Die erste Corona-Serie ist auch schon in Entwicklung. Sie soll von einem Covid-19-Ausbruch in einer großen Fleischfabrik erzählen. Originell!

Corona-Serien, Diversity-Check, Buchtips: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 65.

„All inferences from experience suppose, as their foundation, that the future will resemble the past, and that similar powers will be conjoined with similar sensible qualities. If there be any suspicion that the course of nature may change, and that the past may be no rule for the future, all experience becomes useless, and can give rise to no inference or conclusion. It is impossible, therefore, that any arguments from experience can prove this resemblance of the past to the future; since all these arguments are founded on the supposition of that resemblance.“
David Hume: „An Enquiry Concerning Human Understanding“

 

„Husten und niesen Sie in die Armbeuge.“ Das sagt mir der „Münchner Verkehrs Verbund“, weil sie dort offenbar nicht glauben, dass ein erwachsener Mensch, selber weiß, wie er husten könnte. Der Nanny-Staat wird alltäglich. Wie in einem ganz schlechten Science-Fiction. 

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Kleine Erinnerung: Vor vier Monaten, Ende Februar, gab es in Italien die ersten Corona-Fälle. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sagte damals, Corona sei „bei weitem nicht gefährlicher als die Grippe“. Der Charité-Chefvirologe Christian Drosten sagte, er würde „natürlich“ weiterhin nach Italien reisen. Der Lausanner Epidemiologe Marcel Salathé meint, er sehe seiner geplanten Italienreise „relaxed“ entgegen.

Moral: So kann man sich täuschen. Auch als Experte. 

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Endlich gibt es es die ersten Corona-Serien. TNT Serie und Jörg Winger entwickeln gemeinsam die mehrteilige Miniserie „Der Dschungel“ (AT). Der soll auf TNT von einem Covid-19-Ausbruch in einer der großen Fleischfabriken Europas erzählen. Mensch! Was für eine tolle Idee! Wie die wohl darauf gekommen sind? Die Idee stammt von Jörg Winger, der das Projekt für sein neues Label unter dem Dach der Ufa Fiction ausarbeitet und ebenso als Autor und Produzent fungiert.

Zum Plot heißt es: „In einer unscheinbaren Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen folgt „Der Dschungel“ (AT) drei Familien durch den Sommer 2020 – vor und nach dem Covid-19-Ausbruch im Umfeld einer modernen Fleischfabrik. Während die eine Familie den Verlust ihrer Macht fürchtet, ist die andere den widrigen Umständen von Pandemie und Fließbandarbeit ausgeliefert. Die dritte Familie wiederum versucht, Licht ins Dunkel der Ereignisse zu bringen.“

Es folgen auf der Pressemitteilung noch ein paar aalglatte Klischeestatements. Autor und Produzent Jörg Winger lässt sich beispielsweise wie folgt zitieren: „In einer Fleischfabrik bündeln sich Themen wie ökonomische Ungleichheit, Migration, industrielle Arbeitsbedingungen, Gesundheitspolitik und Klimawandel wie unter einem Brennglas. Globale Probleme spiegeln sich hier im Lokalen. Wir sind überzeugt, dass dieser Stoff mit seiner emotionalen Kraft und gesellschaftlichen Relevanz das Zeug dazu hat, einen differenzierten Beitrag zur öffentlichen Debatte zu leisten.“

Und Hannes Heyelmann, Geschäftsführer der WarnerMedia-Sender in Deutschland: „Die Idee, ein so aktuelles und gesellschaftlich relevantes Thema aufzugreifen und aus drei völlig unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen, hat uns überzeugt. Wir sind gespannt auf das Pilotbuch.“

Und wir? Noch nicht wirklich …

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Lockdown-Gewalt – auf dem Balkan eskaliert sie. Die „Bild“ fragt: „Kann das auch bei uns passieren?“ Und verneint. Aber eine halbe Seite mit Bildern von „Chaoten“ ist voll.

Gefahr droht offenbar vor allem dem Urlaub in Kroatien. Dort steigen die Neuinfektionen auf knapp 100 pro Tag. Das Auswärtige Amt überlegt, ob sie eine Reise-Warnung raussenden sollen.

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Die umtriebige Schauspielerin und Autorin Mateja Meded erklärt in der „Welt“, warum die von allzuvielen allzu kritiklos begrüßte Diversitäts-Checkliste der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein „ein Fiasko ist“. 

Sie beginnt („Ich persönlich will nicht viel, nur gleiches Recht und Unrecht für alle“) mit einem Vergleich zum Theater und schreibt: „Die Theater werden mit Steuergeldern subventioniert“, ihre Machtstrukturen seien aber „Überbleibsel einer feudalen Vetternwirtschaft.“

Im Film sehe es nicht besser aus. „Ich habe das Gefühl, dass immer die Gleichen große Summen bekommen und dass es eine Filmelite gibt, die sich gegenseitig unterstützt und selbstgenügsam auf die Schulter klopft. Kann mir jemand aus dem Stegreif fünf hervorragende Filme nennen, die in den letzten zwei Jahren hier produziert wurden?“ Mateja Meded schreibt witzig, aber sie meint es ernst: „Schwierig, da die meisten Filme kleinkarierte und bedeutungsschwangere Gartenzwerge sind, die in einem Reihenhausgarten in Hessen oder Bayern auf einem Vier-Zentimeter-Rasen sitzen. Keine Farbe, keine Leidenschaft, dafür eine semi-intellektuelle Hochschullogik, als Tarnung für die gähnende Langeweile, damit man nach dem Film schön nachdenken kann, was für eine Aussage die Regie wohl damit machen wollte.  […] Bei Fassbinder gab es Sexyness und bei Roland Klick Action, und heute gibt es Filme, die wie traurige Vorstadtgärten ausschauen und in denen Schauspieler*innen mitspielen, die die Häuser zu diesen Vorstadtgärten bewohnen könnten.“ 

„Eine Diversitäts-Checkliste ist ein Lebensquell für Karrierist*innen, die NGO-Listen auswendig gelernt haben. Für mich ist sie die perfekte Simulation eines politischen Aktes. Weil es gerade so trendy ist, politisch zu tun, anstatt zu sein. Dieses unverbindliche Diversitätsblablablubb ist eine nette Geste, ein Denkanstoß, jedoch keine Lösung, sondern vielmehr ein Fördergeldnährboden für gewiefte Beamt*innen, die sich einbilden Künstler*innen zu sein.“

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Was macht man, wenn die Außenwelt einfach gecancelt wurde? Wenn man plötzlich zuhause sitzt? Alleine und mit sehr viel Zeit? Der angeknackste Erzähler nimmt sich vor, die Krise als eine Chance zu begreifen. Zur Verbesserung des Lebens. Er versucht alles, was ihm vielversprechend scheint. Kniebeugen neben dem Biomüll. Spaziergänge auf Google Maps. Vulkanasche als Superfood. Er fertigt Listen an. Dekoriert die Wohnung. Lernt von einem Schamanen aus Wuppertal etwas über Achtsamkeit. Macht Urlaub in den eigenen vier Wänden und Expeditionen in die digitale Welt. Er verliebt sich, verrenkt sich und denkt sehr viel nach. Und schreibt schließlich einen Brief an die Bundeskanzlerin: Sein ganz persönliches Ergebnis dieser Krise, eine Philosophie aus dem Lockdown. Um dann, am Ende, zu einem skurrilen Roadtrip aufzubrechen: sein Comeback in die echte Welt.

In seinem gerade beim Alexander Verlag erschienenen „Brief an die Kanzlerin“ widmet sich der Autor und Filmemacher Julian Pörksen der Absurdität unserer Zeit, die durch die Corona-Krise besonders sichtbar wird. 

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„Philosophie in Echtzeit“ betreiben die beiden Münchner Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino. Ihr Buch „Covid-19: Was in der Krise zählt“ ist ein hochinteressanter, während des Lockdown geschriebener Essay, und der erste Versuch, auf die großen Herausforderungen und Fragen der Krise, schnell zu antworten. 

Das ist geglückt, die schnelle Zusammenfassung der Lektüre leider heute noch nicht. 

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