Manchmal ist es schwer den Überblick zu behalten: Wie viele Leute arbeiten wohl an diesem Set? | Illustration © cinearte

Denk ich an Deutschland – fällt mir zum Beispiel seine Automobilindustrie ein. Oder Siemens. Das deutsche Ingenieurwesen ist eine dieser Sachen, für die das Land in der Welt immer wieder bewundert wird. Eine andere ist seine Verwaltung: Sogar deutsche Gesetze sind Exportschlager. Es hilft halt, wenn alles bis ins Kleinste irgendwie genormt, geregelt und in Zahlen gefaßt wird, damit man den Überblick behält. Was für Schmähungen mußte sich dagegen noch unlängst Griechenland gefallen lassen, wo man angeblich nicht mal wußte, wie viele Beamte der Staat überhaupt beschäftigt. Sowas kann ja nicht gut gehen.

Vor acht Jahren stellte ich mir wieder mal eine Frage. Wie viele Leute arbeiten eigentlich in unserer Filmindustrie? Jetzt kann man natürlich gleich zurückfragen, warum das einer wissen wollte, und liegt damit sogar im Trend. Denn so simpel, wie die Frage klingt: Die Antwort ist es nicht.

Solcher Kniffelei setzt man sich natürlich nicht freiwillig aus, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat. Ich hatte damals die Idee, einen Nachrichtendienst für Filmschaffende aufzubauen. Auf die gute Idee folgt jedoch zuerst die Marktanalyse, ehe man sich an die Umsetzung macht – so bekommt man’s in zahllosen Ratgebern zur Geschäftsgründung beigebracht, denn alles andere wäre unprofessionell: Wer seinen Markt nicht kennt, fliegt raus.

Die Großen machen’s ja auch nicht anders. Viele Firmen haben sogar ganze Abteilungen, die sich mit nichts anderem befassen als der Marktforschung. Für den deutschen Film macht das vor allem die Filmförderungsanstalt (FFA), die über ziemlich viel Bescheid weißt, was seit kurz vor der Jahrtausendwende passiert ist. Zum Beispiel, wie oft die Deutschen überhaupt ins Kino gehen, welche Filme wie viele Zuchauer hatten, was in den einzelnen Bundesländern im Durchschnitt eine Kinokarte kostet oder wie viele Säle die 27 Kinos in Hamburg zusammen haben. Irgendwo gab’s auch mal Einzelheiten zur Bestuhlung. Aber nichts zu der Frage, wie viele Leute eigentlich die Filme machen. Interessiert wohl keinen …

Sollte man jedenfalls meinen, wenn man weitersuchte. Die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft, die man schon allein wegen ihres Namens toll finden muß, ist der Dachverband mehrer Verbände, deren Mitglieder mit Filmen Geld verdienen – von der Herstellung bis zum Verleih. Die „Spio“ gibt als „unverzichtbare Informationsquelle für die deutsche Filmwirtschaft“ seit mehr als einem halben Jahrhundert schon ein Jahrbuch mit Statistiken heraus, die verraten, wie viele Produktionsfirmen an einem Film beteiligt waren oder was über die Jahre die durchschnittlichen Produktionskosten waren. Wer aber all die Filme macht, mit denen das Geld verdient wird, kann die „Spio“ auch nicht sagen.

Nicht, daß es die Filmarbeiter selber wüßten. Die meisten ihrer Berufsverbände haben ja schon vor längerem in einer eigenen Dachorganisation zusammengefunden, die sich Die Filmschaffenden nennt. Aber wie viele Filmschaffende es insgesamt im Lande gibt? „Da können Sie sich nur bei mir und meinen Kollegen bei allen Verbänden einzeln durchfragen, und wir schätzen das dann“, meinte einer der Geschäftsführer mit einiger Ironie.

Zum Glück gibt es ja auch staatliche Stellen, und Deutschland ist bekannt für seine Verwaltung und die Freude an präzisen Zahlen. Weshalb vielleicht die Arbeitsagentur Bescheid wissen könnte, es aber nicht tut, oder das Statistische Bundesamt eigentlich Bescheid wissen sollte, es aber nicht tut. Zwar erstellt man dort regelmäßig die Einkommenssteuerstatistik, doch: „im Rahmen der amtlichen Statistik werden die von Ihnen gewünschten Daten nicht erhoben, wir können Ihnen keine auskunftsfähige Stelle nennen“, lautete die Antwort auf die Nachfrage.

Ganz fruchtlos war die Suche am Ende aber doch nicht, sogar zweimal wurde ich fündig: Nach einer Studie von 1999 waren in der Filmwirtschaft insgesamt 34.000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, nach einer anderen drei Jahre später sogar 38.700 – plus 50 000 „projektgebundene freie Mitarbeiter, einschließlich des künstlerischen Personals“.

Das ist ja schon mal was, auch wenn die Zahlen nur Hochrechnungen aus amtlichen Statistiken und eigenen Befragungsergebnissen sind. In anderen Berufsfeldern kennen sich Arbeitgeber, Gewerkschaften und Lobbys besser aus. Ist ja auch im eigenen Interesse, wenn man die Wichtigkeit der eigenen Branche hervorheben will. Oder weiß, was da überhaupt los ist. Der Produzent fühlt sich ja auch wohler, wenn er weiß, was er demnächst an Gagen überweisen muss, und der Geräteverleiher, wenn er den Überblick hat, wie viele Kameras zurzeit so im Umlauf sind.

Neulich habe ich mir die Frage wieder gestellt. Diesmal nicht zur Marktforschung, sondern weil ich nach meinem letzten Blogeintrag eine kleine Diskussion über den Tarifvertrag hatte, beziehungsweise wann der gilt und wann nicht. Denn gültig ist so ein Tarifvertrag nur unter bestimmten Voraussetzungen. Eine davon wäre, dass das Bundesministerium für Arbeit ihn für allgemein gültig erklärt, was es aber nur selten tut. Unter anderem auch nur dann, wenn die Mehrheit der Firmen oder Beschäftigten in dieser Branche organisiert ist. Das ist sehr wahrscheinlich nicht der Fall, um das aber bestimmt zu sagen, müsste man zum Beispiel wissen, wie viele Leute eigentlich in unserer Film- und Fernsehwirtschaft arbeiten. Immer noch eine simple Frage, doch siehe da, die vergangenen acht Jahre sind nicht nutzlos verstrichen – es gibt neue Antworten: Nämlich 418.500!

Huch? Man muss es ja nicht gleich übertreiben und auch noch die Kartenabreißer als Filmschaffende mitzählen. Dann tut’s vielleicht auch nur ein Elftel davon oder gar noch weniger, denn wenn man zur letzten Zahl die Freiberufler dazuzählt, kommt man irgendwie wieder auf ein ähnliches Ergebnis, das ja nur zehn Prozent drüber liegt.

Die gute Nachricht: Offenbar liefern jetzt auch Statistisches Bundesamt und Arbeitsagentur Zahlen, aus denen man dann mit ein wenig Weiterrechnen zu einem Ergebnis kommt.

Und jetzt versuche ich mir mal vorzustellen, die FFA würde ihre Filmhitlisten nach dem gleichen Muster erstellen. Dann hätte der erfolgreichste deutsche Film des vorigen Jahres fast 1,6 Millionen Besucher in die Kinos gelockt. Oder ein Elftel davon. Oder zehn Prozent mehr.

Aber zum Glück kennt die Branche wenigstens ihren Markt. An sich selbst muss sie noch ein bisschen arbeiten.

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