Das war mal was Neues: Vor zwei Wochen spielten Die Ärzte zu den „Tagesthemen“ auf, um über die eh schon katastrophale Lage der Kulturarbeiter*innen zu berichten. Dann kam trotzdem der Lockdown. | Screenshot

Schon seit einigen Wochen hatten sich Kulturschaffende vermehrt zu Wort gemeldet. Durch die erneute Stilllegung der Kultur wächst die Diskussion zu einer Grundsatzdebatte um das, was wirklich zählt. Und auch, wie es jenen geht, die an der Kultur schaffen.

 

„Wir lassen Unternehmen und Selbstständige in der Corona-Pandemie nicht allein“, verspricht die Bundeskanzlerin. Heute wollte sie sich mit den Spitzenverbänden der Arbeitgeber und der Industrie darüber beraten, wie die Auswirkungen der Krise weiter abgefedert werden können.
Doch Vertreter*innen von Selbständigen, von Freiberuflern oder aus Kunst- und Kultur sind wieder nicht eingeladen, kritisiert die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt: „Die aktuellen Hilfsprogramme halten ihr Versprechen nicht. Sie kommen bei denen, die dringend auf Unterstützung angewiesen sind gar nicht oder viel zu wenig an. Hohe bürokratische Hürden verschließen den Zugang zu Überbrückungshilfen und der so wichtige Unternehmerlohn wird vom Finanzministerium und Olaf Scholz weiter blockiert.“ Darum hat sie einen Appell initiiert,
„1. Die Belange der Solo-Selbständigen und Freiberufler endlich ernst zu nehmen und sie auch auf höchster Ebene gleichberechtigt mit anderen Wirtschaftsverbänden bei der Ausgestaltung und Nachbesserung von Hilfsprogrammen zu konsultieren.
2.  Die bestehenden Überbrückungshilfen nicht erst im Januar sondern unverzüglich zu entbürokratisieren und diese wie auch die Notfallhilfen für mehr Betroffene zugänglich zu machen.
3.  Den Weg für einen Unternehmer*innenlohn endlich frei zu machen. Betroffenen damit Unterstützung bei den Kosten ihres Lebensunterhalts zukommen zu lassen und drohende Altersarmut zu verhindern.“
Neben Politiker*innen und Verbänden haben den Appell auch viele Schauspieler*innen und Musiker*innen und andere Kulturschaffende unterschrieben.

Ähnliches forderte am Sonntag auch der Bundesverband Schauspiel: „Die Bundesregierung hat großzügige und unbürokratische Hilfsmaßnahmen zur Kompensation der Umsatzausfälle angekündigt – wieder einmal. Die Rede ist von kleinen Betrieben und Solo-Selbstständigen – wieder einmal. Wir Schauspieler*innen sind gebrannte Kinder, wir sind beim ersten Lockdown von der Politik weitgehend vergessen worden. […] Es wäre fatal, wenn die Politik jetzt den gleichen Fehler wie beim ersten Lockdown wiederholen und uns Schauspieler*innen nicht in die Rettungsprogramme einbeziehen würde.“

 

Im zweiten Lockdown werden auch der privatwirtschaftlichen Kulturbranche neue Staatshilfen versprochen. Und die wurden sofort nachgebessert, berichtet „Der Tagesspiegel“. Ursprünglich sollten Soloselbstständige bis zu 75 Prozent ihres Verdiensts im November vorigen Jahres als Ausfallkompensation erhalten. Jetzt kann auch das durchschnittliche Monatseinkommen des gesamten Vorjahres gewählt werden. Vor allem wollte die Zeitung aber wissen, wie die Soforthilfen von Bund und Ländern ankommen: „Eine Umfrage in den Sparten ergibt: Es herrscht eine Mischung aus Dankbarkeit, Frust und Ungewissheit – und teilweise eben doch viel Bürokratie.“

Den Künstlern, die durch die Pandemie und den neuerlichen Lockdown in Not geraten sind, muss endlich geholfen werden, meint Herbert Grönemeyer in der „Zeit“: „Wir sind vielleicht nicht die Maschine und der Motor Deutschlands, aber die Kultur in ihrer gesamten Vielfalt ist die rauschende Seele, ist der öffentliche Herzschlag eines Landes, und alle in ihr Beschäftigten und Auftretenden sind seine Schlagadern. Und in dieser grauen Phase sollte das Land seine Unterhalter kurz einmal unterhalten.“ Einen Vorschlag, wie das gehen könnte, macht er auch: Wie wäre es, wenn die vermögendsten Menschen dieses Landes ihnen zur Seite sprängen? „Deutschland hat circa 1,8 Millionen Millionäre, und eine Gesellschaft ist eine Familie. Wenn Brüder oder Schwestern, Cousinen oder Vettern unverschuldet zum Beispiel aufgrund einer Naturkatastrophe ihre Existenz verlieren, wenn sie von Zukunftsängsten zermürbt werden, weil ihre finanziellen Grundlagen wegzubrechen drohen, dann ist es mehr als selbstverständlich, dass die, die haben in der Familie, ihnen zur Seite springen und versuchen zu helfen.“

Eine kleine Übergangs-Soforthilfe gibt’s im Raum Frankfurt/Offenbach für Künstler*innen und andere Kulturschaffende, die durch die Corona-Krise in Not geraten sind. Über die Spendenplattform kulturzeiterin.de können sie einmalig 500 Euro beantragen. Die Idee inter der Initiative von Kulturschaffenden am Main: Menschen, die wegen des Lockdown auf Kultur verzichten müssen, spenden das Geld, das sie normalerweise dafür ausgeben würden, für jene Kulturschaffenden, die bisher durchs Raster der Hilfspakete fallen.

Wer keine Betriebskosten hat, ging bei den Corona-Hilfen bisher leer aus. Eine Erfahrung, die viele freie Künstler*innen machen mussten. Ein Konzept des Bundeswirtschaftsministeriums gibt Hoffnung und könnte diesen Soloselbständigen einen Unternehmerlohn ermöglichen, berichtet der Deutschlandfunk und schildert nochmal das Problem: „Vor der Beantragung der Grundsicherung beim Arbeitsamt schrecken viele Kulturschaffende zurück – aus psychischen Gründen und wegen des immer noch großen bürokratischen Aufwands. Berichtet wird von Hartz-IV-Anträgen von 100 Seiten oder mehr. Dass sie anders behandelt werden als die Angestellten, die aus Steuergeldern Kurzarbeitergeld erhalten, und die Kultureinrichtungen nun schon wieder die ersten sind, die geschlossen werden, weil anderswo zu viele Partys gefeiert wurden, ist für viele bis dahin erfolgreiche und gefeierte Künstler kränkend.“

 

Das Corona-Krisenmanagement gefährdet Kunst und Kultur, bedroht ist deren Substanz, meint der Feuilletonchef der „Frankfurter Rundschau“ und sinniert über die „Würde des Ich“ und was eigentlich „relevant“ sein soll: „Erneut ist in diesen Tagen von der Systemrelevanz der Kunst und Kultur gesprochen worden. Begründet wurde das unter anderem mit dem Hinweis, dass der Kultursektor mehr Menschen beschäftige als etwa die chemische Industrie. Vergleiche, Ausdruck einer gewissen Verlegenheit, führen kaum weiter. Zumal Kunst und Kultur für sich selbst sprechen können. Geht es doch in der Kunst weniger um Systemrelevanz, vielmehr um soziale Relevanz wegen der Ichrelevanz der Kunst, die wiederum zurückwirkt auf deren Sozialrelevanz.“ 

Wie relevant ist denn nun die Kultur? Der „Musikexpress“ fragte einfach mal eine Psychiaterin, die die Frage mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Dass die Ärztin mit einem Künstler verheiratet ist, macht die Antwort umso lesenswerter und praxisnah. Die Zeitschrift fasst sie titeltauglich zusammen: „Ohne Kunst würden wir alle krank werden“.

 

Gegen die neuerlichen Lockdown-Maßnahmen klagen will der „Kinomacher“ Hans-Joachim Flebbe, meldet „Blickpunkt Film“. Betroffen seien gerade jene Bereiche, die sich als sichere Orte erwiesen hätte, die Kinobranche sei ein „Bauernopfer“. „Extrem skeptisch“ sei er auch gegenüber den angekündigten Hilfen: „Wenn das genau so eine Mogelpackung ist wie die von Scholz und Altmaier großspurig im März verkündete Überbrückungshilfe, die bei den betroffenen Unternehmen gar nicht –oder nach Überwindung bürokratischer Hindernisse nur in kleinsten Dosen – angekommen ist, kann man keine Hoffnung auf dringend benötigte Hilfe in dieser zweiten Lockdown-Phase setzen. Der Branche geht der Atem aus – und helfen können nun nur noch schnelle und vor allem unbürokratische Hilfspakete, um den vollständigen kulturellen Kollaps doch noch zu verhindern …“

Der VoD-Anbieter Kino on Demand hat ein Kino-Hilfspaket geschnürt. Wer fünf Filme zum Streamen leiht, erhält nicht nur einen Kinogutschein über 5 Euro – derselbe Betrag geht auch direkt an ein Kino der Wahl.

 

2,2 Millionen Follower auf Twitter können nicht irren: Am Freitag zeigt das ZDF Wagemut und holt Jan Böhmermann ins Hauptprogramm: Statt „Neo“ steht nun „ZDF“ vorm „Magazin Royale“, „journalistisch fundiert und in gewohnt spitzer Manier“ soll es „den Finger in die Wunde“ legen. Wie er das selber etwas feuriger ausgedrückt hätte, erzählt „Deutschlands strengster Entertainer“ dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Und auch, warum die Sendung nicht gleich „Die-Jan-Böhmermann-Show“ heißt: „Wir sind 30 Leute in der Redaktion und knapp 100 in der Produktion. Fernsehen ist Gruppenarbeit.“

Seit 50 Jahren flimmert der „Tatort“ bereits über die deutschen Fernsehbildschirme. Damit das so bleibt, will der ARD-Fernsehfilmkoordinator Jörg Schönenborn weiterhin Experimente zulassen, verrät der dem Redaktionsnetzwerk Deutschland im Interview. „Wir müssen den Mut haben, zu irritieren und zu strapazieren, denn sonst wird der ,Tatort’ irgendwann etwas fürs Museum. Wir brauchen eine bestimmte Zahl von Filmen, die ausprobieren, die Kreativen die Chance geben, sich zu verwirklichen – auch wenn das manchmal vielleicht ungewollte Folgen hat: Mal irritiert es oder man versteht den Sinn, den Text nicht, wenn es zu mundartlich wird. Da haben wir wirklich schon alle Varianten gehabt, aber die Kritik daran müssen wir dann auch aushalten.“

Corona ist auch im Fernsehen und bei den Streamern allgegenwärtig, berichtet nochmal das Redakionsnetzwerk Deutschland. Nun beeinflusse das Virus nicht mehr nur die Produktion beliebter TV-Serien, sondern auch deren Handlungen. In deutschen Shows sei das allerdings weniger der Fall.

Michael Bay hat einen Film über die Pandemie produziert, und natürlich gibt es da viele Tote: 110 Millionen. „Songbird“ wurde zwar erst im August abgedreht, für die Redaktionsagentur Teleschau ist der Thriller aber jetzt schon „der wohl umstrittenste Film des Jahres“. Dem ersten Trailer sei „ein regelrechter Shitstorm“ gefolgt. Allerdings liege das dystopische Thema im Trend, das „konnte man zu Beginn der Pandemie sehen. Ende März fand sich plötzlich der neun Jahre alte Seuchen-Thriller ,Contagion’ ganz oben in den Streamingcharts von Amazon und Co.“

 

Wie können wir den Film- und Medienstandort Hessen stärken? Das fragen die das Filmhaus Frankfurt, die hessische Film- und Medienakademie und die Filmförderung des Landes. Mit ihrer anonymen Online-Umfrage wollen sie ihre Workshop- und Networkingangebote evaluieren und herausfinden, welche  „hilfreich und notwendig sind, damit Film- und Medienschaffende dauerhaft mit Erfolg und Leidenschaft in Hessen arbeiten können“ und was besser werden könnte. Angesprochen sind „in Hessen ausgebildete und ansässige Filmschaffende, deren Berufseintritt nicht länger als vier Jahre zurückliegt.“ Gefragt werde auch nach der Pandemie mit ihren Auswirkungen auf den Standort und welche zusätzlichen Unterstützungsangebote helfen würden. Die Bearbeitung dauert etwa 15 Minuten. Die Umfrage läuft bis zum 15. November.  

In diesem Jahr konnten die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen nur online stattfinden. Die nächste Ausgabe soll dafür um vier Tage länger werden und wurde auf acht Wettbewerbskategorien erweitert. Ab sofort können Filme eingereicht werden. Das Festival ist für den 1. bis 10. Mai geplant.

Einen Abend vor dem Lockdown konnten noch die Preise verliehen werden. „Neues Deutschland“ erzählt, wie es auf dem Dokumentarfilmfest in Leipzig war. Auch der Deutschlandfunk schaute zu. Ebenso das Gewerkschaftsmagazin „Menschen machen Medien“.

Auch das Exground Filmfest in Wiesbaden hätte nächste Woche starten sollen. Aus den bekannten Gründen werden die Filme zum ursprünglichen Termin im ausschließlich online gezeigt. Die Kinovorführungen sollen im Dezember nachgeholt werden.

Nur selten sind Produktionen aus Osteuropa im deutschen Kino oder Fernsehen zu sehen, obwohl auch dort bemerkenswerte Filme entstehen, meint der MDR und stellt „jüngere, preisgekrönte Arbeiten“ in einer Sendereihe vor. Acht Filme stehen im November und Dezember in der Mediathek bereit. 

 

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