Lockdown, die Zweite! | Foto © cinearte

Der erste Tag im zweiten Lockdown. Einen Monat lang ist das öffentliche Leben wieder stillgelegt, besonders, was die Kultur betrifft. Allerdings: Die Frage nach deren Stellenwert wird immer stärker diskutiert. 

Wir danken Ihnen für Ihre Informationen, Ergänzungen und Korrekturen, Fragen und Kommentare, auch wenn wir leider nicht alle persönlich beantworten können.

 

Und manchmal meldet sich auch die Kunst selbst zu Wort. In der Nähe von Rotterdam sorgte eine Skulptur dafür, dass ein Zugunfall glimpflich verlief. Das Foto im „Spiegel“ hat systemrelevante Symbolkraft.

 

„Eine Katastrophe“ ist der erneute Lockdown für die Kinos. So drängend formuliert es Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino. Bis zuletzt hatte der Interessenverband der Filmkunsttheater gegen eine neuerliche Schließung appelliert. In einem ersten kurzen Statement zum Lockdown stellt er auf „Blickpunkt Film“ fest: „Auch wenn wir die Notwendigkeit von zusätzlichen Maßnahmen verstehen, sind wir enttäuscht darüber, dass Kultur keine differenzierte Betrachtung gefunden hat.“ Entscheidend sei jetzt, „dass die angekündigten Kompensationen nun zeitnah und unbürokratisch erfolgen und den gesamten Mittelstand erfassen. Hier muss dringend nachgesteuert werden. Andernfalls besteht die große Gefahr, dass viele Betriebe durch den Rost fallen.“

Einmal mehr (und extrem kurzfristig) müssen Verleiher bundesweit neue Termine für Kinostarts finden. Wie dramatisch die Situation ist, bringt die Geschäftsführung von Grandfilm in „Blickpunkt Film“ auf den Punkt: „Eine existenzielle Bedrohung.“

Weil die Lage ernst ist, echte Pandemie-Beschleuniger jedoch schwer greifbar sind, müssen Kinos wieder schließen. Diese Politik ist nicht zielführend, sondern hilflos, kommentiert „Die Zeit“: Der Lockdown sei „ein Armutszeugnis für die Politiker.“

Harte Worte findet auch der Bundesverband Schauspiel (BFFS) für die erneuten Schließungen der Theater: Sie „sind unsinnig. Wir können sie nicht mehr mittragen. Wir protestieren aufs Schärfste gegen sie!“, schrieb der Vorstand in einem Protestbrief an die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsident*innen.

Wieder müssen die Kinos schließen. Doch auch so spielten sie als klassische Verwertungsstätten eine immer geringere Rolle, sagt Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, im Deutschlandfunk. „Es wurde versäumt, dem Kino eine Zukunftsperspektive zu geben, und zwar von beiden Seiten – von der Kulturpolitik, aber auch von den Kinobetreibern und den Verbänden selbst, die im Grunde an veralteten Geschäftsmodellen festhalten und eigentlich einer nicht mehr zeitgemäßen Kinovorstellung anhängen.“ Der Kampf gegen Mediatheken und Streamingdienste sei der „absolut falsche Weg. Man kann nicht anderen vorwerfen, dass sie erkennbar etwas Richtiges machen und auf eine Nachfrage treffen. Denn diese Nachfrage ist ja dadurch bedingt, dass wir ein komplett verändertes Freizeitverhalten schon vor Corona hatten.“

 

Die Rolle von Kunst und Kultur beschäftigt Georg Seeßlen im „Culturmag“. Er nennt es einen „extrem spielverderberischen Einwurf“. Denn er schreibt da auch Sätze wie diese: „In der Krise wurde den ,Kulturschaffenden’ auf der einen Seite einigermaßen drastisch klar gemacht, dass sie für die Bürokratie und ihre Entourage nichts anderes sind als lästige Bittgänger, die gefälligst für Hartz IV dankbar sein sollen. Und zugleich mussten sie ein neues Genre erfinden. Nicht nur die Krisen-und Isolationsprosa, -Bilder und -Filme (als neue Form der mehr oder weniger affirmativen Selbstvermarktung), sondern die Erzählungen zu generieren, mit denen man Selbstwertgefühl und Opferrolle unter einen Hut bekommt.“

 

Existenzängste machen nicht kreativ! Die Schauspielerin Iris Boss schildert in ihrer monatlichen Kolumne das Schaffen an der Kultur – und auch sie macht sich ihre Gedanken über Wert des Kulturschaffens im Land. Für die Antwort braucht sie nur zwei Sätze: „Die meisten von uns wollen gar kein Büro für ihre Trompete. Aber wenn ein Büro die Voraussetzung dafür ist, von unserem Beruf leben zu können, bezahlt uns so, dass wir uns ein Büro leisten können!“
Einen Vorschlag an die Künstlerkolleg*innen hat sie auch: „Bitte lasst uns aus dem, was wir die letzten Monate gelernt haben, etwas machen! Sprich: Bitte lasst uns nicht wieder panisch irgendwas aus unseren Wohnzimmern streamen! Machen wir den Slogan ,Ohne Kunst und Kultur wird’s still’ erlebbar! Ich verstehe jeden, der mit digitalen Angeboten Geld verdienen kann, aber lasst uns zumindest die kostenlosen Angebote, Lesungen, Konzerte … aus dem Netz nehmen. Lasst uns unsere Energie darauf verwenden, uns untereinander zu vernetzen, zu unterstützen, uns gemeinsam Gedanken darüber zu machen, wie auch wir zu einer starken Lobby und einer unüberhörbaren Stimme kommen!“

Wie fühlt es sich an, vor Minipublikum Theater zu spielen oder Konzerte zu geben? Die „Süddeutsche Zeitung“ fragt, und sieben Künstler*innen erzählen: „Als würde man in einen offenen Mund mit vereinzelten Zähnen schauen.“

 

Deutschland hat seit voriger Woche seinen „Oscar“-Kandidaten: „Und morgen die ganze Welt“. Die „Süddeutsche Zeitung“ stellt das Werk nochmal vor: „Julia von Heinz‘ starker Antifa-Film über Straßenkämpfe und die neuen Zwanzigerjahre fragt: Kann Gewalt gerechtfertigt sein?“
Die Aktualität dieser Frage „in einer Zeit, in der die Demokratie zunehmend unter Druck gerät“, hatte auch die Jurysprecherin Marie Noelle Sehr zur Begründung angeführt.
Die „Frankfurter Rundschau“ hatte andere Präferenzen. Stattdessen sei die Wahl „allerdings wieder einmal mit sicherem Griff auf einen höchstwahrscheinlich chancenlosen Film gefallen.“
Die „Taz“ sieht den Film im größeren Zusammenhang: „Vielleicht ist das Nicht-ganz-Durchziehen der Geschichte aber auch signifikant für eine spezielle Haltung, die mit den Generationen und ihren dadurch bedingten Unterschieden beim politischen Kampf zusammenhängt. Es könnte stimmen, was Thomas Jefferson einst deklamierte: Jede Generation braucht eine neue Revolution. Und die ist eben nicht immer gleich.“
20 Jahre musste die Regisseurin kämpfen, bis sie ihr Drehbuch realisieren konnte, erinnert die „Süddeutsche Zeitung“.

 

Einen ersten Erfolg hat die Drehbuchautorin Anika Decker vor Gericht erstritten: Sie will eine angemessene Beteiligung an den Einnahmen der Komödien „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“. Das Landgericht Berlin gab dem Auskunftsbegehren in erster Instanz recht: Produktionsfirma und Verleih müssen Ihr die Einnahmen offen legen, berichtet die „Taz“. gewinnt vor Gericht gegen Til Schweiger. Sie darf erfahren, wie viel der Film eingespielt hat.
Erst im nächsten Schritt könnte es um die Frage der angemessenen Vergütung gehen, ergänzt die „Süddeutsche Zeitung“: Das Einspielergebnis könnte bei bis zu 111 Millionen liegen.
Und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erklärt: „Bei der Auseinandersetzung geht es nicht nur um Geld, sondern um eine ganz grundsätzliche Frage: Was ist die angemessene und faire Bezahlung und Erfolgsbeteiligung für einen zentralen kreativen Beitrag zu einem künstlerischen Werk? Und müssen nicht Umsätze transparent gemacht werden, damit eine angemessene Beteiligung überhaupt bemessen werden kann?“

Für ihr Lebenswerk geehrt wurde die Schnittmeisterin Karin Schöning beim Edimotion in Köln. Der „Tagesspiegel“ porträtiert die Editorin, die schon „seit Defa-Zeiten“ Dokumentarfilme montiert.

„Für die Berieselung und das Nebenbei bin ich nicht zuständig“: Der Filmemacher Thomas Stuber hat mit seinem Team die düstere Horror-Serie „Hausen“ gedreht. Im Interview mit „Blickpunkt Film“ spricht er über seine Einflüsse, die Inszenierung eines Gebäudes als Person und die kino-ähnlichen Freiheiten bei der Produktion für Sky.

 

„Die Zombies sind wir“, meint „Der Freitag“: Das Zusammenspiel von Kapitalismuskritik und Zombiefilm mag wenig subtil sein, sei aber aussagekräftig.

Die US-Streamer sollen sich mehr engagieren. Das fordert ein Offener Brief des European Producers Club [in Englisch], den bereits fast 600 Produzent*innen in der EU unterschrieben haben. Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime sollten mindestens 25 Prozent ihres in der EU gemachten Umsatzes auch in die lokalen Industrien investieren müssen. In Frankreich werde als erstem EU-Mitgliedsstaat ein solches Gesetz zurzeit vorbereitet. 

Am Mittwoch hätte das Kinofilmfest Lünen starten sollen. Aus aktuellem Anlass wird „das komplette Programm einfach um sechs Wochen nach hinten verschoben und soll nun vom 9. bis 12. Dezember angeboten werden“, meldet „Blickpunkt Film“.

 

Die Forderungen nach Diversität werden immer lauter, doch Menschen mit Behinderung werden da oft nicht mitgemeint, schreibt Judyta Smykowski in einem Gastbeitrag zum „Altpapier“ des MDR. Auch das Fernsehen lasse da viel vermissen, meint die Redaktionsleiterin von Leidmedien.de: „Schauspieler*innen mit Behinderung sollten zudem nicht auf ihre Behinderung reduziert werden, sondern wegen ihres Talents Rollen bekommen und auch mal einen Anti-Helden spielen, denn viel zu oft sind es nur Rollen vom netten Typen von nebenan. Warum hat der Vater eines Opfers im Tatort nicht einfach mal eine Behinderung? Ohne Verbindung zum Fall, ohne dass sie für die Geschichte irgendeine Rolle spielen würde. Einfach nur so, weil es das tatsächlich auch in der Realität geben soll.“ Was fehle im deutschen Fernsehen? Eine Figur wie Tyrion Lannister aus „Game of Thrones“.

Deutsche Serien hinken der Diversität hinterher, meint die Kolumnistin von DWDL und fragt sich, warum in deutschen Produktionen ein bestimmter Figurentyp dominiert und was man dagegen tun kann.

 

Dass die Öffentlich-Rechtlichen beim Zeitgeist nur langsam nachkommen, wird ja immer mal wieder gerne angemerkt. Sogar beim öffentlich-rechtlichen MDR. Zum 20. Jubiläum der Kolumne „Altpapier“ schreibt „Übermedien“-Redakteur Boris Rosenkranz eine kleine Stilkritik am öffentlich-rechtlichen Szenenbild: „Eigentlich, jetzt müssen alle stark sein, ist Beton tot. Tut mir leid. Aber das erkennt man daran, dass die ,Servicezeit’ im WDR bereits 2015 in der wegweisenden Reportage ,Eine Küche für Ingolf’ berichtete, der ,Loft- und Betonlook’ sei ,sehr trendy zur Zeit’. Wenn Sie so etwas dort über irgendwas hören, wissen Sie: Das ist seit drei Jahren durch. In Herne machen sie jetzt sogar schon die Kinderzimmer so. Vor allem im Fernsehen findet sich trotzdem viel Beton in den vergangenen drei, vier, fünf Jahren. Wohl, weil im Fernsehen lief, beim WDR, dass Beton ,trendy‘ ist. Und das haben sie dann in anderen Sendern mitgekriegt und sich mal umgehört.“

Zum Kurzdokumentarfilmwettbewerb „Regisseurin gesucht!“ ruft Arte mit einiger Selbstkritik: Fakt sei, dass der Sender „viel zu wenig Dokumentarfilme von Frauen“ zeige –„ganz besonders“ gilt dies für die Primetime. „Und das, obwohl viele extrem talentierte und sehr engagiert arbeitende Filmemacherinnen sich an Journalismus- und Dokumentarfilmschulen ausbilden lassen. Warum nur zeichnet sich diese Realität bisher nicht auf den Bildschirmen ab? Und welche Bedeutung kann dem Genre Dokumentarfilm beigemessen werden, wenn es den weiblichen Blick nicht ausreichend miteinbezieht?“
Aufgerufen sind darum Filmemacherinnen ab 18 in Deutschland und Frankreich. Sie sollen zwischen dem 4. Januar und 15. März 2021 einen kurzen Dokumentarfilm zwischen 7 und 12 Minuten Länge drehen. Das Thema: „Unbeschreiblich weiblich“.

 

Ein kleiner Trost im November: Der Lockdown-Monat ist auch Sendezeit für die 20. Staffel des „Jungen Dokumentarfilms“.  Seit 1999 zeigt der SWR in der Reihe Filme von Absolvent*innen der Filmakademie Baden-Württemberg, gefördert vom Sender und der MFG. Vom 5. bis 26. November werden vier neue Filme ausgestrahlt.

 

Die nächste Brancheninfo erscheint am Mittwoch, 4. November 2020.

 

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