Kinos im Stillstand 21 – hoffentlich die Letzte: Das „Kant“ in Berlin freut sich schon auf heute. Die Fotos dieser Reihe gibt es jetzt auch in ausgewählten Kinos zu sehen. | Foto © Elisabeth Nagy

Alles Kino und noch mehr: Die Woche vom 2. Juli 2020.

 

Endlich. Das Känguru ist wieder da. Marc-Uwe Klings Roman über ein anarchisches Känguru im Biotop Berlin-Kreuzberg startete am 5. März 2020 in rund 700 Kinos und erreichte in knapp 10 Tagen 500.000 Zuschauer. Soweit die Pressemeldung. Dani Levy inszenierte das Drehbuch des Autors, dessen Vorlage wohl auch ein Publikum erreichte, das sonst nicht zum Buch griff. Das Alter-Ego des Autors lebt, nicht ganz freiwillig, mit ebenjenem Känguru in einer Art WG. Bei allem, was so passiert, ist ebenjenes immer klar in Aktion, währen Marc-Uwe irgendwie hinterherwurschtelt. Die Komödie machte sich dann auch ausgesprochen gut in den Autokinos, die überall auf den Parkplätzen hervorschossen. Bereits im März hatte aber der Verleih verkündet, man wäre sofort am Start, wenn die Kinos wieder öffnen. Und dann „Reloaded“. Jetzt ist es also soweit. Und ja, es gibt eine neue Fassung, leicht anders, mit einer zusätzlichen Szene, in 3D. Wie jetzt? Für eine Szene soll man jetzt auch noch an der Ausgabe von 3D-Brillen arbeiten?

Das Känguru ist wieder da. Folglich auch die Kinos. Zwar durften in verschiedenen Bundesländern die Kinos schon öffnen, und auch Berlin stößt jetzt endlich dazu, aber die Kinobetreiber hatten sich auf den 2. Juli als bundesweiten Konsensstart verständigt. Das gilt jetzt für die meisten Häuser. Denn nicht alle Kinos öffnen. An eine Normalität ist nicht zu denken. Besonders die US-Blockbuster startet weltweit gleichzeitig oder gar nicht und da gerade vielerorts in den Staaten Lockerungen zurückgenommen werden, passen sich die Major-Studios an. Walt Disney Studios verschieben „Mulan“ vom 23. Juli (ursprünglich war es der 26. März) auf den 20. August. Warner Bros. setzt Christopher Nolans „Tenet“ vom 16. Juli auf den 30. Juli. Ohne die großen Filme ist aber der Betrieb unrentabel. So gab zum Beispiel die Kino-Gruppe Rusch, die mehrere „Cineplex“-Kinos betreibt, am Dienstag bekannt, mit der Wiedereröffnung warten zu wollen. Der Berliner „Zoo Palast“, der zu den Flebbe-Kinos gehört, schreibt auf seiner Webpräsenz: „1. Zurzeit gibt es kein Filmangebot, das eine Eröffnung wirtschaftlich rechtfertigt. 2. Die staatlich geforderten Auflagen sind noch so einschneidend und umfassend, dass ein Kinobesuch nur mit inakzeptablen Einschränkungen möglich ist.“ Öffnen will man voraussichtlich am 30. Juli. Vielleicht auch erst eine Woche später. Wer weiß schon, was in einem Monat alles passieren kann, wird.

Die Regelungen im Kino werden sich sicherlich einspielen. Auch hier gelten überall unterschiedliche Regelungen. Zum Beispiel in Bayern galt bis gestern die Vorgabe, die Mund- und Nasenbedeckung auch am Kinoplatz zu tragen, es sei denn, man konsumiert Snacks und Getränke. Auch gegen diese unverhältnismäßige Vorgaben hatten sich 21 Kinobetreiber*innen aus München und Umgebung gewehrt, und ab heute, ab dem 1. Juli, fällt diese Maskenpflicht am Platz. Lockerungen sind möglich. Die Hoffnung und so weiter.

Einige Kinos haben es nicht geschafft. Das „Colosseum“ in Berlin wird nicht wieder öffnen. Die Insolvenzmeldung ging durch die Presse. „Der Tagesspiegel“ in Berlin hat gestern mit Sammy Brauner, dem Betreiber, ein intensives Interview geführt.

Andere Kinos haben die Zeit für Renovierungen genutzt. Heute am 1. Juli eröffnet, unter anderem das „Bundesplatz-Kino“ – und das sowohl mit einer Film-Preview (sie zeigen „Master Cheng in Pohjanjoki“ von Mika Kaurismäki, eine Komödie über einen chinesischen Koch in Lappland, die der der Presse erst noch gezeigt werden soll), als auch mit einer Foto-Ausstellung der „Sleeping Screens“, die Fotografien von Kinos und ihren Anzeigetafeln weltweit sammelt. Wer nicht in Berlin ist, ist vielleicht in der Nähe von Lich in Hessen. Am 10. Juli wird im Kino „Traumstern“ eine Auswahl dieser Bilder zu sehen sein.

Eine ganz andere Foto-Ausstellung gibt es im Berliner „Kino International“. Dort werden ab dem 2. Juli bis Mitte August Fotografien des Regisseurs Burhan Qurbani gezeigt, die dieser während den Dreharbeiten zu „Berlin Alexanderplatz“ aufgenommen hatte. Qurbani erklärt in der Pressemitteilung: „Drehzeit ist Stresszeit, sie rauscht an uns vorbei. Nachdem der Film fertig ist, vergisst man bald das Set und die Menschen, die den Film geschaffen haben. Man hat ein fertiges Produkt, aber der Prozess verschwimmt […] Ich wollte für mein Team, aber auch für mich, eine Chronologie der Monate der Zusammenarbeit herstellen und habe vom ersten Drehtag an begonnen, Fotos zu machen. Nicht mit meinem Handy. Nicht, um den Leuten ein JPG oder eine PDF-Datei zu senden. Stattdessen habe ich Hunderte Bilder mit meiner analogen Yashica gemacht und am Ende zu einem Buch zusammengestellt und zum Abschluss jedem Teammitglied eines davon in die Hand gedrückt.“

Diese Woche gibt einen richtigen Startplan. Neun bis zehn Filme kommen ins Kino. Das ist doch eigentlich allerhand, auch wenn darunter keine amerikanischen Blockbuster sind. Das Fehlen von besucherstarken Filmen im Startplan ist eine Herausforderung, aber eigentlich eine Chance fürs Programmkino. Kuratiertes Programmkino. Das „Arsenal“ in Berlin, immer schon ein Programmkino, nimmt seine Reihen vom März wieder ins Programm. „Black Light“, eine Reihe, die Greg de Cuir Jr. für eine Retrospektive in Locarno zusammengestellt hatte: „Nicht um die „schlichte Repräsentationsvorstellung von einem schwarzen Körper hinter oder vor der Kamera“ (de Cuir) geht es, sondern um gemeinsame Formen von Erfahrungen und geteilter Geschichte, die Rassismus, Selbstermächtigung und Fragen der Repräsentation umfassen.“ 

Um „Black Cinema“ herum hat auch das Berlin-Mitte-Kino „Central“ ein Programm erstellt. In der Reihe „Black Lives in Modern Cinema“ zeigen sie unter anderem „Moonlight“ und demnächst „Harriet“. Zum Auftakt in der Reihe wird der Film „The Age of Wonder“ des Regisseurs (und Kino-Mitarbeiters) Ncube gezeigt.

Worauf sich Anne Lakeberg vom „City Kino“ in Berlin zur Eröffnung am 2. Juli freut, erzählt sie dem „Kinokompendium“, das seine Kinobesuch-Reihe damit fortführt. Auch das Branchenmagazin „Blickpunkt Film“ hat eine Interviewreihe begonnen. Sie sprechen mit Kinobetreibern und Verleihern über ihre Einschätzungen der Lage am Kinomarkt. Bisher zum Beispiel mit Gerda Kroiß vom „Roxy“-Kino in Abensberg und Stephan Winkler von W-Film und Bernhard zu Castell, dem Chief Distribution Officer von Leonine (Auswahl).

Das neu eröffnete „Klick“ in Berlin Charlottenburg beginnt die neue Spielzeit ebenfalls mit einem kuratierten Programm und bringt eine Hommage an die Anfang März verstorbene Künstlerin Tabea Blumenschein. Und auch hier wird es eine Foto-Ausstellung geben mit Bilder mit Tabea Blumenschein von Ulrike Ottinger. Über den Monat verteilt kann man dann „Bildnis einer Trinkerin“, „Madame X“ und unter anderem „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ anschauen.

Das „Klick“ zeigt aber auch Programm  frisch aus dem Startplan. Zum Beispiel „Siberia“ von Abel Ferrara mit Willem Dafoe in der Rolle eines gebrochenen Mannes, der in der siberische Tundra eine einsame Trinkerhölle betreibt, bis er mit seinen Schlittenhunden aufbricht und quer durch die Landschaft und immer tiefer in sein von Visionen bestimmten und von Dämonen beherrschtem Unterbewußtsein hinabsteigt. Gedreht wurde übrigens in Südtirol, der Deutsche Filmförderfonds und der FFF Bayern unterstützten das Projekt. „Siberia“ wurde im Wettbewerb der Berlinale dieses Jahr, dem letzten großen Filmfestival dieses Jahres gezeigt und wurde sehr kontrovers aufgenommen. Zugänglich sind die Innenansichten von Abel Ferrara, der erst kurz vor dem Lockdown eine ähnliche Selbstbeschau mit „Tommaso und der Tanz der Geister“ gezeigt hatte, wahrlich nicht.

Der eine große Film der Woche, auf den sich sicherlich alle einigen können, ist ebenfalls ein Berlinale-Teilnehmer aus diesem Jahrgang. Endlich kommt Christian Petzolds „Undine“ auf die Leinwand. Ursprünglich war der Starttermin auf den 26. März angesetzt. Petzold widmet sich einer modernen Variante des „Undine-Mythos’“, ein erster Teil einer Trilogie über Figuren der deutschen Romantik soll es sein. Paula Beer spielt diese Undine, die in Berlin in der Senatsstelle für Stadtentwicklung die Gästen durch die Jahrhunderte führt, in denen sich die Stadt auf den Sümpfen zur Großstadt entwickelte. Franz Rogowski spielt Christoph, der scheinbar einen Katzensprung von Berlin entfernt, also im Rheinland, Industrietaucher ist. Auf der Berlinale gab es den „Fipresci-Preis“, und Paula Beer gewann für ihre Darstellung der Undine den „Silbernen Bären“ als beste Darstellerin. Ihre Undine will sich ihrem Schicksal nicht hingeben, nicht wieder abtauchen, wenn ein Mann sie ablegt, wie es der ursprüngliche Mythos wohl vorgesehen hätte. Wenn, dann tut sie es aus freien Stücken.

Auch der Name Claude Lelouch ist ein großer. „Die schönsten Jahre eines Lebens“ ist Claude Lelouchs 49. Spielfilm, verrät uns der Abspann. Damals, vor vielen, vielen, sehr vielen Jahren drehte Lelouche einen Film über einen Mann und eine Frau. „Un homme et un femme“ von 1966 gewann damals den „Oscar“ für den besten fremdsprachigen Film. Ein Klassiker der Nouvelle Vague. Jean-Louis Trintignand spielt einen Rennfahrer, der sich in Anouk Aimée, ein „Skriptgirl“ (wie die Continuity damals genannt wurde), verliebt und umgekehrt. 20 Jahre später führt Lelouche ihre Geschichte fort und nun, im dritten Film, ist Trintignan knapp 90 Jahre alt, und Aimée ist, immer noch, nur zwei Jahre jünger. Aber sie spielen, das Publikum schaut ihnen in ihr Gesicht, und die Jahrzehnte verschwimmen zu einer Zeit. Sie treffen aufeinander, in einem Altersheim, in den der Sohn seinen Vater gebracht hat. Der Sohn macht auch sie, Anne, ausfindig, damit sie Jean-Louis besuchen kann. Und in seiner Vorstellung fliegen sie mit dem Wagen über die Landstraßen. Lelouch hat die Geschichte von Jean-Louis und Anne zur Trilogie gemacht, er zitiert großzügig die ersten beiden Filme, von 1966 und von 1986, und schiebt auch noch weiteres Material aus seiner Filmografie ein. Zum Beispiel einen Kurzfilm von 1976, in dem ein Ferrari durch Paris braust. Für diesen Film im Film lohnt sich der Kinobesuch allemal.

Nicht alle Filme der Woche konnte ich vor Start sichten. Zum Beispiel „Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mai“ von Ansgar Niebuhr, hier gibt es die Möglichkeit, mit dem ganz jungen Publikum ins Kino zu gehen. Die „Conni“-Bücher kennt wohl jede Familie mit Kindern, zumindest in den 25 Jahren, seit es die immer weiter entwickelte Buchreihe, Fernsehserien gibt. Das „Geheimnis um Kater Mai“ ist ein Animationsfilm, der Conni auf ihrer ersten Reise ohne ihre Familie begleitet. Ihr Kater ist, als blinder Passagier, einfach mitgekommen.

Ein weiterer Kinderfilm für alle Altersgruppen ist „Zu weit weg – aber Freunde für immer!“ Ursprünglich startete Sarah Winkenstettes Regiearbeit (das Drehbuch ist von Susanne Finken) am 12. März. In Thema und Umsetzung ist dieser Film wirklich einer der besonderen Kinderfilme des Jahres. Hier wird von einer Freundschaft zwischen zwei Jungen erzählt, die auch über die Distanz erhalten werden kann. Eigentlich heißt es ja: Aus den Augen, aus dem Sinn. So weiß das der elfjährige Ben (Yoran Leicher), der mit seiner Familie umziehen mußte, als der Tagebau sein Dorf frisst. Seine alten Freunde in der Fußballmannschaft finden für ihn schnell Ersatz, und in der neuen Mannschaft soll er sogar Abwehr statt Stürmer spielen. Mannschaftsgeist vor Ego, heißt es. Und dann kommt auch noch Tariq (Sobhi Awad) in die Klasse, der seine Heimat in Syrien auch verloren hat, auf eine viel schlimmere Art. Behutsam erzählt Winkenstette etwas über die Nöte und Ängste Heranwachsender, die zusammenhalten und von einander lernen. In Zürich gab es dafür den „Kids Jury Award“.

Zu den Dokumentarfilmen der Woche gehört „Die Tochter des Spions“, über den wir bereits berichtet haben, und ein Künstlerporträt: „Jean Paul Gaultier: Freak and Chic“ folgt Gaultiers post-modeschöpferischen Phase, in der er eine autobiografische Revue auf die Bühne stellte. Der Film folgt dieser Produktionszeit über zwei Jahre bis zur Premiere. Yann L’Hénoret, der zuletzt Emmanuel Macron im Film dokumentierte, ist dabei, wenn Tänzer Lebensphasen nachspielen. Choreografen und Kostümbildner setzen stoisch Gaultiers Perfektionismus um, denn der Wunsch immer noch etwas zu ändern, kann als notorisch gelten. Tonie Marshall, die jetzt Mitte März verstarb, ist hier noch einmal in ihrer Rolle als Regisseurin des Stückes zu sehen und darf sogar ihre Mutter Micheline Presle als seine Großmutter inszenieren.

Einen Monat vor dem Lockdown kam „Spuren – Die Opfer der NSU“ in die Kinos. Damit wären wir bei den Streaming-Tipps der Woche. Der Salzgeber Club nimmt Aysun Bademsoys engagierte Dokumentation in sein Programm auf. Es geht um die Folgen der Gewalt, der tatsächlichen Gewalt und der mittelbaren Gewalt, die die Gesellschaft den Opfern antut. Aysun Bademsoy begleitete den Prozess um die sogenannten NSU-Morde, der 2018 zu Ende ging, und knüpfte enge Kontakte zu den Hinterbliebenen. Während die Täter die Spuren ihrer Taten zu vertuschen suchten, haben sich die Spuren ihrer Taten tief in das Leben der Angehörigen ihrer Opfer eingebrannt. Nicht nur die Unbegreiflichkeit der Morde wirkt nach, sondern der Umgang der Behörden mit den Familien. Drei von ihnen, die mit dem streitwürdigen Urteil keinen Frieden fanden, gibt der Film hier eine Stimme.

Grandfilm stellt in Kooperation mit dem österreichischen Verleih Filmgarten den Gewinner in der Kategorie Dokumentarfilm der Diagonale 2017 auf seinen On-Demand-Channel. Ivette Löcker kehrt in die Salzburger Berge zurück, als ihre Eltern auf die Idee kommen, ihren Töchtern das alte Bauernhaus zu vermachen. Die Regisseurin reagiert erst einmal mit Streß und Verspannungen, bis sie ihre Eltern doch gemeinsam vor die Kamera bekommt. „Was uns bindet“ ist aber genau das. Löcker sucht nach den verbindenden Elementen und zeichnet ein Familieporträt, dass durch die Brüche Form annimmt. Die Eltern leben zusammen, sind es aber nicht mehr. Die Regisseurin stellt zwangsläufig die Fragen, warum haben sich die Eltern nicht für einen jeweils eigenen Weg entschlossen? Warum wurde das Gut nicht längst verkauft, wenn es keiner haben will? Löcker bleibt bei den konkreten Problemen, und deckt nach und nach die blinden Flecke in der eingefahrenen Beziehung auf und bleibt doch respektvoll die Tochter.

Wem all das noch nicht reicht. Ab dem 1. Juli gibt es einen weiteren Streaminganbieter. Unter dem Namen Filmtastic bietet der Verleih Leonine bei einer moderaten Monatsgebühr von 3,99 Euro (zur Zeit mehrwertsteuer-korrigiert 3,89 Euro) nach eigenen Aussagen jede Menge Klassiker und Kultfilme. Zur Zeit kann man rund 250 Filme und Serien bereitstellen, heißt es in der entspechenden Mitteilung, wöchentlich kommen dann je vier Titel hinzu. Reinschnuppern kann man 14 Tage lang, danach heißt es Abo abschließen, das man aber jederzeit kündigen kann.

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