Wahlprüfsteine für Filmschaffende #4: Grüne/Bündnis 90

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Wie sie sich die Zukunft von Kino und Film vorstellen, beantworten heute Die Grünen. | Montage © cinearte

Damit zur Bundestagswahl alle wissen, wo sie ihr Kreuzchen machen wollen, hat Initiative Zukunft Kino+Film sieben Parteien acht Fragen gestellt: zu ihren Visionen von der Zukunft des Kinos und der Filmkultur – sogenannte Wahlprüfsteine. Heute antworten Bündnis 90/Die Grünen.

1. Welchen Stellenwert hat für Ihre Partei die Film- und Kinokultur im Kontext der Künste? Werden Sie sich für eine Erhöhung des Filmetats im Kulturhaushalt einsetzen?
Bewegtbilder sind ein prägendes kulturelles Medium und der Film ist nicht nur als Unterhaltung, sondern auch als gesellschaftlicher Resonanz- und Diskussionsraum, aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Dabei sind Kinos die öffentlichen Kulturorte, die für eine mediengerechte Rezeption und die ästhetische Erfahrung dessen, was Film ausmacht, unverzichtbar sind. Eine Erhöhung des Kulturetats haben wir Grüne aufgrund der Bedeutung von Kultur für die Demokratie stets begrüßt. Eine Anhebung des Etats für Filmförderung innerhalb des Kulturetats wäre durch die breite Spanne der Aufgaben zu rechtfertigen: von der Sicherung des Filmerbes über die Förderung von Ideen- und Stoffentwicklung bis hin zu einer Verleihförderung. Sie müsste im Kontext mit den Bedarfen anderer Sparten betrachtet werden.

2. Setzen Sie sich mit Ihrer Partei für ein eigenes Ministerium für Kultur ein? Falls ja: Haben Sie vor, die Filmförderungen der BKM und der FFA diesem Ministerium zuzuordnen? Haben Sie vor, die kulturelle Filmförderung zu stärken und falls ja, wie?
Wir Grüne setzen uns für ein Staatsziel Kultur ein. Ein Bundeskulturministerium finden wir dann sinnvoll, wenn es die unterschiedlichen Zuständigkeiten im Bereich Kultur in den verschiedenen Ministerien (Außen, Wirtschaft, Innen …) bündelt. Wir halten die kulturelle Förderung, neben der wirtschaftlichen, auch in Zukunft für besonders wichtig, da uns bewusst ist, dass der Film eben nicht nur ein Wirtschafts-, sondern auch ein Kulturgut ist. Gleichwohl wollen wir die Strukturen aus Fernsehsendern und einer Vielzahl an Gremien zugunsten kriterienbasierter, automatischer Förderungen entflechten und unser Augenmerk verstärkt auf die Förderung von Stoffen und Drehbüchern sowie des Nachwuchses richten.

3. Wie stellen Sie sich eine zukunftsträchtige Förderung der Kinos auf Bundesebene vor? Inwiefern braucht es ein ganzheitliches Konzept zur Förderung der unterschiedlichen Akteur*innen in der Filmauswertung?
Wir erleben einen schnellen Wandel der Produktions- und Vertriebsformen: Kinos stehen zunehmend in Konkurrenz zu Streamingplattformen. Zu diskutieren ist, ob solche Plattformen zur Zahlung eines Solidarbeitrags nach dem Vorbild der Abgabe der Filmförderungsanstalt (FFA) verpflichtet werden können. Prinzipiell sollten alle Wirtschaftszweige, die vom Film profitieren, in den Fonds der FFA einzahlen. Diese Abgabe ist notwendig, um Kinos als Orte der ästhetischen Erfahrung auch in Zukunft zu erhalten. Auch die Förderung der Verleiher kommt aus unserer Sicht derzeit zu kurz, da ein funktionierender Vertrieb für den Erfolg eines Films unabdingbar ist.

4. Welche Rolle messen Sie der Filmbildung bei? Welche Strukturen und Ressourcen werden Sie hierfür auf Bundesebene schaffen?
Wie Theater, bildende Kunst und Literatur, so halten wir Grüne auch den Film für ein Bildungsgut, über das Wissen bereits in der Schule vermittelt werden müsste. Wir setzen uns für die Schaffung einer Bundeszentrale für digitale und Medienbildung ein, die sich um die finanzielle und konzeptionelle Erstellung und Unterstützung medienpädagogischer, digitalpädagogischer und informatischer Projekte kümmern und als niedrigschwellige Anlaufstelle für pädagogische Fachkräfte und Interessierte fungieren soll. Sie soll zudem geeignetes Material zur Verfügung stellen sowie pädagogisch-didaktische Beratung anbieten.

5. Wird das aktuelle Filmfördergesetz (FFG) den Herausforderungen und Entwicklungen unserer Zeit gerecht? Sollte das deutsche Filmfördersystem reformiert oder grundlegend neu gestaltet werden?
Generell ist das deutsche Filmfördersystem in ein Ungleichgewicht geraten. Das Filmförderungsgesetz (FFG) stammt aus Zeiten vor der Digitalisierung und muss dringend reformiert werden. Dass die große Novelle unlängst vertagt wurde, ist angesichts der Tatsache, dass niemand weiß, wie die Filmbranche nach der Corona-Krise dastehen wird, nachvollziehbar, aber wenig zukunftsorientiert. Perspektive braucht die Filmbranche insbesondere bei den Sperrfristen. Wir Grüne fordern, dass diese nicht nur in Ausnahmefällen flexibel angepasst werden können, sondern zukünftig immer in den Richtlinien der Filmförderungsanstalt geregelt werden. Der geförderte deutsche Film darf nicht wegen seiner Auswertungskaskade gegenüber internationalen Produktionen ins Hintertreffen geraten.

6. Würden Sie die Erstellung einer unabhängigen Studie zur Evaluation der gegenwärtigen Marktlage und zur Praxis der Filmförderung unterstützen?
Eine solche Studie könnte — auch vor dem Hintergrund des durch die Corona-Krise beschleunigten Wandels der Rezeptionsformen — wichtige Erkenntnisse liefern.

7. Welchen Stellenwert haben für Ihre Partei soziale, faire und nachhaltige Arbeitsbedingungen sowie Diversität, Gendergerechtigkeit und Inklusion im Zusammenhang mit der aktuellen Förderpraxis unter Berücksichtigung intersektionaler Fragestellungen?
Im Filmbereich wollen wir Grüne das Augenmerk verstärkt auf die Förderung von Stoffen und Drehbüchern sowie des Nachwuchses richten. Verbindliche Quoten sollen dafür sorgen, dass Frauen im Film gleiche Chancen haben. Soziale Mindeststandards und faire Verwertungswege verbessern die ökonomische Lage der Filmschaffenden. Ökologische Produktion sollte mit finanziellen Anreizen belohnt werden. Darüber hinaus setzen wir uns mit verschiedensten Maßnahmen für gute Arbeitsbedingungen und einen inklusiven und gerechten Arbeitsmarkt ein. Beispielhaft genannt seien der Mindestlohn von 12 Euro und die Umwandlung der Minijobs in sozialversicherungspflichtige Jobs, wovon überproportional Frauen profitieren werden. Zudem wollen wir das Tarifsystem stärken, weil kollektive Vereinbarungen ein Garant für einen fairen Interessenausgleich zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten, aber auch innerhalb der Belegschaften sind. Entgeltdiskriminierung wollen wir zudem mit einen Entgeltgleichheitsgesetz bekämpfen, das Unternehmen zu Transparenz und Maßnahmen gegen bestehende Lohnlücken verpflichtet.

8. Welche Maßnahmen will Ihre Partei angesichts der aktuellen Entwicklungen ergreifen, um eine vielfältige Film- und Kinokultur in der Zukunft zu ermöglichen?
Die Corona-Krise hat wie ein Kontrastmittel gezeigt, unter welch prekären Bedingungen viele Soloselbstständige leben und arbeiten und wie vulnerabel daher die Kulturszene ist. Wir Grüne wollen Soloselbstständige in der Kultur- und Medienbranche besser sozial absichern und vergüten. Dafür fordern wir ein „Existenzgeld“ für die Zeit der Pandemie, Mindesthonorare für Selbstständige, einen leichteren Zugang zu den Versicherungssystemen sowie eine solidarische Bürgerversicherung und eine Garantierente. Das Filmfördergesetz braucht eine Reform, bei der grundlegende Entscheidungen dazu getroffen werden, wie in einem sich verändernden Vermarktungsumfeld eine Förderung aussieht, die dem Doppelcharakter des Films als Kultur- und Wirtschaftsgut angemessen ist.

 

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