Ein leidenschaftlicher Unruhestifter – zum Tod von Herbert Achternbusch
Mit seinen Filmen hat sich Herbert Achternbusch an Bayern abgearbeitet. Fürs breite Publikum waren sie nichts, für Aufsehen sorgte seine Hassliebe zur Heimat dennoch. Vorige Woche ist der Künstler mit 83 Jahren gestorben. Am 10. Januar ist er mit 83 Jahren gestorben.
Mehr als 30 Filme hat Herbert Achternbusch gedreht, an die 50 Bücher und 20 Theaterstücke geschrieben. Fürs breite Publikum waren sie nichts, obwohl der Künstler gerne mit Karl Valentin verglichen wurde. Für Aufsehen sorgte seine Hassliebe zur Heimat dennoch. „In Bayern mag ich nicht mal gestorben sein“, ließ Achternbusch 1978 einen seiner Filmhelden in „Servus Bayern“ sagen. Prompt verweigerte die Landesregierung ihm die Förderung. Nicht zum letzten Mal, schildert die „Taz“: „Seine oft mit geringem Aufwand gedrehten Filme nahmen regelmäßig die so unangepasst-subversive wie obrigkeitshörige und bigotte bayerische Volksseele aufs Korn. In ,Der Depp‘ (1983) ließ er seinen Lieblingsfeind Franz Josef Strauß vergiften, im halbdokumentarischen ,Bierkampf‘ rechnet er mit einem bayerischen Heiligtum ab: dem Oktoberfest.“ Als er in ,Das Gespenst‘ Jesus Christus vom Kreuz herabsteigen lässt, um mit Maria eine Kneipe zu eröffnen, war für dem gerade neu ernannten Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann die Maß voll: Der CSU-Politiker verweigerte dem Regisseur das Preisgeld für seinen Film „Das letzte Loch“, der ein „Filmband in Silber“ (den heutigen „Deutschen Filmpreis“) gewonnen hatte. Im Jahr darauf lehnte Zimmermann auch die Förderung des Films „Der Wanderkrebs“ ab.
Über zehn Jahre dauerte der Rechtsstreit gegen die Bundesrepublik Deutschland, den Achternbusch 1992 gewann. „Dazwischen lagen Jahre der Ächtung: Fernsehanstalten strahlten Achternbuschs Filme nicht aus oder schnitten Passagen heraus, Fördergremien ignorierten ihn. Erst im Oktober 1993 kam es in der ARD zu einer Filmretrospektive, wobei ,Servus Bayern‘ allerdings auf Intervention des Bayerischen Rundfunks fehlte“, berichtet „Der Spiegel“.
Dabei war Achternbusch „der Künstler der Menschenseelen“ und habe sie nicht nur selbst verkörpert, sondern ihnen auch eine Sprache gegeben, meint Paul Jandl in der „Neuen Zürcher Zeitung“. „Die Achternbusch-Figuren sprechen die sonderbarsten Dinge in die Kamera. ,Es ist ein Leichtes, beim Gehen den Boden zu berühren‘ zum Beispiel. Oder: ,Du hast keine Chance, aber nutze sie.‘ In den besten Zeiten des Filmemachers, Schriftstellers und Malers bekamen diese Zitate Flügel. Als Postkartensprüche hingen sie in den Wohngemeinschaften der 70er- und 80er-Jahre. Wer die Filme Jean-Luc Godards und Alexander Kluges durchhatte, landete irgendwann bei Achternbusch und konnte ganze Szenen auswendig. Das war nicht weiter schwer. Der bayrische Berserker drehte Filme, deren Tiefsinn direkt mit niedrigen Budgets korrelierte. […] Achternbuschs Werk ist surreal. Aber das heisst nicht, dass die Wirklichkeit, von der es sich künstlerisch zu lösen versucht, nicht gleichermassen surreal ist. Bayern ist der Gipfel der Unwirklichkeit. Die CSU, der Katholizismus und das Autoritäre der Traditionen bilden ein Panorama, das Achternbusch ins Absurde überdreht.“
„Für die dringend erforderliche Verzeichnung des Freistaates Bayern auf dem Globus der Avantgarde hat kaum jemand Bedeutenderes geleistet als Herbert Achternbusch“, schreibt Ronald Pohl im „Standard“. „Achternbusch konnte entgeistert dreinblicken wie Buster Keaton. Sein Trotz war entwaffnend, die Poesie surreal, die Suaden, die er in strenger Ordnung langer Nebensatzreihen vom Stapel ließ, kaum enden wollend. Damit brachte er die CSU mitsamt ihrem Kraftkerl Franz Josef Strauß verlässlich gegen sich auf. Und erzwang Verbote, wie dasjenige von ,Das Gespenst‘ wegen angeblicher Blasphemie im benachbarten Österreich.“
„Seine Fans verehrten ihn wie einen Säulenheiligen, schätzten die wilde, assoziative Kreativität eines niederbayerischen Originalgenies, welche man angeblich ,nicht verstehen, sondern nur erfühlen‘ konnte. Seine Gegner hielten ihn für einen Deppen, der Weisheit nicht von Weißbier zu unterscheiden vermag und weder als Filmregisseur noch als Schriftsteller oder Maler mehr als eine unfreiwillige Lachnummer abgab. Die Wahrheit, dieses Luder, liegt wohl wie immer irgendwo dazwischen“, meint Thomas Kernert, der den Filmemacher vor 15 Jahren standesgemäß in einem Wirtshaus zum Gespräch getroffen hatte. Am Montag voriger Woche ist Achternbusch im Alter von 83 Jahren gestorben. Der BR erinnert mit dem Radio-Porträt aus dem Jahr 2006.
Und ebenfalls im BR widmet „Kino Kino“ dem „leidenschaftlichen Unruhestifter“ mit ein Kurzporträt.
„Ein kleinerer Großkünstler ist gestorben, ein ganz Großer unter den Kleinlichen und einer, ohne den Bayern zu seiner Zeit ganz bestimmt kaum auszuhalten gewesen wäre“, schreibt Robin Detje in der „Zeit“. „Heute wäre aus einem wie ihm nichts mehr geworden, und das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach so, weil die Zeit vergeht. Aber es ist gut, dass es ihn gegeben hat, und über seine Zeit lernt man aus seinem Werk viel.“
Anstelle eines Nachrufs erinnert sich Dunja Bialas auf „Artechock“ lieber, wie er eine Generation in Bayern geprägt und ermuntert hat: „Wir hatten seine Filme gefeiert, als Ausbrüche aus einem von Franz Josef Strauß unterjochten Bayernland, wo mit teilweise harten Bandagen politische Gegner ausgeschaltet wurden (die Schnelligkeit, mit der in Bayern in den Achtzigerjahren Berufsverbote und Maulkörbe verhängt wurden, ergab ein allgemeines Gefühl von Unterdrückung). Achternbusch zeigte einem den Ausweg im Humor, und das ist dann auch der Grund, weshalb er so gerne mit Karl Valentin verglichen wird: ,In Bayern gibt es 60 Prozent Anarchisten und die wählen alle die CSU’, war einer seiner markanten Sprüche. Der Münchner Reprophotograf Hias Schaschko druckte sie auf Postkarten, die wir an die Wand unserer zu klein gewordenen Kinderzimmer pinnten. Für den subversiven Blickwechsel, der uns das Leben erträglicher machen sollte. […] Kult wurde Achternbuschs Zeile in ,Servus Bayern’ (1977): ,Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt.’ Wir selbst verschworen uns in einer Zeit, als unsere Altersgenossen scharenweise München in Richtung Berlin verließen, zur Gruppe ,Wir bleiben hier’. Achternbusch mag daran nicht ganz unschuldig gewesen sein. Achternbusch hat uns immer wieder aus der Seele gesprochen und mit der Absurdität seiner Dialoge den Aberwitz unserer bayerischen Situation aufgezeigt.“