlen zugehen, desto größeres Chaos zu entfachen und dann letztendlich möglicherweise die Wahlen auszusetzen.“

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Das entspricht dem, was Sascha Lobo jetzt im „Spiegel“ voraussagt: Trumps Agenda für den Staatsstreich!

Ich zitiere: Donald Trump bereitet einen Staatsstreich vor. Die Hinweise liegen offen da, man muss nur wenige, indiziengestützte Vermutungen zusammenfügen. Der größte Teil des Staatsstreich-Szenarios besteht aus Trumps eigenen Worten und Handlungen, ergänzt durch die seiner Parteikollegen.  […] Sollte er die Wahl im November verlieren, wird Donald Trump das Ergebnis wohl nicht anerkennen. Niemand wird ihn an einem Staatsstreich hindern können, dafür sorgen er und seine Verbündeten seit langem vor. […] Die Proteste der Demokraten und der aufrechten, kritischen Medien werden ähnlich hilflos und letztlich wirkungslos sein wie alles Aufbegehren bisher.“

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Ein bisschen mit diesem Thema zu tun hat auch die jetzt auf Amazon zu sehende Miniserie „Little Fires Everywhere“. Dies wäre nicht das Schlechteste, was man sich an diesem Wochenende ansehen kann. 

Basierend auf dem Bestseller von Celeste Ng, wird in acht geschlossenen Folgen vom Verhältnis zweier Frauen, einer Schwarzen und einer Weißen und ihrer Familien aus der Oberen US-amerikanischen Mittelklasse erzählt. Sie leben in Shaker Heights, einem Nobelvorort von Cleveland, Ohio; sie freunden sich an, aber das Verhältnis ist nie wirklich gleich – zumal die Schwarze Mia selbst ihre eigene Tochter über ihre Herkunft und Finanzverhältnisse im Dunkeln hält. 

Es geht um Schuld und Sühne, um Offenheit und Verschweigen, um Mütter und Mütterlichkeit, darum was man einander sagt und was nicht, was man versteht und was nicht – die Serie hat auch einige Schwächen. Zum Beispiel, dass sie schon sehr amerikanisch ist in ihrer Betonung von Individualismus, Freiheit Selbstverwirklichung, ihrem Pathos, mit dem Sie dies vertritt – zugleich ist dies aber eine Abrechnung mit den klassischen Familienwerten des amerikanischen Films. Die vielen kleinen Feuer des Titels werden nicht alle gelöscht, viel mehr bündeln sich zu einem großen Feuer, das man in dem sehr wörtlich aufs Auge gedrückten Fazit zusammenfassen kann: „The house is burning“. 

Wirklich stark sind vor allem die jungen unbekannten Darsteller. Noch wichtiger als die Rassenfrage ist für die Macher wohl die feministische Ebene, besser vielleicht Frauenpower-Ebene. Hauptdarstellerin Reese Witherspoon ist zugleich auch die Produzenten der Serie, und alle die im Hintergrund arbeiten sind Frauen. Ob es in dieser Ausschließlichkeit jetzt besser ist, nur weil jetzt Männer außen vor bleiben, bezweifle ich. 

Vor dem Hintergrund der Ereignisse der letzten Tage erscheint aber auch die Selbstkritik und die zur Schau getragene linksliberale Gesinnung vor allem als Selbstbetrug. Man gibt sich ein gutes Gefühl, ändern tun solche Wohlfühlfilme aber nichts, sondern sie bestärken die schöne Lüge vom liberalen Amerika. 

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Vielleicht sollte man daher doch eine alte DVD aus dem Regal ziehen: Ein zu Unrecht unterschätzter Film, der sich bereits 1998 das Szenario einer faschistischen Bedrohung der USA zum Thema hatte: „The Siege“ von Edward Zwick, der in Deutschland unter dem Titel „Ausnahmezustand“ lief. Hierin geht es um das, was Terror mit einer Gesellschaft machen kann: Eine Serie von Terroranschlägen durch Islamisten führt zur Verhängung des Kriegsrechts in den USA. Panzer rollen über die Brooklyn-Bridge, arabische Amerikaner werden interniert. Während Denzel Washington als FBI-Agent letztlich den Rechtssaat rettet, zeigt Bruce Willis in einer seiner abgründigsten Rollen als usurpatorischer Armee-General, dass der schlimmste Angriff auf die Zivilität von denen kommt, die in kritischen Situationen bereit sind, rechtsstaatliche Prinzipien zu opfern. Auch diese Fiktionen enthalten mögliche Gegenwart. 

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