Fürs Wimmelbild mit den Preisträger*innen strahlt der BKM wieder. Geärgert hat er sich aber doch über die Kritik an ihm beim „Deutschen Filmpreis 2026“.  | Foto © DFP/Clemens Porikys

 

Beim „Deutschen Filmpreis“ wurde Wim Wenders für sein Lebenswerk geehrt. Und hat mal wieder eine große Frage angestoßen: Was wiegt schwerer – die Freiheit der Kunst oder die Würde des Menschen?

Vorigen Freitag wurde übrigens der „Deutsche Filmpreis“ verliehen. Eine Aufzeichnung der Gala gibt’s in der ARD-Mediathek. Die „Lola“ in Bronze ging an „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Regisseur Simon Verhoeven, in Silber an ?lker Çataks „Gelbe Briefe“. Mit Gold als bester Film aber wurde „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski gekürt. 

Zehn „Lolas“ hat das Historiendrama über mehrere Frauengenerationen gewonnen. Diesen Rekord hielten bislang nur „Nachts, wenn der Teufel kam“ und „Das weiße Band“, erklärt Marius Nobach im „Filmdienst“.  In den Dankesreden wurde immer wieder betont, „wie entscheidend das Zusammendenken und -wirken aller Gewerke für die besondere Gestalt des Films gewesen sei. […] Allerdings lässt sich dieser Preisregen nachvollziehen. Die außergewöhnliche formale Geschlossenheit von ,In die Sonne schauen’ machte es schwer, einem der Gewerke die Würdigung nicht zu gönnen. […] Bei aller Feierstimmung vergaßen die Geehrten zudem nicht, an die schwere Geburt des Films zu erinnern, die von einem durchaus symptomatischen Dilemma des heutigen deutschen Kinos kündet. Die Kombination aus wenig Geld, geringer Zeit, aber hohem künstlerischem Anspruch und einem beharrlich verfolgten ungewöhnlichen Ansatz mag – auch international – sehr geschätzte Filme hervorbringen; eine Regelmäßigkeit lassen so ungünstige Rahmenbedingungen aber kaum zu. Davon zeugt auch, dass ,In die Sonne schauen’ erst der zweite Spielfilm von Schilinski ist; zwischen ihm und ihrem Debüt ,Die Tochter’ lag eine siebenjährige Pause. Unter den ,Lola’-Preisträgern der letzten Jahre steht Schilinski mit der langen Vorlaufzeit für ihr Wunschprojekt alles andere als allein da“. 

Einen solchen Film, „logistisch aufwendig, visuell experimentierfreudig, aber mit einem Schnürsenkel-Budget ausgestattet, dürfte es in der aktuellen deutschen Förderlandschaft eigentlich gar nicht geben“, schreibt Andreas Busche im „Tagesspiegel“ [Bezahlschranke].   

„Ein historischer Triumph für einen Film ohne männliche Hauptrolle“ – das beunruhigt Jan Küveler in der „Welt“ gewaltig. Überhaupt hatte er bei der Gala „den Eindruck, in Deutschland im Jahr 2026 herrsche ein bitterer Generalverdacht der Frauen gegen die Männer. Das wurde selten explizit, dominierte als Leitmotiv aber den Abend“, empfindet er. „Los ging es mit den Buhrufen, mit denen Wolfram Weimer empfangen wurde, der unglücklich agierende Kulturstaatsminister, der zwar ein wegweisendes Gesetz zur Filmförderung auf den Weg gebracht hat, aber in der Debatte um die Auszeichnung linker Buchhandlungen und jener um eine Ablösung von Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Fingerspitzengefühl vermissen ließ.“ Und dann hielt auch noch der Ehrenpreisträger „eine Mea-culpa-Rede“ … 

Auf den Kulturstaatsminister und sein Fingerspitzengefühl war Julia Kilian von der Deutschen Presse-Agentur schon gespannt, denn „Weimer wird erstmals seit dem Drama um die Berlinale auf die Filmbranche treffen. Kein unheikler Moment.“  

Der Minister wurde auch in den Reden wiederholt kritisiert, „auch bezüglich dessen versuchter Abberufung der Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle“, berichtet Jenni Zylka in der „Taz“. „Der Produzent Ingo Fliess hielt eine brillante Rede über künstlerische Freiheit in einer Demokratie. Er sei glücklich darüber, in einem Land leben zu können, in dem nicht nur die Förderstruktur diese Freiheit garantiert, sondern man einen Kulturstaatsminister kritisieren dürfe. […] Wolfram Weimer brachte es fertig, bei seiner Rede die Kritik an sich nicht zu thematisieren. Er tat so, als ob nichts gewesen wäre. Aber beschwerte sich, so wurde kolportiert, später beim Akademiepräsidenten über Fliess. Was den Eindruck verstärkt, dass der Kulturstaatsminister der Kultur und den Menschen weder zuhört noch kulturelle Unabhängigkeit als elementar ansieht.“

Viel mehr als Filmpreise und Staatsminister interessierte hinterher aber ein ganz anderes Thema. Der Ehrenpreis fürs Lebenswerk war dieses Jahr dem Regisseur Wim Wenders gewidmet. Dieses hat einen Fleck: Im Film  „Falsche Bewegung“ von 1975 spielte die damals 13-jährige Nastassja Kinski ihre erste Rolle. Schon seit Jahren fordert sie, dass eine Szene entfernt wird, Nacktheit und Gewalt zeigt – vergeblich. Und weitgehend unbeachtet.  

Kurz vor der Preisverleihung war das Interesse dann doch erwacht [cinearte 811]. Und auf der Bühne erklärte sich Wenders [Youtube, ab 12:45]. Dass er den Film heute nicht mehr so machen würde, hatte er schon früher gesagt. Doch „dem jungen Mann, 29-jährig vor 50 Jahren, dem kann ich keinen Vorwurf machen“, meinte Wenders. Korrigieren wollte er ihn aber immer noch nicht und gar Hand ans eigene Werk legen. Zumindest nicht alleine. Er fürchte, damit einen „Präzendenzfall“ zu schaffen, der alle Filmschaffenden betreffen könne. Darum wandte er sich an die Deutsche Filmakademie (in Gestalt ihres Kopräsidenten Florian Gallenberger neben ihm), sie möge zur Grundsatzdebatte einladen: „Wie geht man mit so etwas um? Was sind die großen Verantwortungen?“   

So einige Gesichter im Publikum machten den Eindruck, dass sie der Argumentation nicht ganz folgen wollen. Aber für den Ehrenpreisträger gab es stehenden Applaus. 

Die Feuilletons sind aufgebracht. Warum es Beifall für diese Rede gab, fragt sich Michael Hanfeld in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]: „Wim Wenders begeht hier nämlich einen Kategorienfehler erster Ordnung. Hier geht es nicht um die Kunst- und Meinungsfreiheit und nicht ums Filmerbe, es geht nicht darum, sich dem Zeitgeist anzupassen und […] woke Verbeugungen im Dienst der politischen Korrektheit zu machen. Hier geht es um die Tatsache, dass ein 13 Jahre altes Kind sexualisiert und nackt vor die Kamera gezogen wird. Das war 1974 falsch, und das wäre heute falsch. Das ist keine Frage des Filmerbes, sondern eine der Moral. Das hätte Wim Wenders im Alter von 29 Jahren wissen müssen, so wie er es heute zu wissen vorgibt.“ 

Fassungslos ist Claudia Tieschky in der „Süddeutschen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Weil „es Dinge gibt, die man mit einem Kind nicht macht. Und diese Vereinbarung einfach weiter infrage zu stellen, das wäre tatsächlich ein atemberaubender Präzedenzfall. […] Man denkt an Nastassja Kinski, die um ihre Würde als 13-Jährige kämpft, die nicht mehr als halb nacktes Kind im Streamingdienst abrufbar sein möchte, und an ihre Erinnerungen. Erinnerungen, für die Wim Wenders, wie man nach dieser denkwürdigen Rede wiederholen muss, seinem 29-jährigen Ich keinen Vorwurf machen möchte. Sie, Nastassja Kinski, muss seit Jahren alles alleine tragen, keine Filmakademie steht ihr bei. Nach diesem Abend soll sie jetzt mit ihrem Anliegen auch noch den ganzen deutschen Film in seiner Existenz bedrohen? Beifall dafür im Saal. Was soll man sagen? Man wächst mit seinen Aufgaben?“ 

Daran hatte Judka Strittmatter in der „Berliner Zeitung“ schon vor der Gala Zweifel. Nastassja Kinski müsse sich „von der Filmwelt allein gelassen fühlen. Einer Welt, die einerseits #Metoo ins Rollen brachte, aber längst noch nicht bereit ist, die Verfehlungen all ihrer Götter sichtbar zu machen. Und in der auch die Götter selbst immer alles auf ,die anderen Zeiten damals’ schieben oder sich anderweitig herauslavieren. Es geht nicht um Zensur, auch nicht um Kunstfreiheit oder die Auslöschung eines Werks. Es geht lediglich um zwei Film-Minuten, die einem Regisseur keine Mühe machen sollten angesichts einer Darstellung, unter der ein damals junges Mädchen bis heute leidet. […] Aus Respekt und Mitgefühl für eine Frau, die seinem Kino selbst viel gegeben hat. Auch ,Paris, Texas’ wäre ohne Nastassja Kinski nicht das geworden, was der Film heute ist: ein Mythos.“ 

Jedenfalls habe Wenders „tatsächlich die Macht, diesen Schnitt zu tun, er besitzt sämtliche Rechte an all seinen Filmen, er könnte den Streamern vorschreiben, welche Version sie zeigen dürfen. Bei Amazon zum Beispiel findet sich momentan die restaurierte Fassung der Wenders-Stiftung, inklusive Nacktszene“, schreibt Hanns-Georg Rodek in der „Welt“. „Der Aspekt der Kunstfreiheit wäre zu debattieren, die gewahrt bleiben muss. Wenders selbst fragt sich, ob man alte Filme überhaupt verändern darf. […] Nun herrscht tatsächlich ziemliche Ratlosigkeit, wie man mit dem Filmerbe und Elementen darin umgehen soll, die nicht mehr heutigen Empfindlichkeiten entsprechen.“  

Doch dieser Fall sei „nicht vergleichbar. Das primäre Problem bei ,Falsche Bewegung’ besteht nicht in der Szene selbst – Kinski könnte in dem Film notfalls als 16-Jährige durchgehen –, sondern in seiner Entstehung. […] Die – ungeklärte – Frage lautet, wer sie hätte beschützen können. Sicher nicht ihr Vater, der lebte mit seiner dritten Frau in Paris und drehte in Italien einen Italowestern nach dem anderen. […] Es ist unbekannt, wer außer Handke und Wenders das Drehbuch kannte, kritisierte, absegnete und damit auch die Bettszene. Regeln für Kinderarbeit beim Film existierten damals nicht. […] Im Fall ,Falsche Bewegung’ hat es damals an Verantwortung gefehlt, und deshalb muss jemand diese Verantwortung heute schultern. Es wäre symbolisch richtig, wenn Wim Wenders – ohne jegliche Präzedenz – diese zwei Minuten entfernt.“

Entschuldigt habe sich der Regisseur jedenfalls nicht, stellt Carolin Ströbele in der „Zeit“ [Bezahlschranke] fest. Das Filmerbe sieht sie zwar nicht in Gefahr, doch sei es für „die Dramaturgie des Films eben nicht so trivial, einfach die knappe Minute herauszuschneiden, in der Kinski entblößt gezeigt, geschlagen und gestreichelt wird. Damit würde ein Teil des Films fehlen, auf den sich nachfolgende Szenen beziehen“. 

Über die Machbarkeit musste auch Julius Feldmeier nachdenken. „Aber all das ist ja überhaupt nicht die Frage. Und wenn jemand da Know-how und die Ressourcen für so einen Schritt hat, dann bist das doch du. Ist nicht ein essenzieller Bestandteil deiner Filme die Auseinandersetzung mit der Würde des Menschen?“, schreibt er in einem Brief an Wenders, den er auch auf Instagram gestellt hat. Sein Doku-Debüt „„6Minuten66“ hatte er als Hommage an den Regisseur gedreht [cinearte 761].   

„Als Schauspieler habe ich erlebt, war es bedeutet und wie es sich anfühlt, ungeschützt zu sein, oder wie es ist, zu sehen oder davon zu hören, wenn jemand ungeschützt ist und wenn Grenzen überschritten werden. Es ist ganz fürchterlich. Es darf nicht passieren, aber passiert viel zu oft, und ich kann dir sagen, die Erinnerungen daran bleiben.“  

David Steinitz findet Wenders’ Verhalten „herablassend und unverschämt“, gar „feige“. Schließlich habe er als echter Autorenfilmer bei seinen Werken das letzte Wort. „Und in seiner bisweilen etwas selbstmusealisierenden Art hat Wenders bislang sonst auch noch nie vermittelt, dass er Beistand bei einer Schnittentscheidung brauchte.“ 

Sein Werk sollte er dennoch nicht antasten, findet Steinitz – und gefälligst dazu stehen. „Denn für diese Haltung gibt es durchaus gute Gründe. Kunstwerke schreiben sich in ihre Zeit ein. Wenn man sie nachträglich ändert, fehlt die Verankerung, die man zu ihrem Verständnis zwingend braucht – auch zum Verständnis ihrer Untiefen. Noch wichtiger ist aber das folgende Argument: Leid lässt sich nicht revidieren, indem man alle Spuren des Leids tilgt. Das gilt für die ,normale’ Geschichte genauso wie für die Filmgeschichte. Es gibt diverse andere Beispiele, in denen Schauspielerinnen lange unter Dreharbeiten gelitten haben.“ 

Was immer Steinitz damit auch sagen will – seine Schilderung der Vorgänge bei „Der letzte Tango in Paris“ und „Blau ist eine warme Farbe“ (und er kennt noch mehr) klingen doch weitaus harmloser als das, was die Wikipedia zu beiden Filmen schreibt. Oder was Peter Praschl schon vor zehn Jahren in der „Welt“ berichtet hatte (mit weiteren Beispielen).    

Und weil Ströbele in der „Zeit“ auch noch anmerkt, dass Kinskis Fall doch eher eine Ausnahme im Deutschen Film sei: Die Schauspielerin streitet auch mit dem NDR um den „Tatort: Reifezeugnis“. Machtmissbrauch erlebte auch ihre Kollegin Désirée Nosbusch als 16-Jährige  beim Dreh des Kinofilms „Der Fan“ (1982). Zuletzt hatte die Schauspielerin Merve Aksoy gegen den Film „Ararat“ (2021-23) protestiert, weil Nacktszenen von ihr verwendet wurden – entgegen alle Absprachen, sagt sie. Was Schauspieler*innen sonst noch so beim Casting widerfahren kann, schilderten sie erst vor vier Jahren im  Dokumentarfilm „The Case You – Ein Fall von Vielen“ [mehr hier bei uns]. Auch das ist Filmerbe, zu dem sich eine Debatte lohnt.  

Rüdiger Suchsland auf „Artechock“ ist die Moraldiskussion „moralisch suspekt“ und führe in die falsche Richtung: „Wenn man Wim Wenders schon unbedingt einen öffent­li­chen Schau­pro­zess machen, ihn zur Befrie­di­gung des Publikums symbo­lisch enthaupten und vier­teilen und entmannen will, dann sollte man ihm einen solchen Prozess in ästhe­ti­schen Fragen machen. Denn manche Filme von Wim Wenders kann man heute überhaupt nicht mehr angucken. Sie sind künst­le­risch uner­träg­lich, und vor allem deswegen spannend, weil man sich dann wundert, dass man so etwas jemals für Kunst halten konnte. […] Die Tatsache, dass jetzt plötzlich alle sich für ,Falsche Bewegung’ (1975) inter­es­sieren, könnte dazu führen, dass man sich diesen Film einmal wirklich anguckt und sich fragt, was sie eigent­lich gemacht haben und gedacht haben, damals in den 1970ern. Aber nicht in der Weise, dass man die Sekunden zählt, in dem der nackte Busen von Nastassja Kinski zu sehen ist, sondern dass man über die Dialoge über Männer- und Frau­en­bilder, über die Vorstel­lung von Sehnsucht, über die Idee, was Deutsch­land ist, wundert und nachdenkt.“ 

Das wird allerdings nicht so schnell passieren. Denn am Mittwoch hat Wim Wenders ein Statement veröffentlicht, in dem er sich bei Nastassja Kinski entschuldigt – „ohne Wenn und Aber“: Der Film werde aus allen aktuellen Auswertungsformen zurückgezogen und erst wieder freigegeben, wenn es eine einvernehmliche Lösung gibt. „Die vielen Reaktionen, Hinweise und Gespräche der vergangenen Tage haben wesentlich dazu beigetragen, meinen Blick auf die damaligen Ereignisse weiter zu schärfen. Dafür bin ich dankbar. Nur ein offener und respektvoller Austausch führt dazu, Positionen zu überdenken und Verantwortungen neu wahrzunehmen“, schreibt der Filmemacher.