Know-how für die Praxis: 15 Jahre Mediengründerzentrum NRW

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Fünf Jahre lang war Rainer Weiland in der Geschäftsführung der Internationalen Filmschule Köln. Seit einem Jahr leitet er das Mediengründerzentrum NRW – und hat noch einiges vor: Im September startete mit „Sheroes“ ein „Empowerment-Programm“. Bislang hatten sich nämlich wesentlich weniger Frauen als Männer um ein Starthilfe-Stipendium beworben. | Foto © Mediengründerzentrum NRW/Hojabr Riahi

Seit 15 Jahren hilft das Mediengründerzentrum NRW dem Nachwuchsproduzent*innen beim Start in die Praxis. Und dabei geht’s nicht so sehr ums Geld – viel wichtiger seien das Know-how und das Netzwerk, erklärt Geschäftsführer Rainer Weiland die Erfolgsgeschichte.

Herr Weiland, das Mediengründerzentrum NRW wurde im vorigen Jahr 15. Als „Erfolgsgeschichte“ bezeichnen Sie es selbst: Fast 200 junge Unternehmen haben Sie bislang mit Stipendien gefördert, 90 Prozent Ihrer Stipendiat*innen hätten sich langfristig am Markt etabliert und mehr als 300 Auszeichnungen erhalten – bis hin zum „Europäischen Filmpreis“. Wie hat das Mediengründerzentrum dazu beigetragen?
Das beginnt sicherlich bei der richtigen Auswahl. Das MGZ beruft dazu jedes Jahr eine hochkarätige Jury. In unserer aktuellen Jury sitzen neben Claudia Steffen, Geschäftsführerin von Pandora Film, Julia Pfiffer, Geschäftsführerin von Astragon Entertainment, Tobias Schiwek, CEO von We Are Era, sieben weitere erfahrene Vertreter*innen der Medienbranche.  Unsere Jury nimmt sich viel Zeit, um aus den vielen guten Bewerbungen die allerbesten auszuwählen. Wer also zum Kreis unserer Stipendiat*innen zählt, hat schon vor Beginn des Programms  ein anspruchsvolles Verfahren durchlaufen.
Die generelle Erfolgsformel des Mediengründerzentrums NRW ist vermutlich der Mix aus finanziellem Anreiz, einem passgenauen Seminarangebot zu betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und branchenbezogenen Themen, einem individuellen Coaching und aus einem sehr starken Netzwerk, in dem insbesondere erfahrene Mentor*innen aus der Medienbranche den Gründer*innen zur Seite stehen. Viele unserer Alumni sagen uns, der Gründungszuschuss sei zwar ganz schön, aber viel wichtiger sei das Know-how und das Netzwerk für sie gewesen.

Ihre Stipendien gehen an Produzent*innen, die in der Regel bereits eine entsprechende Ausbildung abgeschlossen haben. Sie waren fünf Jahre selbst Geschäftsführer der Internationalen Filmschule Köln (IFS). Was bringen Sie den Stipendiat*innen bei, das an den Filmhochschulen nicht gelehrt wird?
Ich finde, die Filmhochschulen in Deutschland machen insgesamt einen sehr guten Job! Nicht nur die IFS in Köln, sondern auch die anderen großen Filmhochschulen. Sie fördern Talent und schaffen Freiräume, in denen sich Kreativität entfalten kann, die der Treibstoff für unsere Branche ist. Allerdings: Bei allem Praxisbezug ist es etwas anderes, ob ich als Produktionsstudierende*r ein studentisches Filmvorhaben plane und produzentisch umsetze oder ob ich eine eigene Firma aufbaue und im Markt positioniere. Unsere Stipendiat*innen bringen schon sehr viel Fachwissen mit und viel Verständnis für den Markt. Aber bei uns werden sie Teil der Branche, da tritt der „Ernstfall“ ein – der übrigens sehr viel Spaß machen kann.
Für diese neue Situation, in der sie selbst als Unternehmer*innen agieren, braucht es dann eben doch noch spezifisches betriebswirtschaftliches, rechtliches und branchenbezogenes Know-how, das in der konkreten Situation dann auch auf sehr fruchtbaren Boden fällt. Da geht es um die Frage: Was ist die richtige Rechtsform für meine Unternehmung? Wie finanziere ich meine Firma Beziehungsweise wie werde ich „bankable“? Wie muss dabei mein Businessplan gestaltet sein? Welche aktuellen Branchentrends sind für mein Unternehmen relevant? Wie finde ich Kund*innen und Kooperationspartner*innen, die wirklich zu mir passen? 
Wichtig ist: Alles, was unsere Stipendiat*innen bei uns lernen, ist unmittelbar handlungsrelevant, zahlt sich aus, eröffnet neue unternehmerische Perspektiven. Deshalb sehe ich das MGZ nicht als „Reparatur-Betrieb“ für eine unzureichende Hochschulausbildung, sondern vielmehr als sinnvolle Ergänzung und Fortführung! Und deshalb arbeiten wir auch gut und eng mit den Hochschulen zusammen, übrigens nicht nur im Filmbereich, sondern auch im Games-Sektor. Das Cologne Game Lab (CGL) ist, wie die IFS auch, im selben Haus untergebracht wie das MGZ. Da gibt es kurze Wege und eine sehr gute Zusammenarbeit.

In den vergangenen 15 Jahren ist technisch wie inhaltlich viel passiert. Wie zeigen sich die Veränderungen beim Mediengründerzentrum?
Am Anfang standen Gründungen in der klassischen Film- und Fernsehproduktion im Zentrum. Der Film- und Medienverband NRW, mit dem wir bis heute sehr gut zusammenarbeiten, hat viel beigetragen. Später sind weitere digitale Formate sowie Games, Social Media und Webvideo hinzugekommen. Wir decken heute die gesamte Bandbreite der Bewegtbildproduktion ab, auch das dazugehörige Umfeld mit Agenturen und Studios. Dieser interdisziplinäre Ansatz wird von den Stipendiat*innen sehr geschätzt.
Aber es ist auch einiges gleich geblieben: Wir konzentrieren uns auf die unternehmerischen Skills und Kenntnisse unserer Stipendiat*innen und auf ihre Positionierung im Medienmarkt. Talent kann man nicht lernen – aber gute Unternehmensführung im Medienbereich.

Als jüngere Entwicklung nennen Sie eine wachsende Ausrichtung auf Nachhaltigkeitsthemen und gesellschaftlich relevante Themen. Das habe auch Auswirkungen auf die Produktionsmodalitäten – „Stichwort Impact Producing“. Können Sie das etwas genauer erklären?
Wir haben aktuell eine Agentur für Filmkommunikation, „Kern des Ganzen“, unter unseren Stipendiat*innen. Die legt großen Wert auf die Beratung und Begleitung im Bereich des Impact Producing. Sie fragt also: Wie kann ich die gesellschaftliche und politische Relevanz eines Stoffes dokumentarisch wie fiktional schon früh identifizieren und in die Projektentwicklung, -produktion, -kommunikation und -finanzierung einbringen? Anders formuliert: Wie lässt sich  mit dem Film etwas mehr bewirken als nur gut zu unterhalten?
Grundsätzlich geht es unseren Stipendiat*innen darum, das zu tun, was ihnen wichtig ist, und damit zugleich Geld zu verdienen.  Ein Beispiel sind unsere Alumni Cocktailfilms. Der Gründer von Cocktailfilms, Ça?da? Eren Yüksel, hat unlängst den Film „Gleis 11“ herausgebracht. Es geht um die Geschichte der ersten Generation der Arbeitsmigrant*innen in der noch jungen Bundesrepublik – und damit auch um seine eigene Familiengeschichte. Es sind diese Projekte und Ansätze, die gesellschaftliche Relevanz haben, aber auch ein Publikum finden! 

Im September startete mit „Sheroes“ ein „Empowerment-Programm“: Zehn Teilnehmerinnen durchlaufen drei Monate lang ein umfängliches Qualifizierungsprogramm. Worum geht’s dabei?
Als ich im Februar dieses Jahres zum MGZ gekommen bin, da fiel mir auf, dass es bei den Stipendiat*innen einen deutlichen Männerüberhang gibt. Als wir dann die Bewerbungszahlen der vergangenen fünf Jahre untersucht haben, sahen wir, dass nur ein Viertel aller Bewerbungen von Frauen stammte. Das liegt eigentlich quer zu der Situation an den Filmhochschulen, wo wir in Fächern wie Regie, Produktion oder Drehbuch schon fast eine Parität zwischen Männern und Frauen haben. Das Interessante ist, dass die Absolventinnen, wenn sie die Hochschule verlassen, längst nicht so häufig in Führungspositionen oder in die Selbstständigkeit gehen wie ihre männlichen Kommilitonen.
Wir haben dann vor dem Start des Sheroes-Programms eine Umfrage gemacht, um zu erfahren, welche Aspekte für Frauen beim Thema Gründung wichtig sind. Genannt wurden in den Antworten – neben unternehmerische Themen wie Unternehmensplanung und -finanzierung –, das Mindset für Unternehmerinnen und Fragen der Kommunikation und Selbstpräsentation. In den Seminaren geht es also besonders um Selbstmarketing, Netzwerken in digitalen Zeiten, Verhandlungsführung und Mindful Leadership.  Das sind relevante Themen! Unser nächstes Sheroes-Programm startet übrigens im April 2022. 

Zwölf Stipendien vergeben Sie pro Jahr. Für jedes gibt es 10.000 Euro Startkapital, um in der Gründungsphase monatliche Betriebskosten zu finanzieren – also rund 833 Euro pro Monat. Wie weit reicht das zum Beispiel in der Medienstadt Köln?
Der Betriebskostenzuschuss hilft definitiv! Wir reden hier ja über eine Starthilfe am Anfang einer unternehmerischen Entwicklung. Unternehmen, die sich bei uns bewerben, dürfen nicht älter als drei Jahre sein. Aber klar: Der Zuschuss deckt nur einen kleinen Teil der anfallenden Kosten ab. Der größere Teil muss unternehmerisch erwirtschaftet werden. Aber wir wollen ja auch Unternehmer*innen und Unternehmer*innentum fördern. Hinzu kommt: Nicht der Betriebskostenzuschuss, sondern das Know-how und das Netzwerk werden von unseren Alumni rückblickend wichtigere Assets gesehen.

Ein Jahr lang läuft das Stipendium, danach müssen die jungen Unternehmen auf eigenen Beinen stehen. Das scheint mir ein wenig knapp – einschlägige Ratgeber setzen zwei bis drei Jahre für diese Startphase an.
Das stimmt absolut. Unsere Stipendiat*innen legen im Stipendien-Jahr zwar oft eine fantastische Entwicklung hin und arbeiten anschließend oft auch im Netzwerk des MGZ weiter mit anderen Alumni und Partnern. Aber sie sind nach einem Jahr im MGZ natürlich nicht „fertig“.  Um die nächsten Wachstumsschritte der Alumni zu unterstützen, um wichtige Fragen der unternehmerischen Entwicklung, die in den Folgejahren wichtig sind, aufzugreifen, hat das MGZ ein eigenes Alumni-Coaching und Alumni-Seminar-Angebot. Wir wollen genau dem Rechnung tragen: Ein Jahr ist schnell vorüber! Das MGZ-Alumni-Netzwerk ist jetzt übrigens eines der Projekte, das meine neue Kollegin Sandra Weiß als Referentin für Business- und Netzwerk-Development beim MGZ weiterentwickelt.  Unsere Stipendiat*innen stehen also nach dem Stipendien-Jahr nicht alleine da.

Die Film- und Medienstiftung NRW ist mit rund drei Vierteln Gesellschafter des Mediengründerzentrum NRW. Wie sind da die Verbindungen, Verflechtungen und Zusammenarbeit?
Die Film- und Medienstiftung NRW ist ein wichtiger strategischer Partner. Wir tauschen uns sehr eng über die aktuellen Branchentrends aus. Das MGZ ist ja so eine Art „Zukunftswerkstatt der Medien“, in der schon sehr früh neue Entwicklungen sichtbar werden. Umgekehrt profitieren wir als MGZ von der Marktkenntnis und den exzellenten Kontakten der Film- und Medienstiftung. In den letzten drei Jahren hat das Mediengründerzentrum NRW eine sehr wichtige Erweiterungsstrategie erarbeitet, zu der unter anderem das eben genannte Alumni-Programm zählt. Bei dieser strategischen Erweiterung und Fortentwicklung war die Film- und Medienstiftung – und Geschäftsführerin Petra Müller in Person – wichtigster Impuls- und Ideengeber. Und auch die Stadt Köln und das Land NRW haben die Weiterentwicklung des MGZ sehr konsequent unterstützt und gefördert.

So richtig scheint das Mediengründerzentrum aber nicht von der Nähe zur Filmförderung des Landes zu profitieren. Zum Jubiläum führen Sie drei Beispiele an, die es geschafft haben. Darunter die Bildundtonfabrik („How to Sell Drugs Online (Fast)) und Weydemann Bros. („Systemsprenger“). Beide Produktionen, die Sie da anführen, haben in Nordrhein-Westfalen keine Förderung erhalten. Ziehen Sie nicht am gleichen Strang?
Wir ziehen nicht nur am gleichen Strang, sondern auch in die gleiche Richtung! Unsere Zusammenarbeit funktioniert wunderbar. So informiert die Film- und Medienstiftung zum Beispiel unsere aktuellen Stipendiat*innen sehr detailliert über ihre Förderprogramme – und die anderer Medienförderungen. Und unsere Stipendiat*innen erhalten regelmäßig Einladungen zu wichtigen Branchenveranstaltungen der Film- und Medienstiftung – sei es bei der Berlinale oder bei der Gamescom.
Was aber auch klar ist: Die Gremien der Film- und Medienstiftung treffen ihre Förderentscheidungen allein nach transparenten Qualitätskriterien.
Was „How to Sell Drugs Online (Fast)” und „Systemsprenger” betrifft, haben Sie absolut recht. Beide wurden nicht von der Film- und Medienstiftung gefördert. Doch andere Projekte von BTF beziehungsweise Weydemann Bros. haben durchaus eine Förderung der Film- und Medienstiftung erhalten. Bei BTF ist es zudem so, dass ein großer Teil ihrer Produktionen in der nonfiktionalen Unterhaltung liegt. Denken Sie an „Roche & Böhmermann“, „Neo Magazin Royale“ oder die „Carolin-Kebekus-Show“. Alles herausragende Produktionen, die allerdings üblicherweise senderfinanziert sind.
Für uns ist es ganz einfach: Wir freuen uns riesig über die Erfolge unserer Alumni – im Filmbereich, aber auch jenseits der klassischen Filmproduktion. Und die Film- und Medienstiftung als unsere Gesellschafterin freut sich mit uns.

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