Überwachen und schlafen: Die Entpowerungs-Gesellschaft und ihre Wächter: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 69.

„Die gegenwärtige Gleichgültigkeit im Umgang mit der Privatsphäre lässt ahnen, wie Staat und Konzerne in Zukunft über uns verfügen werden, sollten wir Ihnen erlauben, noch umfassendere Instrumente der Kontrolle einzuführen. Dann wird es allerdings zu spät sein zum Widerstand.“
Juli Zeh/Ilija Trojanow: „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“

„Am Sport fällt zunächst die extreme Reduktion weiterreichender Sinnbezüge auf  […] vielmehr scheint sich der Körper geradezu als als Fluchtpunkt der Sinnlosigkeit zu eignen, wenn er nicht in der puren Faktizität beharrt, sondern unter dem Gesichtspunkt von Sport zum Ausgangspunkt einer eigenen Sinnsphäre dient. Der Sport braucht  […] keine Ideologie.  […] Er präsentiert den nirgendwo sonst mehr so recht in Anspruch genommenen Körper. Er legitimiert das Verhalten zum eigenen Körper durch den Sinn des Körpers selbst.“
Niklas Luhmann: „Soziale Systeme“

„Ich bin in Partystimmung geh mir aus dem Weg./
Ich feier, ich pöbel, ich spring durch den Club und dreh ab./
Ich bin ein braves Mädchen, aber nicht heute Nacht.“
Kitty Kat: „Braves Mädchen“

 

Wer profitiert davon, wenn Bürger gesund leben? Natürlich die Bürger, möchte man antworten. Aber nicht sie allein. Mindestens genauso, vielleicht sogar noch mehr, profitieren davon die Krankenkassen, die Arbeitgeber, die Versicherungen, und der öffentliche Gesundheitshaushalt. Freilich müsste man in diese Rechnung auch die Kosten der Rentenzahlungen miteinberechnen. Trotzdem gilt einstweilen: Ein kranker Mitarbeiter oder ein kranker Versicherter ist teurer, als ein gesunder. 

Daher kommt es – nicht in erster Linie, weil andere um unser eigenes Wohl besorgt sind – daher kommt es, dass uns Fitness-Tracker und Gesundheits-Apps angedient werden, dass uns (natürlich immer ganz freundlich und immer ganz freiwillig, wenn auch in sanft mahnender Form) nahegelegt wird, wir sollten doch freiwillig unsere Werte zur Verfügung stellen, ins Internet vielleicht, wir sollten uns freiwillig checken lassen, wir sollten noch diesen oder jeden Check-up machen. Millionen Bürger verwandeln sich mehr und mehr in gläserne Menschen, die auf Schritt und Tritt beobachtet werden.

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Ist diese Formulierung jetzt übertrieben? Wer von Euch das wirklich glaubt, kann sich ja mal die Mühe machen, und sich ein bisschen umhören, was unsere Freunde von der Apple-Kirche so treiben. 

Der Markt rund um Fitness-Apps explodierte schon vor Corona regelrecht. Das Unternehmen Apple gehört auch hier (neben anderen Anbietern) zu den innovativsten auf dem Markt. Seine App wird jedem Nutzer des mobilen Apple-Betriebssystems IOS aufgezwungen. Apple stellt dieses Programm selbstbewusst auf seiner Internetseite vor: „Das könnte eine echte Gesundheitsrevolution werden.“ Hey Mann, Apple, Du bist ja voll revolutionär, ey. 

„Dies Apple-App interpretiert kontinuierlich unseren aktuellen körperlichen Status: Herzfrequenz, verbrannte Kalorien, Blutzucker, Cholesterin – auch andere Gesundheits- und Fitness-Apps erfassen Daten unterschiedlichster Art. Sie sind mit einem Tipp verfügbar und zeigen übersichtlich den aktuellen Stand deiner Gesundheit. Du kannst auch eine Art Notfallpass erstellen. Der enthält wichtige Informationen wie deine Blutgruppe oder Angaben zu Allergien.“

Es geht schon damit los, dass die App uns duzt. 

Hier haben wir gleich schon im Kopf die Stimme eines uns nahestehenden Familienmitglieds oder die Stimme einer Lehrerin, einer Kindergärtnerin. Alleine durch das Duzen werden wir nicht empowered, sondern entpowered.

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Ich möchte behaupten, dass auch die Corona App, und dass auch die deutsche Debatte über das Maskentragen – die Maske, die euphemistisch immer gerne „Mundschutz“ oder „Mund- und Nasenschutz“ genannt wird, statt Maske, wobei uns doch im gleichen Moment eingebläut wird, wir würden damit nicht in erster Linie und selbst, sondern vor allem andere schützen. Womit die Maske dann wenn überhaupt in erster Linie ein Mund- und Nasenschutz für die anderen ist – die deutsche Debatte über Maske und Corona-App ist jedenfalls auch eine Debatte darüber, uns, die tendenziell stärker als andere Nationen an Datenschutz interessiert sind, die tendenziell lieber Bargeld benutzen, als bargeldlos zu bezahlen, uns, also das störrische widerwillige Volk ein bisschen zu gewöhnen an die Schöne Neue Welt der Apps, des bargeldlosen Bezahlens, des berührungslosen sozialen Miteinanders, des Social-Distancing-Sex und so weiter und so weiter.

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Ich habe ja vor ein paar Wochen geschrieben, dass ich mir die Corona App auch installiert habe. Warum habe ich das eigentlich getan? 

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist der Grund einmal eine gewisse Neugier, wie das funktioniert und wie es mit dieser App wohl ist. Zum anderen ist der Grund gewesen, dass ich die Debatten mit einigen mir Bekannten, ob man eine solche App man haben sollte oder nicht, auf ein Minimum reduzieren wollte, und dass ich diese „Wie Du hast keine App?“-Diskussionen überhaupt nicht erst aufkommen lassen wollte. Der dritte Grund ist der, dass ich mir vorgestellt habe, dass man früher oder später irgendwo nicht herein kommt wenn man nicht den Besitz dieser App nachweisen kann, das einem irgendeine Tür verschlossen bleibt ohne App und ohne die schöne grüne Farbe auf der App, mit dem schönen Satz „niedriges Risiko“.

Der eigentliche Grund sind also Faulheit und Angst. 

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Ich finde es auch sehr hübsch, dass da in der App von „niedrigem Risiko“ die Rede ist. Nicht etwa „gar kein Risiko“ oder zeitlich einschränkend „bisher kein Risiko“ oder sachlich einschränkend „bisher kein nachgewiesenes Risiko“. Auch so hätte man es formulieren können. Hat man aber nicht. Tatsächlich steht dort eben „Niedriges Risiko“ – was nichts anderes sagt, als dass ein bisschen Risiko eben immer dabei ist. Zumindest, wenn man die App hat. Die App ist also genau genommen die staatlich empfohlene ständige Erinnerung daran, dass wir riskant leben. Eigentlich etwas sehr Gutes. Wäre es doch nur so, dass wir in anderen Zusammenhängen genauso denken und empfinden würden! Das tun wir aber nicht. Uns wird im Gegenteil gemeinhin gern suggeriert, das Leben sei komplett risikolos, und jetzt hier wird umgekehrt mit der App das Risiko in den Alltag eingeführt – um uns zu disziplinieren, will mir scheinen.

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Neulich traf ich eine Freundin, und ganz zufällig kamen wir darauf, dass wir beide während der Zeit von Lockdown („der ja keiner war“, Anne Will) und Ausgangssperren („Ausgangsbeschränkungen“, Jens Spahn) Juli Zehs „Corpus Delicti“ gelesen haben. Das war natürlich durch die öffentlichen Verhältnisse motiviert, schließlich ist das Buch schon über zehn Jahre alt. 

Nicht wahnsinnig gut geschrieben, also literarisch enttäuschend, aber inhaltlich um so interessanter: Denn der Roman skizziert eine Gesundheitsdiktatur in naher Zukunft, in etwa 40 Jahren in Deutschland. Bereits heute essen wir Bio, verbringen die Mittagspause im Fitnesscenter und glauben, viel Schlaf wäre gesund für den Körper. Juli Zeh geht in ihrem Roman noch ein paar Schritte weiter. Er handelt vom Gesundheitswahn und seinen Folgen. 

Der Roman präsentiert eine Überwachungsgesellschaft, die darauf abzielt, jedem einzelnen möglichst langes störungsfreies „gesundes“ Leben zu verschaffen. Dieses Leben wird allerdings gekennzeichnet als frei von Schmerz und Leid. Der so gesunde Körper wird im Roman als Gipfelpunkt der Menschheit stilisiert.  Der Körper ist alles, der Geist ist nichts.

Der gläserne Mensch ist in dieser Welt an der Tagesordnung. Zu den Pflichtaufgaben der Bürger gehört Sport, gehört ein Schlafbericht, ein Ernährungsbericht, Blutdruckmessung und Urintest. Wer diese Aufgaben vernachlässigt macht sich strafbar. 

Öffentlicher Rufmord und soziale Kontrolle sind die Mittel dieses Staates, um die Bürger zu disziplinieren. Folter und Scheintod durch Einfrieren als Höchststrafe ebenso, aber auch die Manipulation von Zeugenaussagen und Geständnissen und die Verweigerung der Meinungsfreiheit für Verdächtige – alles das sind Methoden. „Hilfe“ wird zwar so genannt, ist aber tatsächlich keine sondern ein benevolenter Zwang.

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Mir kommt es Szenario von Juli Zehs Roman überaus wahrscheinlich vor. Plausibel, und eine exakte Hochrechnung unserer Verhältnisse.

Ein Beispiel dafür: In der Welt von „Corpus Delicti“ sind Zigaretten verboten. Und wer raucht, kann wegen Missbrauchs toxischer Substanzen vor Gericht kommen. Das ist nicht anderes, als was heute schon passieren kann, wenn man Haschisch raucht oder gewisse andere Substanzen zu sich nimmt, die vom Gesetz „Drogen“ genannt werden. Vielleicht sollte ich euch diesen Zusammenhang daran erinnern, dass auch Kokain einmal legal war. Diejenigen die „Berlin Babylon“ gesehen haben, wissen das. Das beweist nicht, dass es ungefährlich ist, sondern wie relativ unser Begriff von „Gefahr“ ist. Kokain war eine ganz normale medizinische Substanz, die von den Ärzten in bestimmten Fällen ihren Patienten verschrieben wurde. Jeder wusste schon damals, das Kokain auch gewisse Gefahren beinhaltet. Dieses Wissen führte aber nicht dazu, dass man es verboten hat. 

So wissen wir auch, dass Nikotin gewisse Gefahren beinhaltet. Was hindert uns also, Nikotin nicht mehr nur als eine gefährliche Substanz und legale Droge zu bezeichnen sondern sie für illegal zu erklären? Was hindert uns, irgendwann Zigaretten grundsätzlich zu verbieten und nicht nur sozial zu ächten? Diese soziale Ächtung der Zigaretten haben alle von uns, die älter sind als 30, erleben und beobachten können. Sie hat die Gesellschaft noch nicht total durchdrungen, was auch daran liegt, das die Älteren und Mittelalten noch die Zeiten kennen, in denen das Zigarettenrauchen nicht gefährlich und asozial, sondern cool war. Und es liegt daran, dass heute Zigarettenrauchen einen gewissen Widerstandsflair hat. Trotzdem glaube ich, dass auf die Dauer Zigarettenrauchen mindestens so uncool werden wird, wie Kokain-nehmen, auch wenn wir alle wahrscheinlich Leute kennen, die auch das tun. Wir alle wissen, dass auch Alkohol und Kaffee und Koffein in bestimmten Mengen und unter bestimmten Umständen gefährlich sind, dass sie abhängig machen können und dass wir unserer Gesundheit nicht nur Gutes sondern auch Schlechtes tun. Was macht uns so sicher, dass nicht eines Tages auch Alkohol und Koffein verboten werden? Was macht uns so sicher, dass die Welt von „Corpus Delicti“ eine Fiktion ist, eine Dystopie und nicht die Realität von morgen?

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Zum Umgang mit Drogen könnte man noch anmerken, dass jede Gesellschaft legale und illegale Drogen kennt. Und das es vor allem etwas über die Gesellschaft aussagt, welche Drogen legal sind und welche illegal. 

In unserer Gesellschaft sind Drogen dann meistens legal, wenn sie Leistung fördern, wenn sie tendenziell aufputschen. Drogen sind dann illegal, wenn sie „schwach“ machen und Leistung hemmen. Man würde wohl sagen, dass die Wirkung beim Alkohol ambivalent ist, und man gestattet den Alkohol auch deswegen, weil wir der Ansicht sind, dass Alkohol entspannt, und dass man ein bisschen Entspannung nach der harten Arbeit braucht – um dann am nächsten Morgen umso besser wieder Leistung erbringen zu können. Aber vielleicht sollten wir uns noch mal daran erinnern, dass in den 50er-, 60er-Jahren genauso über Zigaretten geredet wurde: Zigaretten entspannen; Zigaretten können die Leistung fördern; mit Zigaretten kann man besser und konzentrierter seine Arbeit erbringen. 

Wer erinnert sich noch ans HB-Männchen? „HB entspannt und schmeckt.“

Aus meinen persönlichen Selbstversuchen kann ich sagen: Unter bestimmten Umständen kann ich tatsächlich mit Zigaretten besser schreiben. Vielleicht ist es nur eine Einbildung, vielleicht aber auch medizinisch erklärbar, dass Zigaretten Konzentration fördern. Aber selbst wenn es nicht so sein sollte – was spricht ernsthaft dagegen, dass ich so viele Zigaretten rauche, wie ich will, wenn ich mich selbst dafür entscheide? Doch nur zwei Dinge: Entweder schade ich dabei irgendwelchen anderen, also der Gesellschaft, dem Staat, den Institutionen, den Firmen, die dann irgendetwas für mich bezahlen müssen, was sie nicht bezahlen müssten, wenn meine Gesundheit nicht derart geschädigt wäre. Oder zweitens: Ich schade mir selbst und bin aber nicht mündig genug, um darüber frei entscheiden zu können. Oder ich bin sogar geisteskrank, denn kein normaler, vernünftiger Mensch schadet doch sich selber. Oder? 

So auf die Spitze getrieben lauten lautet all das, was in dem einfachen Satz „Zigaretten sind schlecht“ oder „Rauchen schadet ihrer Gesundheit“ verborgen ist. Juli Zeh legt solche Implikationen frei.

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In unserer Gesellschaft, wie auch in „Corpus Delicti“, gewinnt Sport eine immense Bedeutung: Sport ist zu einem allgegenwärtigen Wegbegleiter der Menschheit geworden, eine fleischgewordene Weltreligion. „Fit for Fun“ ist ein Schlagwort, das uns auf Schritt und Tritt begleitet; ein gut durchtrainierter Körper verspricht Vitalität und Gesundheit. Das ist tatsächlich etwas Neues. Der Körper als Mittel und zugleich Zweck der Religion der Moderne Einer Religion, die den Körper anbetet, dem Körper huldigt, und zwar nicht dem Körper wie er ist, sondern dem Körper, wie er sein könnte – als Ideal. Der Gottesdienst ist die alltägliche Arbeit am Körper. Es ist interessant, dass hier die Fitness des Körpers, nicht etwa Fun und der Spaßaspekt im Zentrum stehen – so wie eben bei den Gladiatorenkämpfen im alten Rom: Wir schauen uns das an, wir bangen um unser Team oder unser Idol und haben Spaß dabei, anderen dabei zuzusehen, wie sie sich abmühen. Aber das wird verachtet: Die gleichen Leute die sich während der Corona-Zeiten gegen die Wiederaufnahme der Bundesliga, also gegen die Wiederaufnahme eines Unterhaltungs-Betriebs gewandt haben, und die all jene schief anschauen, die wieder „jetzt schon?“ ins Kino gehen, sind die Puritaner, die nichts anderes wollen, als ihren Körper stählen und körperlich gesund bleiben. 

Man müsste tatsächlich einmal überprüfen, wie das Verhältnis der Bundesliga-Wiederaufnahme-Feinde gegenüber den Gesundheits-Aposteln, Zuhause-bleib-Verteidigern und Masken-Zwang-Apologeten aussieht: Ich glaube dass besonders fanatische, also gegenüber Andersdenkenden übergriffige Vertreter der Gesundheitsfraktion auch besonders fanatische Gegner der Bundesliga-Wiederaufnahme sind. Sie wollen Fitness, aber kein Fun.

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Das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen wird immer schlimmer. In der Sommerferienzeit ballen sich auch in diesem Jahr die Wiederholungen. Ansonsten dehnt man bewährte Kurzformate in Abendlänge und 

So gibt es jetzt „Bares für Rares“ auch noch als Abend-Show. Und wenn mal kein Krimi läuft, dann Rosamunde Pilcher und ähnliches. 

Und dann gibt es, gewissermaßen als Talk-Show-Surrogat, noch die ritualisierten „Sommerinterviews“.

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ZDF-Sommerinterview mit Markus Söder: Zwei Drittel der Deutschen findet, Söder sei „Kanzler-fähig“. Das heißt ja noch nicht, dass sie ihn auch zum Kanzler wählen wollen. Söder zeigt sich bild-bewusst, er will in der Kaiser Residenz von Nürnberg interviewt werden, aber nicht in seiner alten Schule. Begründung: Die lag neben einem Gefängnis und der Charme „erschließe“ sich ihm nicht. 

Söder sagt auch sonst alles Mögliche, über das man streiten kann. Zum Beispiel: Andreas Scheuer solle Verkehrsminister bleiben. Und: „Die Polizei, das sind die Guten.“

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Zwei bis drei Jahre dauert die Ausbildungszeit zum Polizisten. Man kann sagen: Das ist eine normale Ausbildungszeit. Aber Polizisten sind ja keine Metzger- oder Klempner-Gesellen; sondern Polizisten haben einen sehr speziellen Beruf. Sie müssen nicht nur eine Waffe gebrauchen können, sie müssen auch beurteilen können, wann es richtig ist, eine Waffe zu gebrauchen, wann es der Situation sachlich angemessen ist und moralisch angemessen. Sie müssen Grundkenntnisse in der Rechtsordnung haben, und zwar nicht nur in der Paragraphen-Reiterei, die jeder Spießbürger auf seinem Kissen am Fenster beherrscht, sondern in der Beurteilung und der inneren Einschätzung einer Rechtsordnung.

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Daran hapert’s offensichtlich. Das zeigen die Debatten um die deutsche Polizei, die derzeit stattfinden. Das zeigt die Tatsache, wie es über Jahre rechtsextremistische Mails aus Polizeikreisen gibt, die in Drohungen gegen Anti-Nazi-Aktivisten münden, ohne das das Folgen hat. Gerade in Hessen, wo Neonazis in Kassel einen CDU-Landrat ermordeten, und in Hanau mehrere deutsche Bürger ohne öffentliche Funktion.

Gerade in Hessen, dem Land in dem Björn Höcke beamteter Geschichts-Lehrer war. Gerade in Hessen, wo die CDU Jahrzehnte vom Spitzenfiguren wie Alfred Dregger und Roland Koch geprägt war. 

Das zeigen auch die Krawalle in Stuttgart und Frankfurt, die wir hier nicht schönreden wollen, obwohl sie bestimmt auch etwas mit Corona zu tun haben, aber eben auch mit einer Polizei, die auf allerlei Augen blind ist, auf anderen übersensibel reagiert.

Eine großartige, weil empörende Sendung konnte man dazu heute im Deutschlandfunk in der Reihe „Kontrovers“ hören: „Die Polizei: Dein Feind oder Helfer?“ – so lautete der schöne Titel der Sendung. Die Einladungspolitik des Senders war miserabel, weil man mit dem CDU-Innenpolitiker Michael Kuffer und mit Jörg Radek, Vizevorsitzendem der Gewerkschaft der Polizei, gleich zwei Betonköpfe in Sachen Polizei-Verteidigung eingeladen hatte, aber mal wieder keinen Oppositionsvertreter. 

Nur, wie Betonköpfe so sind, waren Radek und Kuffer auch arg beschränkt in ihrem Auftritt. Da fielen dann mit Bezug auf Frankfurt Bemerkungen wie: „Warum wir da jetzt deeskalieren sollten? – die Polizei hat doch hat da doch nichts eskaliert.“

Und der Gewerkschaftsvertreter lehnt eine Rassismusstudie bei der Polizei zuerst mit dem Argument ab, man dürfe keines Berufsgruppe herausgreifen, weil das bereits unterstelle, es gebe ein spezifisches Problem – mit diesem albernen Argument könnte man jede Studie ablehnen, zum Beispiel auch eine Diversitätsstudie in der Filmbranche. 

Dann kommt noch der „Einwand“: Wodurch sei denn belegt, dass die Polizei ein strukturelles Rassismusproblem habe? Umgekehrt müsste man auch fragen, wodurch ist denn belegt, dass die Polizei kein strukturelles Rassismusproblem hat? Durch die Studie offenbar nicht, denn vor der hat ja die Gewerkschaft der Polizei Angst.

Moderatorin Christine Heuer war ausgezeichnet und stellte immer wieder die richtigen Fragen. 

Sollte man wirklich nachholen. 

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Die Polizei hat nichts gelernt, das zeigen auch die Reaktionen „auf Frankfurt“: Defensiv und ignorant. In den Heute-Nachrichten kommentiert der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill folgendermaßen (Text gekürzt von der TV-Redaktion, nicht von mir): „Das hat mit den letzten Wochen zu tun. Das ist sozusagen der traurige Höhepunkt. Das hat mit den Rassismus Vorwürfen zu tun. Mit dem Rechtsextremismus Vorwurf, aber auch mit den Vorwürfen zum Thema Polizeigewalt, was von den USA 11 nach Deutschland übertragen wurde. Was einfach unsäglich ist.“

Was sollen wir aus diesem Kommentar lernen? Sind also die Vorwürfe schuld oder ist vielleicht doch die Tatsache schuld, dass es Polizisten gibt die tatsächlich rassistisch sind und das es offensichtlich Rechtsextremisten in der hessischen Polizei gibt – mindestens dort.

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Der Polizeipräsident sollte sich vielleicht fragen, warum es zur Solidarisierung der normalen Bürger mit den Schlägern kommt? 

Seine Erklärungen sind armselig. Aber sie passen ins Bild: Ich bin selber bei und in Frankfurt aufwachsen, ich weiß noch, wie man dort früher Demonstranten zusammengedroschen hat – wir erinnern uns noch an die Startbahn-West-Krawalle, wir erinnern uns auch noch an die Anti-NPD-Demonstration im Herbst 1985 als der Demonstrant Günter Sare von einem Polizei-Wasserwerfer totgefahren wurde. 

Aber in einem Land in dem „Antifaschismus“ und „Antifa“ immer noch ein Schimpfwort sind, oder mindestens unter Extremismus Verdacht stehen, darf einen auch das nicht wundern. 

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Es ist auch hier wieder sehr leicht, sich über die USA zu erheben, wo in Sachen Polizei alles angeblich viel schlimmer ist, und seine privaten – ich habe so etwas auch – anti-amerikanischen Vorurteile zu pflegen. Aber wo ist in Deutschland eigentlich der Film über Polizeikorruption? Wo ist in Deutschland der Film über Polizeigewalt? Wo ist in Deutschland der Film, in dem die Polizisten als Säufer, als Depressive, als Schläger, oder als Familiengewalttäter gezeigt werden? 

In den USA gibt es Legionen solcher Filme. Nicht alle gut. Aber immerhin Polizei-kritisch. 

In Deutschland gibt es sie nicht. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass wir solche Probleme gar nicht haben, weil unsere Polizisten alle superkorrekt sind. 

Manchmal werden Schattenseiten trotzdem immerhin angedeutet, in Nebenfiguren unserer Fernsehkrimis. Ins Zentrum gerückt werden sie aber er in den Kriminalfilmen des Fernsehens, die aus dem Ausland kommen, aus Skandinavien z.b. oder aus England. 

Aber die harte Abrechnung mit der Polizei, die grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Polizisten-Beruf, die in den 60er, 70er Jahren in französischen und italienischen Filmen gang und gäbe war, die gab es schon damals im Deutschen Kino nicht. Und wenn im Fernsehen einmal einer ein negativeres, ein auch nur moralisch ein bisschen von der Norm abweichendes Bild verkörperte, wie der „Zollfahnder Kressin“, von Sighardt Rupp gespielt, in einigen wenigen „Tatort“-Folgen – dann wurde er abgesetzt, weil er für die moralische Mehrheit der Deutschen nicht tragbar war. Oder es gab lange Diskussionen, alleine über die Tatsache, dass ein deutscher Beamter derart unrasiert war, wie Schimanski und eine Schmuddel-Jacke tragen konnte. „So etwas gibt es nicht“ – das erzählte damals die Gewerkschaft der Polizei. Dass ein Polizist flucht, das gibt es nicht. 

Und so erzählen heute die Polizeigewerkschaften wieder von all den Dingen, die es nicht gibt in der deutschen Polizei, die allenfalls mal Einzelfälle sind. 

Und solange all dies immer nur Einzelfälle sind oder Fantasiegespinste einiger Hirnverbrannter, solange dies alles nur Verleumdungen sind, Beschimpfungen der guten braven Ordnungshüter, Legenden über Sachen, die es nicht gibt – solange wird sich an der Realität der deutschen Polizei überhaupt nichts ändern. Und so lange wird das in den letzten Jahrzehnten gewachsene Misstrauen gegenüber der Polizei bleiben,  solange wird sich nichts ändern, und so lange werden Ereignisse wie Stuttgart und Frankfurt –  die wir hier, das sei noch mal gesagt, keinesfalls verteidigen möchten, die wir hier auch nicht mal mit klammheimlicher Freude sehen – solange wird es solche Ereignisse aber geben. Und verstehen, warum es sie gibt, das tue ich sehr wohl.

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