15 Minuten Corona-Reflexion von Bertrand Bonello. „Où En Êtes-Vous? Numéro 2“ entstand diesen Sommer. | Foto © Rectangle Productions

Kein Grund zur Panik, wir sind ja Familie oder: Wenn Onkel Jupp und Tante Erna zum Hotspot werden – Apokalyptiker & Integrierte; Gedanken in der Pandemie 78.

Wenigstens zu Beginn etwas sehr Schönes: Eines der schönsten Kinogängererlebnisse des Jahres hatte ich diese Woche in der Retrospektive des Berliner Arsenal zum französischen Ausnahmeregisseur Bertrand Bonello, dessen wunderschöner antikolonialistischer Essayfilm „Zombi Child“ gerade in den Kinos läuft.

„Où En Êtes-Vous? Numéro 2“ entstand diesen Sommer, eine Selbstreflexion in Form eines 15-minütigen Briefs an seine 17-jährige Tochter. Dies ist eine Corona-Reflexion zu neu montierten klaustrophobischen Bildern seiner Filme über Stillstand, Verlust, das Ende der Dinge, die ungewisse Zukunft und geträumte Filmprojekte, aber vor allem eine Ode an die Schönheit. Fazit: Spring always returns. Und There’s always the music!

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Über 10.000 Infizierte. Das ist sehr früh sehr viel. Aber bevor man jetzt vor Angst zu schlottern beginnt, und sich in seinem inneren Lockdown zurückzieht, sollte man vorerst einmal gelassen bleiben und analysieren. Die Zahlen sind auch deswegen so hoch, weil mehr getestet wird. Die Zahlen sind genau genommen auch immer noch weniger hoch als in den meisten anderen Ländern. Und selbst in den Ländern, in denen die Zahlen am höchsten sind, sind die allermeisten Menschen vollkommen gesund und noch nicht mal angesteckt. Insofern kann man es erst mal das Wochenende abwarten. 

Aber die Zahlen steigen stark, da gibt es auch nichts herumzureden.

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Wie viele Menschen gibt es, die auf die Ausgehbeschränkungen und die erzwungenen Lokal-Schließungen ab 23 Uhr damit reagieren, dass sie sagen: Dann müssen wir uns halt früher betrinken? Wie viele Menschen gibt es, die nicht legale Raves und Partys feiern? Wie viele Polizisten gibt es, die wirklich kontrollieren können, dass entsprechende Beschränkungen eingehalten werden? Und wollen wir das? Wollen wir in einem Land leben, das einem Polizeistaat immer ähnlicher sieht, weil die Polizei zunehmend privateste Verhaltensweisen kontrolliert? Das Privatleben und den Beziehungsstatus von Passanten. Weil die Polizei durch die Gesetzeslage gezwungen wird, in Wohnungen einzudringen? Weil sie gezwungen wird, entsprechenden Denunziationen von Nachbarn oder von einem Haus gegenüber nachzugehen?

Vielleicht muss man umgekehrt verstehen, dass Corona uns auch die Grenzen staatlicher Macht erkennen lässt. Vielleicht müsste man erkennen, dass man an die Vernunft der Bürger nur dann appellieren kann, wenn man diese Vernunft trainiert. Wenn sie nicht vorher bereits abtrainiert hat. 

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Die wahnsinnige Hilflosigkeit der Behörden offenbart sich zum Beispiel darin, dass alle wissen und die Wissenschaftler es bei jeder Gelegenheit bestätigen, selbst dort, wo sie nicht gefragt sind, dass es in öffentlichen Räumen kaum Ansteckungen gibt: Nicht in Kneipen, nicht in Supermärkten, nicht im öffentlichen Nahverkehr, nicht im Restaurants. 

Da mag Jens Spahn auch gelegentlich mal populistisch über Restaurants daher schwadronieren, trotzdem sind diese kein Ansteckungsherd. Dennoch macht man sie zu. Warum? Weil man hier immerhin etwas tun kann, weil man hier Handlungsfähigkeit beweisen kann, weil hier sichtbare Tatkraft möglich ist. 

Denn ansonsten würden die Politiker ohnmächtig und hilflos aussehen. Was sie ja de facto sind. Man kann nichts tun. Das ist traurig und erschütternd, allerdings ist dies eine Erfahrung, die man nicht vermeiden kann, und auf die man sich, wenn man denn wollte und den Mut hätte, auch einlassen könnte. Das passiert aber nicht. Sondern man simuliert Handlungsfähigkeit, wo man doch gerade handlungsunfähig ist, und egal, was man tut, das Geschehen nicht von dem beeinflusst wird, was man tut. 

Wollte man wirklich die Pandemie eindämmen, müsste man einen echten Lockdown verhängen und die Gesellschaft herunterfahren. Dann müsste man die Leute daran hindern, überhaupt das Haus zu verlassen. Wenn die Zahlen weiter so hochgehen, wird genau das geschehen. Die Tatsache, dass Menschen ausgehen wollen, ändert daran nichts. Da kann der „Spiegel“ jeden Tag irgendeinen Text zu „Party-Land Deutschland“ schreiben – es ist irrelevant und interessiert niemanden, und man kann nur hoffen, dass der „Spiegel“ damit auch kein einziges Abo mehr verkauft. 

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Trotzdem redet Söder im Fernsehen weiter wie schon die letzten Tage: „Weniger Alkohol, keine Partys.“ Das betont nur seine Hilflosigkeit. Der Kaiser des Sommers wird im Herbst entkleidet. 

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Es sind immer die finanziell Abgesicherten, die die härtesten Maßnahmen fordern.

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Tatsächlich ist Arbeit von Freizeit überhaupt nicht so zu trennen. Darum spricht man ja von „Freizeit-Industrie“.

Mit Freizeitaktivitäten verdienen andere Leute Geld. Was für die einen Erholung ist, ist für die anderen Arbeit – die sind Selbstverständlichkeiten für uns alle, die wir dies jetzt lesen. Es scheint keine Selbstverständlichkeit zu sein für die, die politisch entscheiden. Es muss aber jedem klar sein, dass man, wenn man ein Kino schließt, ein Theater, wenn man eine Veranstaltung limitiert, wenn man Fußballspiele um ihre Fans beraubt und Restaurants um ihre Gäste – dass man dann nicht nur den Menschen Vergnügen nimmt und Freizeitaktivitäten, in den sie Kraft tanken, um die ziemlich schrottige, ziemlich langweilige Arbeit, die 80 Prozent von ihnen tun (müssen), psychisch überhaupt zu überstehen und so lange durchzuhalten bis sie irgendwann in Rente gehen können. 

Sondern es sind gleichzeitig für viele andere Menschen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, dem Staat nicht zur Last zu fallen, sondern Steuern zu zahlen, mit denen dann wieder zum Beispiel die Lufthansa gerettet werden kann. 

Alles hängt mit allem zusammen – diese Binsenweisheit, die Politiker in ihren Sonntagsreden gerne breittreten, sie wird jetzt wirklich.

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Grüne kritisieren Sperrstunden und Kultur-Lockdown. „Klar ist: Die Komplett-Schließungen von Clubs haben unter Aspekten der Pandemie-Bekämpfung nicht zum erwünschten Erfolg geführt.“ schreibt Sanne Kurz, „Zahlen schnellen nach oben, das Robert-Koch-Institut warnt vor privaten Treffen als den Infektionstreibern. Eine kontrollierte Öffnung der Nachtkultur kann hier Schlüssel zur Lösung sein.“

Jetzt müssen den Worten nur noch Taten folgen.

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Corona: sind die Deutschen echt so ein Partyvolk? Sind die deutschen echt alle Ballermänner? Oder geht’s doch eher um Onkel Jupp und Tante Else? Dort nämlich, bei Familienfesten, finden die tatsächlichen Massenansteckungen statt. 

Kein Grund zur Panik, wir sind ja Familie. 

Genau dazu der Virologe Christoph Specht im DLF.

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Neulich kam die Frage auf, was ich angesichts steigender Zahlen wohl als ein „nicht ganz abgedrehter  Corona-Skeptiker“ denke. 

Als Skeptiker der Maßnahmen (was soll denn ein „Corona-Skeptiker“ sein?) geht es einem erstmal wie den Allermeisten: Traurig, dass die Zahlen hochgehen! Aber kein Grund, sich jetzt in die Ecke stellen und doll schämen zu müssen.

Denn genau besehen hat sich sehr wenig geändert: Seriöse Virologen (keine Corona-Leugner) widersprechen Christian Drosten, und allemal sind sich Virologen und Epidemologen recht uneins, was von der Entwicklung der letzte Wochen zu halten ist, oder freundlicher: „Die Wissenschaft ist wohltuend divers und plural“; vergleiche zum Beispiel Hendrik Streeck und Gérard Krause. 

Dumme Maßnahmen bleiben dumm, weil sie das Hochgehen der Zahlen nicht ändern oder verhindern – Stichwort: Beherbergungsverbot, oder das Verbot für Dönerbuden, nach 23 Uhr Döner zu verkaufen, für Spätis, Kartoffelchips und Milch zu verkaufen, nur weil man nicht genug Polizei hat, um den Spätdienst zu schieben.

Politiker verhalten sich falsch, wenn sie Corona-Bekämpfung zum Parteienwettbewerb machen, und wenn jede zweite Maßnahme von Gerichten kassiert wird; Bürgerrechtseinschänkungen bleiben Bürgerrechtseinschänkungen, auch wenn die Zahlen hochgehen. Daran muss man erinnern. Länder mit noch massiveren Bürgerrechtseinschränkungen und Ausgangssperren haben noch schlechtere Zahlen. 

Folgeschäden für Menschen durch Pandemiebekämpfung bleiben Folgeschäden, auch wenn Zahlen hochgehen, auch daran muss man erinnern. Immense Wirtschaftskosten durch Maßnahmen gehen weiterhin hoch. 

„Jedes Leben zählt“ ist eine freche Lüge, denn jedes Leben zählt sehr unterschiedlich, wenn man Corona mit Toten durch Hunger, Flucht oder Straßenverkehr vergleicht (etwa 200 andere Beispiele könnten genannt werden und wurden es schon).

Last not least: Der schwedische Weg könnte sich im nächste Frühling doch noch als der bessere erweisen, gerade weil hier jetzt die Zahlen hochgehen. Das zahlenmäßig zweitbeste europäische Land nach der BRD ist nämlich – genau: Schweden. 

Ich habe nach wie vor viel mehr Fragen, als Antworten. Deswegen ist das Hauptziel dieser öffentlichen Äußerungen zu Corona, auf Widersprüche der öffentlichen Kommunikation von Politik, Wissenschaft und anderen Entscheidern wie Beratern aufmerksam zu machen, und auf Kritik an augenblicklichen Mehrheitsmeinungen dort, wo sie seriös und begründet ist – also zum Beispiel von Wissenschaftlern und demokratischen Politikern. Aus denen ergeben sich nämlich meine Fragen. 

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Beim Beispiel in Schweden ist die Lage weiterhin kompliziert – was ich mir bei dem Thema wünschen würde, dass man nicht immer schwer Vergleichbares allzu schnell vergleicht. Zum Beispiel gibt es in Schweden zur Zeit fast 6.000 Tote. Das ist relativ viel. Getestet wird ähnlich viel wie in Deutschland, es sind zurzeit etwas mehr Fälle (79.000 gegenüber 70.000 [alle Zahlen im Worldometer]) „aktiv“, aber nur 30 darunter sind „schwere Fälle“ („critical“), in Deutschland 879, also fast 30-mal so viel. Das ist sehr wenig für Schweden, extrem viel für Deutschland – ich weiß nicht, warum, und will es verstehen. Da interessieren mich Erklärungen, nicht Bekenntnisse, in welchem Camp man sitzt. 

Mich würde es sehr freuen, wenn am Ende herauskäme, dass Deutschland alles am Besten macht. Ich bin mir da aber wohl etwas weniger sicher als andere. 

Sollte herauskommen, dass der schwedische Weg schlecht war, dann wäre das für mich kein Grund zur Schadenfreude – ich fürchte aber, dass dann viele (wie jetzt schon recht voreilig) jubilieren würden. Sollte umgekehrt herauskommen, dass alles in Schweden besser war, wäre das doch schön zu wissen, zumal dieser Weg den Alltag der Allermeisten weniger belastet. Ich habe den Verdacht, genau dieses Ergebnis fürchten einige in Deutschland mehr als alles andere, denn das bedeutete ja den Sieg des Hedonismus über die Entsagung. 

Ohgottogott. 

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Wenn wir schon von Zahlen reden: Interessant sind zum Beispiel Zahlen wie die von Saudi-Arabien. Dort gibt es 342.968 Infizierte also annähernd so viel wie in Deutschland, aber nur halb so viel Tote: 5.217.

Auch in Israel, wovon immer die Rede ist von einem Horrorszenario, haben wir 306.503 Infizierte und nur 2.278 Tote. 

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Unabhängig davon ist im Hinblick auf Corona Schweden unsere Zukunft. Denn wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Harte Beschränkungen und Lockdowns bringen gar nichts – das zeigen die Beispiele von Frankreich, Spanien, Italien. Trotzdem: Wer so leben möchte, der soll es bitte tun. Sich zu Hause einschließen und auf einen Impfstoff warten, den es vielleicht niemals geben wird. Aber immer weniger Menschen möchten es. Und das ist auch gut so.

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Das Corona-Risiko wird über die Zeit immer berechenbarer werden. Die Behandlung (wie bei HIV) immer optimaler. Wobei die Gefahr ungleich geringer ist als bei HIV. Die Sicherheit im Umgang damit wird immer größer. Welche Risiken wir mit den derzeitigen Einschränkungen, Geboten, Verboten für die künftige Entwicklung er Gesellschaft eingehen, weiß noch niemand. 

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Gesundheitsminister Jens Spahn konnte man immer schon zugute halten, dass er nicht um Dinge herumredet oder sie in Floskeln kleidet. Was im Augenblick stattfinde, sei „die größte Freiheitseinschränkung in der Geschichte der Bundesrepublik“, so Spahn diese Woche im ZDF. 

Wessen Freiheit da so eingeschränkt wird, das konnte er selbst kurz darauf von einer extrem unsympathischen Seite erfahren. Als die Nachricht von Spahns Positivtest öffentlich wurde, ergossen sich Pöbeleien, Schadenfreude und Häme über den Politiker. 

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Nachdem das Bundeskabinett dann getestet wurde, gab als allererste „Doktor“ Franziska Giffey eine Pressemeldung, dass ihr Testergebnis negativ sei. 

Das wiederum überrascht mich gar nicht: Giffey ist die neue Teflon-Frau der deutschen Politik. Der konnte selbst ihr erschwindelter Doktortitel nichts anhaben. 

Davon wie sich die ehrgeizige SPD-Politikerin selbst vermarktet, gibt bereits das Start-Photo ihrer Website einen guten Eindruck. Einen inhaltlichen Vorgeschmack ihrer kommenden Zeit als regierende Bürgermeisterin von Berlin und Möchtegernkanzlerin gab die Politikerin ebenfalls diese Woche: Verkehrswende Rückwärts, und eine gegen Rot-Rot-Grün und ihren Vorgänger gerichtete Law-and-Order-Politik – sehr freundlich kommentierte die rechtliberale Berliner Lokalzeitung „Tagesspiegel“ diese Woche: „Was Franziska Giffey besser macht als Olav Scholz“.

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Jens Spahn wünschen wir an dieser Stelle erstmal gute Besserung. 

Wenn er wieder gesund ist, kann er uns dann mal erklären, warum er jetzt, Mitte Oktober, bereits unbedingt seine außerordentlichen Kompetenzen für die Zeit nach März 2019 verlängern muss? Hat er gerade keine anderen Sorgen? Zur Erinnerung: In diesem Jahr wurden Spahns Kompetenzen im März in wenigen Wochen für ein Jahr erweitert. Warum sollte das im kommenden Februar oder sogar Anfang März kommenden Jahres nicht wieder möglich sein, wenn man sieht, dass es dann nötig ist?

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Zum Abschluss zwei Fernsehtips, leider, liebe ARD, beide aus der ZDF-Mediathek. Die beste Corona-Diskussion gab es wieder mal bei Maybrit Illner. Am gestrigen Donnerstag, 22. Oktober, hatte sie unter fünf Gästen nur einem einzigen, den Hamburger Bürgermeister und Giffey-PG Peter Tschentscher. Ansonsten vier vernünftige Maßnahmekritiker und Drosten-Ungläubige. Es ging hart in der Sache, aber sachlich im Ton darum, wie der Staat Regeln durchsetzen könnte, und die dazu nötige Akzeptanz herstelle. Echte Akzeptanz, nicht Angst vor Strafe, nicht Frust.

Leider keine Zeit und kein Platz, hier darüber seriös zu schreiben. Genausowenig über Markus Lanz’ Sendung vom Mittwoch, in der der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, tatsächlich Dinge sagte, die er nicht sagen durfte, und die nicht mit Corona-Kasper Lauterbach abgesprochen waren. Jetzt blubbert die Filterblase und fordert seinen Rücktritt.

Vielleicht mehr dazu das nächste Mal.

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Meine Wochenend-Lektüre bis dahin: Der neue Don DeLillo. Eine schöne, gesundes Woche an alle!

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