Venedig zeigt seine Wettberbsfilme im Kino und setzt auf Abstand und Maske. Das älteste Filmfestival der Welt ist somit das erste der ­großen A-Festivals, das der Pandemie trotzt. Was aber keine Hoffnung schüren soll soll, dass nun die anderen automatisch folgen. | Screenshot

Der Urlaub der Anderen und der Ast, auf dem wir alle sitzen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 72.

„There are no second acts in american lives“
F. Scott Fitzgerald

 

Willkommen zurück, liebe Leserinnen und Leser! Ich hoffe, Ihr habt den Sommer gut überstanden. Es war ein kurzer Sommer, und es war ein wilder Sommer, und wenn wir nicht auch mal froh gewesen wären, ein bisschen Urlaub zu machen, dann hätte man sehr gut auch weiterhin täglich einen Pandemie-Blog machen können, und sei es nur über den Urlaub der Anderen. Das Urlaubsverhalten der Deutschen, aber auch des Urlaubs-Reaktionsverhalten der deutschen Politiker, ist ein Kapitel für sich, und Thema für mehr als einen Blog.

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Bevor ich aber wieder mitten hineinspringe in unser Thema, nochmal einen Schritt zurück: Wir sind wieder da – aber ich für meinen Teil bin in den nächsten vier Wochen noch ein bisschen eingeschränkt wieder da. Nämlich nur mit einem einzigen wöchentlichen Text mit meinen „Gedanken in der Pandemie“. Das hat einfache praktische Gründe. Zur Zeit befinde ich mich nämlich auf dem Lido in Venedig – ein sehr schöner Ort, an dem ich sehr gerne bin. Hier findet das erste halbwegs normale Filmfestival seit der Pandemie wieder statt – gleich eines der ganz Großen: Das älteste Filmfestival der Welt. Natürlich unter diversen Auflagen und Pandemie-Beschränkungs-Bedingungen, die auch im großen Ganzen alle sehr sinnvoll erscheinen. Wie das im Einzelnen und wie gut im Besonderen das funktioniert, habe ich anderenorts vorige Woche bereits beschrieben. Das übers Unmittelbare hinaus für uns alle Interessante daran ist natürlich, dass diese Großveranstaltung unter Pandemie-Bedingungen ein Modell abgibt für alle derartigen Veranstaltungen bis mindestens Ende kommenden Jahres.

Machen wir uns nichts vor: Die Jahre 20/21 werden eingehen als die „Corona-Zeit“. Ich bin nicht sicher, ob zukünftige Forscher unser jetziges Verhalten immer gut verstehen werden.

Machen wir uns nichts vor: Corona hat uns im Griff, auch weil wir zulassen, das es uns im Griff hat, auch weil wir unseren Entscheidern in Politik und Wirtschaft nicht wirklich etwas entgegensetzen, auch nicht entgegensetzen wollen, und weil denen, die es vielleicht doch wollen, nichts einfällt.

Weil Corona ja zwar ein spannendes soziales Experiment ist, aber auch stinklangweilig. Je weniger Angst man vor Corona hat, um so weniger Lust hat man auch, sich mit dem Thema überhaupt zu beschäftigen.

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Unter den Verhaltensweisen, die diese Seuche ausprägt, klumpen sich Menschentypen zusammen. In Italien überwiegen die „machtlosen Pragmatiker“, wie ich sie mal nennen will: Also jene, die eigentlich auch genervt sind, die alles möglichst schnell vorbei haben möchten, aber auch wissen, dass sie gegen Gesetzesvorschriften und Polizeigewalt nichts tun können, und sich deshalb an die Vorschriften halten – nicht beflissen, nicht gehorsamer als gehorsam, sondern pragmatisch. Da wird nicht bei einem Nicht-Maskenträger gleich die Polizei gerufen, oder der innere Blockwart bemüht, sondern ganz freundlich signalisiert: Nun ja, ich finde es auch doof, aber die Maske muss schon auf dem Gesicht sitzen.

Täusche ich mich sehr, wenn ich den Eindruck habe, dass es unter uns Deutschen viel mehr „Corona-Beflissene“ gibt, die in solchen Fällen schnell Schnappatmung kriegen, und in ihrem eigenen Alltag auch noch Schutz-Vorschriften befolgen, die gar nicht existieren?

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Die Hauptsache ist natürlich: Es geht wieder los mit den Filmfestivals, und zwar überraschend normal, und ich bin filmbegeistert und Festivaljunkie genug, um dies total zu genießen. Über 6.000 akkreditierten Gäste geht es ähnlich, fast 100 Filme laufen in Venedig, und darum habe ich alle Hände voll zu tun. In der kommenden Woche geht dann gleich das nächste Festival los, im baskischen San Sebastian. Auch dort werde ich vor Ort sein und berichten – aus diesem Grund gibt es bis Anfang Oktober hier nur einen wöchentlichen Text. Danach bestimmt wieder häufiger, und vielleicht lassen wir uns auch noch ganz andere Dinge einfallen?

Für all all diejenigen, die bis dahin gar nicht genug kriegen können von meinen Texten, empfehle ich die Berichterstattung von den jeweiligen Filmfestivals, die sogar zum Teil von Crew United verlinkt wird.

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Kurz konnte man den Sommer genießen. Das war schön – allerdings: Ist es nicht erstaunlich, wie leichtfertig und unvorbereitet sich unsere Behörden verhalten? Bitte jetzt nicht die Leier, wie toll Deutschland das mit der Pandemie doch alles … ja, ja, ja!

Aber dann erst recht: Hätte man nicht die Schulöffnung besser vorbereiten können? War ja lang genug Zeit. Und die Urlaubsrückkehrer? Und den Mangel an Corona-Tests in den Krankenhäusern?

Sogar ich habe in der letzten Folge vor der Sommerpause geschrieben: Wenn wir uns hier wiederlesen, wird die zweite Welle schon da sein oder bald bevorstehen. Da hätten Jens Spahn und die Länderminister auch drauf kommen können.

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Ein Bekannter, von Beruf Schauspieler, schreibt sarkastisch bis verzweifelt: Mein aktueller Corona-Job heißt Rentner auf Probe. Probe heißt: Ohne Geld oder Aufträge, aber viel Stress mit Einkäufen.

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Eine Freundin sagte mir gestern am Telefon: „Ich finde es so schlimm, dass man jetzt sofort mit den Nazis in einen Topf geworfen wird, wenn man Corona-Maßnahmen kritisiert. Sie ist weder Corona-Leugnerin, noch neigt sie zu Verschwörungstheorien. Sie ist einfach Mutter von zwei Kindern, die in Bayern schulpflichtig sind. Der eine Sohn geht in die Grundschule und hat Ganztagsunterricht, der andere geht auf das Gymnasium und darf dort nur halbtags hin, weil für die nächsten Wochen auch während des Unterrichts Maskenzwang herrscht – was zwar Filmkritikerin in Venedig, aber keinen schulpflichtigen Pubertierenden zugemutet werden soll.

Dafür hat der Grundschüler keinen Maskenzwang im Unterricht, aber auf dem Posenhof, wo das Ganze von einem Schul-Direktor ohne jede Maske mit eiserner Faust durchgesetzt und kontrolliert wird – obwohl alle Eltern und erst recht die Kinder wissen, dass die selben Kinder dann nach der Schule ohne Maske zusammen spielen.

So sägt der Staat jeden Tag ein bisschen an dem Ast, auf dem er sitzt (und wir alle), indem er Grundsatzzweifel an der Vernunft institutionellen und staatlichen Handelns sät. Er macht aus einigen der Kinder kleine Anarchisten und Antifa-Mitglieder, zieht aber auch kleine Hygiene-Demonstranten heran, die schon deshalb demonstrieren, um die Beflissenen zu ärgern. Und vor allem einen Schwarm von jungen Menschen, die Politiker, Beamte, Lehrer und Gesundheitsexperten samt und sonders für Vollidioten halten, die ihnen mit ihrem Gebaren Jahre der Kindheit versaut haben.

Die Freundin fragte auch noch: „Wo gibt es denn eigentlich linke Stimmen gegen dumme Maßnahmen?“ Gute Frage. Wir werden suchen.

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Vergessen wir nicht: Bayern ist mit großem Abstand das durchseuchteste Land der Republik. Weil der bayerische Ministerpräsident aber schon gerne Kanzlerkandidat wäre, spielt sich Markus Söder weiterhin auf Pressekonferenzen so auf, als hätte er die Corona-Bekämpfung erfunden.

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Die Tatsache, dass Cassandra recht hatte, heißt nicht, dass jeder Pessimist Recht hat oder jede Frau.

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Die Infektions-Zahlen in Deutschland sind weiterhin sehr gut. Trotzdem schlug irgendwann die Stimmung um, weil es mehr und kleinere „Cluster“ gab, weil der Urlaub Folgen hatte – auch wenn die von allen erwartet und vorhergesagt wurden.

Vor allem scheint mir, hat man die Dinge schlechtgeredet, und (ob mit Kalkül oder aus Dummheit, im Zweifelfall aus beiden Gründen zusammen) bei den Bürgern Unsicherheit verbreitet. Wieder einmal sind daran vor allem „die Medien“ schuld. Denn dort arbeiten überdurchschnittlich viele Menschen, die überdurchschnittlich viel materiell zu verlieren haben, und deswegen auch überdurchschnittlich zur Angst neigen.

Ich unterstelle hier niemandem böse Absicht, aber ich finde Verhalten und Redeweisen vielen Kollegen hysterisch. Wie das geschieht, dafür bot die Moderatorin Petra Gerster in der „Heute“-Sendung vom 3. August ein gutes Anschauungsmaterial. Es waren jene zwei Wochen, als die Zahlen mal kurz schnell hochgingen. Gerster moderierte kommentierend: „… hat es nun auch die erste Großstadt erwischt.“ Statt nüchtern zu beschreiben: „… hat es nun auch eine Großstadt erwischt“, behauptet Gerster, was sie nicht wissen kann: Dass es weitere Großstädte erwischen wird.

Für sich genommen unwichtig. Aber an einem kleinen, subtilen Detail das Beispiel dafür, wie in den Medien Ungesagtes und wahrscheinlich sogar Unbeabsichtigtes mitgesagt wird.

So macht man Stimmung, so schürt man Angst.

Bisher hat es übrigens keine Großstadt „erwischt“.

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Der kurze Sommer der Pandemie ist vorbei. Es kommt der lange Herbst. Wir halten zu Euch!

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