Großes Kino trotz Corona

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Boulevard mit Maske: Die Schauspielerinnen Charlotte Gainsbourg und Emmanuelle Béart geben fleißig Autogramme. Die Berlinale ist nun mal ein Publikumsfest und will das Kino feiern. | Foto © Berlinale

Die Berlinale läuft – ganz in echt und unter Pandemiebedingungen.

In Berlin laufen die 72. Filmfestspiele. Über Filme wird zunächst kaum diskutiert – umso mehr über Sinn und Unsinn eines Festivals in der Pandemie, schreibt Tim Caspar Boehme in der „Taz“. „Der Ton ist mittlerweile ähnlich schrill, wie man ihn längst andernorts in Teilen der sozialen Medien beklagt. […] Darüber geraten zwei normative Appelle auf Kolli­sionskurs: Die Frage nach der Verantwortung für die Gesundheit anderer steht plötzlich gegen die Rettung des Kinos. Zweierlei Dinge mithin, die man besser separat betrachten sollte. […] Durch eine Onlinelösung wie im vergangenen Jahr hätte die Berlinale womöglich riskiert, mit einem weit weniger namhaften Programm dazustehen. Das sind für ein Filmfestival ernsthafte Schwierigkeiten, erst recht für eines der drei wichtigsten, zu denen die Berlinale mit Cannes und Venedig zählt. In übergeordneter Perspektive geht es zudem um die Zukunft des Kinos, für die die Berlinale ein Zeichen setzen soll. Eine Absage des Festivals oder eine Streaminglösung, so die Befürchtung, könnten sich verheerend auf die Bereitschaft auswirken, grundsätzlich wieder und öfter ins Kino zu gehen.“ 

Wie sich Corona auf die diesjährige Ausgabe auswirkt, erklärte die Berlinale Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek im „BR24-Interview der Woche“: „Einen gewissen Druck, die Berlinale dieses Jahr durchzuführen, habe es schon gegeben, sagt Rissenbeek: Vor allem aber weil die Berlinale 2022 so gut wie fertig geplant war, als die Omikron-Variante ihre Wirkung entfaltet habe, und man den ausgewählten Filmen die versprochene Unterstützung nicht entziehen wollte. ,Und der andere Aspekt war definitiv, dass wir wussten, dass eine Zweiteilung nicht noch mal möglich ist‘, fügte Rissenbeek hinzu.“ 

Ob ein Präsenzfestival in der Pandemie die klügste Entscheidung ist, bezweifelt Lutz Meier in „Capital“. Doch man könne wohl nicht anders. „Denn die Berlinale hatte schon vor Corona einen schweren Stand. […] Im ungleichen Kampf mit Cannes und Venedig hat Berlin stets den einen Trumpf ausgespielt: Es blieb das einzige der großen Festivals, das mitten in der Wirklichkeit stattfand. Knapp eine halbe Millionen Zuschauer kamen in den vergangenen Jahren jeweils in die Kinos, die Berlinale ist – anders als Cannes und Venedig – ein Festival in der Stadt und für die Menschen.“ Und wichtig sei das Festival für die deutsche Filmbranche selbst, die „auf doppelte Weise immer noch zu klein und unsichtbar“ sei: „Erstens als Wirtschafts- und Kulturfaktor auf nationaler Ebene. Zweitens im Vergleich zu den selbstbewussten Filmindustrien anderer Länder wie Frankreich, Großbritannien, Italien. Die Berlinale – obwohl ein genuin internationales Festival – war immer eine einmalige Chance auch für die deutsche Kinobranche, sich zehn Tage im Jahr Sichtbarkeit zu verschaffen: Bei der deutschen Politik, der Öffentlichkeit, dem Publikum. Und, eben weil die Filmwelt in dieser Zeit von überall auf Berlin blickte – auch im Kreis des internationalen Kinos.“ 

Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert erhält bei der Berlinale den „Ehrenbären“ für ihr Lebenswerk, eine Hommage zeigt sieben ihrer Filme. Huppert kann selbst nicht am Festival teilnehmen, teilte die Berlinale heute mit – sie wurde positiv auf Covid-19 getestet.

Auch nach drei Jahren liege noch immer der Schatten Dieter Kosslicks über dem Festival, meint Rüdiger Suchsland in seinem Berlinale-Tagebuch auf „Artechock“. In den 18 Jahren seiner Amtszeit habe er die Berlinale extrem vergrößert und „auch mehrere Sektionen geschaffen, die nicht nur ich für über­flüssig halte. So ist die Berlinale seit dem Jahr 2001 kontur­loser und nicht gerade besser geworden. Das Programm hat viel zu viel Filme; es umfasst in manchen Jahren über 400 mindes­tens aber knapp 400. In diesem Jahr sind es nicht nur pande­mie­be­dingt wesent­lich weniger, wie ich aber geschrieben hatte,  immer noch mehr als Cannes und Venedig zusammen. Das Ergebnis einer solchen Menge ist nicht etwa zusätzliche Vielfalt, sondern zum einen eine wahnsinnige Unübersichtlichkeit und zum anderen der Grundsatz Eindruck einer grauen breiigen Masse, aus der kaum etwas Prägnantes heraussticht. Ein Filmfestival in meinem Verständnis sollte sich aber so verstehen, dass genau ein Gegengewicht zum Brei des Kinoalltags gesetzt wird. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das Forum wird tendenziell unbedeutender, das Panorama findet seinen Charakter zwischen Forum, Encounters, Perspektive und Generation nicht. Insgesamt gibt es zu viel Austauschbarkeit und Nebeneinander des Diffusen.“ 

Die „Perspektive deutsches Kino“ wird 20 Jahre alt, erinnert Michael Meyns in der „Taz“. „Dem hiesigen Filmnachwuchs eine Plattform zu geben, das war die Idee, als vor genau 20 Jahren die ,Perspektive deutsches Kino‘ als eigene Berlinale-Sektion ins Leben gerufen wurde. […] Im Wust an ,Content‘, der nicht mehr nur donnerstags in den Kinos startet, sondern täglich bei den diversen Streamern, fällt es gerade kleineren, ambitionierten, oft auch sperrigen deutschen Filmen schwer, sich durchzusetzen. Umso wichtiger, dass die Berlinale diesen Filmen in der ,Perspektive deutsches Kino‘ Öffentlichkeit gibt, denn oft sind gerade hier große, schöne, inspirierende Entdeckungen zu machen.“

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