Er war der Geschichtsphilosoph der Filmmusik: Der italienische Filmkomponist Ennio Morricone ist heute gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. | Foto © CC BY 2.0

Wieder mal Maskendebatte, der Geschichtsphilosoph der Filmmusik und die Verlierer der Krise: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 63.

„Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank.“
Bertolt Brecht

„Snyder: ,Wäre es nicht möglich, dieses viele Vieh, wenn es eh so wertlos ist, dass man’s verbrennen kann, den vielen, die da draußen stehen und die’s so gut gebrauchen können, einfach zu schenken?‘
Mauler: ,Lieber Herr Snyder, Sie haben den Kern der Lage nicht erfasst. Die vielen, die da draußen stehen: das sind die Käufer! […] Sie mögen niedrig scheinen, überflüssig, ja lästig manchmal, doch dem tiefen Blick kann nicht entgehen, dass sie die Käufer sind!’“
Bertolt Brecht

 

Er war der Geschichtsphilosoph der Filmmusik: Der große italienische Filmkomponist Ennio Morricone ist heute früh in Rom im Krankenhaus gestorben. Morricone wurde 91 Jahre alt und gehörte ganz ohne Zweifel zu den großen Filmmusikern. 

Berühmt wurde er mit den sogenannten Spaghetti-Western von Sergio Leone, mit Horrorfilmen von Dario Argento, bevor er mit Regisseuren wie Pier Paolo Pasolini, Bernardo Bertolucci, Henri Verneuil Brian De Palma und Quentin Tarantino zusammengearbeitet hat. Insgesamt hat Morricone die Musik für mehr als 500 Filme geschrieben. 

Trotzdem gibt es auch eines, was Ennio Morricone nicht gemacht hat: Die Musik zu „Der Pate“, die ihm viele zuschreiben. Morricone war ein Erneuerer des Kinos, der die besondere dramaturgische Rolle der Filmmusik überhaupt erst etablierte. Er war sehr variabel, arbeitete für alle Genres und zwischen Europa und Amerika. 

Er war deshalb der Geschichtsphilosoph der Filmmusik, weil er große Bewegungen und das Epische, Tiefsinnige mit dem Kleinteiligen verband. Nehmen wir den Beginn von Bertoluccis „1900“: Das kleine Lied entwickelt das Leitmotiv, und dies öffnet sich wie ein Fluss, der immer breiter wird zum Ganzen, Großen – die Musik der Revolution. 

Das Besondere an Morricone sind trotz allem die kleinen stillen Stücke, nicht das Hauptmotiv, sondern das besondere Thema. Wie „Deborah’s Theme“ in „Once Upon a Time in America“, das den Verlust eines ganzen Lebens, der Jugend, die verpassten Chancen in wenige Akkorde gießt.

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„Von einigen Experten wurden die Lockerungen als zu früh kritisiert.“ Diesen Satz könnte man über jede Meldung oder unter jede Meldung über Lockerungen schreiben. Eine Binsenweisheit, eine Phrase.

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Auch im 17. Jahrhundert und im 18. gab es übrigens schon Proteste gegen Pandemie-Eindämmungs-Maßnahmen. Einige französische Ärzte der berühmten Schule von Montpellier glaubten zu Recht nicht an die Pest-Übertragung von einer Person zur nächsten. Sie erklärten die üblichen Schutzmaßnahmen zu „Verstößen gegen das Menschenrecht“, und prangerten die „Gewalt“ an, in der „öffentliche Freiheit“ sinnlos eingeschränkt wurde.

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Zuletzt waren es täglich nur noch zwischen 200 und 500 Neuinfizierte. In ganz Deutschland. Angesichts der weiter abflachenden Kurve scheint die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie weitestgehend abgebremst zu sein. 

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Undenkbar noch vor Wochen, in einer Bank zum Tragen von Masken aufgefordert zu werden. Klaus Schönberger hat mal vor Jahren eine Kulturgeschichte des Banküberfalls geschrieben. 

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Deutschland debattiert wieder über die Schutzmasken. Viele Menschen finden: Die Maskenpflicht muss fallen. Zumindest gibt es in Österreich, Holland, Polen gar keine Maskenpflicht, in der Schweiz nur in öffentlichen Verkehrsmitteln. 

Die Relativierer aller Länder sagen dann im Fall von Einwänden: „Da muss man sich die Zahlen im Einzelnen anschauen.“ Was die Relativierer nicht sagen ist: Man braucht in diesen Ländern mehr Selbstverantwortung, denn verboten ist das Maskentragen ja nirgendwo. Diese Selbstverantwortung traut man aber den Deutschen offenbar nicht zu.

Längst sind viele Fachleute der Ansicht, dass die Maske keinen echten Sinn hat, schon gar nicht, wie sie gebraucht wird, und schon gar nicht, wie sie in Bayern gebraucht wird: Da muss man sie zum Beispiel im Restaurant auf dem Weg zum Tisch und zur Toilette aufsetzen, am Tisch aber nicht. 

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass, wenn die Maske nicht täglich gewaschen wird, man sich persönlich eher schadet. 

In den jüngsten Begründungen wird die Maske nicht mehr mit ihrem Gesundheitsnutzen begründet, sondern verteidigt, weil sie „eine permanente Erinnerung“ (die Philosophin Catherine Newmark im BR) sei, dass Dinge nicht normal sind. Die Maske ist also etwas Symbolisches. Sie hat keinen medizinischen Zweck, sondern einen volkspädagogischen. 

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Vielleicht gäbe es weniger Gereiztheit, würde das Thema gelassen diskutiert, nicht so volkspädagogisch aufgeladen, wie in den Formulierungen, Bundesländer seien „vorangesprescht“ und in Mahnungen: 

Wenn das Infektionsgeschehen in seinem Bundesland so gering bleibe wie derzeit, sehe er keinen Grund für diese Auflage, sagte Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) der „Welt am Sonntag“. Er könne „die Ungeduld des Handels sehr gut nachvollziehen, die Maskenpflicht abzuschaffen“, sagte Glawe. Etliche andere Bundesländer wollen nun nachziehen und zumindest prüfen, ob sie Gegenmaßnahmen weiter lockern können.

Baden-Württemberg, Bayern, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Hamburg, Berlin halten daran fest, Niedersachsen plädiert dafür, die Pflicht in eine Empfehlung umzuwandeln. Sachsen: „Wir schauen uns gerade an, ob wir beim Einkaufen auf die Maskenpflicht verzichten können“, sagte Sozialministerin Petra Köpping (SPD). 

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Eine Kombination aus Abstandhalten, Mund-Nasen-Maske und Augenschutz könnte laut einer neuen Übersichts-Analyse eine Corona-Infektion bestmöglich verhindern. Das schreiben Forscher der kanadischen McMaster-Universität im Fachblatt „Lancet“, nachdem sie 172 Studien systematisch ausgewertet haben. 

Hier bewerten die Autoren die Beweissicherheit allerdings insgesamt als eher „niedrig“.

Mehrschichtige Masken schirmen besser ab als eine einzelne Stoffschicht. 

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In der „Spiegel“-Edition „Das Beste aus ,Spiegel Geschichte’“ gibt es die Ausgabe 2 und die beschäftigt sich mit: „Pest, Cholera, Corona – die größten Epidemien aller Zeiten.“

Vor einem Monat ist es erschienen, und es kommt wirklich alles vor, was einem zu diesem Thema einfallen kann. Von der von Thukydides beschriebenen Pest über die Diphtherie, die Spanische Grippe bis hin zu Ebola und zu den aktuellen Corona-Fragen. Wie im Jahr 1722 die Pest ihren Schrecken verlor, war für mich einer der interessantesten Aufsätze. Ansonsten sind besonders schön in dieser Ausgabe die vielen Fotografien und die Bilder.

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Typisch „Spiegel“ ist, dass der Satz dort steht, es sei oft die Meinung zu hören, „in europäischen Demokratien“ seien die Maßnahmen undenkbar, „dies ist ein Irrtum“ und danach dann ist die Rede, wie in Mittel- und Westeuropa Mitte des 18. Jahrhunderts die Pest bekämpft wurde. Tja, liebe Freunde vom „Spiegel“: Mitte des 18 Jahrhunderts waren die europäischen Länder aber noch keine Demokratien.

Oder wie von der „Benelux-Region 1670“ die Rede ist: Die hieß 1670 „Republik der Vereinigten Niederlande“ beziehungsweise „Spanische“ oder „Österreichische Niederlande“. 

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„Die Verlierer der Krise“ – so heißt der beste Artikel im neuen „Spiegel“. Es geht hier um die Ungerechtigkeit, mit der die Pandemie zwar alle Deutschen zusammen mindestens 390 Milliarden Euro kostet, aber einige Gruppen der Gesellschaft wesentlich mehr als andere. Die wirtschaftliche Ungleichheit in Deutschland wird zunehmen. Ganz besonders betroffen: Die Selbständigen. Als Beispiel stellt der „Spiegel“ einen Messebau-Unternehmer vor. Diese Branche ist durch die Pandemie und die Absage von mehr als 110 Messen alleine in Deutschland extrem betroffen. 92.000 Arbeitsplätze sind gefährdet, etliche kleine Firmen ringen um ihre Existenz.

Ein Zitat aus dem Artikel: „Auch in anderen Branchen verlieren Selbstständige und Kleinunternehmer ihren Optimismus – Gastronomen, Kinobetreiber, Reisebüro-Inhaber, Fachhändler, Friseure. In einer Erhebung des DIW im Rahmen des sozioökonomischen Panels geben über 60 Prozent der Selbständigen an, Einkommensverluste erlitten zu haben, im Schnitt mehr als 1.200 Euro im Monat. Fast der Hälfte reicht das Geld, um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, nur noch für maximal drei Monate.

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