„Das Grabmal einer großen Liebe“: Der Stummfilm findet nur noch in exklusiven Nischen statt oder irgendwo auf Youtube. Einzig der deutsch-französische Sender Arte pflegt die Vielfalt und Schönheit des Stummfilms im Programm. | Archivfoto

Pandemie-Konformismus, Journal des Verschwindens und Chiffren für das Dahinter: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 59. 

„Il faut savoir encore sourire/
Quand le meilleur s’est retiré/
Et qu’il ne reste que le pire/
Dans une vie bête à pleurer“
Charles Aznavour

„Sie haben es abgerissen. Ein aus der Mode gekommenes Restaurant mit riesigem Speisesaal. […] Die Durchreisenden bevorzugten den offenen Saal mit Blick auf die Bahnhofsuhr. […] Die Zeit ist um, meinten sie. Und eröffneten eine gläserne Theke für den Durchgangsverkehr. Du sollst dich nicht aufhalten. Iss, zahle und verschwinde hier.“
Raymond Dittrich

 

Corona-Zeiten waren Zeiten, in denen wir auch das Filme-sehen neue entdeckt haben. Wir sollten dies nicht verlernen über diesen Sommer unseres Leichtsinns, bevor die zweite Welle kommt und wir kulturelle Überlebenstechniken viel wichtiger brauchen, als Virologie.

Unser Umgang mit Filmgeschichte ist insgesamt ungemein schludrig. Kein Vergleich zu unserem Umgang mit alten Gemälden oder Klassikern der Literatur.

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Stummfilme, das wissen wir ja eigentlich auch, waren nicht stumm oder still. Sie waren begleitet von Musik, oft eigens komponierter, und oft von Soundeffekten. Wir nennen diese Filme so, weil man ab Ende der 20er Jahre mit „Tonfilm“ geworben hat. 

Heute kann man diese Filme in der Regel nur in Filmmuseen sehen und dies sehr selten, denn auch die Stummfilme, die überhaupt noch existieren, also zwischen 10 und 20 Prozent der Werke, die mal irgendwann gemacht wurden, sind in den allermeisten Fällen überhaupt nicht zugänglich. Denn die Rechteinhaber verlangen viel zu viel Geld dafür, dass sie im Kino gezeigt werden. Wer heute bedeutende Werke der Filmgeschichte spielen möchte, ist mit massiven finanziellen Forderungen konfrontiert. 

Hinzu kommt, dass die interessantesten Werke der alten Filmgeschichte nicht immer diejenigen sind, die wir heute am besten kennen. Auch nicht immer die großen, besonders berühmten Filme, nicht immer die repräsentativen sogenannten „Meisterwerke“. So ähnlich, wie die „Mona Lisa“ nicht unbedingt das beste oder auch nur wichtigste Gemälde der Renaissance ist (vielmehr hat sich diese Vorstellung von der „Mona Lisa“ als „dem“ Non-plus-ultra-Meisterwerk überhaupt erst im 19. Jahrhundert herausgebildet), so wenig ist „Metropolis“ von Fritz Lang (meiner persönlichen Ansicht nach ein ganz toller, unbedingt sehenswerter und sehr besonderer Film, und ohne Frage auch ein ungemein wichtiger) der beste oder der interessanteste Film seiner Epoche.

Was heute die Landschaft der üblichen Stummfilm-Rezeption, wo sie noch stattfindet, prägt, das ist ein im Grunde film- und kinowidriger Umgang mit den einzelnen Werken: In unglaublich teuren Aufführungen, zu denen man nur mit ebenfalls vergleichsweise sehr teuren Ticketpreisen Zutritt erhält, werden einzelne Filme, die als repräsentativ behauptet werden, in teuer restaurierter digitaler Version an einzelnen wenigen Abenden aufgeführt, zusammen mit einer oft eigens neu und ebenfalls für sehr viel Geld komponierten Filmmusik – über deren historischen Wert man sich in vielen Fällen überhaupt keine Illusionen machen kann, weil sie offensichtlich modern ist, sich also für geschichtliche Angemessenheit nicht mal zu Schein interessiert – und für ein Wohlstands-Bildungsbürger-Oberschicht-Publikum auratisiert. Obwohl wir seit Walter Benjamin wissen können, dass der Verlust der Aura des klassischen Meisterwerks gerade das ist, was Kino und Photographie von Malerei und Theater unterscheiden. Es wird nun (wie die Oper, wie das Theater) zum Unterscheidungsmerkmal von der gemeinen Masse, in diese Filme zu gehen – die allerdings einst für genau jene Masse produziert wurden, die man jetzt in die Aufführungssäle nicht reinlässt.

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Um sich jenseits von solchen Aufführungen, von Vorführungen in den kaum vorhandenen Filmmuseen und besonderen Retrospektiven überhaupt eine Vorstellung von der Vielfalt und Besonderheit, von der Schönheit des Stummfilms zu machen, gibt es eigentlich nur einen einzigen Weg jenseits von Youtube: Das Programm des deutsch-französischen Senders Arte.

Hier werden dank der Verdienste einzelner engagierter Kino-Liebhaber sehr regelmäßig ganz tolle, seltene und nicht immer repräsentative Stummfilme im Fernsehen gezeigt. Dies ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, das Fernsehsender mit dem richtigen Programm dem Kino nicht schaden, sondern im nutzen und und dass die Online-Verfügbarkeit von Filmen Lücken füllt, die das gegenwärtige Kino, auch das Programmkino und auch die Spezialkinos in den Nischen für Fans, hinterlassen.

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In der Arte-Mediathek sind gleich mehrere seltene und erstaunliche Film in Top-Qualität zu sehen. Nur noch heute und morgen(bis zum 27. Juni, heißt es!) gibt es den deutsch-indisch-britischen Film „Das Grabmal einer großen Liebe“ zu sehen (und für die Kenner: runterzuladen!). Eine erstaunliche Produktion: Denn wer weiß schon, dass es in den 1920er-Jahren regelmäßige deutsch-indische Film-Koproduktionen gab, also Filme, die (im Gegensatz zu Klassikern wie „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“, beide gedreht von John May in Adlershof bei Berlin mit Elefanten aus dem Berliner Zoo) tatsächlich in Indien mit indischen Schauspielern und indischem Team gedreht wurden. Sie wurden geleitet von dem ehemaligen Dokumentarfilmer Franz Osten, der in Geiselgasteig bei München begonnen hatte, Filme zu machen und dann über London Kontakte nach Indien knüpfte. 

Erzählt wird hier in eindrucksvollen Bildern eine Geschichte aus dem Indien des 17. Jahrhunderts: Die Legende des Taj Mahal. Eine bombastische Abenteuergeschichte für Zuschauer, die ab und zu gern naiv sind: Ein Melodram über Sklaven, Waisenmädchen, die sich als Prinzessinnen entpuppen, edle Prinzen, über Machtgier und orientalische Despotie. „Das Grabmal einer großen Liebe“ machte Indien als Filmland international bekannt.

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Richtig bombastisch und noch viel mehr fantastisches Traumfabrikkino ist „Der Dieb von Bagdad“ von 1924. Regisseur Raoul Walsh, später für Western und Film Noirs berühmt, inszeniert Douglas Fairbanks und allerlei Special Effects in Fairbanks viertem selbstproduziertem Blockbuster-Spektakel nach „Das Zeichen des Zorro“ (1920), „Der vierte Musketier“ (1921) und „Robin Hood“ (1922). Wer es eine Spur bescheidener mag, könnte sich eine frühe Version von „Das Phantom der Oper“ oder den 30-Minüter „Das Rad“ vom berühmten Abel Gance ansehen. 

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KLM und Air France bekommen über zehn Milliarden Euro Staatsgelder: sieben Milliarden von Frankreich, dreieinhalb aus den Niederlanden – aber mit härteren Auflagen als die Lufthansa. 

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Wer nach Venedig mit dem Nachtzug über München fährt, konnte dort immer eine Stunde bayerische Lebensart tanken, bevor man in ganz anderen Gefilden aufwacht: Jahrelang gehörten für mich der Schweinsbraten und zwei Helle zum besseren Einschlafen im Liegewagen zum Ritual. Jetzt muss man auf dem Bahnsteig trockene Brezeln oder Pizza essen, denn auch in München gibt es kein Bahnhofsrestaurant mehr. Jeder Bahnhof hatte früher so eine Bahnhofsgaststätte, manchmal auch mehrere, in Klassen unterteilt. Es gab legendäre Speisekathedralen darunter, aber auch banale Butzen, oder verrauchte Schankstüberl, in denen man Fußball gucken konnte und zum Bier gleich ungefragt den Korn gestellt bekam. 

In den letzten Jahren wurden die meisten abgerissen, umgebaut, oder zu grotesken „Snackpoints“, die in Qualität und Service von jedem McDonald’s übertroffen werden. 

In der Literatur aber leben die verschwundenen Orte fort, werden zu Oasen des Verweilens, zu Schauplätzen kulinarischer Abgründe, vor allem aber unverhoffter Begegnungen, letzter Abschiede, heimlicher Fluchten, und vieler kleiner Beobachtungen – Fantasie auf der Flucht. Eine Kulturgeschichte der Bahnhofsgaststätte, die eben mehr ist als nur dies, hat Guido Fuchs geschrieben: Guido Fuchs (Hg.): „In der Bahnhofsgaststätte“, Verlag Monika Fuchs 2018 – mit Texten von Heinrich Böll, Hans Fallada, Gertrud Fussenegger, Günter Grass, Gerhart Hauptmann, Trude Marzik, Herta Müller, Walter Kempowski, Sten Nadolny, Joseph Roth, Lew Tolstoi, Franz Werfel und vielen anderen. 

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Ganz schön albern, wie beflissen man zurzeit im Radio immer dazu sagt, dass Gesprächspartner „auf Abstand“ oder „im gleichen Raum, aber in getrennten Studios“ sitzen. Warum? Interessiert das die Leute wirklich? Kommt sonst empörte Hörerpost von hundertfünfzigprozentigen Pandemieregelbefolgern? Und wenn ja: Will man ausgerechnet solchen Typen Genugtuung geben? 

Also nochmal: Hat es irgendwen zu interessieren, ob andere Menschen Abstand halten? 

Ich finde es eher bedenklich, welch neuer Pandemie-Konformismus da etabliert wird, welcher Narzissmus des Gehörsams. 

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Zuletzt hörte ich den Satz heute im Deutschlandfunk, wo man neuerdings in manchen Sendungen auch sehr korrekt das Binnen-I mitspricht und Studierende sagt statt Studenten, „Geflüchtete“ statt Flüchtlinge, obwohl die ersten oft keineswegs studieren und Letztere keineswegs ihre Flucht bereits beendet haben, also wenn schon, denn schon bitte „Flüchtige“ genannt werden müssten statt „Geflüchtete“ – aber das klingt wahrscheinlich den Sprachpolizisten wieder allzu flüchtig. 

Im DLF wurde die immer interessante und unerwartet argumentierende Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff interviewt, zur Pandemie und zu ihrem Verhältnis zur Religion. 

Es war schön, eine Frau zu hören, die sich um PC-ness nicht schert und stattdessen über „lendenlahme“ Predigten lästerte: „Eine Weichspülorgie,  […] als würde die Predigt in Lenor gewaschen“.

„Die verstehen ja vom Tod eigentlich gar nichts mehr. Das ist ja schrecklich. Die sind ja so aufs Diesseits fixiert, die Protestanten noch schärfer als die Katholiken. Aber die Katholiken sind ganz auf diesem Wege auch. Im Grunde hat sich eine areligiöse Gesellschaft in den Kirchen breitgemacht, weil sie vom Jenseits überhaupt keine Vorstellung mehr haben.  […] Das Gottvertrauen wird beschworen. Ja. Aber worauf vertraut man denn, wenn es nicht ein wirkliches Leben und ein erfülltes Leben nach dem Tod gibt? Und was bedeutet überhaupt Erlösung? Das ist doch eine interessante Frage. Darüber kann man doch predigen.“

„Zunächst einmal ist eine gewisse Form der Religiosität eine große Hysterie-Bremse“, sagt die Autorin,  und relativiert mit dieser Behauptung, der man nicht zustimmen muss, die Egomanie der Gegenwartsgesellschaft, in der man ohne Jenseitsvorstellung und Transzendenz nur dieses eine Leben zur Verfügung habe und es gewissermaßen kapitalisieren muss. 

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Ich bin nicht religiös. Ich glaube ganz bestimmt nicht an den Gott einer der Religionen. Aber diese Debatten finde ich als Kulturleistung attraktiv.

Und wenn zum Beispiel der katholische Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück über Theologie schreibt, diese protestiere „gegen einen banalen, eindimensionalen Realismus, der die Welt auf das beschränkt, was sichtbar, greifbar ist. Religion ist die Chiffre für das Dahinter“, dann, finde ich, formuliert er die Aufgabe allen menschlichen Handeln, von Kunst und Kino. 

Gelungene Politik, lohnende Erkenntnis und gutes Kino kämpft gegen einen banalen, eindimensionalen Realismus, gegen das Beschränken der Welt auf das, sichtbar und greifbar ist. Auch Kino ist die Chiffre für das Dahinter. 

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