Echtes Schauspiel, künstliche Welten

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Nicht alles ist KI. Bei der hybriden Filmproduktion spielen echte Menschen vor echten Kameras. Caroline Hartig am Set von „Ins Reich“. | Foto © André Röhner

Die simulierte Intelligenz mischt auch in der Filmproduktion mit. Besonders Schauspieler*innen und Sprecher*innen fürchten um ihre Berufe. Doch die neue Technik bietet ihnen auch völlig neue künstlerische Möglichkeiten, meint der Regisseur und Produzent Rainer Matsutani. Aber dafür bauchen sie starke Rechte.

Als ich vor einigen Wochen mehrere Schauspieler*innen für mein Zeitreiseprojekt „Ins Reich“ anfragte, erlebte ich eine bemerkenswerte Reaktion: Zu meiner Überraschung lehnte rund ein Drittel von vornherein ab. Die Begründung lautete sinngemäß: „Mit KI wollen wir nichts zu tun haben.“ Mit „Ins Reich“ nehme ich an einer Masterclass von Studio Babelsberg und Medienboard Berlin-Brandenburg teil, in der wir neue Möglichkeiten der KI-gestützten Filmproduktion praktisch erproben.

Ich glaube, dass Schauspieler*innen einen Fehler machen, wenn sie sich der KI grundsätzlich verweigern. Denn die Technik, die ihre berufliche Existenz bedrohen kann, eröffnet ihnen zugleich völlig neue künstlerische Möglichkeiten. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen – und wer darüber bestimmt.

Ich kann die Vorbehalte durchaus nachvollziehen. Die Geschwindigkeit, mit der sich generative künstliche Intelligenz entwickelt, ist atemberaubend. Gerade Schauspieler*innen haben gute Gründe, sich Sorgen zu machen. Schließlich geht es um ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre körperliche Präsenz und letztlich auch um ihre berufliche Existenz. Aber KI ist nicht gleich KI. Wer sämtliche KI-gestützten Produktionsweisen über einen Kamm schert, läuft Gefahr, sich von einem wichtigen Teil der zukünftigen Filmproduktion auszuschließen.

 

Zwei grundverschiedene Produktionsweisen

Zunächst müssen wir zwischen zwei Ansätzen unterscheiden, die in der öffentlichen Diskussion häufig miteinander vermischt werden. Da ist zum einen die sogenannte Full-AI-Produktion. Vereinfacht gesagt, sitzt hier ein Filmemacher vor seinem Computer und erschafft mithilfe generativer KI komplette virtuelle Welten – einschließlich der Menschen, die sie bevölkern, und ihrer Performances. Noch vor wenigen Monaten konnte man solche Ergebnisse häufig am sogenannten Uncanny Valley erkennen: Die Gesichter wirkten merkwürdig glatt, Bewegungen unnatürlich, das Schauspiel künstlich. Doch diese Zeiten gehen mit erschreckender Geschwindigkeit zu Ende. Inzwischen sind manche synthetischen Performances so überzeugend, dass selbst Fachleute Schwierigkeiten haben, sie auf Anhieb von real gefilmten Menschen zu unterscheiden.

Ich selbst habe mich allerdings bewusst für einen anderen Weg entschieden: die hybride Filmproduktion. Dabei stehen echte Schauspieler*innen vor einer echten Kamera. Sie tragen Kostüme und Maske, bewegen sich in einem Studio, interagieren mit realen Möbeln und Requisiten und spielen miteinander. Um sie herum arbeitet eine Filmcrew mit Regie, Kamera, Licht, Ausstattung und den anderen Gewerken, die zum Filmemachen gehören.

Was sich verändert, ist vor allem die Herstellung der Welt, in der die Handlung spielt. Anstatt aufwendige Kulissen zu errichten oder an weit entfernten Drehorten zu filmen, werden Hintergründe und Teile der Umgebung mithilfe generativer KI geschaffen und mit den real gedrehten Aufnahmen verbunden. Im Prinzip ist das eine Weiterentwicklung dessen, was wir seit Jahrzehnten beim Drehen vor Green- oder Bluescreen praktizieren. Nur dass KI die Herstellung virtueller Umgebungen erheblich vereinfachen und verbilligen kann. Für Schauspieler*innen bleibt das Entscheidende erhalten: Sie spielen. Sie verkörpern ihre Figuren. Ihre Performance ist der Ursprung dessen, was das Publikum später sieht.

 

Zurück in die Zukunft: Hollywood als Vorbild

Vielleicht liegt meine Vorliebe für diese Arbeitsweise auch daran, dass ich am Filmset groß geworden bin. Ich liebe die Zusammenarbeit mit Schauspieler*innen, die Atmosphäre eines Drehtages, die Konzentration einer Crew und jene unvorhersehbaren Momente, in denen aus einer inszenierten Szene plötzlich etwas Lebendiges entsteht.

Mein Herz schlägt vor allem für das Genrekino, für Horror, Science-Fiction und Fantasy. Doch gerade in Deutschland ist es oft schwierig, solche Stoffe zu finanzieren. Fantastische Welten, außergewöhnliche Schauplätze und Kreaturen haben nun mal ihren Preis. Umso mehr begeistert mich die Möglichkeit, mit KI auch bei überschaubaren Budgets Geschichten auf die Leinwand zu bringen, die bisher kaum realisierbar waren – und dabei weiterhin mit echten Schauspieler*innen und einer Filmcrew zu arbeiten.

Ich habe schon immer gerne im Studio gearbeitet. Vielleicht auch, weil mich die Studiokunst des klassischen Hollywood der Dreißiger- und Vierzigerjahre seit jeher fasziniert. Damals entstanden selbst die exotischsten Welten auf Studiogeländen: Tarzans Dschungel, das fantastische Zauberland von „The Wizard of Oz“ oder Rick’s Café in „Casablanca“. Niemand störte sich daran, dass diese Welten künstlich waren. Entscheidend war, dass die Menschen darin glaubwürdig agierten und uns emotional berührten.

In gewisser Weise ermöglicht uns KI heute eine Rückkehr zu dieser Tradition: fantastische Welten im Studio zu erschaffen, ohne dafür gigantische Kulissen bauen oder kostspielige Reisen organisieren zu müssen. Natürlich werden die Crews bei solchen Produktionen häufig kleiner sein als bei konventionellen Dreharbeiten. Tätigkeiten und Berufsbilder werden sich verändern. Das sollte man nicht beschönigen. Aber die Filmcrew verschwindet nicht. Und vor allem verschwindet das Schauspiel nicht.

 

Warum ich an echte Menschen auf der Leinwand glaube

Ich bin überzeugt, dass es für das Publikum einen Unterschied macht, ob es einen wirklichen Menschen auf der Leinwand sieht oder eine vollständig synthetische Figur. Nicht unbedingt, weil man den Unterschied noch erkennen kann, sondern weil das Wissen um einen realen Menschen hinter der Rolle eine zusätzliche emotionale Verbindung schafft. Wir interessieren uns schließlich nicht nur für Filmfiguren, sondern auch für die Menschen, die sie verkörpern. Wir verfolgen ihre Karrieren, sehen Interviews, besuchen Premieren und entwickeln über Jahre eine Beziehung zu ihnen. All das gehört für mich zur Faszination des Kinos.

Natürlich wird die Industrie auch für synthetische Schauspielerinnen neue Formen der Vermarktung entwickeln. Aber ich bezweifle, dass diese die emotionale Bindung an reale Künstlerinnen vollständig ersetzen können.

 

Neue Chancen auch für die Animation

Wie weit die Möglichkeiten hybrider Produktion reichen, zeigt mein Animationsprojekt „Ich bin Bexly“. Hier habe ich Schauspieler*innen vor der Kamera inszeniert und ihre Performances mithilfe von KI auf fantastische Animationsfiguren übertragen – einschließlich Mimik, Gestik und körperlichem Ausdruck. Neu ist dieses Prinzip nicht. Schon Gollum in „Der Herr der Ringe“ und die Figuren in James Camerons „Avatar“-Filmen basierten auf den Performances realer Schauspieler*innen. Allerdings erforderte das bislang hochkomplexe Motion- und Performance-Capture-Technik und entsprechend große Budgets. Generative KI kann solche Verfahren erheblich vereinfachen und auch für Produktionen mit deutlich bescheideneren Mitteln zugänglich machen.

Für Schauspieler*innen eröffnet sich damit ein zusätzliches Betätigungsfeld: Sie können fantastische Wesen und Figuren verkörpern, ohne dass dafür die technische Infrastruktur einer Hollywood-Großproduktion notwendig ist. Wer sich grundsätzlich weigert, an einer KI-gestützten Produktion mitzuwirken, könnte sich damit berufliche Chancen verschließen. Für mich klingt das ein wenig so, als hätte jemand vor zwanzig Jahren erklärt: „Ich werde niemals vor einem Greenscreen spielen.“

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Einsatz von KI als filmischem Werkzeug und der unkontrollierten Verwertung der eigenen Identität. Und genau hier beginnt die eigentliche Diskussion.

 

Digital Twins: Neue Möglichkeiten, neue Rechte

Bei einer klassischen Filmproduktion liegt die endgültige Gestaltung einer Szene weitgehend bei Regie und Schnitt. Welche Takes verwendet und wie sie kombiniert werden, gehört seit jeher zum kreativen Prozess des Filmemachens. Auch digitale Eingriffe wie Retuschen, visuelle Effekte oder nachträgliche Synchronisation sind längst alltäglich.

Mit generativer KI erreichen wir allerdings eine neue Dimension. Ein Gesicht kann nachträglich andere Emotionen zeigen, eine Stimme Sätze sprechen, die nie aufgenommen wurden, eine Figur Handlungen ausführen, die der Schauspieler nie gespielt hat. Hinzu kommt die Möglichkeit, digitale Doppelgänger, sogenannte Digital Twins, zu erzeugen, die das Aussehen, die Stimme und charakteristische Ausdrucksweisen eines Menschen reproduzieren können.

Dabei müssen wir unterscheiden: Es ist etwas anderes, ob eine vorhandene Aufnahme technisch bearbeitet, eine konkrete Performance auf eine Animationsfigur übertragen oder eine digitale Nachbildung geschaffen wird, mit der sich anschließend völlig neue Szenen herstellen lassen. Die Grenzen zwischen diesen Verfahren sind technisch fließend. Ihre rechtlichen und künstlerischen Konsequenzen sind es nicht.

Zugleich eröffnen sich faszinierende Möglichkeiten. Vielleicht lassen sich künftig mit ausdrücklicher Zustimmung eines erkrankten Schauspielers einzelne Einstellungen digital ergänzen. Oder Regie und Darsteller*innen können nach Drehschluss gemeinsam Nuancen einer Performance verändern, für die früher ein aufwendiger Nachdreh notwendig gewesen wäre. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, Schauspieler*innen beim Einsatz generativer KI eine starke vertragliche Position einzuräumen.

Das mag aus der Perspektive eines Produzenten zunächst ungewöhnlich klingen. Aber wenn mithilfe generativer KI neue Dialoge, Emotionen oder Handlungen entstehen, die ein Schauspieler ursprünglich gar nicht dargestellt hat, betreten wir ein anderes Terrain. Hier plädiere ich für eine ausdrückliche, auf den jeweiligen Anwendungsfall bezogene Zustimmung – auch dann, wenn bestehende vertragliche oder tarifliche Regelungen im Einzelfall weitergehende Eingriffe zulassen würden. Nicht aus Misstrauen gegenüber der Technik, sondern aus Respekt vor der schöpferischen Leistung der Darsteller*innen.

Ich sehe darin auch einen praktischen Vorteil für die Produktion. Wer weiß, dass seine Performance nicht ohne Weiteres verändert oder für andere Zwecke verwendet werden kann, wird sich eher auf neue Arbeitsweisen einlassen und deren Möglichkeiten gemeinsam mit der Regie erkunden. Eine starke Rechtsposition für Schauspieler*innen ist deshalb für mich kein Hindernis der KI-gestützten Filmproduktion, sondern eine Voraussetzung für ihr Gelingen.

 

Es gibt bereits Regeln – aber nicht für alle

Die Diskussion beginnt erfreulicherweise nicht bei Null. Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) hat gemeinsam mit Verdi und der Produktionsallianz 2025 einen KI-Tarifvertrag abgeschlossen. Auch mit Netflix wurden Vereinbarungen getroffen, die unter anderem die digitale Nachbildung von Schauspieler*innen, Veränderungen ihrer Performances sowie Einwilligung und Vergütung regeln. Allerdings gelten solche Vereinbarungen nicht automatisch für jede Produktion. Deshalb halte ich es für wichtig, auch unabhängig davon klare vertragliche Regeln zu vereinbaren.

Für mich gilt: Die Zustimmung zur Mitwirkung an einem Film darf kein Freibrief sein, die eigene digitale Identität für beliebige weitere Zwecke zu verwenden. Neue Performances, Digital Twins und die Nutzung von Aufnahmen zum KI-Training sollten jeweils ausdrücklich und zweckgebunden vereinbart werden.

 

Eine Checkliste für Schauspieler*innen

Wer für eine KI-gestützte Produktion angefragt wird, sollte vor Vertragsabschluss einige grundlegende Fragen klären:

1. Wie wird KI eingesetzt? Stehe ich selbst vor der Kamera, wird meine Performance auf eine animierte Figur übertragen oder soll eine digitale Nachbildung von mir entstehen?

2. Was geschieht mit meinen Aufnahmen? Werden sie ausschließlich für die vereinbarte Produktion verwendet oder auch zur Erstellung digitaler Modelle beziehungsweise zum Training von KI-Systemen?

3. Darf meine Performance verändert werden? Können neue Dialoge, Emotionen oder Handlungen generiert werden? Welche Eingriffe erfordern meine gesonderte Zustimmung?

4. Was gilt für einen Digital Twin? Für welche Szenen und Produktionen darf er verwendet werden? Wer kontrolliert seine Nutzung und Speicherung?

5. Welche Rechte und Vergütungen sind vereinbart? Sind die Nutzungsrechte begrenzt? Gibt es zusätzliche Honorare für neue oder spätere Verwendungen? Welche gesetzlichen und tariflichen Schutzbestimmungen gelten?

6. Wer entscheidet bei neuen KI-Anwendungen? Gibt es einen festen Ansprechpartner und ein transparentes Verfahren für zusätzliche Freigaben?

Diese Fragen sollen nicht abschrecken, sondern helfen, neue Möglichkeiten informiert und selbstbewusst zu nutzen.

 

Die Zukunft gemeinsam gestalten

Ich wünsche mir, dass wir die Diskussion über KI und Schauspiel nicht allein unter dem Gesichtspunkt führen, welche Tätigkeiten durch Maschinen ersetzt werden könnten. Mich interessiert vielmehr, welche Filme wir künftig realisieren können, die bisher aus wirtschaftlichen oder technischen Gründen nicht möglich waren. Welche neuen Figuren und Ausdrucksmöglichkeiten entstehen, wenn reale Performances und virtuelle Welten miteinander verschmelzen?

Ich bin überzeugt, dass sich hier ein enormes kreatives Potenzial eröffnet – und dass Schauspieler*innen diese Entwicklung aktiv mitgestalten sollten. Mein Appell lautet deshalb: Verzichtet nicht vorschnell auf die Chancen der KI. Informiert euch, stellt Fragen, besteht auf euren Rechten – und gestaltet die Zukunft des Filmemachens mit! Denn künstliche Welten können wir inzwischen auf Knopfdruck erschaffen. Was sie lebendig macht, ist für mich nach wie vor der Mensch.