Kunst fragt Wissenschaft. Die Aktion #allesaufdentisch ließ Expert*innen zu Wort kommen, die die Corona-Politik kritisch sehen. Youtube sah das ebenfalls kritisch. | Screenshot

In Videos befragten Künstler*innen Wissenschaftler*innen zu ihrer Sicht auf die Corona-Politik. Youtube sah seine Richtlinien verletzt und löschte mehrere Beiträge. Das Landgericht Köln pfiff die Internet-Plattform zurück.

Unter dem Hashtag #allesaufdentisch hatten zahlreiche Künstler*innen Experten zu ihrer Sicht auf die Corona-Politik befragt. Die Aktion stieß auf ein ähnliches Echo wie vor einem halben Jahr die angeblich satirisch gemeinte Video-Reihe #allesdichtmachen, auch eine der damaligen Mitwirkenden waren wieder dabei. Youtube reagierte und löschte „mehrere Videos der regierungskritischen Künstler-Aktion“, berichtete die „Bild“-Zeitung am Montag hinter der Bezahlschranke und zitierte den Anwalt der Aktion: Dies sei eine „neue Dimension des Rechtsbruchs“. 

Noch am Montag hatte das Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung erlassen, dass die Löschung von zwei Interviewclips zurückzunehmen sei: Youtube habe den Kanal-Betreibern nicht konkret genug mitgeteilt, welche Passagen ihrer Meinung nach gegen welche Vorschrift ihrer Richtlinie verstießen, berichtet die „Berliner Zeitung“ gleich zweimal und gibt wieder, was die „Bild“ aus der Gerichtsentscheidung zitierte: „Youtube dürfe nur bei ,einer offensichtlichen, auf den ersten Blick erkennbaren medizinischen Fehlinformation‘ Videos löschen, ohne konkrete problematische Passagen zu benennen. Bei den gelöschten Interviews handele es sich aber um ,längere Videos‘, die ,auch eine Vielzahl von eindeutig zulässigen Äußerungen enthalten‘. Youtube dürfe nur bei ,einer offensichtlichen, auf den ersten Blick erkennbaren medizinischen Fehlinformation‘ Videos löschen, ohne konkrete problematische Passagen zu benennen. Bei den gelöschten Interviews handele es sich aber um ,längere Videos‘, die ,auch eine Vielzahl von eindeutig zulässigen Äußerungen enthalten‘.“

Eines der beiden gelöschten Videos war am Dienstag wieder eingestellt, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (DPA). „Insgesamt hatte Youtube nach eigenen Angaben drei Clips gelöscht.“

Und wer jetzt schon beim Nachzählen durcheinandergerät: Am Mittwochabend bestätigte Youtube, dass man trotz der einstweiligen Verfügung zwei weitere Videos entfernt habe“, berichtet der SWR. In den etwa 20-minütigen Videos der Aktion werden unterschiedliche Expert*innen befragt. Die artikulierten Meinungen allerdings würden teilweise nur haarscharf an Querdenker-Debatten vorbeischrammen, sagt der „Spiegel“-Redakteur Anton Rainer im Gespräch mit dem Sender. Es handle sich auch nicht um Interviews im klassischen Sinne. „Im Prinzip sieht man jeweils zwei Menschen, die sich gegenseitig Recht geben“, so der Journalist.

Die DPA hat es heute nochmal sortiert, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Bild“ geben es wieder: Zurzeit seien „insgesamt vier Videos der Aktion gelöscht. Youtube hatte vor Tagen bereits drei Clips gelöscht, eines davon aber nach einer abermaligen Prüfung wieder hochgeladen.“

Das Urteil sei ein Sieg der Meinungsfreiheit, kommentiert heute die „Kultur-Bühne“ des BR: „Solange keine Falschinformationen, Verschwörungsmythen oder Hassrede verbreitet werden, schützt das Grundgesetz die Meinungsäußerung. Eine ganz andere Frage ist der Wahrheitsgehalt der Expertinnengespräche, die die Initiative zusammengetragen hat. Denn darüber hat das Gericht nicht entschieden. Damit wird ein bestimmtes Meinungsbild erzeugt. Entscheidend sind dabei nicht Fakten – sondern das Infragestellen von Fakten.“ Das sei „teilweise berechtigt. Das Ziel ist aber nicht, bessere Fakten zu präsentieren, denn über die verfügt #allesaufdentisch nicht. […] Es geht darum, so viel Zweifel, Halbgares, Misstrauen in Umlauf zu bringen, dass der Unterschied zwischen Fakten und alternativen Fakten verwischt. […] Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun, mit Wahrheitssuche schon gar nicht. Wohl aber mit Meinungsmache. Auch die ist durch Meinungsfreiheit geschützt. Richtig aber wird sie dadurch nicht.“

Der Sprachwissenschaftler Dennis Kaltwasser, der sich an der Aktion beteiligte, kritisiert im Interview mit den „Nachdenkseiten“ eine einseitige Berichterstattung, die sich zum größten Teil auf eine DPA-Meldung gestützt habe: „Schon im ersten Satz der Meldung erfahren wir nämlich, dass die Aktion ,umstritten‘ ist. Eine beachtliche Leistung: Stabil verfügbar waren die 20 Stunden Videomaterial gegen 11:00 Uhr, der Artikel in der ,Zeit‘ erschien um 15:15. In diesen gut vier Stunden wurden also bereits 20 Stunden Videomaterial rezipiert, es wurde geklärt, dass diese als umstritten gelten müssen, es wurde ein Experte konsultiert, eine DPA-Meldung wurde produziert, ausgeliefert und in einen ,Zeit‘-Artikel verwandelt und veröffentlicht.“

Laut Youtube wurden die Videos am 30. September veröffentlicht. In der erwähnten DPA-Meldung (hier die Fassung der „Zeit“), die laut Kaltwasser „ganz oder in Teilen von 249 Publikationen aufgegriffen wurde“, wird stattdessen der 29. September angegeben. Tatsächlich geht weder die Meldung noch der darin zitierte „Experte für Verschwörungsideologien“ auf den Inhalt der Videos ein, sondern äußert grundsätzliche Bedenken: „Durch einen wissenschaftlichen Anschein werden die Beiträge aufgewertet.“ Wissenschaftliche Debatten würden aber auf Konferenzen und in Studien geführt. Zudem ließen sie sich selten nur durch zwei Personen darstellen. „Mit der Aktion zieht man den Diskurs aus der Forschung heraus.“ Es entstehe ein Ungleichgewicht (,false balance‘) der wissenschaftlichen Standpunkte: „Man holt sich Vertreter und Vertreterinnen einer wissenschaftlichen Minderheitenmeinung und setzt ihnen Gesprächspartner aus Kunst, Kultur und Schauspiel gegenüber statt anderer Forschender.“

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