Sein Kurzfilm „Cashback“ hätte Sean Ellis beinahe einen „Oscar“ eingebracht. Einen Highschool-Lehrer brachte der Lobgesang auf die weibliche Schönheit um den Job. | Foto © Tobis

Manchmal ist das Leben tatsächlich wie ein Film. Bear Capron erlebte das vor zwei Jahren, als er sich unversehens in den Szenarien von „Der Club der toten Dichter“ und „Mona Lisas Lächeln“ wiederfand. Der Mann mit dem kunstvollen Namen unterrichtete mehr als 20 Jahre lang Dramaturgie an der Castilleja-Schule in Palo Alto bei San Franzisko in den USA und leitete die dortige Theatergruppe. Die Castilleja liegt nahe dem Campus der renommierten Stanford-Universität und ist eine der jener privaten sogenannten Prep Schools, die den Nachwuchs derjenigen, die es sich leisten können, auf die großen Universitäten des Landes vorbereiten. Für umgerechnet rund 2.000 Euro im Monat gibt’s kleine Klassen mit mehr als 60 Lehrern für die 415 Schülerinnen und reihenweise Extrakurse – kurz: hier wird die kommende Elite der freien Welt ausgebildet. Das „Wall Street Journal“ sah die Castilleja 2007 sogar unter den 50 führenden Einrichtungen ihrer Art – weltweit (wobei sich die Welt hier bis auf zwei Ausnahmen in den USA befindet und Südkorea eine Stadt ist). Und Capron war dort offenbar einer der beliebtesten Lehrer. Bis zum Oktober 2009.

In diesem Monat kam er auf die Idee, seinen Schülerinnen der 9. Klassen einen Kurzfilm zu zeigen, der für den „Oscar“ nominiert gewesen war und auf einigen Festivals, wie dem Tribeca, Preise gewonnen hatte: In seiner romantischen Komödie „Cashback“ erzählt der Engländer Sean Ellis 2004 von einem Kunststudenten, der nach einer gescheiterten Beziehung an Schlaflosigkeit leidet und die freie Zeit in der Nachtschicht eines Supermarkts verbringt. In diesem Biotop entdeckt er, dass er die Zeit anhalten kann, beobachtet seine mehr oder weniger schrägen Kollegen, sinniert über die Schönheit fremder Frauen und findet irgendwie sogar die Liebe wieder. Wer mag, kann das als eine jüngere und kleinere Variation von François Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“ sehen. Die Produktionsfirma jedenfalls machte, durch den Erfolg ermutigt, mit dem gleichen Team sogar einen Langfilm daraus, in den der Kurzfilm unverändert übernommen wurde. In Deutschland hat der Spielfilm die Altersfreigabe „FSK 12“, ist also schon für Zwölfjährige freigegeben, in den USA ist er „R“ eingestuft, was heißt, dass Kinder unter 17 den Film nur mit erwachsener Begleitung schauen dürfen, denn es sind nackte Frauenkörper zu sehen.

Für Capron war das kein Problem. Er hatte in Amsterdam studiert und dort bis zur Rückkehr ins auch recht liberale Kalifornien Mitte der 80er Jahre gelebt, steht offen zu seiner Homosexualität und ist seit langem mit dem klassischen Komponisten Alva Henderson verheiratet. Und es war auch nicht das erste Mal, dass seine Schülerinnen Filme mit dieser Altersfreigabe zu sehen bekamen. Aber Capron ist auch ein erfahrener Lehrer und macht darum alles richtig: Holte vorab die schriftliche Einverständnis der Eltern ein und stellte den Schülerinnen frei, der 18minütigen Vorführung fernzubleiben. Es half nichts – unmittelbar nach der Unterrichtsstunde wurde Capron ohne die Angabe von Gründen entlassen und von der Website der Schule gelöscht.

Es half auch nicht der Sturm, der daraufhin losbrach. In einem Offenen Brief protestierten Schülerinnen, Eltern und Absolventinnen gegen die Entlassung, forderten eine Erklärung der Schulleitung und unterzeichneten eine Petition. Dies sei nicht der liberale Geist, den sie mit ihrer Schule verbinden, und den die Castilleja selbst mit ihren fünf C auf ihrer Website propagiert: „Conscience, Courtesy, Character, Courage, and Charity“ (Gewissen, Höflichkeit, Charakter, Mut und Wohltätigkeit). Eine Ehemalige, inzwischen Studentin in Harvard, gab aus Protest ihren Preis im Lateinwettbewerb zurück, die Künstlerin Eliza K. Jewett, ebenfalls Castilleja-Absolventin, forderte ihre Leihgabe an die Schule ein.

Die verlangte Erklärung lieferte die Schulleiterin nicht – außer der vagen Formulierung, es habe unterschiedliche Ansichten über die Unterrichtsgestaltung gegeben. Blieben nur Spekulationen: Wurde Capron entlassen, „weil er schwul ist?“ mutmaßte eine Schülerin. Aber doch nicht in Kalifornien! Wahrscheinlicher ist die Hypothese einer späten Rache, für die die Unterrichtsstunde nur den Vorwand gab. Zwei Jahre vorher hatte Capron für die jährliche Schulaufführung „Lysistrata“ gegen den Widerstand der Schulleitung durchgedrückt. Der Klassiker aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. ist das dritte der pazifistischen Stücke des griechischen Dramatikers Aristophanes: Um den Krieg zwischen Sparta und Athen zu beenden, verbünden sich die Frauen beider Lager und verweigern ihren Männern den Beischlaf, bis endlich wieder Frieden herrsche.

Für die Schulaufführung wurde das Stück gleichwohl zensiert. Was zum einen daran liegen mag, dass das Original recht deftig ist. Vielleicht aber auch, dass solche Geschichten unpatriotisch wirken können, wenn die Nation gerade geschlossen rund um die Welt ihren Krieg gegen den Terrorismus führen soll. Capron selbst macht kein Geheimnis daraus, dass er Pazifist, Vegetarier und Buddhist ist.

Als im August 2010 eine neue Schulleiterin kam, änderte das trotz neuer Appelle nichts. Im Gegenteil: Die Geschichte des Konflikts, bis dahin noch in der englischsprachigen Wikipedia dokumentiert, wurde im November stillschweigend gestrichen. Der Versuch, in diesem April die Passage wieder einzusetzen, gleich darauf rückgängig gemacht. Auch das Mitmach-Internet ist keine Garantie für die Freiheit der Informationen.

Bear Capron jedenfalls arbeitet inzwischen für das Kindertheater in Palo Alto, und auch wenn sein Herz gebrochen ist, wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt, ist das ein kleines Happy End. Weshalb uns der interne Zwist an einer teuren Privatschule für Höhere Töchter am anderen Ende der Welt eigentlich herzlich egal sein könnte. Gäbe es das Corpus Delicti nicht auch auf Youtube zu sehen – allerdings nur zur Hälfte, denn dann hört auch für Youtube der Spaß auf.

Nicht etwa wegen der Urheberrechte, die Googles Video-Plattform mehr oder weniger ernst nimmt, sondern weil es gegen ihre Richtlinien verstoße. Womit hier nackte Körper gemeint sind. Mit anderen „expliziten“ Darstellungen hat man auf Youtube wie im Kino überhaupt keine Probleme.

Was dort geschieht, sollte uns keinesfalls egal sein. Vor kurzem hatte das weltweit größte Onlineportal verkündet, zu einer Art Fernsehsender werden zu wollen. Fünf bis zehn Stunden an Unterhaltungsformaten sollen pro Woche professionell produziert werden, um neue Zuschauer ins Netz zu locken. Rund 100 Millionen Dollar wolle man sich das kosten lassen. Laut dem „Wall Street Journal“ spricht Youtube bereits mit Hollywood-Agenten, um die nötigen Inhalte zu beschaffen.

Von dort kommen ja schon länger skurrile Bilder auf uns zu. Die merkwürdig geschnittene Bettwäsche etwa, die bei Frauen die Brust verdeckt, ihrem Partner nebenan aber erlaubt, seinen Sixpack zu zeigen. Oder das Pärchen, das sich nach vollzogenem Liebesakt in kompletter Unterwäsche aus dem Bett schält. Den durchschnittlichen, nach 1968 aufgewachsenen Europäer amüsieren solche Darstellungen bestenfalls. Authentische Nacktheit ist kein wirkliches Problem mehr, seit die Päpste die bloße Schönheit der Kunst wiederentdeckt haben.

Bemerkenswerter sind die gesellschaftlichen Diskussionen, die Hollywood in die Kinos der Alten Welt bringt. Da werden Teenager an einer Highschool noch mit 16 ganz erregt beim Gedanken, eine ihrer Mitschülerinnen könne „es“ schon „getan“ haben. Da wird das Böse stets als so unbeirrbar niederträchtig oder unheilbar krank dargestellt, dass die Frage nach der Todesstrafe gar keine Frage mehr sein kann, sondern nur eine Notwendigkeit. Da werden militärische Präventivschläge in anderen Ländern als friedenserhaltend und persönliche Rachefeldzüge als „alternativlos“ gepriesen, wenn sie dem guten Zweck dienen und der legale Weg, also der Rechtsstaat, eine Sackgasse zu sein scheint.

So ist halt Hollywood? Nein, ist es nicht. Auch amerikanische Filme versuchen den normalen Umgang mit dem eigenen Körper bis hin zu gewagteren Szenen im Dienste der Erzählung, auch wenn mancher wieder nur das eine darin sehen kann, und Youtube seine Schwierigkeiten damit hat.

Die meisten der Geschichten um Sex und Gewalt stellen im Gegenteil sogar all diese Tabus und falschen Ideale in Frage, aber Hollywood, das zuerst für den Binnenmarkt und danach erst für den Rest der Welt produziert, muss nun mal auf andere Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Zum Beispiel Todesstrafe: Spätestens seit Tim Robbins 1995 mit „Dead Man Walking“ auf der Leinwand darüber nachdachte, ist er vielen seiner Landleute als „Liberaler“ verdächtig. Sein Kollege Tom Hanks beeilte sich vier Jahre darauf nach seinem Auftritt im ähnlich nachdenklichen Drama „The Green Mile“, zu beteuern, dass es sicherlich einige Verbrechen gebe, die nach der Todesstrafe verlangen. Klingt blöd, dafür ist er aber auch heute noch Hollywoods kassenstärkster Schauspieler.

Bloß: Was hat das europäische Publikum mit der Todesstrafe am Hut? Oder andersrum gefragt: Wie viele Schwerstverbrecher kann es im Kino noch ertragen, bis die ersten sich das doch wieder als Mittel des Strafvollzugs vorstellen wollen. Oder Präventivschläge und Rachefeldzüge… All dies sind Diskussionen, die Europa schon lange durchgestanden und auf die es nur mit einigen Mühen (und amerikanischer Inspiration und Hilfe) seine Antworten gefunden hat. Warum tun wir sie uns so gerne noch einmal an, obwohl sie uns gar nicht mehr angehen? Demnächst auch noch auf Youtube.

Übrigens: Unzensiert gibt es „Cashback“ auf einer europäischen Plattform zu sehen.

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