Philipp Hartmann „66 Kinos“ sind zwar schon drei Jahre alt, aber der Film zur Stunde. Grandfilm bringt die Liebeserklärung jetzt ins Online-Kino. | Foto © Grandfilm

Die Streams der Woche. Von Elisabeth Nagy

Die Verwirrung war eine Weile lang komplett. Die Meldungen lauteten von Öffnungen mit Auflagen bis „jetzt noch nicht“. Was denn nun? Öffnen die Berliner Kinos nach dem 5. Juni oder steht es noch nicht fest? So oft ich den Rechner angeworfen hatte, sagten die Headlines etwas anderes. Die Tagespresse, die Fachpresse, die Brancheninfos. Puh. Bayern will ab dem 15. Juni den Kinobetrieb ermöglichen. Hamburg meldete am vergangenen Dienstag, dass am Mittwoch gespielt werden darf. Dazwischen reihen sich die Bundesländer fein säuberlich auf, jeden Tag ein bißchen mehr Kino. Oder doch nicht? Am Donnerstag, also heute, soll es eine weitere Sondersitzung geben, beziehungsweise wird es diese gegeben haben. Wie auch immer das Urteil für die Berliner Kinos ausfällt, unser Brancheninfo wird es dann wissen, zumindest eine Agentur hat hier bereits vor einigen Tagen Nägel mit Köpfen gemacht und zur ersten Post-Lockdown-Pressevorführung eingeladen. Hamburg – München – Berlin. Am 3. und am 4. Juni, also zumindest in Berlin und München vor den eigentlichen Öffnungen. Man muss sich anmelden. Nicht auszudenken, wenn sich jetzt 100 Kolleg*innen anmelden, und 50 müssen dann wieder ausgeladen werden. Auch hier soll gelten: Mund-Nasen-Schutz im Foyer, Abstand auf Anderthalb und Abgabe von Kontaktdaten, sprich E-Mail-Adresse und Telefonnummer. 

Der Andrang der Kolleg*innen mag ja bei einem mittelgewichtigen Arthaus-Titel überschaubar sein. In Gedanken springe ich schon einen Monat vor, wenn „Tenet“ von Christopher Nolan starten soll, das wird eine Freude. Gedankenexperimente sind ja nicht nur sehr spaßig, mitunter, sondern auch gut zum prävisualiseren. Da stelle ich mir also vor, die Kolleg*innen stehen im Abstand von 1,5 Metern einmal um den Block an, um dann ihre corona-app-verdongelten Handys alle eng an eng in eine Kiste zu versenken. Aber Spaß beiseite, werden dann die Agenturen sich die Kolleg*innen im Vorfeld raus picken, wer ihnen genehm oder am nützlichsten ist, um den Saal nicht über die erlaubte Menge zu befüllen? Das würde allerdings presserechtlich problematisch sein. Abwarten.

Ich laufe weiter meine Runden und schaue nebenher auf die Seiten des Landesdenkmalamtes und nehme mir Blogs zum Vorbild, die Berlin fein säuberlich ablaufen und darüber schreiben. Stadtgeschichte, Architektur, das hatte mich immer schon interessiert, nur hatte ich die Zeit nicht gehabt. Als kurz vor dem Lockdown der Film „New York – Die Welt vor deinen Füßen“ in die Kinos kam, war das genau mein Ding. Matt Green hat seinen Schreibtischjob und eine feste Adresse aufgegeben und lebte seitdem im Moment und zu Fuß. Einen Plan hatte er nicht, außer, dass er ganz New York abklappern wollte. Jede Seitengasse, jeden Trampelpfad, jeden Friedhofsweg. Jeremy Workman begleitete ihn mit minimalem Aufwand selbst mit der Kamera. Green lernte Ecken und Leute kennen und erarbeitete für seinen Blog die Geschichte, die hinter den Fassaden der Stadt steckt. Der Verleih Happy Entertainment wählte, als der Film nach wenigen Tagen nicht mehr gezeigt werden konnte, nicht den digitalen Weg, sondern wartete ab. Jetzt wo die Kinos wieder dürfen, kehrt der Film darum flugs zurück auf die Leinwand. Und Matt Green, der knapp 15.000 Kilometer in New York abgelaufen ist, schickt uns in der Pressemeldung noch eine kurze Nachricht: „Gerade ist das Leben in New York hart und oft tragisch, wie auch in vielen anderen Teilen der Welt. Niemand ist sich sicher, ob die Stadt je wieder so sein wird, wie sie vor der Pandemie war … In diesem Moment, in dem unsere Möglichkeiten zu reisen so eingeschränkt sind, haben wir die perfekte Gelegenheit zu entdecken, wie viel wir sogar an vertrauten Orten über unsere Welt lernen können. Ein einfacher Spaziergang durch die Straße kann ein Universum aufzeigen, von dem du bisher nicht wusstest, dass es existiert.“

Ein anderer Film berichtet über die Distanz von „3.100 Meilen“, das sind knapp 5.000 Kilometer. Von einem 3.100-Meilen-Lauf in New York City hatte ich zumindest noch nie etwas gehört. Zu entdecken gibt es da sicherlich den inneren Schweinehund und „das Holz, aus dem man geschnitzt ist“. Alljährlich wird ein Mehrtagesrennen in Queens ausgetragen. Nur eine Handvoll Leute nehmen daran teil. Wahrlich kein Thema für die Internationale Presse. Bei größter Hitze laufen die Teilnehmenden immer wieder um den Block, das müssen täglich mindestens 60 Meilen (96,5 Kilometer) sein. Erfunden hat dieses Event der Läufer Sri Chimnoy. Der Regisseur Sanjay Rawal ist 2016 beim 20. Rennen mit der Kamera beobachtend dabei gewesen. Er setzt jedoch das triste Großstadtlaufen in Relation mit der Lebensweise der San in Botswana, die eine besondere Technik des Laufens für die Jagd einsetzen. Eine Tradition, die ihnen inzwischen von staatlicher Seite genommen werden soll, und japanischen Mönchen, die ein Ritual des Laufens in ihre Routine eingebaut haben. Ursprünglich sollte die Dokumentation, die vor allem die spirituelle Seite des Sports aufzeigen möchte, am 14. Mai in die Kinos kommen. Für den 29. Mai war und ist die VoD- und DVD-Veröffentlichung geplant gewesen. Daran hält der Verleih Mindjazz Pictures nun fest.

Letzte Woche hatte ich noch von den drei Open-Air-Kinos in Berlin geschrieben, die darauf harrten, endlich Programm zu machen. Inzwischen bin ich schlauer. Es gibt mehr als drei von der Sorte. Da hätte ich aber auch schon vorher mal ins Kinokompendium schauen können, eine mit viel Hingabe gestaltete Webseite, die die Berliner Kinos auflistet, vorstellt und auch was zu ihrer Geschichte zu sagen weiß. Letzte Woche bin ich durch die Lehrter Straße gelaufen, wo sich Moabits einziges Kino befindet, der „Filmrauschpalast“. Hinter dem Haus stand bereits das Gerüst für die Leinwand. Ob und wann diese zum Einsatz kommt, konnte man mir zu dem Zeitpunkt noch nicht sagen. Auch das Kinokompendiumg nutzt die Zeit und schreibt in ihren News: „Aus Anlass der aktuellen Maßnahmen zur Eingrenzung von Covid-19 starten wir eine besondere Interviewreihe unter dem Motto ,Keine Zeit zu sterben’. Wir haben ein paar Kinos besucht, um die Lust am Kinogehen aufrecht zu erhalten und den besonderen Ort von Kinosälen in den Mittelpunkt zu rücken. In der Hoffnung, dass wir alle weiterhin die Vielfalt der Kinos in Berlin – auch noch in ein paar Monaten – genießen können.“ Das erste Interview haben sie mit Gerd Müller-Eh, dem Theaterleiter des „Passage Kinos“, geführt. Eine gute Sache.

Die Seite bietet auch eine Übersicht über geschlossene Säle und ich hoffe doch sehr, dass diese Auflistung nicht länger wird. Übrigens, wer deutschlandweit eine Übersicht von Kinos sucht, sollte in das „Kino Wiki“ schauen. Und damit wäre ich beim nächsten Filmtipp. Der heißt „66 Kinos“, den man dank Grandfilms Engagement für kleine, feine Filme jetzt auf deren On-Demand-Channel sehen kann. Der Regisseur Philipp Hartmann besuchte zwischen Herbst 2014 bis Sommer 2015 mit seinem Vorgängerfilm „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ 66 Kinos. Es geht ihm nicht um seinen Film, sondern er nutzt die Gelegenheit für eine liebevolle Darstellung der deutschen Kinolandschaft. Große und kleine und winzige Kinos stellt er vor und lässt die Kinobetreiber selbst über ihre Filmleidenschaft, über ihre wirtschaftlichen Zwänge und Aussichten, ihre Liebe zu 35 Millimeter und ihre Ambitionen, die Zuschauer zu locken und zu halten, selbst zu Wort kommen. Hartmann fragt: Was ist Kino, wo findet Kino statt und wie erhält man Kino? Wie spricht man das Publikum an, wie ist die Marktsituation? Damit ist dieses liebevolle Porträt, auch wenn Produktionsjahr 2017 ist, der Film zur Stunde.

Das Publikum ansprechen, so, dass man nicht nur vor Ort bekannt ist, sondern plötzlich in aller Munde, das hat das kleine Kino „Lodderbast“ geschafft. Wir haben über das Kino und ihr Konzept bereits in unserer Folge 7 berichtet. Kurz, es gibt abends um 20 Uhr einen Livestream und im Anschluß ein Gespräch mit Gästen. Zwei Wochen, bevor die Kinos geschlossen wurden brachte Drop-out Cinema den Titel „Die Farbe aus dem All“ auf die Leinwände. Die Verfilmung der Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft gehört eigentlich ins Kino, in dessen Dunkelheit die Explosionen von Magenta-Farbspielen besonders gut wirken können. Richard Stanley („Hardware“) hat Regie geführt, auch das ist eine Meldung. Nicolas Cage ist der Familienvater, der mit Frau und drei Kindern und Hund eine Alpaka-Farm führt. Bis die Idylle durch etwas, das wie ein Meteoriten-Einschlag aussieht, zerstört wird. In Toronto wurde der psychotronische Horror-/Science-Fiction-Film in der „Midnight-Madness“-Programmschiene uraufgeführt. Angesichts der Tatsache, dass Stanley, seitdem man ihn 1996 vom Regiestuhl von „Die Insel des Dr. Moreaus“ gekickt hatte, keinen Langspielfilm mehr drehen durfte, darf man gespannt sein, was da noch kommen wird. Denn „Die Farbe aus dem All“ soll nur die erste von drei Lovecraft-Verfilmungen sein, die der Regisseur in Aussicht gestellt hat. Jetzt kann man den Film am 29. Mai um 20 Uhr im Programm des „Lodderbast“ kostenlos sichten. Anschließend ist ein interaktives Gespräch mit dem Regisseur geplant.

Zuverlässig veröffentlicht der Verleih Salzgeber jede Woche einen (mitunter zwei) Titel in seinem Salzgeber Club. Die Titel stehen dabei immer nur temporär auf diesem Kanal zur Verfügung. Die Filme „Bester Mann“ von Florian Forsch und „Label Me“ von Kai Kreuser (wir berichteten in Folge 7) stehen noch bis zum 3. Juni zur Verfügung. Wer den Klassiker „Bent“ von Sean Mathias von 1997 sehen möchte, hat noch bis zum 10. Juni Zeit. Auch diese Woche ist es ein digital restaurierter Klassiker den Salzgeber zeitlich begrenzt spielen wird. „100 Tage, Genosse Soldat“ von Hussein Erkenov wurde 1990, noch zu Sowjetunion-Zeiten, fertiggestellt. Es dauerte aber bis zur Berlinale 1994, wo der Film in der Panorama-Sektion gezeigt wurde, bis ein internationales Publikum den Film sehen konnte. Letztes Jahr, also 2019, lief der Film noch einmal im Festival, als einer von den Filmen aus 40 Jahren Panorama-Sektion. Homosexualität ist auch in Russland ein Tabu, die Darstellung von Homoerotik nicht erwünscht. Erkenov erzählt, inspiriert von den Erzählungen des Schriftstellers Yuri Polyakov („100 Tage bis zum Befehl“), von fünf Soldaten im Drill der Sowjetarmee. Dabei darf man keinen typischen Soldatenfilm erwarten, „100 Tage, Genosse Soldat“ ist mehr eine poetische Vermittlung der Gewalt im militärischen Dienst. Dabei orientierte sich Regie und Kamera unter anderem an den Filmbildern Andrei Tarkowskis. Die Homoerotik ist dabei nicht wirklich das Thema, bis auf den Umstand, dass Sexualität den Menschen ausmacht und die Unterdrückung davon den Menschen kaputt macht. Greifbar ist in der Film eher als Traum, ein Alptraum, in der nicht nur die Seele sondern auch das Menschsein der Soldaten von der Institution Armee zerstört wird und in dem ein Engel (in der Gestalt eines Kindes) und der Tod (eine Frau) eine gleichwertige Rollen haben. Es ist ein Film, der asoziativ arbeitet, der schöne Bilder Grausames erzählen lässt.

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