Politische Filme 

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Kurzer Triumph in der „Glamour-Parallel­gesellschaft“: Ryan Coogler (links) und Paul Thomas Anderson mit „Oscars“. | Foto © Ampas/Al Seib

Am Sonntag wurden die „Oscars“ verliehen. In der Auswahl zeigt sich Hollywood kämpferisch, die Preisgala war dagegen eher vorsichtig.

Sonntagnacht wurden in Hollywood die „Oscars“ verliehen. Der „Perlentaucher“ hat die Berichte und Einschätzungen am Montag und Dienstag gesammelt. Und die besten Witze aus der Moderation von Conan O’Brian gibt’s bei „GQ“. „Als ich letztes Jahr die Moderation übernommen habe, stand Los Angeles in Flammen“, sagte der in seinem Eröffnungsmonolog. „Aber dieses Jahr läuft alles super!“ 

Was die Preisverleihung über unsere Zeit aussagt, überlegt Dietmar Dath in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. „Die alljährliche ,Oscar’-Verleihungszeremonie findet nicht in der Wirklichkeit statt, sondern in einer Glamour-Parallel­gesellschaft. […] Die Wirklichkeit 2026: Trump, Inflation, Krieg, Naturverwüstung, Unrecht. Die ,Oscar’-Zeremonie 2026: Witzbolde, Schauspiel- und Regietalente, die ein paar Stunden lang so tun dürfen, als könnten sie auf heiter-feierliche Distanz zu besagter Wirklichkeit gehen, mit kleinen Spitzen gegen sie. […] Zwei Filme, um die es in der Zeremonie vor ­allem ging, handeln exakt von solchen verschärften Kontrasten ­ zwischen gesellschaftlichen Übeln und parallelgesellschaftlichen Ausweichräumen: ,Blood and Sinners‘ von Ryan Coogler und ,One Battle After Another’ von Paul Thomas Anderson.“  

Cooglers Vampir-Musical war in 16 Kategorien nominiert, was allein schon ein neuer Rekord war. „Nur“ vier Goldmännchen wurden letztlich daraus, doch auch da gab es einen neuen Rekord: für die Bildgestaltung wurde Autumn Durald Arkapaw ausgezeichnet – als erste Frau überhaupt nach fast einem Jahrhundert! Die erste weibliche Nominierung in dieser Kategorie für Rachel Morrison ist auch noch nicht so lange her: Vor acht Jahren war das, zur 90. Verleihung der „Oscars“. Immerhin war mit Arkapaw (nach den Australierinnen Mandy Walker 2023 und Ari Wegner 2022) inzwischen die vierte Kamerafrau nominiert. Morrison hatte übrigens nach ihrer Nominierung mit Coogler „Black Panther“ gedreht; bei der Fortsetzung „Wakanda Forever“ war Arkapaw DoP.  

Im „Standard“ gibt Marian Wilhelm ein kurzes Porträt. „Bei all den Schlagzeilen zur 2026 höchst überfälligen Ehrung der ersten Kamerafrau mit einem Academy-Award gerät ihre eigentliche Leistung als Director of Photography fast in den Hintergrund. Die ist bei diesem Projekt in technischer wie auch kreativer Hinsicht beachtlich. Nicht nur drehte Arkapaw den Film auf analogem Filmmaterial, sondern auch gleich für das 70-Millimeter-Imax-Großformat. Die über 30 Kilogramm schweren Kameras bediente die 46-jährige als Operator großteils selbst.“ 

Zum Vergleich: Der Nissan „Leaf“, ein diesjähriges „Women’s Car of the Year“, wiegt sogar 1.800 Kilogramm und soll von der Fahrerin großteils selbst bedient werden.  

Premieren erlebte auch „One Battle After Another“. In der neuen Kategorie fürs Casting wurde Cassandra Kulukundis ausgezeichnet. „Als die ihre goldene Statue entgegennahm, wandte sie sich überwältigt in Richtung des Regisseurs Paul Thomas Anderson: ,Wir haben zehn Filme zusammen gemacht, und jetzt hab ich einen ,Oscar‘ vor dir gewonnen, das ist doch verrückt.’“, berichtet Maria Wiesner in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke]. Zehn Kinofilme hat  Anderson bislang inszeniert. Für sechs davon war er selbst insgesamt elfmal nominiert – und ging jedes Mal leer aus. Das wurde jetzt nachgeholt, sein neuer Film gewann sechs „Oscars“. Drei davon gingen an den Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten Anderson. 

„Der große Gewinner im Hintergrund: das Filmstudio Warner Bros., das beide Werke produziert hat. Es unterstreicht fulminant seinen Ruf als Heimat von großen Autorenfilmern mit reichlich Boxoffice-Power“, meint David Steinitz in der „Süddeutschen Zeitung“. „Diese Oscar-Nacht ist so wichtig für Warner wie vielleicht noch keine zuvor: Das Studio soll für unglaubliche 111 Milliarden Dollar vom Milliardärssohn David Ellison geschluckt und mit dem Konkurrenten Paramount verschmolzen werden. Der ,Oscar’-Erfolg ist ein starkes Argument für die gerade anstehenden Verhandlungen, um so viele Jobs und so viel Eigenständigkeit wie möglich in die Zukunft zu retten.“ 

Besonders bei „Blood & Sinners“ kommt Philipp Bovermann in der „Süddeutschen Zeitung“[Bezahlschranke] ins Grübeln. „Was dieser Film mal eben präsentiert, auf eine genial unterhaltsame und beiläufige Weise, ist eineradikale Infragestellung der ideellen Grundfesten der amerikanischen Nation, der Konzepte von Ungleichheit, Privatbesitz, Naturbeherrschung und Aufklärung.“ Und all „das in einem Genrefilm, mit großem Budget produziert durch ein Major-Studio, unter Beteiligung einiger der herausragendsten Filmkünstler des Planeten. Man vergleiche das mit der in Deutschland derzeit wieder so wild wuchernden Angst vor allem, was das Land und seine kulturellen Glaubensbekenntnisse auch nur ein wenig herausfordert. So schnell könnte man gar nicht gucken, wie ,Blood & Sinners‘ in den Filmfördergremien hierzulande entkernt worden wäre.“ 

Die Gala „präsentierte sich deutlich publikumszugewandter als in den Vorjahren“, und das ist für Andreas Busche im „Tagesspiegel“[Bezahlschranke] eine gute Nachricht. „Das lässt sich auch über die Gesamtwertung des Abends sagen, dessen Preisträger einen guten Querschnitt durch das Segment des gehobenen Popcornkinos darstellen. […] So politisch, wie die nominierten Filme nahelegen, verläuft der Abend am Ende aber doch nicht. […] Explizit politisch wird es, wie so oft bei den ,Oscars’, dann beim Preis für den besten Dokumentarfilm, gewissermaßen der Token für das schlechte Gewissen der Academy-Mitglieder. ,Mr. Nobody against Putin’ von David Borenstein und seinem Protagonisten handeln vom zivilen Ungehorsam des Lehrers Pavel Talankin gegenüber dem russischen Staatsapparat. Der amerikanische Filmemacher David Borenstein warnt in seiner Dankesrede aber implizit auch seine Landsleute: Der Film ,handelt davon, wie man sein Land verliert. Und was wir bei der Arbeit mit diesem Filmmaterial festgestellt haben, ist, dass das durch unzählige kleine, unscheinbare Akte der Komplizenschaft geschieht.‘“ 

Ob die Botschaften ankommen? Der Bericht von Inna Hartwich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ lässt daran zweifeln: „Dass in Los Angeles auch ein Russe in der Kategorie ,Bester Dokumentarfilm’ nominiert war, liessen die staatlichen Medien im Land vollkommen unerwähnt. Sie blieben auch am Morgen danach nahezu still. Denn dieser Russe – offiziell wird er als ,Verräter’ gebrandmarkt – gewann für sein Werk in deutscher Co-Produktion den Filmpreis tatsächlich, zusammen mit seinem amerikanisch-dänischen Team. Daraufhin titelte die kremlloyale Internetplattform Ura.ru in Jekaterinburg: ,Ein Film über Wladimir Putin hat einen ,Oscar’ bekommen’.“ 

Den Film hatten ZDF und Arte koproduziert – wie auch Joachim von Triers „Sentimental Value“, der neunfach nominiert war und als „bester internationaler Film“ augezeichnet wurde. Und weil der Kandidat aus Norwegen eine echte Europroduktion ist, hat auch die deutsche Produktionsfirma Komplizenfilm Teil am Erfolg. Am Tag vor der Gala lud die Villa Aurora in Los Angeles wieder zum Empfang für die deutschen Nominierten ein, schließlich standen „insgesamt sieben internationale Produktionen mit deutscher Unterstützung“ auf der Liste. 

Christiane Heil war für die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ [Bezahlschranke] dort und erzählt auch von sonst weniger beachteten Filmkünsten. Denn nominiert war auch das VFX-Team hinter „Blood & Sinners“, und zwei der vier stammen aus Deutschland. Guido Wolter hat sich von Australien aus eine beeindruckende Filmografie in Hollywood erarbeitet – die Episode VIII vom „Krieg der Sterne“ war 2017 sein erster Credit als VFX Supervisor. Die jüngste Arbeit aber führte in eine ganz andere Welt: „Cooglers Idee, ,Blood & Sinners‘ klassisch zu filmen, löste bei den Mitarbeitern seines Unternehmens Rising Sun Pictures in Australien Verwunderung aus. ,Das hatte ich schon seit ‚Tribute von Panem‘ 2013 nicht mehr gemacht. Den jüngeren Kollegen musste ich zeigen, wie man Staubpartikel von Film entfernt. Wir hatten richtig Spaß‘, sagt der Fünfundvierzigjährige. Die Frage nach dem Sinn der eher aufwendigen Technik beantworteten die ersten Bilder, die ihm die Kamerafrau Autumn Durald Arkapaw einige Monate später nach Adelaide schickte. ,Es war sofort klar, warum wir den Aufwand betrieben haben. Die Bilder strahlten etwas ganz Eigenes aus’, sagt Wolter. An den fast 1000 Aufnahmen mit visuellen Effekten arbeiteten Wolter, Ralla und ihre Mitnominierten später fast eineinhalb Jahre lang.“   

Das „German engineering“ habe Coogler „schwer beeindruckt“, sagt Michael Ralla, den Ines Kunze für den SWR porträtiert. Der VFX Supervisor hatte an der HDM in Stuttgart studiert, und erst in Deutschland, ab 2010 in den USA an einer langen Reihe bekannter Filme mitgewirkt. Mit Coogler hatte er schon an „Wakanda Forever“ zusammengearbeitet. In „Blood and Sinners“ ist Michael B. Jordan in einer Doppelrolle als Zwillingspaar zu sehen. „Konventionell werden hier geteilte Bildschirme und sogenanntes Face Swapping eingesetzt, also der nachträgliche Austausch von Gesichtern. Ralla ging für ,Blood & Sinners’ einen Schritt weiter und entwickelte einen ,Halo Rig‘, eine Art Gerüst, das der Schauspieler Michael B. Jordan während des Drehs einzelner Szenen über Kopf und Schultern trug. An diesem Gerüst waren rundum Kameras befestigt. So konnten Jordan gleichzeitig aus bis zu zwölf verschiedenen Winkeln aufgenommen werden und diese Aufnahmen auf das Zwillings-Double übertragen werden.“  

Allerdings hat für ihn auch das klassische Effekthandwerk noch Platz, wie eine Szene zeige, „in der viel Rauch in der Luft sein soll. Auch wenn es ihm die Arbeit erschwerte, bestand Ralla darauf, den Rauch schon am Filmset einzusetzen. Rallas Ansatz zeigt: Spektakuläre Ergebnisse entstehen nicht erst am PC. In einer anderen Szene in ,Blood & Sinners’ brennt etwa das Dach ab. Ralla fand: Das wirke am besten, wenn man echtes Feuer filmt. Auch wenn die Kollegen anfangs skeptisch waren, setzte er sich durch: Die Filmcrew zündete das Dach an, die Flammen brannten lichterloh – und Ralla war zufrieden.“