ARD/NDR Tatort: Borowski und die Frau am Fenster, am Sonntag (02.10.11) um 20:15 Uhr im Ersten. Borowski (Axel Milberg) befragt die undurchsichtige Charlotte Delius (Sibylle Canonica). Foto © NDR/Marion von der Mehden

Kennen Sie Sibylle Canonica? Nein? Sollten Sie aber. Als die jüngeren FernsehzuschauerInnen von heute noch in den Windeln lagen, erhielt diese Schauspielerin schon den Förderpreis der Berliner Akademie der Künste (1985), gastierte später an renommierten deutschen Theaterhäusern oder bei den Wiener Festwochen und Salzburger Festspielen und arbeitete mit Regisseuren wie Franz Xaver Kroetz, Thomas Langhoff oder Peter Zadek zusammen. Dennoch mussten selbst Schauspielinteressierte erst mal nach ihrem Namen googeln, als Sibylle Canonica letztens im Kieler Tatort „Borowski und die Frau am Fenster“ faszinierend facettenreich und überzeugend die Mörderin und Tierärztin Charlotte Delius verkörperte.

Ähnlich verhielt es sich bei Diana Amft und der TV-Serie „Doctors Dairy“. Die junge Darstellerin flimmerte schon seit 1999 über die Fernsehbildschirme und seit 2000 über die Kinoleinwände, schaffte es aber erst durch die oben erwähnte RTL/ORF Serie (2008 bis 2011) nachhaltig ins Öffentlichkeitsgedächtnis.

Kann das sein? Fragte ich mich und startete auf den Straßen Berlins eine kleine Umfrage: „Kannst du mir sieben SchauspielerInnen, bekannte deutsche SchauspielerInnen, nennen?“
„Ähm, hier der Matthias Schweiger kommt jetzt ganz groß raus. Hm, ja ganz genau!“

Matthias Schweighöfer war an dieser Stelle gemeint. Der liebe Matthias kommt also jetzt erst ganz groß raus, verstehe. Dass der Gute aber schon seit über zehn Jahren im Geschäft ist, war den meisten neu. Til Schweiger, Moritz Bleibtreu, Veronika Ferres, Annette Frier, Iris Berben, Senta Berger, Florian David Fitz wurden noch genannt. Auffällig ist dabei, dass über die Hälfte schon seit mehr als zehn, 20 oder gar 30 Jahren im Geschäft sind.

Die Reaktionen auf meine Frage „Kennst du folgende deutsche SchauspielerInnen: Leonard Lansik, Ulrike Kriener, Denis Moschitto, Maxim Mehmet, Pegah Ferydoni, Janina Stopper, Pierre Sanoussi-Bliss, Ursula Monn, Mike Hoffmann, Andrea Sawatzki, Pasquale Aleardi oder Kai Lentrodt?“, fiel noch ernüchternder aus. „Wer bitte?“ war die häufigste Antwort.

Und auf „Wollt ihr eigentlich immer die gleichen Gesichter im Kino oder im Fernsehen sehen?“, folgte: „Nö, solange der Film oder die Serie gut ist, ist das egal. Klar braucht es vielleicht ein Zugpferd, aber wir sind doch offen für alles. Bei dem ganzen Schrott am Nachmittag oder im Vorabendprogramm oder auch in der Primetime, der heutzutage im Fernsehen gezeigt wird, wären gute Serien oder Filme mit frischen Gesichtern mal eine willkommene Abwechslung.“

Deshalb, liebe Filmgemeinde – und wer noch so alles Entscheidungsgewalt darüber hat wer, wie, wann, wo besetzt wird: Macht die Augen auf, schaut euch auf dem Markt um! So viel Potential ist da, Ideen und auch Material, das produziert werden möchte. Nicht immer nur die sichere Schiene fahren, sondern Mut für Neues, Mut zum Risiko! Gebt mehr Geld aus für gute deutsche Filme, die würdig sind, im Kino zu laufen! Wir wissen ja nun alle, dass Comedy im deutschen Kino hervorragend funktioniert.

Aber vielleicht würden andere Genre genauso funktionieren, wenn mal ein wenig mehr PR für deutsche Thriller, Horror, Melodramen etc. gemacht werden würde. Man darf sie eben nicht mehr nur als ARTHAUS Filme abstempeln.

Und noch was: Wenn schon meist wegen des Namens besetzt wird, wegen des Marktwertes eines/r Schauspielers/In, dann bedenkt bitte, woher jener Marktwert kommen soll, wenn nicht durch die Vergabe auch mal großer Rollen an weniger bekannte. Bei Diana Amft zumindest hat’s geklappt.

Soviel sei sicher, ich baue mir meinen eigenen Marktwert. Sonst bekomme ich – vor lauter warten – noch graue Haare.

TV-Tipp zum Thema:
Mi, 16. November 2011 | NDR: 23:20 Uhr
Medienmagazin ZAPP – Ein Blick hinter die Kulissen der Medienwelt u.a. mit Bericht über die Besetzungsproblematik im deutschen Fernsehen.

Sendung verpasst?
Kein Problem! Zapp wird an folgenden Terminen wiederholt:
Donnerstag, den 17.11.11:
12:30 – 13:00 Uhr, 3sat
23:00 – 23:30 Uhr, Einsfestival

Freitag, den 18.11.11:
00:00 – 00:30 Uhr, EinsExtra
01:30 – 02:00 Uhr, NDR Fernsehen
02:30 – 03:00 Uhr, Einsfestival

Montag, den 21.11.11
19:30 – 20:00 Uhr, EinsPlus

Alexia von Wismar, 1982 in Wermelskirchen geboren, stammt aus einer Dynastie von Tuchmachern, Schiffsmaklern und Künstlern. Nach Abschluss der 12. Klasse beschloss sie, auf eine Schauspielschule zu gehen, stolperte jedoch erst mal in die Produktion einer RTL-Auftragsproduktion. Infolge dessen machte sie eine Ausbildung zur Audio/Visuellen Medienkauffrau, in deren Verlauf sie schwerpunktmäßig in den Abteilungen Schauspieleragentur, Lizenzverkauf und Produktion arbeitete. Nach erfolgreichem Abschluss 2005 ging es dann doch nahtlos zur Schauspielschule, welche die Wahlberlinerin 2007 erfolgreich mit Diplom abschloss. Seit 2008 arbeitet sie an ihrer Karriere als Schauspielerin. Durch mittlerweile zehn Jahre Tätigkeit vor und hinter der Kamera besitzt Alexia von Wismar umfassende Branchenkenntnisse. Vertreten wird sie von der Agentur Alexander Pat (Berlin).

2 Kommentare
  1. Sebastian sagte:

    Leider müßte man auch mal fragen welche deutschen Filme das Publikum hierzulande kennt. Es scheint sich um 2 Dinge zu handeln die parallel zueinander existieren und sich exponential immer weiter voneinander entfernen.

  2. Daniel Anderson sagte:

    Ja, ja, ja, ich persönlich schau mir Filme mit den üblichen Verdächtigen nur noch äußerst widerwillig an. Produktionen mit Veronica Ferres zum Beispiel, die als Allzweckwaffe des deutschen Kinos und Fernsehens immer dann abgeschossen wird, wenn scheinbar nichts mehr geht, meide ich inzwischen grundsätzlich – beruflich muss ich mir natürlich sowas ansehen.
    Und, ja, es geht einem fürchterlich auf die Nerven, die 15 bekannten Gesichter immer wieder zu sehen, da mögen sie su gut sein, wie sie wollen. Nebenbei – ein Phänomen, dass ausgerechnet diese bekannten Gesichter meist eigentlich nur mittelmäßig gute Schauspieler sind, die beispielsweise in einem normalen Stadttheaterbetrieb keine Spielzeit durchhalten würden.
    Ich bin ganz Deiner Meinung, Alexia, mutig sein, bei den Besetzungen, Vertrauen haben, mit den Kollegen tatsächlich etwas erarbeiten, anstatt sich mit dem Aufziehen von Schubladen zu begnügen. Und das zeitigt mit Sicherheit überraschendere, spannendere Ergebnisse.

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