„Wenn du das Spielfeld betrittst, wird das Leben unwichtig; die Probleme werden unwichtig; alles wird unwichtig“, meinte Diego Maradona. | Screenshot

Heimweg des Genies, Auswege im Lockdown-Wahnsinn und der deutsche Clasico: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 91.

„Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben.“
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

„Wenn du das Spielfeld betrittst, wird das Leben unwichtig; die Probleme werden unwichtig; alles wird unwichtig.“
Diego Armando Maradona

 

So wichtig alles andere sein mag (ja: Corona; jaaa: die vielen Kranken; meinetwegen auch: Merkel), aber es ist schon klar: Heute muss ich erstmal über die „Hand Gottes“ schreiben: Diego Armando Maradona. Der beste Fußballer der Welt. Besser als Pele, als Kaiser Franz, und als Messi. Leider ist er am Mittwoch viel zu früh gestorben. Als ich die Nachricht gehört habe, kamen mir die Tränen. Maradona war enigmatisch, ein cooler Typ, witzig und genial als Fußballer, kindisch und überfordert im Leben. „Er hat ja alles im Leben falsch gemacht – außer Fußballspielen.“ resümiert Marcel Reif in seinem „Bild“-Vlog. 

So wenig Fußball etwas ist, was das Kino erfassen kann, so sehr gab sich das Kino doch im Fall von Maradona immer wieder Mühe. Vielleicht weil bei ihm Fußball Schicksal war, Transzendenz, Götternähe, jedenfalls Oper, Drama, ganz großes Kino. 

Wer’s nicht glaubt, kann sich hier das Spiel mit seinen zwei berühmtesten Toren noch einmal in voller Länge ansehen. Es war vielleicht der allergrößte Moment in der an großen Momenten reichen Karriere des Diego Armando Maradona: Das Viertelfinalspiel zwischen Argentinien und England bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko. Vier Jahre zuvor hatten sich beide Staaten noch im Falklandkrieg militärisch gegenüber gestanden. Dann nahm Maradona und die „Hand Gottes“, wie er das nannte, Rache für die Kriegsniederlage und eine gedemütigte, in sich zerrissene Nation. Am Ende wurden Maradona und Argentinien Weltmeister gegen Deutschland. 

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Ein braves, aber trotzdem schönes Maradona-Porträt hat Arte jetzt aus dem Archiv geholt. Leidenschaftlicher ist, bei aller Eitelkeit des Regisseurs aber Emir Kusturicas „Maradona by Kusturica“ von 2008, dessen englische Fassung ich auf Youtube gefunden habe. Der, so scheint mir, allerschönste berührendste Ausschnitt des Films, ist der Moment, in dem Maradona das ihm gewidmete Lied „La Mano de Dios“ singt, das der berühmteste argentinische (und sehr argentinische) Pop-Song der letzten 20 Jahre ist, und zu dem auch jemand wie Lucrecia Martel tanzt. Noch schöner ist allerdings dann doch das Original.

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Letztes Jahr erst hat der Brite Asif Kapadia die Lebensgeschichte Maradonas in Form eines Dokumentarfilms erzählt. Es ist mitreißendes Kino, gespeist durch die Passion des Objekts, die Leidenschaft des Regisseurs und unglaubliches Filmmaterial. Denn Kapadia durchwühlte nicht nur offizielle Archive, er entdeckte auch viele Stunden Material eines Kameramanns, der Maradona am Anfang seiner Karriere auf Schritt und Tritt begleitet hatte. 

Bei Diego war kein Muskel wichtiger, als der Kopf, heißt es hier, dadurch war besser als die anderen. Im Fußball dreht sich alles ums Täuschen, und Maradona täuscht immer wieder in den Spielausschnitten eine Richtung an und läuft in die andere – im Gegensatz zum Gegner. Die Zuschauer lernen Diego Maradona in diesem Film seinen Abgründen kennen wie in seiner Brillanz. Vor allem aber als einen ziemlich verwundbaren Charakter. Er wirkt stark von Außen, aber er ist erkennbar schwach in seinem Inneren. Wenn der Film in den Großaufnahmen genau auf ihn blickt und in sein Gesicht schaut, dann sieht er einen ziemlich verlorenen, ängstlichen Menschen. Maradona erscheint somit als ein Charakter, der eigentlich immer ein Heim gesucht hat und eine Familie. Als er erfolgreich wurde, hat ihn eine unsichtbare Macht von diesem Ziel weggezogen. Nie wieder konnte der Weltstar sich, wenn er geliebt wurde, sicher sein, dass er nicht nur für sein Geld geliebt wurde. 

So ist der Film „Diego Maradona“ nicht so sehr Fußballgeschichte, als Kulturgeschichte. Und vor allem furioses, spannendes, unterhaltsames Kino. Kapadia zeigt Rivalitäten, er erzählt von dem Druck der auf Sportlern lastet, und dringt ein in die Psychologie eines großartigen, über alle Konkurrenten erhabenen Athleten. 

„Diego und Maradona waren zwei unterschiedliche Menschen“ sagt Fernando Signorini, der Personal Trainer Maradonas in Neapel, „Diego war ein liebenswerter Mensch aber unsicher; Maradona war die Figur die ihm half, den Anforderungen des Mediengeschäfts gewachsen zu sein, und denen des Fußballs natürlich.“

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Darüber hinaus ist Kapadias Film auch ein Lehrstück über über Popkultur. Im Fußball stand Maradona für eine neue Generation, die ersten Stars: „Ich feiere, wann ich will“ formuliert das Credo der hedonistischen 80er Jahre. Und Pele, ein Repräsentant der alten Generation, sagt über Maradona: „Er besitzt ein großes Talent, aber psychisch ist er nicht dazu in der Lage, die Verantwortung zu tragen.“ Ein bemerkenswerter Irrtum. 

Anhand von Maradona zeigt Kapadia, die shizophrene Natur der Popkultur, wie sie den Menschen aufspaltet in ein humanes, privates Wesen auf der einen Seite und die Star-Persona und das öffentliche Image auf der anderen. Wie die Medien ihre Stars benutzen und aus den Menschen Objekte der öffentlichen Kultur machen, wie wir glauben, sie zu besitzen. So ist sein Film auch ein nostalgischer Gegenentwurf zu einer Gegenwart, die aus digitalen Charakteren besteht. Diese spiegeln sich fortwährend narzisstisch selbst, perfektionieren sich obsessiv; versuchen in Selfies auf Facebook und Instagram ihr Image zu monetarisieren – zu Geld zu machen. Maradona wollte vor der Kamera nicht perfekt sein, er wollte er selbst sein. 

Kapadia (den ich damals für den „Maradona“-Film interviewt hatte)erscheint einmal mehr als ein Regisseur mit den Methoden eines Pop-Art-Künstlers. Er nimmt einen Charakter, den das Publikum bereits kennt, und übermalt ihn gewissermaßen, bearbeitet sein Image, stellt das Bekannte in einen neuen Rahmen und gibt ihm neue Perspektiven. 

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Zuvor nämlich hatte Kapadia zwei andere wundervolle Dokumentarfilme gedreht, in denen er von einem gefallen Engel erzählt. Von einem Kinderstar und frühen Genie, das keine Chance hatte, aufzuwachsen. Mit „Amy“ über Amy Winehouse gewann er 2016 den Oscar. Und zuvor „Senna“ über den legendären, jung verunglückten brasilianischen Formel-1-Rennfahrer. Er war im letzten Jahr froh, mit Maradona endlich nach zwei Filmen über Tote, einen Film über einen lebenden Menschen gemacht zu haben. Nun lebt auch Maradona nur noch in unserer Erinnerung weiter. 

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„The Hungarian team, which revolutionised world football, was a discovery, like modern painting. […] Most of the Hungarian players, were from Honved, the club of the army. The country was under Soviet occupation. None the less, Puskas (an army officer) and his colleagues approached the game in a freewheeling, marvellously uninhibited style that contrasted with the regimentation of day-to-day life behind the Iron Curtain. The only team that has come close to Puskas’s Hungary, was Ajax of Amsterdam during the Cruyff era. Everybody played in attack and defence – it was like free jazz.“
Jean-Luc Godard, in seinem Film „Notre Music“ über Fußball 

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Vor 90 Jahren, nur Tage vor Jean-Luc Godards Geburtstag, ist Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ erschienen. Ist das nicht vielleicht der beste deutschsprachige Roman des 20.Jahrhunderts? Jedenfalls einer der schönsten. 

Der Mann ohne Eigenschaften“ ist ein großer Versuch, die zerfransende Welt der Moderne und ihre Bewusstseinsbrüche am Beginn des 20.Jahrhunderts noch einmal, ein letztes Mal in eine Form zu bringen.

Es geht darin um Grenzüberschreitungen, etwa um das Dreiecksverhältnis zwischen Ulrich, seinem Freund und dessen Frau Clarisse, die in ihrer Nietzsche-Begeisterung immer mehr dem Wahnsinn verfällt. Musil versucht in essayistischen Passagen, den wissenschaftlichen Erklärungsmodellen seiner Zeit eine Spur voraus zu sein und das Irrationale, die Leerstellen zu erkunden. Das führt zu der innovativen, die Moderne von innen her aufsprengenden Form des Romans. Das Leben, so heißt es einmal, folge keinem Faden der Erzählung mehr, sondern breite sich in einer unendlich verwobenen Fläche aus. Die Geschichte dieses Romans lief darauf hinaus, dass die Geschichte, die in ihm erzählt werden sollte, nicht erzählt wird. Wie visionär das war, begriff man erst viel später.

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„Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehen.“

Dies sind einige der berühmtesten Sätze des Buchs, und mit ihnen kann man sich auch durch die Corona-Zeit helfen. Wie überhaupt dieses Buch in seiner ganzen Überfülle und monumentalen Endlosigkeit vielleicht das Richtige ist im Lockdown.

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An Sonntag sollte man „Tatort“ sehen. Nicht weil es der 50.-Jahre-Jubiläums-Tatort ist, nicht nur aber auch weil Dominik Graf Regie geführt hat und im zweiten Teil Pia Strietmann, sondern auch weil es eine Doppelfolge ist, die sozusagen den German Clasico auf die Krimiebene bringt: Dortmund gegen München. Wer hier gewinnt, erfährt man erst nach zwei Sonntagen – allemal sind es die letztes Folgen mit Aylin Tezel, die leider beim Dortmunder Team aufhört.

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Der Lockdown, das möchte hier einmal für die hinschreiben, die sich noch Illusionen machen, wird im neuen Jahr weitergehen. Er wird mindestens den Januar umfassen. Der zur Zeit grassierende, für jeden erwachsenen Menschen empörende Weihnachtsfestrettungskitsch, der gerade für all jene eine obszöne Farce sei müsste, die im Gegensatz zu mir die Maßnahmen unser Regierung für angemessen, die Ansteckungsgefahr für groß und die Krankheit Corona für gefährlich halten, wird gerade dazu führen, dass auf das frohe Fest, was die politischen Kindergartenleiter den ihnen Anvertrauten als (relative) Belohnung fürs (relative) Lockdown-Benehmen geschenkt haben, die harte Strafe folgt: Januar kompletter Lockdown, vielleicht noch härter, als der jetzt „verschärfte“ „Lockdown light“. Im Februar wahrscheinlich auch noch, es sei denn, man möchte einen Grund finden, die Berlinale und vorher die Berliner Fressmesse stattfinden zu lassen – man könnte ja jedem der sich akkreditiert eine vorgezogene Impfung als Belohnung versprechen.

Über all das gibt es viel zu schreiben, aber ich fürchte, redundant zu werden, und Euch meine lieben Leser, zu langweilen. Und langweilig ist ja schon der Lockdown. Darum heute mal andere Dinge, und nächste Woche wieder bleierne Politik, Lockdown-Skepsis und Medienbeobachtung. 

Und, versprochen, auch endlich mal die Antwort auf die beliebtest Leserfrage – ich zitiere: „[…] Und ja, auch ich frage mich, was seit Beginn der Pandemie diesbezüglich passiert ist. Und ja, es ärgert mich maßlos. Aber was ist die Alternative, wenn die Gegebenheiten nun einmal so sind, wie sie sind? Ich sehe keine. Natürlich hat jeder halbwegs informierte Mensch gewusst, dass es mit diesen vier Wochen „Wellenbrecher-blablabla“ nicht getan sein wird (Übrigens ein genauso bescheuertes Wort wie Gutes-Kita-Gesetz). Und das Zückerchen, das man uns hinwarf, dass die gesamte Family an Weihnachten einträchtig unterm Weihnachtsbaum sitzt, ist eine Beleidigung der Intelligenz der Wähler. Das ist Populismus auf flachstem Niveau, auch das ärgert mich maßlos. Aber was die Maßnahmen selbst betrifft, was ist denn bitte die Alternative?“

Oder ein anderer, etwas kürzer: „Es ist leicht immer nur zu sagen, was falsch ist. Was würdest Du denn vorschlagen?“

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