Wann läuft er denn nun endlich? Mysteriös und verwirrend geht’s jetzt schon zu um Christopher Nolans neuen Film. | Foto © Warner Brothers, Melinda Sue Gordon

Alles Kino und noch mehr: Die Woche vom 23. Juli 2020. 

Vorige Woche berichteten wir, wie Kinomacher die Filmverleiher bitten, ihre Filme nicht zu verschieben. Das Kino, besonders die Hollywood-Abspielstätten, brauchen die Ware. Und wenn es schon nicht der große Titel aus Übersee ist, dann so doch etwas hochkalibriges Deutsches. Genau diese Diskussion läuft jetzt auch in den USA. Der Anlass: Warner Brothers verschiebt ein weiteres Mal Christopher Nolans „Tenet“. Genauer ausgedrückt, der Film befindet sich jetzt in der Warteschleife für einen neuen US-Starttermin. Stand Mittwochvormittag. Jetzt könnte Folgendes eintreten: Die amerikanischen Studios starten ihre Filme in der Regel global gleichzeitig. Diese Maßnahme könnte man aushebeln, und so könnte auch ein potenzieller „Blockbuster“ erst einmal in Asien und Europa in die Kinos kommen. „Variety“ und „Deadline“ berichteten, wir verweisen auf den deutschen Beitrag auf „Blickpunkt Film“. John Fithian, der Chef der National Association of Theatre Owners, also des Landesverbands der Kinobesitzer, bittet eindringlich, die Filme nicht zu verschieben. Hier ein Interview in „Variety“ [auf Englisch].

Ein kurzer Blick auf Österreich: Die Austrian Film Commission bringt ein Interview mit den Produzenten Sabine Moser und Oliver Neumann von Freibeuter Film über Dreharbeiten in Zeiten von Corona. 

Der aktuelle Spitzentitel in den deutschen Kinos ist der Russell-Crowe-Thriller „Unhinged – Außer Kontrolle“. Man wollte dem deutschen Publikum auch wieder Ware aus Hollywood bieten und das Publikum hat dieses Angebot angenommen. Auch wenn die Zahlen niedriger ausgefallen sind, als erwartet. In den Arthouse-Charts belegt „Berlin Alexanderplatz“ den ersten Platz. Blickpunkt: Film listet die Charts auf.

Was wird wohl nächstes Wochenende in die Top-Listen rutschen? Universal bringt eine längere Fassung der „Blues Brothers“ ins Kino. Ein Klassiker von John Landis mit John Belushi, John Candy, Dan Aykroyd und Carrie Fisher. 40 Jahre hat der Film auf dem Buckel. Was genau die „Extended Version“ beinhaltet, wurde aber nicht kommuniziert. Es heißt in der Pressemittelung nur, man bringe den Film in „hochglänzender 4K-Qualität und mit 15 Minuten zusätzlichen Szenen“ in die deutschen, österreichischen und Schweizer Kinos.

Einer der großen Publikumsfilme kommt aus Schweden, aber eigentlich aus Georgien: „Als wir tanzten“. Merab (Levan Gelbakhiani) kommt aus einer Familie von Tänzern, doch für den betont maskulinen, georgischen Tanz wirke er zu weich. Sexualität gäbe es im nationalen Tanz nicht, und wer schwul ist, fliegt aus der Company. Als Irakli (Bachi Valishvili) bei den Proben auftaucht, verliebt sich Merab in ihn. Ein Gefühl, das im Verborgenen auch erwidert wird. Levan Akin, Schwede mit georgischen Wurzeln, drehte den Film in Tiflis unter Sicherheitsvorkehrungen und mit Bodyguards. Locations sprangen im letzten Moment ab, wenn der Plot bekannt wurde. Der georgische Choreograf bleibt im Abspann zu seinem Schutz anonym. Die schwedische „Oscar“-Einreichung gewann den „Guldbagge“, Schwedens höchsten Filmpreis, für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Kamera.

Ein Hollywoodfilm, aber mit leiseren Tönen ist „The Way Back“. Aus Jack hätte mal was werden können. Er war ein As im Basketball, und die Unis rissen sich um ihn. Aber nun ist er nur Bauarbeiter geworden, und sein Wohnzimmer ist die Kneipe. Er trinkt und trinkt. Gavin O’Connor drehte 2016 „The Accountant“ mit Ben Affleck in der Hauptrolle. In „Out of Play – Der Weg zurück“, so der deutsche Titel, ist Ben Affleck die Hauptrolle. Man könnte sagen, der Film baut auf seinen Hauptdarsteller auf. Ben Affleck füllt die Rolle des Alkoholikers, der die Chance bekommt, doch noch etwas Gutes zu tun, mit seiner eigenen Vita auf und das macht den Film schon sehenswert. Jacks Schule, ausgerechnet eine katholische Einrichtung, holt ihn zurück, damit er die Schulmannschaft im Basketball trainiert. Davon versteht er was und er schafft es, die Jungs zu einer Mannschaft zu formen, auch wenn er dabei ausgiebig flucht, was sich die Schulleitung verbittet. Werte wie Moral und Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und kurz Gutmenschentum stehen im Drehbuch im Vordergrund und können nicht halb so stark überzeugen, wie die Szenen, in denen sich Jack mit seiner Existenz als Trinker auseinandersetzen muss.

Auch diese Woche gilt, dass nicht alle Filme der Presse gezeigt worden sind. Obwohl die Pressevorführungen inzwischen eine Normalität suggerieren. Zwar sind wir weit von drei bis vier Vorführungen am Tag entfernt, aber zumindest ein Film am Tag, und oft auch zwei sind schon wieder drin. Wie dem auch sei, über den Horrorfilm „The Vigil“ (Regie Keith Thomas) und das Thomas-Edison-Biopic „Edison – Ein Leben voller Licht“, Regie Alfonso Gomez-Rejon, immerhin mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle, kann ich nicht viel schreiben. Letzterer ist ein Wirtschaftskrimi. Edison wird mit dem elektrischen Licht erst einen Straßenzug in Manhattan erleuchten und dann die Welt für immer verändern. Aber es gibt einen Kontrahenten. Woraufhin Edison Tesla engagiert, um ihm zu helfen. Das Bio-Pic über „Tesla“ (Regie Michael Almereyda) folgt dann zu einem späteren Kinostartdatum.

Horror und Splatter gibt es auch bei „Yummy“. Alison (Maaike Neuville) leidet an ihrer Oberweite. Um auf Körbchengröße B zu kommen, fährt sie mit ihrem Partner Michael (Bart Hollanders) in ein zwielichtiges Schönheitszentrum irgendwo auf dem Balkan. Mit von der Partie ist ihre Mutter, die stolz auf alles ist, was sie zu zeigen hat. Der belgische Regisseur Lars Damoiseaux und die Drehbuchautorin Eveline Hagenbeek wollen dem Schönheitswahn der Selfie-Ära mit einem Zombiefilm begegnen. Denn in der Klinik gibt es einen Arzt, der für ein bißchen mehr Schönheit auf der Welt, seltsame Experimente durchführt, die, ups, aus dem Ruder gelaufen sind. „Yummy“, der auf Komik und Splatter setzt, lief zuerst bei den diesjährigen Fantasy-Filmfest-Nächten.

Auf der Berlinale 2019 lief im Programm der Sektion Perspektive Deutsches Kino: „Dreißig“. Wenige Stunden in Berlin Neukölln sind der Handlungsrahmen, gefühlt vergehen diese Stunden in Echtzeit. Sechs Personen führt die Regisseurin Simona Kostova, Studentin an der DFFB, ein. Die Figuren kümmern sich nicht um die Kamera, nicht um den Zuschauer, scheinbar nicht einmal um ihr eigenes Leben. Banal scheint es zu sein. Aber nur, weil hier keine reißerischen Dramen vorgegeben werden. Irgendwann treffen sie sich und die Nacht beginnt und man geht in einen Klub und noch einen anderen. Man sieht, was man so allgemein sieht, wenn man in Klubs abhängt. Es ist voll, es ist laut. Das Publikum muss sich dazugesellen, ohne mitmachen zu können. Zumal in heutigen Zeiten, in denen die Clubs nicht geöffnet sind, sich das noch einmal ganz anders anfühlt. Ein bißchen ist das also, als wäre man das siebente Rad am Wagen. Man bleibt dabei oder wendet sich ab, weil es zu dröge ist, weil man aus dem Alter heraus ist, weil man sonst was tut. Oder nicht? Einer von den sechs wird 30. Lebenswende? Kein Schimmer. Der Film ist, was man in ihn mit rein nimmt. Ein Gespür für Atmosphäre kann man dem Film nicht absprechen. Wer eine klassische Handlung erwartet, ist hier falsch. Das Leben hält sich nicht an eine Dramaturgie. Das Leben ist, was trotzdem passiert.

„Sword of God“ ist auch atmosphärisch stark und eine Wucht für die Leinwand. In Cottbus lief der Film von Bartosz Konopka unter dem Titel „Sword of God – Im Namen des Herrn“. Unter dem Titel „The Mute“ wurde das Projekt 2012 bei „Connecting Cottbus“ gepitcht. Der Stumme, das ist einer von zwei Rittern, die auf einer Insel die heidnische Bevölkerung christianisieren wollen. Der eine ist ein Priester, der mit strenger Gewalt den Willen einer Herrschaft und/oder Gottheit durchsetzen will, während sein jüngerer Begleiter sich auf die Menschen einlässt und schließlich mit ihnen lebt. Konopka überzeugte 2009 mit dem kurzen dokumentarischen Essay „Mauerhase“, in dem er über die in sich geschlossene Welt zwischen der Mauer mitten durch die Stadt eine kluge Geschichte zu erzählen wußte. „Sword of God“ hat die Qualität eines düsteren Historienthrillers, allerdings ein Historiendrama, auf den man mit Gespür zugehen muss, weil nicht viel gesprochen wird und die Sprache des Priesters sich nicht mit seinen Taten deckt. Die Sprache der Dorfbewohner versteht man schon nicht und man soll sie auch nicht verstehen. Nicht von ungefähr vergleichen die Portale den Film mit der Arbeit von Nicolas Winding Refn, vornehmlich „Walhalla Rising“. Konopka erklärt auf „Directors Guild of Poland“ seine Inspiration seien zum einen seine starke Ablehnung von Dogmen und Autoritäten, sein Streben unversöhnliche Weltanschauungen mit Hilfe von Dialog und alternativen Ansätzen zu lösen. Ihn faszinierten Anführer der Friedensbestrebungen, sei es Ghandi oder Martin Luther King. Auch fasziniere ihn die Kraft des Schweigenes, in dem Sinne, dass man Menschen durch seine Präsenz beeinflussen könne. „Sword of God“ spielt im frühen Mittelalter, die Zivilisation, die der Priester und sein Begleiter bringen, ist nicht unbedingt die bessere Lebensform, andererseits gibt es kein Verharren in der alten Welt. Konopka und sein Kameramann Jacek Podgórski erschaffen eine archaische Welt, gedreht wurde in Ustka und in der Gegend von Kudowa-Zdrój, also in Pommern und Niederschlesien. Unter anderem gewann Dariusz Krysiak den Polnischen Filmpreis für die beste Maske.

In der Panorama-Sektion der Berlinale wurde dieses Jahr „Schwarze Milch“ vorgestellt, ein deutsch-mongolischer Film. Die Regisseurin Uisenma Borchu („Schau mich nicht so an“) reist nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Freund (Franz Rogowski hat hier einen sehr kurzen Auftritt) in die alte Heimat. Nicht ganz deutlich wird, ob sie ihre Schwester in der Mongolei, der visuell eindrucksvollen Wüste Gobi, nur besuchen möchte, oder ob sie ihr Leben ganz umkrempeln wird. Bereits die Namen deuten den Culture Clash an. Sie wird Wessi genannt und ihre Schwester ist Ossi. Die beiden Frauen könnten sich ergänzen, doch da ist erst einmal eine Kluft, die es zu überwinden gilt.

In dieser Woche gibt es mehr Spielfilme, was eigentlich die Regel ist, und nur wenige Dokumentarfilme. In Sundance 2019 gewann Richard Ladkanis „Sea of Shadows – Der Kampf um das Kokain des Meeres“ den Publikumspreis. Bereits mit „The Ivory Game“ behandelte der österreichische Regisseur und Kameramann die Vergehen der Menschheit an der Natur und der Tierwelt wie einen Thriller. „Sea of Shadows“ folgt einer ähnlichen Dramaturgie und wieder ist Leonard di Caprio als Produzent an Bord, um ein bißchen Namedropping zu machen. Ein Missstand wird angesprochen und ein Aktivist recherchiert Hintermänner, Vertriebswege und folglich Korruption. Bei „The Ivory Game“ ging es um den Elfenbeinhandel, im „Kampf um das Kokain des Meeres“ geht es um den Kleinwal, der sich Vaquita nennt und sehr selten ist. In China ist die Schwimmblase des Totoaba-Fisches ob seiner angeblichen Heilkräfte sehr begehrt. Die chinesische Mafia arbeitet Hand in Hand mit den mexikanischen Drogenkartellen, um diese Schwimmblasen abzufischen. Der Vaquita ist dabei Kollateralschaden. Es gibt kaum noch Exemplare dieses Tieres. Aktivisten versuchen nun, diese in ein Reservat zu retten. Ein Journalist, hier Andrea Crosta von der Earth League International (ELI), führt uns durch diese Recherche, ein mexikanischer Journalist, der TV-Moderator Carlos Loret de Mola, geht damit an die mexikanische Öffentlichkeit. Die mexikanischen Fischer laufen Sturm gegen Geldzuwendungen für die Rettung von irgendeinem Tier, wenn sie kaum mehr Arbeit und Einkommen haben. Ein Umstand, den sich die Kartells zunutze machen, um Fischer zum illegalen Fischen gewinnen.

Reiner E. Moritz erklärt Anton Bruckner zum „verkannten Genie“. Seine Interviewpartner vermitteln dem Publikum, was ihnen Anton Bruckner (1824 – 1896), Komponist, Organist, Musiklehrer bedeutet. Kent Nagano lobt, er hätte keine Zeitvorgaben gemacht und sich ausdehnende Räume geschaffen. Ein gewisses Maß an Musikwissen sollte man gewiß mitbringen. Zum einen handelt Moritz die Vita zwischen Ansfelden, St. Florian, Linz, Wien und Bayreuth ab, aber mit Hilfe von Interviewpartnern vom Fach, Organisten, Chorleiter, Musikwissenschaftler versucht der Regisseur uns die musikalische Werdung Bruckners zu vermitteln und bleibt da auch ganz bei der Musik. Zumal er Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker für das Projekt gewinnen konnte, die die Symphonien eingespielt haben und deren Aufnahmen nach und nach zwischen die Interviewteile gesetzt wurden. Als drittes Element der Einordnung von „Anton Bruckner – Das verkannte Genie“ holt Moritz den Schauspieler Cornelius Obonya dazu, der zum Publikum gewandt aus zeitgenössischen Zeitungen rezitiert und eine interessante neue Perspektive bietet.

Ursprünglich wollte Roberto Minervini („The Other Side (Louisina)“) einen Film über den Folk Blues in der afroamerikanischen Community im Süden der USA, in New Orleans drehen. Was er schließlich in „What You Gonna Do When the World’s on Fire?“ auf die Leinwand bringt, thematisiert den alltäglichen Rassismus, dem sich die schwarze Bevölkerung ausgesetzt sieht. Er drehte 2017, kurz nachdem, man könnte sagen mal wieder, Schwarze durch die Polizei ihr Leben verloren. Minervini beobachtete und erst im Schnitt mit der Cutterin Marie-Hélène Dozo wurde daraus ein Film. Miniverini und sein Kameramann Diego Romero Suarez-Llanos bleiben nahe an den Figuren dran, folgen ihnen so dicht, dass man steckenweise denken könnte, es sei ein Spielfilm. Noch dazu wählten sie Schwarzweiß in seiner schönsten Form als Stilmittel. Gewalt auf der einen Seite und Bürgerengagement auf der anderen Seite ist ein Strang, den Minervini in den Fokus stellt, als er den Mitglieder der New Black Panther Party of Self Defence folgt, sie Sandwiches und Wasser verteilen, aber sich auch klar für ihre Rechte einsetzen und sich gegen die Polizeigewalt positionieren. Eine besondere Qualität haben die Szenen, in dem die Kamera zwei Halbbrüdern durch den Alltag folgt. Die beiden sind noch so jung, reine Kinder, und doch müssen sie im Hinterkopf behalten, dass sie zur falschen Zeit an der falschen Stelle spielen könnten. Der italienisch-französische Dokumentarfilm wurde 2018 zuerst in Venedig vorgestellt. Letztes Jahr zeigte ihn das Filmfest München, wo er den „Fritz-Gerlich-Preis“ gewann.

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