Seit über zehn Jahren spielt Nina Hoss ständig die Hauptrolle in den Filmen von Christian Petzold. Hinter der Kameralinie sieht es nicht viel anders aus. Auch das ist ein Zeichen, dass die Arbeitsbedingungen stimmen. | Foto © Christian Schulz, Piffl Medien

Wer mal echten „Production Value“ sehen will, sollte zur Zeit ins Kino gehen. Da läuft seit Donnerstag Christian Petzolds neues Drama „Barbara“, für das der Regisseur auf der diesjährigen Berlinale einen „Silbernen Bären“ erhielt und das auch sonst die Kritiker verzückte.

Das allein macht den Film aber nicht so herausragend, dass ich hier noch mal darauf hinweise, sondern ein anderer Preis, der ebenfalls auf der Berlinale vergeben wird. Nur wird darüber weniger berichtet, weil die meisten auf die Leinwände und roten Teppiche starren und mit der Arbeit am Set nicht so viel anzufangen wissen wollen. Der „Hoffnungsschimmer“ ist nämlich eine Auszeichnung, die von der Bundesvereinigung Die Filmschaffenden verliehen wird. Das ist die Dachorganisation von 14 Berufsverbänden der Branche, und dementsprechend trocken, weil praxisbezogen, ist das, was da gelobt wird: die Arbeitsbedingungen. Der „Hoffnungsschimmer“ ist für eine Produktion bestimmt, die sich vorbildlich an Gagen, Arbeitszeiten und -bedingungen gehalten hat – also eigentlich etwas Selbstverständliches im Drehalltag umsetzt, weshalb das Ganze ein Preis ist, den es eigentlich nicht geben sollte.

Muß es anscheinend aber doch. Oder soll es. Denn im vorigen Jahr, als die Bundesvereinigung ihren neuen Preis vorstellte, erklärte sie dazu, ein positives Zeichen setzen zu wollen. Grund und Beispiele zum Nörgeln gibt es ja genug. Allerdings war es damals nicht ganz einfach gewesen, einen Preisträger zu ermitteln. Für die erste Auszeichnung waren nur wenige Produktionen in die engere Auswahl gekommen.

Im zweiten Jahr legte man die Entscheidungsfindung breiter an und tat sich deshalb mit dem Netzwerk Crew United zusammen. Im Internet konnten Mitglieder von Cast und Crew aus 668 Film- und Fernsehproduktionen, die übers Jahr entstanden waren, denjenigen anonym Schulnoten geben, an denen sie mitgewirkt hatten. Fünf landeten auf der Nominierungsliste. Aus diesen wurde schließlich durch eine E-Mail Befragung aller Team-Mitglieder der Gewinner ermittelt: Mit einer Durchschnittsnote von 1,0 wurde „Barbara“, eine Produktion der Schramm Film, Koerner & Weber, zur fairsten Film- und Fernsehproduktion 2011 gewählt – die anderen vier lagen auch nicht so weit hinter dem Klassenbesten.

Soweit ist das also eine feine Sache, und ich habe ja eingangs schon gemeckert, dass das noch zu wenige wirklich interessiert, obwohl Filme nicht auf dem roten Teppich oder den Empfängen der diversen Fördereinrichtungen und Fernsehsender entsteht. Doch warum sollen Bürokraten, Kritiker oder gar das Publikum sich für etwas interessieren, was selbst den meisten Filmschaffenden egal zu sein scheint, obwohl es sie unmittelbar angeht? Rund 22.000 Filmschaffende sind bei Crew United registriert, etwa 2.500 in der den Verbänden der Bundesvereinigung organisiert – doch gerade mal 1.400 machten bei der Abstimmung mit. Ein bisschen mehr Engagement an der Basis wäre sicherlich noch nötig, um einen Preis wie den „Hoffnungsschimmer“ tatsächlich überflüssig zu machen.

Was sind nun diese „fairen Arbeitsbedingungen“? Dass die Honorare stimmen und die Arbeitszeiten eingehalten werden, klar. So klar aber anscheinend doch nicht, wie immer wieder aus Erfahrungsberichten in der Branche herauszulesen ist. Auch das ist der Sinn des „Hoffnungsschimmer“: Auf diesen Missstand hinzuweisen und dass der Begriff „Low Budget“ längst nicht so romantisch ist, wie das auf manchen, der nicht unter solchen Bedingungen arbeiten muss, wirken mag. Es geht aber nicht nur um Zeit und Geld, das stellte auch Dorissa Berninger, Produktionsleiterin bei „Barbara“ in ihrer Dankesrede klar: „Das Problem ist die Haltung und der Respekt.“ Das betrifft nicht nur manche böse Produktionsfirma: Die eigentliche Arbeit am Film findet in den Feuilletons noch immer zu wenig Beachtung (was ich jetzt schon zum dritten Mal anmerke – mag nerven, ist aber so).

In anderen Branchen ist das anders. Da kann der falsche Umgang mit den Mitarbeitern, wenn er öffentlich wird, sogar die Existenz eines Unternehmens gefährden. Und die Fluktuation der Mitarbeiter ist auch ein Qualitätsmaßstab für die Unternehmenskultur.

Dieses Kriterium passt auch auf „Barbara“ – beziehungsweise Christian Petzold: Mit den meisten seiner „Heads of Department“ arbeitet der Regisseur seit vielen Jahren zusammen. DoP Hans Fromm hat bislang alle seine Filme fotogra?ert, Nina Hoss spielte  seit 2001 die Hauptrolle in allen Kinoproduktionen, nicht anders sieht es bei Montage, Musik und Szenenbild aus…

Nachdenklich machte mich lediglich der Schlußsatz in der Rede der Produktionsleiterin: „Wir werden immer Filme unter Tarif machen, sonst könnten wir sie nicht machen.“ Wahrscheinlich muss sie das sagen, weil sie auch mal wieder über Produktionen verhandeln muss, bei denen das Budget mehr als knapp ist. Und weil sie als Produktionsleiterin die Arbeitsbedingungen in der Branche kennt – die ja letztlich auch die Produktionsfirmen selbst treffen. Allerdings stehe ich nicht am Set, sondern sitze am Schreibtisch. Deshalb frage ich mich, ob es solche Filme, die man nur machen kann, indem man sie unter Tarif macht, tatsächlich geben sollte.

1 Antwort
  1. TS sagte:

    Es muss Filme geben, die „Low-Budget“ oder „Unter-Tarif“ produziert werden, denn Geld darf nicht allein die Filmkunst regieren. Die Entscheidung bei diesen Bedingungen mitzumachen liegt bei jedem selbst. Es ist löblich auf gute Tarife und gute Bedingungen hinzuweisen, jedoch ist für ein gutes Projekt vor allem der menschliche Umgang untereinader wichtig, das respektvolle und menschliche Miteinander am Set. Das wird hier zwar erwähnt, kommt aber zu kurz.

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