„Hillbilly-Elegie“. | Foto © Netflix/Lacey Terrell

Streaming statt Kino … in der Woche vom 19. November 2020 – Teil 2.

Schon früh zeigte sich im Laufe dieser gegenwärtig andauernden Pandemie, welche Risse sich durch viele Familien ziehen. Denn auf sich und die vielfache Enge der eigenen Vier Wände zurückgeworfen kommt irgendwann alles zum Vorschein, was sich dort Unschönes und Tragisches verfestigt hat. Dem zu entrinnen bedarf schon einer besonderen Kraftanstrengung. Und auch deshalb ist „Hillbilly-Elegie“, die autobiografische Erzählung von J.D. Vances kaum allein als eine Geschichte des typischen sozialen Aufstiegs zu sehen. Sein von Ron Howard verfilmter Roman zeigt die Mechanismen, die in Familien weitergetragen werden und sie zu zerstören drohen – falls mal einer nicht doch den Ausbruch da raus schafft. So wie J.D. Vance (Gabriel Basso), der als Jurastudent in Yale eine glänzende Zukunft vor sich hat. Wäre da nicht die Familienkrise, die ihn zwingt, in seine Heimatstadt in den Appalachen zurückzukehren. Dort wird er mit den Erinnerungen seiner Kindheit konfrontiert. Insbesondere mit seiner unbeständigen und suchtkranken Mutter Bev (Amy Adams). Wäre da nicht seine Großmutter Mamaw (Glenn Close) gewesen, die ihn aufgezogen hat, glaubte er sich auch im Erwachsenenalter verloren. Doch sind diese Kindheitserinnerungen auch wirklich das, was sie zu sein scheinen? Zu sehen gab es diese emotional dichte Generationengeschichte zunächst noch im November dieses Jahres in ausgewählten Kinos in den USA, bevor sie weltweit nun ab dem 24. November auf Netflix abgerufen werden kann.

So sehr die Streamingdienste auch ihren Anteil am Kannibalismus der Kinokultur haben, so machen sie auch Arthouse-Produktionen einem größeren und breiteren Publikum – zumindest theoretisch – zugänglich. Darunter ist nun auch das Regiedebüt der Filmeditorin Ulrike Kofler („Der Boden unter den Füßen“), das im kommenden Jahr auch die Landeswahl für die Oscarverleihung darstellt: „Was wir wollten“ erzählt von dem jungen Pärchen Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M’Barek), das der unerfüllte Kinderwunsch immer stärker belastet. Nach etlichen künstlichen Befruchtungen entschließen sie sich, Abstand vom Alltag zu nehmen. Der Urlaub auf Sardinien wird jedoch anders, als gedacht. Vor allem, weil eine Familie mit Kindern in das Ferienhaus nebenan einzieht …

Unwillkommen sind wiederum die Kinder, die von der ehemaligen Prostituierten Madame Rosa (Sophia Loren) aufgenommen werden. Sie stammen von Prostituierten. Rosa nimmt auch den zwölfjährigen Momó (Ibrahim Gueye) aus dem Senegal bei sich auf – sie braucht das Geld, das Doktor Coen ihr für die Fürsorge bietet. Weil der Junge keine Papiere hat und nicht zur Schule gehen kann, bringt ihm Rosa Hebräisch bei. Für den Jungen bleibt die Ziehmutter ein Rätsel. Beim muslimischen Ladenbesitzer nebenan findet er jedoch eine Art Vaterfigur.
Dieser mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnete Roman „Du hast das Leben vor Dir“ von Romain Gary bot dem Sohn der Filmlegende Sophia Loren die Gelegenheit, seine 86-jährige Mutter in einer der wohl letzten Hauptrollen ihres Lebens zu inszenieren. Edoardo Ponti und seiner Mutter gelang es dabei, laut der Kritik von Eric Kohn von „Indiewire“ [auf Englisch], der Frauenfigur „eine liebenswerte Mischung aus Weisheit, Erschöpfung und Schmuddeligkeit zu verleihen“. Der Film wurde am 13. November in das Programm von Netflix übernommen.

Eine Dokumentation mit trockenem Witz und bayerischem Akzent gibt es wiederum ab dem 13. November im Programm von Apple TV zu sehen. Schon immer reagierte die Menschheit auf Unvorhergesehenes und Unerklärliches damit, eigene Erklärungsmuster zu finden. Und wohl nichts kam so heiter vom Himmel herangerauscht, wie herabfallende Meteoriten. Wie sie vor Jahrtausenden noch gedeutet wurden, dem gehen in „Fireball: Visitors from Darker Worlds“ der Filmemacher Werner Herzog und der Cambridge-Professor Clive Oppenheimer nach, nachdem sie in einem früheren Filmprojekt bereits den Vulkanen auf den Grund gingen („Into the Inferno“). Diesem Narrativ der frühen Menschheitsgeschichte setzen sie jedoch auch die heutige Wissenschaft entgegen und nicht zuletzt den Wissenschaftsbegeisterten. Dabei lassen sie nicht nur NASA-Experten zu Wort kommen, sondern auch den Meteoriten sammelnden Jazz-Musiker Jon Larsen.

Für einen echten Start im Kino angedacht, aber trotzdem zunächst als VoD abrufbar ist das Filmdrama „Der wunderbare Mr. Rogers“ von Marielle Heller. Das fand schon Ende November vergangenen Jahres in den US-amerikanischen Kinos seine Zuschauer fand: wohl ein jeder von ihnen hat mit der Vorschulserie „Mister Rogers’ Neighborhood“ seine Kindheit verbracht. Sie lief seit dem Jahr 1968 bis 2001 und ist einer der fernsehgeheiligten Sehnsuchtsorte in den Vereinigten Staaten: Fred Rogers (Tom Hanks) ist als Moderator einer Kinderserie längst eine Berühmtheit. Keine Skandale, dafür vorbildhafter Bürger – das Magazin-Porträt, das Esquire-Journalist Lloyd Vogel (Matthew Rhys) schreiben muss, scheint langweilig und vorgezeichnet. Der zynische Journalist sucht nach Unstimmigkeiten in der Biografie von Rogers. Doch was er findet sind gelebte Werte wie Güte und Mitgefühl.
Auch wenn er hierzulande nahezu unbekannt, jenseits des Atlantiks jedoch eine nationale Legende ist: Marielle Heller („The Diary of a Teenage Girl“) gelingt es nicht zuletzt durch die schauspielerische Virtuosität von Tom Hanks diese Legendenbildung auch hierzulande nachvollziehbar zu machen.

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