Es war ein kurzer Neustart für die Kultur: Kinos im Stillstand, die Zweite. | Foto © Elisabeth Nagy

An diesem Morgen: Identitätspolitik, Seperatismus und der Terror der Gegenwart und der kybernetische Staat der Zukunft: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 81.

Manche von euch, liebe Leser, werden sich daran erinnern, dass ich im Frühjahr mal die „Moral Machine“ des MIT vorgestellt habe. Hier noch mal ein paar Links über dieses sehr ernst gemeinte digitale Spiel, in dem wir unsere moralischen Instinkte überprüfen oder auch in Frage stellen oder auch trainieren können.  Unsere moralischen Instinkte in Bezug auf die Gewichtung verschiedener Leben gegeneinander, in Fällen, in denen wir keine Chance haben, einer solchen schrecklichen, oft auch perversen Entscheidung auszuweichen. Die Alternative läge nur darin, ich fürs Nicht-Handeln zu entscheiden, was oft noch schlimmere Folgen hätte, und moralisch als Handeln durch Unterlassung nicht unbedingt besser zu bewerten ist.

Diese Frage des Wert des Lebens ist eine wichtige Frage zunächst für die nächsten Wochen und Monate, in denen wir möglicherweise wieder zum Thema „Triage“ kommen, also der Entscheidung darüber, welche Leben gerettet werden können und welche nicht? Wer zuerst sterben muss? Ferdinand von Schirach hat darüber das bemerkenswerte Stück „Terror“ geschrieben. 

In drastischen Worten hatte Christian Drosten diese Triage in seinem Podcast zuletzt ausgemalt, dafür aber auch prompt Widerspruch geerntet. 

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, widersprach Drosten daraufhin: „Herr Drosten ist ein erstklassiger Virologe … Seine Äußerungen zu einer möglicherweise drohenden Triage in Deutschland kann ich jedoch nicht nachvollziehen und halte sie für unverantwortlich.“ Von derartigen Zuständen sei man trotz Personalknappheit weit entfernt, erklärte Janssens weiter, „Indem er auf diese Weise davor warnt, macht er den Menschen unnötige Angst.“

Hinzu kommt: Wir praktizieren die Triage, also die Abwägung zwischen Leben, das wir mit großem Einsatz retten und anderem, das wir riskieren, längst tagtäglich: In der Medizin, der Politik, der Arbeit der Flüchtlingshelfer und der Polizei und in allen möglichen anderen Zusammenhängen. 

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Die Frage nach der triage-ähnlichen Entscheidung zwischen verschiedenen Leben wird uns aber auch über „Corona“ hinaus beschäftigen müssen. Ein interessantes Interview dazu hat der Philosoph Roberto Simanowski der „Wiener Zeitung“ gegeben. 

In seinem neuen Buch „Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz“ (Passagen Verlag, Wien 2020, 17,50 Euro), das wie die Erwachsenenversion zu Richard David Prechts KI-Bestseller wirkt, beschäftigt sich Simanowski unter anderem mit der Technik von Selbstfahrenden Autos. Zu der gehört in Notfällen eines drohenden Unfalls die Entscheidung über Leben und Tod. Sollen die Insassen in jedem Fall gerettet werden, auch wenn das außerhalb des Fahrzeugs mehr Menschenleben kostet?

Diese Entscheidung trifft bisher der Fahrer gemäß seiner Fähigkeiten und seines moralischen Instinkts. In selbstfahrenden Autos trifft das die Technik. „So ein Algorithmus muss programmiert werden, dazu braucht es Parameter“, berichtet Simanowski. „Doch im Deutschen Grundgesetz gibt es das Verrechnungsverbot: Das Leben eines Kindes darf nicht mehr wert sein als das eines Greisen, fünf Leben nicht mehr als eines. Programmieren wir aber keinen entsprechenden Algorithmus, würde das noch mehr Menschenleben kosten. Also werden wir unsere ethischen Grundsätze ändern müssen und einen solchen Todesalgorithmus fabrizieren, der danach trachtet, die größtmögliche Lebenszeit zu retten.“

Hier fordert die technische Entwicklung, aber auch unsere Bereitschaft, sich auf diese einzulassen, sie überhaupt möglich zu machen, eine neue Ethik. „Es ist eine Ethik, die besser zu einer Technik passt, nicht unbedingt zu uns als Gesellschaft.“ Es mache „einen Unterschied, ob man 10 Jahre alt ist und das Leben noch vor sich hat – oder 85.“

Simanowski verweist auf den Unterschied zwischen zwei philosophischen Grundrichtungen: „Immanuel Kant gegen Jeremy Bentham, Kategorischer Imperativ gegen Utilitarismus, Europa gegen England und die USA. Doch es ist nicht nur die Technik: Auch der Terrorismus und das Pandemiegeschehen – Stichwort: Triage – fördern diesen Wechsel, weil sie uns vor ähnliche Entscheidungen stellen. Wem gebe ich das Intensivbett?“

Selbstfahrende Autos sind für den Philosophen eine Testfahrt für eine Künstliche Intelligenz, die unsere Zukunft immer mehr dominieren wird. „Dass wir mehr und mehr Entscheidungen im Leben an die Künstliche Intelligenz auslagern, weil wir sehen, dass sie darin effektiver ist. Wir könnten KI auch das Mandat geben, die Klimaproblematik anzugehen, um internationale Beschlüsse optimal einhalten zu können – wie wir dem selbstfahrenden Auto das Mandat geben, uns nach Hause zu fahren. […] je mehr wir sehen, dass es so nicht weitergeht – Waldbrände, Tornados, Epidemien -, desto dringlicher werden wir erkennen, dass wir etwas tun müssen. Wir werden dennoch ungern verzichten. Aber ohne systemische Veränderungen wird es nicht gehen. Die aktuelle Corona-Krise zeigt, zu welchen Einschränkungen Menschen bereit sind. Die Frage ist, ob der Mensch bereit ist für so einen Souveränitätstransfer. … 

Wir werden selbstlernende Maschinen irgendwann nicht mehr kontrollieren können. Sie werden im Weiterdenken dessen, was wir ihnen aufgegeben haben, zu neuen Erkenntnissen kommen. […] Was passiert, wenn KI zu eigenen Schlüssen kommt und Beschlüsse des Menschen aufhebt. Denn wenn wir Intelligenz schaffen, die klüger ist als wir, dann wird es auch den roten Aus-Knopf nicht geben.““

Simanowski spricht auch über den „Digitalbeschleuniger“ Homeschooling und Homeoffice und Überwachung. „Je mehr digitalisiert wird, desto mehr Daten fallen an und desto mehr kann analysiert und ausgewertet werden. Wir machen uns da aktuell gläserner, als wir denken. 

Am Horizont dieses Denkens scheint das Ende der Freiheit auf.

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Die philosophische Frage dahinter ist: Wollen wir in unser Mehrheit und langfristig ein solches kybernetisches Gesellschaftsmodell, dass sich vor allem um die Stabilität des Systems kümmert, nicht um die Selbstbestimmung und -entfaltung des Einzelnen? Einen Staat, der zum Wohle aller verhindert, dass der Mensch das Falsche tut, anstatt ihn dazu zu bringen, freiwillig das Richtige zu tun. Das beginnt nicht einmal mit dem selbstfahrenden Auto, sondern mit der weiblichen (mütterlichen?) Stimme des Autos, die uns den richtigen Weg weist, denn ein Umweg wäre ja unnötig, oder? Oder die uns auffordert, uns anzuschnallen.

Zur Zeit gehört es zum Ideal eines mündigen Bürgers, auch falsch oder schlecht handeln zu können. Das zu unterbinden, setzt ein ganz anderes Menschenbild voraus. 

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Simanowski scheint das alles gut zu finden: „Wer ist denn schon glücklich mit diesem absoluten Individualismus? Es fehlt an Sinn. Wenn man den eigenen Verzicht in eine neue Sinnerzählung einbetten könnte (für die Kinder, für die Nation, für die Umwelt), dann kann Verzicht sinngebend sein. Und Sinn ist definitiv etwas, wonach sich viele Menschen sehnen.“

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Man könnte sagen: die Physikerin Angela Merkel auf dem Kanzlerstuhl kommt einer solchen kybernetischen Herrscherin zur Zeit am nächsten.

Staatsgehorsam und Liebe zum Obrigkeitsstaat kennzeichnen das deutsche Verhalten während der Pandemie – das ist die Antwort auf die gern gestellte Frage, warum es eigentlich so gut geklappt hat mit der Corona-Bekämpfung in Deutschland: Vorauseilender Gehorsam und Verinnerlichung der Maßnahmen. 

Jetzt mit dem neuerlichen Lockdown sieht es anders aus. Es werden zu wenige mitziehen. Es werden sich viele verweigern. Die meisten still in einer Art innerer Emigration, zunehmend immer mehr auch ganz offen, aggressiv und pöbelhaft. Warum? Zum Beispiel weil die Aussagen von Angela Merkel und ihren Mitregierenden nicht verlässlich sind. Weil sie Dinge sagen, die sie dann zwei Wochen später nicht einhalten, sondern zurücknehmen. Ich bin z.b. sicher, dass es eine sehr hohe Bereitschaft gäbe mitzumachen, und auch einen harten Lockdown zu ertragen, wenn sich alle sicher wären, dass nach drei oder vier Wochen das Ganze auch sicher ein Ende hat. Wenn man sich darauf verlassen könnte, wenn die Regierung ein Datum setzt, an dass sie sich wie in einem Vertrag mit ihren Bürgern hält. 

Stattdessen dieses „dann sehen wir mal“ und „im Zweifel für den Lockdown“ und „wir machen jetzt noch ein bisschen weiter“ – wie es im Frühjahr war. Alle erinnern sich noch. Es ist kein Verlass auf diese Regierung. Der einzige Verlass ist darauf, dass die Ministerpräsidenten der Union keine Gelegenheit versäumen werden, sich in Szene zu setzen.

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Letzte Woche, als Lockdown, Ausgangssperren und Kulturverbot beschlossen wurden, gab es große Ankündigungen: Von Seiten der FDP, von Seiten verschiedener Verbände. Man werde gegen die Maßnahmen klagen. Tatsächlich dürften viele solcher klagen aussichtsreich sein allein schon wegen dem Gleichbehandlungsgebot im Grundgesetz, denn natürlich sind Kinos und Restaurants gegenüber anderen Einrichtungen benachteiligt, wenn andere aufhaben dürfen, obwohl es keine besseren Hygienekonzepte gibt. 

Jetzt ist es um diese Klagen ziemlich still geworden – und man darf vermuten, dass dies nicht nur daran liegt, dass Verbände nicht klagen dürfen, sondern betroffene Einzelne, Wirte und Kinobetreiber klagen müssen, sondern dass es auch sehr konkrete Gründe hat. Die liegen auch nicht etwa darin, dass man sich bei den Klagen keinen Erfolg ausrechnet . im Gegenteil. Sondern eher darin, dass der Lockdown zumindest einem Teil der Film-Branche weitaus weniger ungelegen kommt, als man dies öffentlich gern behauptet. Überlegen wir mal gemeinsam: 75 Prozent des Umsatzes werden durch staatliche Gelder ersetzt. Warum sollte ein Kinobetreiber dann überhaupt noch aufmachen wollen? Denn de facto verdient er an dem Lockdown viel besser, als ohne ihn. Bei den derzeitigen Pandemie-Beschränkungen wird er – unabhängig davon, ob man nun theoretisch zwei Drittel der Sitzplätze besetzen darf oder nur ein Viertel – in jedem Fall weniger Zuschauer bekommen, als möglich wären – zu sehr wurden Kino und andere Kulturorte von der Politik gezielt als Hotspot und Pandemiettreiber in die Ecke gestellt. 

Dadurch verkauft er auch weniger „Concessions“, also Softdrinks und Popcorn. Jetzt mit der Zwangsschließung sind ihm 75 Prozent des Umsatzes eines sehr guten Monats – November – sicher. Wer wäre da nicht als Kinobetreiber froh? Zumal es bestimmt Mittel und Wege gibt, die laufenden Kosten runterzufahren: Heizung und Strom kann man einsparen, Anschaffungs- und Werbekosten auch, Angestellte in Kurzarbeit schicken, freie Mitarbeiter gar nicht beschäftigen. Da bleibt schon was übrig. 

Ähnlich wie die Bauern in ihren Flächenstilllegungsprogrammen werden Kinobetreiber gerade besser für Nicht-Arbeit bezahlt, als für Arbeit. 

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Tja, da war ich wohl zu optimistisch. Jetzt im Augenblick, wo ich diesen Blog schreibe, ist die US-Wahl noch nicht entschieden. Es könnte sein, dass sich Joe Biden knapp durchsetzt. Tatsächlich war meine Prognose, dass er Florida und Texas nicht gewinnen würde, dafür aber Arizona, ziemlich treffend. Aber ich geb’s zu: In den Rust-Belt-Bundesstaaten des Nordostens sieht es schlechter aus, als ich gedacht hätte. Insgesamt ist alles viel zu knapp, und es braucht schon sehr viel Glück, damit doch noch der richtige Kandidat US-Präsident wird.

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Das ist traurig und erschreckend. Zugleich finde ich manche Reaktionen etwas hysterisch, zumal das Ergebnis noch nicht feststeht. Die Vokabel „Staatstreich“, die in Bezug auf Trump im DLF fiel, sollte man nicht so schnell gebrauchen, 

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Die Ereignisse in den USA können und sollten uns im doppelten Sinn eine Warnung sein. Zum einen in Bezug auf Europa. Es ist unbedingt nötig, dass wir als Europäer endlich eigene Antworten entwickeln. Dass wir es schaffen, uns endlich abzunabeln von Amerika, und uns so zusammenreißen, zusammenraufen, dass Europa weltpolitisch als Einheit auftritt und eine ebenso einheitliche wie selbstbewußte Antwort auf die Probleme der Gegenwart formuliert. Sowohl auf das systemische Versagen der USA und den faktischen Zusammenbruch des Westens, aber auch auf die Bedrohungen, die durch den Terrorismus geboten werden. Mir scheint der einzige, der diesem Augenblick tut, ist der französische Präsident Emmanuel Macron. Ich fand es eine große Geste, das Macron gleich am Dienstag morgen als Reaktion auf das Wiener Attentat zu österreichischen Botschaft ging und sich da in eine Kondolenzliste eintrug. Dies war nicht nur eine humanistische Geste, sondern auch ein politisches Bekenntnis dazu, dass der islamistische Terrorismus uns alle treffen will und wir gemeinsam zu begegnen haben. 

Ähnlich hat dies Macron bereits in seiner kürzlich gehaltenen Rede zum Seperatismus ausgeführt. 

An diesem Morgen kann man in seinen Überlegungen auch einen Kommentar zu den amerikanischen Verhältnissen sehen. Auch dieses ist eine seperatistische Gesellschaft des Nebeneinanders verschiedener Identitätsgruppen. 

An diesem Morgen fragt man sich auch, warum man auf die verächtlichen Tiraden des türkischen Präsidenten nicht eine gemeinsame europäische Antwort gibt, sondern Frankreich allein in der Bedrohungslage stehen lässt, und im Übrigen darauf hofft, dass es sich Saudi-Arabien nicht länger bieten lässt, dass der Muslim-Bruder aus Ankara ihnen die Führerschaft der islamischen Welt streitig macht

An diesem Morgen fragt man sich schließlich, wann wir hier das Gleiche erleben, das gerade in Amerika passiert ist, und wo es auch niemand für möglich gehalten hätte: ein deutscher Trump, viele europäische Trumps. Die ersten sind ja schon da.

Wir müssen zu uns, unserer Freiheit und unserer offenen Gesellschaft stehen. Wir müssen jede Art von Identitätspolitik bekämpfen, die Angst vor dem Heterogenen, das Aufspalten und Zersplittern der Gesellschaft in Identitätsblasen und Selbstbestätigungsgrüppchen, die dann institutionell und sprachlich alle jeweils einzeln repräsentiert zu sein haben. Oft genug kommt solche Identitätspolitik unter der Maske der Toleranz, der Diversität, der Herkunft, der persönlichen Erfahrungen und auch des Opferstatus daher. Aber am Ende geht es darum, die Integration, die Unterordnung, die Anerkennung des Anderen, der nicht so ist und denkt und spricht und handelt, wie man selbst, zurückzuweisen. Identität sagt „Ich Ich Ich“. Darauf kann man aber keine Gesellschaft und keine Republik aufbauen. Die Republik sagt: „Wir vielen“, und meint Einheit in individueller Vielfalt. 

Wer einzelne tötet, weil sie „ungläubig“ und „anders“ oder Lehrer und Polizisten und Journalisten sind, der meint dieses Wir vielen, das, was die Gesellschaft und die Republik ausmacht. 

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