Vor der Kamera sieht alles so strahlend aus. Aber hinter den Kulissen geht’s auch in der Traumfabrik hart zu. Wie jüngst bei den Dreharbeiten zur neuen Fernsehserie „Jane By Design” mit Andie MacDowell (Zweite von links). | Foto © ABC Family/Andrew Eccles

Ich glaubte ja wirklich, in Hollywood sei vieles besser – besonders bei großen Studioproduktionen, wo mächtige Gewerkschaften darüber wachen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Ich sollte es besser wissen. Schließlich hatte schon vor acht Jahren der berühmte Kameramann und Dokumentarfilmer Haskell Wexler auf die Missstände hingewiesen. Den Ausschlag gab der Tod eines Kollegen: Der Kameraassistent Brent Lon Hershman war 1997 nach einem 19-Stunden-Drehtag für den Film „Pleasantville“ am Steuer seines Autos eingeschlafen und verunglückt. Hexler setzte sich seitdem für eine „12-und-12-Regel“ ein: Drehtage sollten für alle Filmschaffenden generell höchstens zwölf Stunden lang sein, gefolgt von mindestens zwölf Stunden Pause. Was noch über den Vorgaben des deutschen Arbeitszeitgesetzes, aber unterhalb des Tarifvertrags der deutschen Filmbranche liegt. 2006 drehte Wexler mit „Who Needs Sleep?“ sogar einen Dokumentarfilm über das Thema. Es ist seitdem nicht besser geworden.

Diese Woche veröffentlichte der Kulturblog des Magazins „New York” einen ungewöhnlichen Set-Report, der zugleich auch ein Beispiel für Zivilcourage ist: Der Autor Gavin Polone hat hier schon wiederholt aus den Kulissen der Traumfabrik berichtet. Im richtigen Leben ist er Produzent und verantwortete unter anderem Kinofilme wie „8mm – Acht Millimeter“„Panic Room“ oder „Zombieland“ und Fernsehserien wie „Gilmore Girls“ oder „Lass es, Larry!“ und war sieben Mal für die „Emmys“ nominiert. Zur Zeit arbeitet er an der neuen Dramedy-Fernsehserie „Jane by Design“, die im Januar auf dem US-Kabelsender ABC Family startete.

Noch! Denn da wurde es auch dem gestandenen Produzenten zu viel. Nach einem fast 15 Stunden langen Drehtag befragte Polone seine Kollegen von Maske und Script, Produktionsfahrer und Regieassistent, was sie eigentlich von diesen Arbeitsbedingungen halten. Sein eigenes Fazit: „Niemand am Set will länger als zwölf Stunden arbeiten, außerdem ist es wegen all der Überstunden teuer. Aber es passiert regelmäßig, wenn ein allzu optimistischer Drehplan unglücklichen Umständen zum Opfer fällt, wie etwa eine kaputte Kamera, Inkompetenz und die Egomanie eines Regisseur (obwohl das für gewöhnlich nur bei hochbudgetierten Spielfilmen vorkommt). Man mag einwenden: ›Kannst du als Produzent nicht einfach die Drehtage kürzen?‹ Aber das Studio bestimmt Budget und Zeitplan, und die kann man nur mit diesen langen Arbeitszeiten erfüllen. Ich habe keine Macht, an einem Tag den Stecker zu ziehen, wenn es mir das Studio nicht sagt. Und das ist, soweit ich mich erinnere, vielleicht dreimal in meiner Laufbahn passiert. Die einzige Möglichkeit, die Arbeitszeiten im Rahmen zu halten, wäre tatsächlich ein strenges Arbeitsgesetz, das anders ist als alles, was zur Zeit üblich ist.“ Dabei könnte es Polone ja egal sein: „Seien wir ehrlich: Produzenten und Schauspieler werden für ihre Arbeit hoch entlohnt.“

Ganz anders mutet da Einstellung eines deutschen Regisseurs an. Kurz vor der Verleihung des des „Deutschen Filmpreises“ hatte Dominik Graf Ende April mit dem Deutschen Film abgerechnet. Weitgehend treffend, aber dass es „neuerdings einen ›Fairness‹-Preis für die nettesten Dreharbeiten“ gibt, fand der Regisseur, der selbst ein berüchtigter Zeitüberzieher ist, doch nicht so nett – oder hatte es einfach nicht richtig verstanden (schließlich gibt es den Preis nun auch schon seit mehr als einem Jahr). Graf: „Welcome to the German future! Nicht dass daran das Geringste auszusetzen wäre. Aber wahre Leidenschaft sieht anders aus.“ Wirklich?

1 Antwort
  1. Daniel Anderson sagte:

    Jeder weiß, dass alles, was ab der 12. Stunde produziert wird, Schrott ist. Niemand kann sich mehr konzentrieren, Maske, Kostüm und vor allem die Schauspieler mutieren zum künstlerischen Kolateralschaden und der Kamermann kann nichts mehr scharf sehen.
    Aber es gibt kommerzielle Fernsehproduktionen, bei denen herrscht ein eisernes Zeitregime – und das ist gut so und macht Hoffnung. Bei meiner letzten Produktion in der BAVARIA wurden auf einen Zeitraum von 14 Monaten Produktionszeit gerechnet, gerade mal 17 Überstunden geschoben. Und da kam der PL tatsächlich ins Studio und hat den Stecker gezogen.
    Kein Produzent kann es sich leisten, Unvorhersehbarkeiten (Technikausfall etc.) in einen Drehplan einzuarbeiten – das wäre auch nicht wirklich im Sinne von Krativität sinnvoll. Das Zeitmanagment eines Teams hängt vom Regisseur ab, ganz klar, und jedes Team ist bereit, auch mal eine Überstunde zu machen, wenn es das Gefühl hat, der Regisseur hat ansonsten seinen kreativen Plan im Griff. Die allermeißten Überstunden entstehen dadurch, dass der Anspruch des Regisseurs und des Kameramannes die zur Verfügung stehende Zeit (also reguläre Drehzeit) so weit voneinand entfernt sind wie Nord- und Südpol. Wenn ich mich als Regisseur bespielsweise auf eine Telenovela einlasse, dann unterschreibe ich mit dem Vertrag auch einen bestimmten Anspruch, fertig.
    Was die Inkompetenz angeht, die in dem Artikel auch angeführt wird – die größten Inkompetenzen liegen oft bei den Produzenten selbst, sorry, aber ist so.

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