„Jingle Jangle Journey“. | Foto © Netflix

Mediatheken und Streams statt Kino … in der Woche vom 26. November 2020 – Teil 1.

Eine letzte Woche Wellenbrecher-Lockdown und dann geht es wieder los? Man darf doch wohl noch träumen. Am Donnerstag, wenn diese Kolumne erscheint, wissen wir, was inoffiziell schon die Runde macht: die Maßnahmen werden verlängert. Aber für die Kolumne am Donnerstag habe ich einen gewissen Vorlauf. Darum kann ich nicht mit unerschütterlicher Gewissheit behaupten, was noch nicht kommuniziert wurde. Ich könnte mir also real vorstellen, die Maßnahmen werden aufgehoben und wir dürfen alle wieder ins Kino. Das wäre schön, denn das Zuhause-Streamen ist nicht nur nicht dasselbe wie Kino, es ist auch viel ermüdender. Ich kann also noch nicht schreiben „es geht wieder los“ und auch nicht „das wird dieses Jahr nichts mehr“. Sobald in meinem E-Mail-Postfach die Startänderungsmeldungen hereinpurzeln, werde ich die Verlängerung als unumstößlich betrachten. Die Kollegen unserer Redaktion werden darüber berichten.

Verschiebungen haben allerdings schon eingesetzt. Ein paar Dezember-Titel haben sich schon neu positioniert. „Morgen gehört uns“ wandert in den Februar 2021. Sonys „Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker“ sogar in den März 2021. Da der Titel ursprünglich am 26. März 2020 in die Kinos kommen sollte, macht das summa summarum ein Jahr. Joseph Vilsmaiers „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ wurde vom November in den Dezember gesetzt und wird jetzt doch erst im Februar den Weg auf die Leinwände finden. Da Weihnachten halt nur nur einmal im Jahr ist, verschiebt Capelight Pictures ihr Märchen „Elise und das vergessene Weihnachtsfest“ gleich um ein Jahr. Statt am 3. Dezember 2020 wird der Film jetzt am 11. November 2021 das Licht der Projektoren erblicken. „Der Prinz aus Zamunda 2“ dagegen kommt gar nicht ins Kino. Er wurde vom 17. Dezember 2020 von Paramount an Amazon Prime abgegeben, die den Titel allerdings auch aufs nächste Jahre schieben. Diese Woche wäre ursprünglich der neue Pixar, „Soul“, gestartet. Als Weihnachtsfilm wäre Kater Bob in „Ein Geschenk von Bob“ ins Kino gekommen und Viggo Mortensens Regiedebüt „Falling“ wäre auch spannend gewesen.

Dabei könnte es anders laufen. Vor wenigen Tagen trudelte die Meldung der „Ärzte-Zeitung“ über den RSS-Feed ein: „Das ,Corona-Wunder‘ von Madrid“ titelte man. In Madrid selbst und das gilt wohl nur in Madrid, das eigentlich Hotspot für Covid-19-Erkrankungen ist auf Europa-Ebene, werden Ausgangs- und Aktivitätsbeschränkungen jeweils auf Zonen auferlegt, die besonders stark betroffen sind. Die Kultur läuft zwar auf Sparflamme, aber sie läuft. Und die Zahlen gehen trotzdem runter. Vielleicht liest man jede Meldung so, wie es einem gerade in den Kram passt. Aber das Madrider Vorgehen erscheint mir hoffnungsvoller als das Szenario, auf dass ich mich schon seelisch einstelle.

In Frankreich werden die Kinos übrigens Mitte Dezember wieder öffnen. Meldet unter anderem „Variety“ nach der Fernsehansprache von Emmanuel Macron. „Screen Daily“ fügt eine Stellungnahme von Marc-Olivier Sebbag vom Nationalen Verband der französichen Filmtheater (FNCF) hinzu, der betont, dass die Lockerung zeige, dass die Regierung ihnen zugehört habe. Allerdings werden die Kinos nur die erste Abendschiene bedienen können. Eine Spätvorführung würde mit der Sperrstunde kollidieren. Und auch in Großbritannien darf man wieder ins Kino. Wenn man sich denn in der richtigen Einstufung befindet. „Film Stories“ fasst die Direktive knapp zusammen, in ganzer Länge ist der britische „Winter-Plan“ auf der Regierungs-Site zu lesen. Eine Übersicht, in welchem Land die Kinos gerade geöffnet oder geschlossen sind gibt „Screen Daily“. Spannend ist das natürlich für den Warner Bros.-Film „Wonder Woman 1984“. Der Major, der mit Christopher Nolans „Tenet“ zumindest dieses Jahr Kinogeschichte geschrieben hat, will am Kino festhalten. Der Film kommt in die Kinos, die geöffnet haben. Gleichzeitig ist man sich der Lage bewußt, dass nicht alle ins Kino können. Genau diese Gruppe soll aber auch eine Chance bekommen. Das ist nicht purer Altruismus, sondern auch Geschäftssinn und ein Stück weit wird man sicherlich darauf vertrauen, dass das Publikum so bald wie möglich auch eine Zweitsichtung im Kino anstreben wird. Wir werden es sehen. „Variety“ erläutert das etwas ausgiebiger [wie alle Links in diesem Absatz auf Englisch].

Und dann trudelte die Tage eine Pressemeldung von „Good!Movies“ ein. „Auch die gängigen Streamining-Plattformen bieten in ihrem Programm mehr Mittelmaß statt Festival-Gewinner“, heißt es da. Über Amazon konnte man den „Good!Movies Channel“ auch zuvor abonnieren. Ab jetzt geht das auch ohne Amazon. 11 deutsche Filmkunst-Verleiher sind an dem Portal beteiligt. Die Filmkunst der Verleihfirmen, zum Beispiel Neue Visionen oder Real Fiction, aber auch Camino oder Arsenal, kostet im Monat 3,99 Euro, und das Abonnement ist monatlich kündbar.

Zwei Filmkunstwerke, die zwischen den Lockdowns sich recht gut im Kino machten, und die ich folglich erwähnen möchte, sind ab Freitag übrigens sowohl als VOD als auch DVD oder BluRay erhältlich. Das wäre zum einen „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ von Marco Bellocchio und Mika Kaurismäkis „Master Cheng in Pohjanjoki“. Unsere Besprechungen finden sie in der 19. Woche unserer Corona-Kino-Kolumne.

Der Totensonntag ist vorbei, der erste Advent steht vor der Tür. Jetzt darf es auch ganz offiziell weihnachtlich werden. Auch im Kino. Das heißt auf den Streaming Portalen, dort weihnachtet es ja schon etwas länger. „Jingle Jangle Journey: Abenteuerliche Weihnachten!“ von David E. Talbert („Liebe im Gepäck“) ist ein bis in die äußerste Ecke jedes Regals voll gestellte Weihnachtswunderwelt. Aber nicht nur das Produktionsdesign setzt auf Überwältigung, die auf dem heimischen Bildschirm eigentlich nur unzulänglich die Sinne raubt. Für das Szenenbild ist Gavin Bocquet („Die Insel der besonderen Kinder“) verantwortlich, für die Kostüme Michael Wilkinson („Seberg“), die Kamera führte Remi Adefarasin („Elizabeth“). Es wird gesungen was das Zeug hält (Musik und Songs: John Debney, Philip Lawrence, Davy Nathan & Michael Diskint und John Legend) und getanzt. Oder es gibt eine Schneeballschlacht, bei der ein ganzes Städtchen mit macht. Es ist eine Weihnachtsgeschichte über einen Erfinder, Jeronicus Jangle (Forest Whitaker und Justin Cornwell), der die Menschen mit seinem Spielzeug erfreute, bis er eines Tages, als ihm sein Geselle seine Erfindung und damit seine Magie stahl, trübsinnig wurde. Da braucht es schon die Hartnäckigkeit eines Kindes, in diesem Fall seiner Enkelin Journey (Madalen Mills), die ihn wieder Hoffnung und Freude und den Glauben schenkt. All das ist mit 110 Prozent Zuckerguss und 120 Prozent Rumms und 130 Prozent Lieblichkeit inszeniert. Das geht etwas zu Lasten des Tempos und wirkt manchmal auch einen Tick zu behäbig, aber dann findet die Handlung seinen Kern bei all der Stop Motion und CGI-Einlagen in den groß angelegten Ensembleszenen. Natürlich gibt es einen Grund, warum man „Jingle Jangle: A Christmas Journey“, der deutsche Titel trifft den Kern sogar etwas genauer, denn Journey ist der Name der quirligen Enkelin, doch erwähnen möchte. Ganz selbstverständlich, und da braucht man vielleicht eine Weile, bis es einem auffällt, sind die Hauptfiguren vor und auch hinter der Kamera überwiegend farbig und es wird eben nicht die Vorstellung einer weißen Weihnacht mit weißen Akteuren wiederholt.

Mit Vorstellungen spielt auch folgender Fernsehfilm. Die Deutsch-Russische Freundschaft wird in „Ziemlich russische Freunde“ auf die Probe gestellt. Persönlich bin ich der Meinung, dass man alle Filmtitel, die mit einem „ziemlich“ daherkommen, gerne auch mal sein lassen könnte, das tut der Spielfreude des Ensembles in eben dieser Komödie, die natürlich auch ein klein bißchen Romanze beinhaltet, keinen Abbruch. Die Vorgeschichte ist schnell erzählt und wird auch nicht groß ausgewalzt: Familie Weigel hat ein Grundstück, das sie nicht braucht und gerne zu Geld machen würde. Familie Galkin lebt schon viele Jahre in Deutschland und möchte gerne eine Scholle haben. Ein eigenes Haus auf einem eigenen Grundstück. Der Handel ist schnell abgeschlossen, und mit der Vertragsunterzeichnung soll auch gleich die neue Freundschaft begossen werden. Das Buch stammt von Michael Vershinin und Heino V. Kronberg. Regie führte Esther Gronenborn („Alaska.de“), und die Kamera lag in der Verantwortung von Birgit Gudjonsdottir („Die Rüden“), beide haben schon bei „Ich werde nicht schweigen“ zusammengearbeitet. Das ganze Tohowabohu spielt in Wiesbaden und ist trotzdem eine deutsch-österreichische Koproduktion. Im besten Sinne ist die Handlung ein sogenannter „Culture Clash“. Deutscher Kopf (Oliver Mommsen und Susanna Simon) trifft auf russische Seele (Jevgenij Sitochin und Katerina Medvedeva). Zurückhaltung auf Übermut, Wasser auf Wodka, Regeln auf Pragmatismus. Der deutsche Sohn (Anton von Lucke) und die russische Tochter in zweiter Generation (Barbara Prakopenka) bedienen zum Glück weder das eine noch das andere Klischee. Wobei hier mit den Klischees gespielt wird. Und bei Geld hört bekanntlich nicht nur die Freundschaft auf. Was passiert? Auf dem Grundstück stößt der Bagger auf eine Fliegerbombe des Zweiten Weltkrieges. Das wird teuer und kompliziert. Da ist das Russische etwas zu pragmatisch und das Deutsche kleinlich und verbohrt. Dazu etwas Slapstick und Situationskomik und dann auch etwas Herzschmerz und Romantik. Passt schon.

„I Want Your Love“, das hört sich nach Romanze an. Das ist der Film aus dem US-Independent Kino aber nicht. Jesse (Jesse Metzger) muss San Francisco verlassen und zurück in seine Heimat Ohio. San Francisco ist halt ein teures Pflaster, und Jesses Performance-Künste werfen nur ein bescheidenes Einkommen ab. Seine Freunde wollen ihn würdig verabschieden. Travis Mathews drehte 2010 mit dem selben Cast einen Kurzfilm mit dem gleichen Titel. „I Want Your Love“ in der Langfassung, die Darsteller spielen wieder einmal Figuren mit ihren jeweils eigenen Namen, ist gleichzeitig sein Langspielfilmdebüt. Im Anschluss folgte dann in Co-Regie mit James Franco „Interior. Leather Bar“. Mathews setzt auf Nahaufnahmen, oft fokusiert er auf einen Mittelpunkt, während die Unterhaltung der Freunde drum herum aus dem Off zu hören ist. Atmosphäre geht hier vor Handlung. Und Sex ist hier elementarer Bestandteil des Lebensgefühls und des Alltags. Bereits seinen Kurzfilm hat die Pornofirma für schwulen Porno, Naked Sword, produziert. „I Want Your Love“ lief 2012 sogar auf dem Pornfilmfestival in Berlin. Der Sex ist schon explizit. Aber, hier ist Sex gerade eben das normalste der Welt und eben nicht Porno, den man sich um des Pornos willen anschaut. Die Figuren und das, was sie beschäftigt, sind eben das, was man kennt und wiedererkennt. Vielmehr macht die Banalität des Alltags und des Seins den Fokus aus. Das kann man eben als Stärke und als Schwäche des Films werten. Salzgeber brachte den Film in Deutschland im April 2013 raus. Im Salzgeber Club kann man ihn wieder entdecken. 

„Heuldoch – Therapie wie noch nie“. Den Hashtag darf man sich dazu denken. Kurz und knapp und in fünf Episoden erzählen die Regisseurinnen Isabell Šuba („Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“) und Lilli Tautfest von zwei Knastausbrecherinnen, die in eine entlegene Villa im Brandenburger Umland einbrechen und ungewollt der Hausherrin das Genick brechen. Während sie, schließlich sind sie auf der Flucht, noch nicht recht wissen, wohin mit der Leiche, trudeln nach und nach Patienten der frisch verschiedenen Verhaltenstherapeutin ein. Gloria (Bärbel Schwarz) und Lin (Karin Hanczewski) unterdrücken ihren Drang unterzutauchen, und beginnen die Herren zu therapieren. So schwer kann das nicht sein. Nicht aus Mitgefühl, versteht sich. Sie wittern Knete. Die Patienten, darunter ein Filmproduzent, der nach eigenen Aussagen bei allem was in Deutschland Erfolg hatte seine Finger mit im Spiel hatte, sind wohl betucht, und natürlich wollen sie ihre Metoo-Unzulänglichkeiten unter dem Radar verarzten. Nur „Pflaster drauf“ ist mit Gloria und Lin nicht zu machen, die beiden sind auch nicht nett. Das ist bei aller Überhöhung der Figuren astreine Satire. Die Mini-Serie landete „online first“ in den Mediatheken und wurde als kleines Fernsehspiel diese Woche ausgestrahlt. Gedreht wurde übrigens knapp vor dem ersten Lockdown.

Manche Serien wecken das Interesse durch die prominente Besetzung von Cast und Crew. „The Undoing“ ist eine HBO-Produktion, die in Deutschland nächste Woche auf Sky Atlantic sowohl in der Originaltonspur als auch in einer deutschen Synchronfassung zur Verfügung steht (hier der Trailer). Die Verfilmung der Vorlage von Jean Hanff Korelitz, ihr Roman heißt auf Deutsch „Du hättest es wissen können“ ist immerhin eine Davd E. Kelley-Produktion. Das allein reizt aber noch nicht wirklich. Als Regisseurin wurde Susanne Bier („Nach der Hochzeit“) verpflichtet, die Kamera führte Anthony Dod Mantle, der zuletzt mit „Marie Curie – Elemente des Lebens“ in den deutschen Kinos vertreten war. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Grace, gespielt von Nicole Kidman, Ehefrau, Therapeutin, Mutter und plötzlich im Visier der Polizei, als ihr Mann, gespielt von Hugh Grant, verdächtigt wird, die Mutter eines Mitschülers ihres Sohnes ermordet zu haben. Desweiteren steht auch Donald Sutherland als Vater von Grace auf der Besetzungsliste. Die Handlung ist in New York City verortet und spielt in der Welt der Wohlhabenden. Umso deutlicher werden die Risse, die sich für Grace auftun. Visuell spielt das Filmteam mit Unschärfen, die ganz auf die inneren Gedankengänge der Hauptfigur abgestimmt sind.

Weitere Empfehlungen im zweiten Teil.

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