Die Blockbuster zögern noch, „The King of Staten Island“ nutzt die Chance aufs Kino. In den USA hat es „der neue Judd Apatow“ in der Corona-Krisenzeit nur auf die On-Demand-Plattformen geschafft. | Foto © UIP

Alles Kino und noch mehr … in der Woche vom 30. Juli 2020.

Die Brancheninfo macht Sommerpause. Hinweise auf die Filmstarts der Woche bringen wir trotzdem. Vielleicht nicht ganz so ausführlich.

Es tut sich einiges. Alles dreht sich um „Tenet“ von Christopher Nolan, und jetzt wurde diese Woche eine hoffentlich endgültige Entscheidung getroffen. „Tenet“ wird gestaffelt Ende August auch in die deutschen Kinos kommen. „Variety“ berichtete am 27. Juli 2020. „Blickpunkt Film“ konnte sogar schon konkreter werden: Am 26. August ist es in Deutschland soweit. Die Amerikaner werden den Film erst ab dem 3. September 2020 sehen können, das hängt von den Kinoöffnungen (ab August) ab. Die Lücke am 13. August 2020, an dem „Tenet“ zwischenzeitlich starten sollte, wird jetzt mit der Wiederaufführung von Christopher Nolans „Inception“ von 2010 gefüllt, der somit aus dem Startplan von dieser Woche herausfällt.

Damit fehlt in dieser Woche ein prominenter Zugang, auch wenn es sich um eine Wiederaufführung handelt. „Blickpunkt Film“ meldete bereits einen Neustartmangel. Zumindest für diese Woche können wir das bestätigen. Nächste Woche, wenn sich da nichts gravierend ändert, sieht das schon anders aus. Aber sicherlich, englischsprachige Filme haben eine bessere Zugkraft und sind begehrt.

Die Zeichen stehen also gut, dass „The King of Staten Island“ gut starten wird. In den USA hat „der neue Judd Apatow“ es in der Corona-Krisenzeit nur auf die On-Demand-Plattformen geschafft. Bei uns ist er gleichzeitig on Demand und im Kino verfügbar. Es ist zum einen eine Coming-of-Age-Geschichte, zum anderen geht es um Heldentum und dem daraus folgenden Trauma des Verlustes: Scott ist Mitte 20 und noch nicht im Leben angekommen. Er hängt mit Freunden ab, benebelt sich mit Hasch und verfolgt noch nicht einmal ernsthaft seinen Traum, ein Tattookünstler zu werden. Sogar seine kleine Schwester sorgt sich um seine Zukunft. Sie ist mit der Schule fertig, verlässt schweren Herzens die Mutter, um zur Universität zu gehen. Scott hat den Tod seines Vaters, als er sieben war, nie überwunden – der Feuerwehrmann kam bei einem Einsatz ums Leben. Umso aggressiver reagiert Scott, als seine Mutter nach vielen Jahren einen Mann kennenlernt, der ebenso bei der Feuerwehr ist. Judd Apatow führte bei der Tragikomödie in seiner ureigenen Handschrift Regie. Das Drehbuch hat der Hauptdarsteller Pete Davidson mitverantwortet. Auch weil die Handlung auf wahren Begebenheiten, auf seiner eigenen Geschichte, fußt. Sein Vater war bei der Feuerwehr und kam am 11. September 2001 ums Leben. Damals war der „Saturday Night Live“-Comedian erst sieben Jahre alt. Die Gemeinschaft auf der Feuerwache wird folglich im Film als Wahlfamilie etabliert, die den orientierungslos durchs Leben taumelnden Kindskopf auffängt und ihn aufs richtige Gleis stellt. Zu dem Cast gehört noch Marisa Tomei als Mutter, Bel Powley als Freundin und Steve Buscemi als väterlicher Feuerwehrmann. Buscemi war übrigens tatsächlich Feuerwehrmann, bevor er sich ganz der Schauspielerei verpflichtete.

Der Titel „Master Cheng in Pohjanjoki“ bleibt zumindest hängen. Regie führte Mika Kaurismäki, darum alle mal üben: Pohjanjoki. Das ist ein Ort irgendwo in der Pampa in Finnland, und hier steigt Cheng (Pak Hon Chu) mit seinem Sohn aus dem Bus. Nicht ohne Grund, aber die Einheimischen werden nicht ganz schlau aus ihm und seiner Frage nach jemanden, den keiner zu kennen scheint. Nur die beiden Polizisten weit und breit reagieren mit fremdenfeindlichen Anwandlungen. Der Finne, so erfahren wir, mag sein Gemüse, wenn es aus Wurst besteht, ist genügsam, aber sagt frei heraus, was ihm auf der Seele brennt. Cheng kehrt am einzigen Imbiss der Ortschaft ein. Weil Sirkka (Anna-Maija Tuokko), die die Wirtschaft führt, ihm uneigennützig hilft, springt er ein, als ein Reisebus mit einer Ladung chinesischer Touristen einkehrt. Cheng ist Koch, und das Kochen ist für ihn nicht nur ein Job, sondern Lebensphilosophie. In Mika Kaurismäkis leiser Komödie führt Kochen nicht nur durch den Magen zum Herzen, sondern besitzt heilende Kräfte. Zumindest ist gutes Essen Hoffnung. Auch wenn „Master Cheng“ kein weltbewegendes Drama sein mag, Kaurismäki ist da bescheiden, überzeugt der Film mit seinem Charme und seiner dramaturgischen Zurückhaltung. Bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck gab es für die finnisch-chinesische Koproduktion den Publikumspreis. 

In „Auf der Couch in Tunis“ von der Regisseurin Manele Labidi Labbé geht es nach Tunesien. Dorthin zieht es Selma (Golshifteh Farahani), Psychologin von Beruf. Von Frankreich nach Tunesien, da sind die Gegensätze klar. Gesehen habe ich den Film nicht, darum nur die Empfehlung es mal darauf ankommen zu lassen. Im Dokumentarfilm „Cody – Wie ein Hund die Welt verändert“ von Martin Skalsky, spüren wir der Geschichte eines rumänischen Straßenhundes nach, der in der Schweiz gelandet war. Eben bei Skalsky, der eigentlich Filmkomponist ist und hier sein Regiedebüt gibt. Er hatte zusammen mit seiner Frau Selina Skalsky den Hund 2014 adoptiert. Keine romantisierte Herkunftsgeschichte schwebte den Skalskys vor, sondern eine Überlegung über das Verhältnis Hund und Mensch soll es vielmehr sein.

Seit rund zwei Wochen steht „Otto – der Film“, die 80er-Komödie von Xaver Schwarzenberger und Otto Waalkes, in der Diskussion. Weist der Film Spuren von Rassismus auf? Ein Einblick in die Debatte gibt es hier und hier und hier, zum Beispiel. Die Deutsche Filmbewertung FBW vergab das Prädikat „besonders wertvoll“. Bei Netflix fällt der Film zum neuen Monat aus dem Angebot. Statt dessen läuft die Komödie um den Ostfriesen, der nach Hamburg kommt, als Wiederaufführung in Kinos. Der Wiederaufführungsverleih Croco-Film hatte den Titel bereits vor einer Weile zum 35. Startjubiläum auf den Plan gesetzt.

Immer mehr Kinos öffenen wieder. „Blickpunkt Film“ meldet die Zahlen von ComScore. Es gibt aber auch neue Streaming-Dienste. Der Verleih Leonine startet einen Dienst für „Liebhaber besonderer Filme“ mit dem etwas holprigen Namen „Arthouse Cnma“, auf dem aktuell 250 Arthaus-Filme verfügbar sind, zu denen monatlich ein paar Filme hinzukommen werden. Probezeit sind zwei Wochen, danach kostet der Spaß 3,99 Euro (zurzeit mit der Mehrwertsteuer-Regelung 3,89 Euro) und ist jederzeit kündbar. Eine europäische Plattform ist „Sooner“, die Serien, Dokumentation, Arthouse und filmgeschichtliche Werke zugänglich machen möchte. Hier kostet der Zugang, ebenfalls nach zwei Wochen Probezeit, 7,95 Euro (falls man gleich für ein Jahr bucht, wäre der monatliche Satz 4,99 Euro). Man kann aber auch Filme einzeln buchen. Sooner will dabei, so beschreiben sie es ihrer Pressemappe, anders sein: „Wir glauben, dass unsere Abonnenten neugierig und aufgeschlossen sind. Das erlaubt es uns, bei der Auswahl unseres Angebots ein höheres Risiko einzugehen und auch jene hochkarätigen Inhalte aufzunehmen, die für gewöhnlich unterrepräsentiert sind. Wir streamen daher neben exklusiven Filmen und Serien auch Festivalscoops, Aufzeichnungen von Theaterstücken, Ballett und Konzerten sowie fesselnde Dokus. Dazu gehören auch Kooperationen mit deutschen Filmhochschulen wie der Berliner DFFB, dem Produzentenverband, Swiss Fillms, dem Institut Français oder dem Interfilm Festival.“

In Amerika wird gerade, eventuell, alles auf den Kopf gestellt, was bisher Usus war. Und damit ist nicht der Bruch mit dem globalisierten Start gemeint. Die Kinokette AMC und Universal haben sich auf ein verkürztes Kinofenster geeinigt. Universal hatte angekündigt, ihre Filme auch auf den On-Demand-Plattformen starten zu wollen. Die Kinobetreiber drohten mit Boykott. Nun einigte man sich, 17 Tage ist das Fenster, das sind drei Wochenenden. „Variety“ berichtete, „Blickpunkt Film“ berichtete. „Variety“ stellt die Fragen: Werden andere Studios dem Vorbild nacheifern? Was bedeutet der Deal für die kleinen Kinos? Und was bedeutet dieses Modell für Netflix und Co? (auf Englisch)

Zum Schluß noch ein Buchtipp. Die Meldung ist so frisch, dass ich das nur weiterreichen kann. Der renomierte Schüren Verlag veröffentlicht einen Band mit dem Titel „Alles schon mal da gewesen“. Der Autor Denis Newiak schreibt über Filme wie „Contagion“ und „Children of Men“: „Was wir aus Pandemie-Filmen für die Corona-Krise lernen können“.

 

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