Das älteste Filmfestival der Welt ging gestern in Venedig zu Ende. Am Anfang hatte sich der Festival-Chef Alberto Barbera noch entschuldigt, dass von den 21 Wettbewerbsbeiträgen um den „Goldenen Löwen“ nur fünf von Regisseurinnen stammen. Umso besser das Ergebnis: Der Hauptpreis ging an das Abtreibungsdrama „Happening“, der zweite Film der Französin Audrey Diwan. | Foto © Filmfest Venedig

Im Wettbewerb von Venedig waren Regisseurinnen dieses Jahr schwächer vertreten. Umso stärker das Ergebnis: Sie gewannen die Preise für Regie, Drehbuch – und den „Goldenen Löwen“.

Das älteste Filmfestival der Welt ging gestern in Venedig zu Ende. Am Anfang hatte sich der Festival-Chef Alberto Barbera noch entschuldigt, dass von den 21 Wettbewerbsbeiträgen um den „Goldenen Löwen“ nur fünf von Regisseurinnen stammen. Das machte aber nichts: Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion erhielt den Regiepreis, die US-amerikanische Schauspielerin Maggie Gyllenhaal für ihr Regie die Auszeichnung für das beste Drehbuch, und der „Goldene Löwe“ ging an das Abtreibungsdrama „Happening“, der zweite Film der Französin Audrey Diwan.   

Das Festival war in diesem Jahr herausragend – und ein Triumph der Frauen über die Männerwelt. Sogar Ridley Scotts Ritterfilm bot eine Me-Too-Perspektive an, schreibt „Der Spiegel“.  „Am Ende des Festivals darf man feststellen, dass in diesem Jahr trotz Corona viele gute und auch ein paar herausragende Filme im Wettbewerbsprogramm liefen. Und man kann bilanzieren, dass die Filme, die sich polemisch, neugierig, zupackend mit Geschlechterperspektiven und Geschlechterrollen beschäftigten, die aufregendsten dieses Biennale-Jahrgangs waren.“

Der „Goldene Löwe“ für das Abtreibungsdrama „Happening“ sei eine passende Wahl vor dem Hintergrund des diesjährigen Programms, findet „Digitalfernsehen“. „Als Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung ist das mit klarem Standpunkt inszeniert und erzählt. Das Sittengemälde irgendwelcher reaktionären Geschlechterbilder lässt mehrfach schwer schlucken, da ist man noch nicht einmal bis zu den verstörenden körperlichen Szenen vorgedrungen. […] Zugleich muss man jedoch vorsichtig anmerken, dass man ,Happening‘ etwas arg Kalkuliertes, Berechenbares nicht absprechen kann. Beginnt der Film, weiß man nach einer Minute komplett, was er erzählen will, wie er sich anfühlen und wie er aussehen wird. Und genau so kommt es dann auch. Ihm fehlt ein wenig das Offene, eine zweite Ebene, über die man länger grübeln könnte. Der Film müht sich dafür zu sehr an seinem sozialrealistischen Schockeffekt ab. Besagtes Abmühen spiegelt ganz gut einen Großteil des Festivalprogramms wieder, das häufig mit diesem Problem zu kämpfen hatte. […] Neben allerhand Gewalt konnte man indes leider den Eindruck bekommen, man könne einen Großteil der gezeigten Filme auch als Podcast hören. Zu wenige interessante und große Bilder gab es da zu genießen. Dafür musste man schon Denis Villeneuves ,Dune‘, den aufregendsten Film des Festivals, schauen. Oder Paolo Sorrentinos ,Hand Gottes‘ (,Silberner Löwe‘) und den Western ,The Power of the Dog‘ von Jane Campion (Preis für die beste Regie), beide übrigens von Netflix. […] Ansonsten wurde jede Menge geredet und geredet in tristen Brennpunkt-Aufnahmen und überwiegend viel zu langen Laufzeiten. […] Bis zum Ermüden haben diese Filme ihre Themen durchdiskutiert, anstatt auf ihre Audiovisualität zu vertrauen.“ 

Anders sieht es die „Frankfurter Rundschau“: „Der Jury fiel es leicht, dem Lauten und Plakativen, das sich in den letzten Tagen nach vorne gespielt hatte, Absagen zu erteilen. Unter den politischen Filmen im Programm hat schließlich der leiseste gewonnen. ,Happening‘ der Französin Audrey Diwan legt den Finger auf eine Wunde, die sich vor unseren Augen selbst in vielen Demokratien wieder öffnet – die überwunden geglaubte Kriminalisierung von Abtreibung. Die Chronik der verzweifelten Bemühungen einer jungen Frau im Frankreich des Jahres 1963, ihre ungewollte Schwangerschaft zu beenden, könnte sich im Texas des Jahres 2021 genauso wiederholen. […] Die Rechnung des Festivalchefs ist aufgegangen. Der ungewöhnlich breit gefächerte Strauß feierte das Kino in all seinen Spielarten.“

Die „Badische Zeitung“ schreibt: „Das Filmfestival von Venedig fand nun bereits zum zweiten Mal unter Covid-19-Bedingungen statt: mit Restriktionen wie Maskenpflicht, Impf- und Testnachweisen, aber auch wieder mit sehr viel mehr Filmen, Stars und Publikum als noch im September 2020. Zwar wurden die Zahlen von 2019 noch nicht wieder erreicht – unter anderem wegen Reisebeschränkungen. Aber es zeichnete sich deutlich ab, wie das ,neue Normal‘ der kommenden Jahre aussehen wird – gar nicht so anders wie das Davor.“

Venedig sei das einzige Festival, dass den Corona-Einschnitt fast unbeeindruckt überstanden hat, meint der „Perlentaucher“: „Cannes und Berlin fielen je einmal aus und haben beide nun Schwierigkeiten, zu ihrer alten Rolle zurückzufinden – trotz eines aus der Warteschleife gut gefüllten Programms bei der verspäteten Cannes-Ausgabe diesen Sommer. Venedig dagegen fand letztes Jahr statt und dieses und vermittelt den Eindruck, dass das Kino unbeschädigt aber verändert aus der Krise gekommen sei. Unbeschädigt: Es ist nichts zu spüren von einem Mangel an Stoffen, an Geld oder an Drehmöglichkeiten wegen irgendwelcher Lockdowns – so groß sind das Niveau, die Fülle, die Vielfalt der Geschichten (allerdings nicht die Vielfalt der Herkunft, Europa und Amerika dominieren). Verändert: Die Sehgewohnheiten, die das Streaming prägt, scheinen sich einzuschleichen – mehr Tempo in den Geschichten, aber auch weniger Geheimnisse, Dekonstruktion von Erzählformen oder andere ästhetische Störungen, die riskieren, dass die Kontinuität des Guckens abreißt.“

Rüdiger Suchslands „Notizen aus Venedig“ lesen Sie auf „Artechock“.  

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