Ja, wen haben wir denn da? Michael „Bully“ Herbig gab zu Corona den Nikolaus. Mit klarer Ansage und vielen „Beeps“. | Screenshot

Kurz vor Corona hatten Sender, Produktionsfirmen, Filmförderungen und Verbände ihre „Nachhaltigkeitsinitiative“ gestartet, jetzt ist die Website dazu online. Wirklich nachhaltig ist die Initiative allerdings nicht. 

Am 6. Dezember machte Michael „Bully“ Herbig auf Instagram den Nikolaus – und las Corona-Leugnern die Leviten: „Du warst ja überhaupt nicht brav im letzten Jahr; hast keine Maske getragen; hast keinen Abstand gehalten; hast kleine Kinder angeschrien: ,Maske ab! Maske ab!’“ Lustiger ist allerdings, sich das selbst anzuschauen. 

 

Die Filmindustrie ist nicht klimafreundlich. Zumindest ein Teil von ihr will es aber werden. Vorreiter in Deutschland war die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH), die (angeregt von ihren skandinavischen Nachbarn) 2012 den „Grünen Drehpass“ für Filme und Serien einführte, die auf umweltfreundliche Weise produziert wurden. Seit 2015 übernimmt sie auch die Kosten für den Einsatz eines „Green Runners“ bei geförderten Produktionen. Im April dieses Jahres wurde daraus der „Grüne Filmpass“. Der berücksichtigt nicht nur den Produktionsbereich, sondern die gesamte Wertschöpfungskette vom Drehbuch bis zum Verleih. Für Produktionen, die majoritär deutsch finanziert sind und in Deutschland gedreht werden, ist der „Grüne Filmpass“ seit April 2020 verpflichtend. FFHSH-Geschäftsführer Helge Albers hatte das im Interview mit „Blickpunkt Film“ erklärt.

2015 war auch die MFG Baden-Württemberg in das Thema eingestiegen. Nach einem Pilotprojekt gründete sie 2017 den Arbeitskreis „Green Shooting“, dem neben der FFHSH auch „die wichtigsten deutschen Filmgesellschaften und Institutionen der deutschen Filmproduktion“ angehören: die Sender ARD, ZDF, die RTL-Gruppe, Pro Sieben Sat.1 und Sky‚ die Produktionsfirmen Bavaria Fiction, Constantin, Divimove, Ufa und Ziegler Film, sowie die Deutsche Filmakademie, die Produzentenallianz und der Verband Technischer Betriebe für Film und Fernsehen (VTFF).
Während der diesjährigen Berlinale stellte der Arbeitskreis seine Nachhaltigkeitsinitiative vor: Ab dem Sommer sollte in einer ersten Pilotphase ein Zertifikat für besonders nachhaltiges Produzieren im Film- und Fernsehbereich deutschlandweit erprobt, dann dauerhaft von der Filmförderungsanstalt (FFA) vergeben und schließlich „zu einem deutschlandweiten Standard weiterentwickelt“ werden.  Die „Gemeinsame Erklärung“ unterzeichneten auch die anderen regionalen Förderungen, die FFA und die BKM. Ihre freiwillige Selbstverpflichtung eröffnen sie mit den Worten: „Filme und Serien sind Spiegel unserer Gesellschaft. Kein anderes Medium transportiert den Zeitgeist in so lebendiger und intensiver Form wie der Film. Zugleich war die Filmwirtschaft schon immer Treiberin kreativer und technologischer Innovationen. Wir fühlen uns daher verpflichtet, unser Wirken auch an gesamtgesellschaftlichen Zielen auszurichten.“
Wie das aussieht, stellt die Nachhaltigkeitsinitiative nun auf einer neuen Website vor: Unter dem Titel „100 Grüne Produktionen“ bietet sie Informationen für Produzent*innen, Berichte und Hintergrundinformationen rund um das Projekt. Konkret zu Sache geht es morgen in einem Online-Symposium. Ab 11 Uhr drehen sich Podiumsdiskussionen ums Grüne Drehen und um nachhaltige Postproduktion.

Das große Wort, mit dem die Initiative sich schmückt, ist allerdings zu groß für das, was tatsächlich geboten wird: Nachhaltigkeit meint weit mehr als Umweltschutz. Die Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ des Deutschen Bundestags hatte dazu schon 1995 das „Drei-Säulen-Modell“ entwickelt. In den Worten der Wikipedia geht es „von der Vorstellung aus, dass nachhaltige Entwicklung nur durch das gleichzeitige und gleichberechtigte Umsetzen von umweltbezogenen, wirtschaftlichen und sozialen Zielen erreicht werden kann. Nur auf diese Weise kann die ökologische, ökonomische und soziale Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft sichergestellt und verbessert werden. Die drei Aspekte bedingen dabei einander“ und können, so wiederum die Enquete-Kommission, nicht „teiloptimiert“ werden. Soll heißen: auch Öko-Bananen, Bio-Milch, Windkraftanlagen und andere umweltfreundliche Produkte können ihre Schatten werfen.
Und da zeigt die selbsternannte „Nachhaltigkeitsinitiative“ eine erhebliche Schlagseite – obwohl sie sich selbst doch in ihrer Erklärung auf „gesamtgesellschaftliche Ziele“ und die Innovationskraft ihrer Branche beruft. Seit 2017 hat die FFA den Auftrag, auf sozialverträgliche Arbeitsbedingungen „hinzuwirken“. Das ist mehr als schwammig formuliert, doch wenigstens eine konkrete Handlungsanweisung wurde der FFA ins Filmförderungsgesetz [PDF] geschrieben: Der jährliche Förderbericht soll fortan „eine statistische Auswertung der Informationen zur Anwendbarkeit von Branchentarifverträgen oder vergleichbaren sozialen Standards“ enthalten, besagt Paragraf 169. Im Geschäftsbericht für 2018 half man sich mit zweifelhaften Zahlen aus, die die Produzentenallianz geliefert hatte – der Verband vertritt die Arbeitgeberseite bei den Tarifverhandlungen. Der FFA-Geschäftsbericht für 2019, in diesem Sommer erschienen, ignoriert den gesetzlichen Auftrag ganz und liefert überhaupt keine Zahlen zur Tariftreue.
Als erste Filmförderung hatte sich die Nordmedia Anfang 2018 die soziale Nachhaltigkeit in die Förderregularien geschrieben, kurz darauf folgte die MFG. Inzwischen sind auch andere Landesförderungen nachgezogen. Doch meist ist das unverbindlich formuliert wie in Hamburg Schleswig-Holstein, wo man Grünes Drehen und Diversität zur Bedingung für Förderzusagen gemacht hat: „Die FFHSH erwartet, dass im Rahmen der geförderten Projekte eine angemessene geschlechterunabhängige Beschäftigung und Bezahlung vorgenommen und dem Schutz von Minderheiten Rechnung getragen wird.“ Lediglich von Baden-Württembergs MFG heißt es, dass dies auch tatsächlich als Förderkriterium gehandhabt werde. Eine eigene Website oder gar eine Initiative zur sozialen Nachhaltigkeit gibt es von Seiten der Förderinstitutionen aber noch nicht. 

An anderer Stelle allerdings schon: Am 1. Dezember startete auf Crew United wieder die jährliche Umfrage zu den fairsten Produktionsbedingungen des Jahres. In neun Kategorien bewerten die Filmschaffenden die Spielfilme und Serien, an denen sie im Corona-Jahr mitgewirkt haben. Der Pandemie gilt dabei besonderes Augenmerk, wird im Vorwort zum Kriterienkatalog erklärt: „Die Corona-Krise hat zu zahlreichen Drehstopps, -abbrüchen und -verschiebungen geführt und gezeigt, wie prekär die Arbeitssituation von Projektarbeiter*innen ist – ob mit befristeter Anstellung, als Freiberufler*innen oder Selbstständige. Gerade in der Krise zeigt sich, wer als Arbeit- und Auftraggeber*in Verantwortung übernimmt, seiner*ihrer Fürsorgepflicht gerecht wird und transparent kommuniziert.“ Crew United hat deshalb für das Jahr 2020/21 ein weiteres Fairness-Kriterium in einer eigenen Kategorie aufgenommen: „Transparenz, Verantwortung und Fürsorge in der Corona-Krise“.
Wer seine*ihre Stimme zum „Fair Film Award Fiction“ noch nicht abgegeben hat, kann das noch bis zum 31. Dezember tun: Einfach ins Profil einloggen und auf „jetzt bewerten“ klicken!  Die Preisverleihung ist wieder zur Zeit der Berlinale geplant.
Übrigens: Von den „wichtigsten deutschen Filmgesellschaften“, die bei der Nachhaltigkeitsinitiative der MFG mitmachen, landete im vorigen Jahr die bestplatzierte in der Gesamtwertung der Produktionsfirmen auf Rang 40 von 117, die am schlechtesten bewertete auf Rang 73. 

 

Kommunale Kinos erfüllen eine wichtige gesellschaftliche und politische Funktion. Fernab der Großstädte sind sie oft das einzige kulturelle Angebot „jenseits von Hollywoodfilmen und deutschen Komödien.“ Doch sie trifft die aktuelle Krise besonders schwer: „Wenn seit einigen Monaten wieder von der Krise des Kinos gesprochen wird, werden diese Graswurzel-Einrichtungen oft übersehen“, erklärt „Der Tagesspiegel“ und weist auf ein grobes Missverhältnis hin, dass weiter reicht als die Pandemie: Kinos werden häufiger und regelmäßiger genutzt als jede andere Kulturform, hatte der „Landeskulturbericht Nordrhein-Westfalen 2017“ festgestellt. Für 75 Prozent der Befragten entstehe der Kulturzugang über das Kino, bildende Kunst und Musik werden zu 30 bis 40 Prozent genutzt, die Oper nur von 17. „Gerade mal ein Viertel der nominell Kommunalen Kinos wird noch kommunal gefördert“, so die Zeitung: „Je hochkultureller, desto subventionierter“.

Kurzfilme sind die abgelegenen Inseln der Filmfestivals, erklärt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Beim Blick ins Programm überfliegen die Zuschauer sie und kaufen am Ende doch ein Ticket für den Langspielfilm, weil man da weiß, was man bekommt. Ein Besuch der Filminselchen erfordert einen wacheren Geist, weil man sich wie bei einer Vertrauensübung alle paar Minuten blind in eine völlig neue Handlung fallen lassen muss und auf einen Actionfilm schon mal ein Experimentalstück folgt.“  Wie solche Reihen gut kuratiert aussehen können, habe gerade das Berliner Science-Fiction-Filmfest gezeigt – und wie man Streaming überhaupt kuratieren sollte.

In Zeiten von geschlossenen Bühnen scheint das Streaming von Aufführungen ein folgerichtiger Schritt – sie sollen schließlich ihr Publikum erreichen. Doch tun die Theater sich selbst und ihrem Publikum damit einen Gefallen? „MDR Kultur“ hat bei den Theatermachern nachgefragt. Sie sehen es mehr oder weniger wie der Geschäftsführer des Thüringer Theaterverbands, Mathias Baier: „Natürlich sind wir alle bemüht, in diesen Zeiten andere Wege zu gehen und andere Möglichkeiten auszuprobieren. Das ist jetzt ok, für dieses Jahr nehmen wir das so an. Aber das ist nicht Theater.“

 

Anders als üblich werden die „Europäischen Filmpreise“ verliehen. Jeden Abend ab 8 werden die Gewinner der einzelnen Kategorien im Videostream vorgestellt. Im „Großen Finale“ am Samstag werden die sogenannten Hauptpreise vergeben. Die Deutsche Welle sieht in dem Krisen-Konzept auch große Chancen für die Filmbranche. Statt des „Schaulaufens der Stars auf dem roten Teppich“ habe sich „der Fokus in diesem Jahr merklich verschoben.“ Zum Beispiel die gestrige Auftakt-Veranstaltung, die auf der Website des „Europäischen Filmpreises“ nachzusehen ist: „Selten ging es bei der Eröffnung eines Filmfestivals dezidiert auch um die Filmschaffenden hinter der Kamera, hinter den sorgsam gebauten Kulissen, die Mitarbeiter in den Produktionsfirmen oder im Kino, die alle nicht über den roten Teppich laufen. Und noch nie war das für die Branche so dringend nötig wie mit den harten Erfahrungen des Corona-Jahrs. Aber auch weniger renommierte Kategorien für die Preisverleihung erhalten in diesem Jahr mehr Aufmerksamkeit und (Sende-)Zeit, […] steigen plötzlich auch Kunstformen wie der Animationsfilm oder künstlerische Kurzfilme zu den Hauptdarstellern einzelner Zeremonien auf. Sonst kamen sie nur unter ,ferner liefen‘ vor.“
Gestern sprachen die Regisseur*innen Mark Cousins, Agnieszka Holland und Thomas Vinterberg sowie Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin des Medienboard Berlin-Brandenburg über die Zeit nach Corona, das Kino und die Streaming-Konkurrenz. Vinterberg sieht im Streaming-Boom „eine sich einschleichende Trägheit des Publikums“, gar „eine kulturelle Pandemie“, die man ernst nehmen müsse. Aber ganz so einfach macht es sich der Filmemacher, der einst Dogma 95 mitinitiiert hatte, dann doch nicht: Selbst auf Arthouse-Festivals sehe er Filme, die sich wiederholten oder mittelmäßig seien. Um die Menschen vom Bildschirm vor die Leinwand zu locken, brauche es bessere Filme: „Wir müssen Dinge machen, die Leute dazu bringen, ins Kino zu gehen, weil sie etwas anderes sehen wollen“. Das mit den besseren Filmen findet auch seine Kollegin Holland.

 

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