Wenn die Klügeren immer Nachgeben, sagen sie anderen, wo es lang geht. Dabei macht Streit die Demokratie erst richtig schön. Zeigte uns schon Frank Capra. | Foto © Sony

Ab mit der App: Noch einmal USA: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 54. 

„Es ist die perfekte Ausgangslage, um einige Dinge, die sich eh schon sehr rasant entwickelt haben, noch einmal schneller in extremis voranzutreiben, und das ist meiner Meinung nach eine Enthumanisierung. Die Digitalisierung kann jetzt auf die Spitze getrieben werden, und damit geht einher: Überwachung und die Entsolidarisierung.“
Laura Freudenthaler, Schriftstellerin

 

Die Corona-Krise ist nicht vorbei, auch wenn es sich in manchen Bundesländern so anfühlt. Zum Beispiel in Berlin, wo die Lokale seit dem Wochenende wieder voll geöffnet haben.

Die Kino-Krise fängt aber erst richtig an. In der Gesprächsreihe des „SWR2-Forum“ hatte ich das Vergnügen, heute mit Verena von Stackelberg und Nils Dünker über das Kino in der „neuen Normalität“ zu debattieren. Hier kann man die Sendung nachhören. 

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„Lebens.art“ heißt eine Sendung, die einmal pro Woche sehr spät, nämlich in der Nacht von Samstag auf Sonntag, auf 3sat zu sehen ist, aber dummerweise nie in der Mediathek. Das heißt, man kann sie sich nur entweder live anschauen oder, wie ich es mache, aufnehmen. 

In der Sendung vom letzten Samstag kamen Schriftsteller zu Wort, und es war ganz großartig. Mit anderen Worten: sehr österreichisch.

Aus Anlass des Bachmann-Wettbewerbs, der ab 17. Juni, also übermorgen, 16 Stunden live im Fernsehen übertragen wird, kamen Schriftsteller zu Wort. Sie mussten Antworten auf einen Fragenkatalog des Schweizer Schriftstellers Thomas Meyer geben. Vorgestellt wurden nur die Teilnehmer aus Österreich. 

Darunter Laura Freudenthaler, nach ihren klugen, wohlformulierten Aussagen zu urteilen, die Favoritin: „Literatur ist die einzige mir mögliche Form, mit der Welt umzugehen.“ „Ich kenne diesen Gedanken wiederkehrend: Warum mache ich das eigentlich? Warum tue ich mir das an? Bloß gibt es für mich keine andere Daseinsweise. Literatur muss stören und wahnsinnig unangenehm sein.“

Zu Corona sagt sie: „Es ist die perfekte Ausgangslage, um einige Dinge, die sich eh schon sehr rasant entwickelt haben, noch einmal schneller in extremis voranzutreiben, und das ist meiner Meinung nach eine Enthumanisierung. Die Digitalisierung kann jetzt auf die Spitze getrieben werden, und damit geht einher: Überwachung und die Entsolidarisierung.“

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Medien sind zentral für die Selbstverständigung moderner Gesellschaften. Für das Gespräch, das diese Gesellschaften miteinander führen über das, was sie sind und was sie sein wollen, welchen Kurs sie einschlagen möchten.

In Deutschland ist man immer sehr schnell und sehr gern besorgt darüber, dass die Gesellschaft gespalten werden könnte. Deutschland ist eine typische Konsensgesellschaft. Das bedeutet, dass der Konsens bei uns (wie auch in vielen anderen europäischen Ländern) sehr schnell zum Selbstzweck werden kann; dass er fetischisiert wird. Es geht also vor allem darum, dass sich irgendwie alle einig sind, dass Streit am besten gar nicht stattfindet, in jedem Fall aber beigelegt wird und zwar komplett.

Im Ergebnis wird Streit dann tunlichst erstickt. Streit gilt als etwas Lästiges, Schädliches, etwas, das den lieben Frieden stört. Wir alle erinnern uns vielleicht, wie wir früher in der Schule oder schon im Kindergarten diesen Satz zu hören bekommen haben: „Der Klügere gibt nach“. Ich weiß nicht, was ihr, liebe Leser, euch gedacht habt, als ihr diesen Satz zum ersten Mal gehört habt, und ob ihr als Kind darüber nachgedacht habt. Ich kann aber ganz ehrlich sagen: Ich hab’s,  und ich fand den Satz schon als Kind ganz schön schwachsinnig. Denn wenn immer der Klügere nachgibt, dann hat der Dümmere ja immer Erfolg. Warum sollte das passieren? Warum sollten wir das zulassen?

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Warum soll Streit überhaupt etwas Schlechtes sein? Denn im Streit geht es ja zunächst einmal um Vernunft, darum, dass das richtige Argument sich durchsetzt. Manchmal auch darum, dass überhaupt die richtige Frage gestellt wird. Oder darum, dass zwischen verschiedenen richtigen Fragen und richtigen Argumenten eine Hierarchie hergestellt wird: Was ist am wichtigsten, was kann man zurückstellen und warum? Vom Philosophen Jürgen Habermas, der am Donnerstag 91 Jahre alt wird (an dieser Stelle schonmal einen herzlichen Glückwunsch im Voraus nach Starnberg!), stammt die schöne Formulierung vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Darum geht es. Darum sagt man, Streit sei gut für die Demokratie. 

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Während der Hoch-Zeit des Ausnahmezustands konnte man blendend beobachten, was passiert, wenn zu wenig gestritten wird. Da gab es nicht nur die Zustimmung zu den Regierungsmaßnahmen, bei manchen eher zähneknirschend, bei anderen aus Überzeugung. Sondern es gab eine Lust an der Zustimmung, und es gab den nicht nur von mir geteilten Eindruck, das diese Zustimmungsbereitschaft und Zustimmungslust in keinem Verhältnis zu den realen Ereignissen stand. 

Zu schnell wird bei uns der Vorwurf des Spaltens erhoben. Aber Zusammenbringen und Vereinen ist nicht immer das, was passieren muss. Vor allem darf es nicht vorschnell passieren, und ein Konsens sollte kein erstickender sein.

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Wie es aussieht, wenn eine Gesellschaft wirklich gespalten ist, kann man gerade in den USA sehr gut beobachten.

Auch bei Corona. Aber noch viel mehr im Fall des von der Polizei getöteten George Floyd. (Ich muss ein dieser Stelle einmal gestehen, dass ich nie genau weiß, welche Worte ich hier eigentlich am besten wählen soll. Soll ich schreiben, Floyd ist „getötet“ worden, um den objektiven Vorgang zu beschreiben, oder soll ich schreiben, er ist „ermordet“ worden – wie es selbst Angela Merkel neulich zu meiner Überraschung formuliert hat. Diese Formulierung entspricht auch meiner Empörung, andererseits ist mir das allgemeine Einverständnis immer ein bisschen suspekt und es ist das meiner Sicht auch nicht gerade noch meine Aufgabe, hier zu irgendwelchen allgemeinen Einverständnissen noch zusätzlich beizutragen – siehe oben: „Konsens“. Die betroffenen Polizisten sind nicht wegen Mordes angeklagt, sondern wegen Totschlag, da Mord nicht nur niedere Gesinnung, sondern auch Vorsatz voraussetzt. Ich bin nicht sicher, ob man hier von Vorsatz sprechen kann, schon eher von Disposition. Andererseits möchte ich auch ungern anders formulieren, was dann die Polizisten in besserem Licht erscheinen lässt.)

In den USA jedenfalls geht die Spaltung der Gesellschaft so weit, dass sogar die Wirklichkeit entzwei gespalten ist. 

„Media matters for America“ heißt ein Non-Profit-Medienbeobachtungsdienst, der sehr nützliche Informationen über das Medienverhalten in den USA zusammenführt. Besonders angetan haben es den Kollegen die sogenannten Nachrichten von „Fox News“, die man eher als eine moderne Kunst-Performance der Welterzeugung bezeichnen muss. Sie produzieren nicht „alternative Fakten“, sondern eine komplett alternative Realität mit einer Unverfrorenheit, gegen die unsere Rechtsradikalen wie Biedermänner aussehen. 

So weist „Media matters for America“ nach, dass Fox News bis heute das Video des Todes von George Floyd nicht einmal gezeigt hat. Für Fox sind die Demonstranten Aufwiegler, Unruhestifter und Kriminelle. Eine interessante Entwicklung ist aber, dass Fox durch diesen Umgang gerade ernste Probleme bekommt. 

So hat der in Realitätsverdrehung besonders geübte Fox-Star-Kommentator Tucker Carlson in den letzten Tagen acht wichtige Anzeigenkunden verprellt – zumindest eine Momentaufnahme. 

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Was spricht aktuell für und gegen die Wiederwahl von Trump? Die „Neue Zürcher Zeitung“ spekuliert darüber und wagt die These, dass sich Trumps Chancen in den letzten Wochen deutlich verschlechtert haben. 

Auch wenn seit der Gründung der USA nur zehn amtierende Präsidenten abgewählt wurden, sprechen laut „NZZ“ folgende Punkte für eine Abwahl:

# Der Wirtschafts-Boom ist zu Ende.
# Der Historiker Allan Lichtman, der mit seinem Modell sehr früh die Wahl Trumps prognostiziert hatte und mit seinen Kategorien (mit einer einzigen Ausnahme) den Ausgang sämtlicher Präsidentschaftswahlen seit 1900 ableiten kann, behauptet, dass von dreizehn Schlüssel-Faktoren mindestens sechs vorhanden sein müssen, damit die Oppositionspartei gewinnen kann. Laut Lichtman sprechen sechs Faktoren für einen Sieg der Demokraten.
# Trump hat wenig Zustimmung jenseits des republikanischen Lagers.
# Bei den Kongresswahlen vom November 2018 musste Trumps Partei im Repräsentantenhaus starke Verluste hinnehmen.
# Auf nationaler Ebene liegt der demokratische Herausforderer Joe Biden in den ersten fünf Monaten des Wahljahres laut Umfragen konstant vor Trump, ausgeprägter auch als Hillary Clinton vor vier Jahren. 

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Die Demokratische Partei in den USA, der wahrscheinlich nicht nur ich im Wahlkampf alles Glück wünsche, steht vor einem Dilemma: Einerseits muss Joe Biden die eigene Partei und die eigenen Wähler mobilisieren, insbesondere auch die potenziellen Wähler, also nicht zuletzt auch diejenigen, die 2016 nicht zur Wahl gegangen sind – einerseits, weil sie nicht für Hilary Clinton stimmen wollten, keine Frau im Weißen Haus haben wollten, oder aber weil sie beleidigt waren, dass der heilige Bernie Sanders nicht zur Wahl stand. 

Andererseits muss Biden einige ehemalige Trump-Wähler in sein Lager ziehen. Das heißt, er muss für weiße Arbeiterschichten des „Rost Belt“, für traditionsverhaftete, weiße, männliche oder an Macho-Idealen orientierte Wählerschichten attraktiv werden. Genau diese Gruppen anzusprechen, hat man Biden immer zugetraut. Man darf bei diesem letztgenannten Aspekt nicht übersehen, dass eine ganze Menge Frauen nicht für Hillary Clinton gestimmt hatten. Zum Teil, weil sie die Person nicht mochten, zum Teil, weil es Frauen gibt, die sich eine Präsidentin nicht vorstellen können oder wollen.

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Die Quizfrage für Biden ist jetzt, wie er diese einander latent widersprechenden Ziele unter einen Hut bekommt: Das kristallisiert sich an der Personalfrage (die keine ist, sondern eine identitätspolitische Frage), welchen Vizepräsidenten-Kandidat beziehungsweise -Kandidatin er ernennt? 

Die erste Möglichkeit wäre, voll auf die Karte zu setzen, Trump dessen eigenes Lager streitig zu machen und die Swing States zu gewinnen, also jene drei bis fünf Staaten, in denen die Ergebnisse relativ knapp für Trump ausgingen, und bei denen es sich zum Teil um traditionell an die Demokraten fallende Staaten handelt. 

Biden könnte hier kalkulieren, das er die übrigen Staaten, die Hillary 2016 bereits gewonnen hatte, vielleicht knapp, aber eben am Ende doch auch ohne besondere Konzessionen gewinnt, und dass es für ihn nicht zu sehr darauf ankommt, frustrierte Wähler der Demokraten zurückzugewinnen, weil ein relevanter Anteil von ihnen, sei es auch mit geballter Faust in der Tasche, sowieso für ihn stimmen wird, weil sie Trump um jeden Preis loswerden wollen. 

In diesem Fall wäre es vermutlich sinnvoll, mit einem jüngeren weißen männlichen Kandidaten anzutreten. Also einer jüngeren Version von Biden, aber mit Stallgeruch. Dies könnte auch ein Mann mit Latino-Background sein, was Bidens Chancen in dem eminent wichtigen Staat Florida erhöhen würde. Für dieses Kalkül spricht auch, dass Biden sehr viel Sympathie bei schwarzen Wählern genießt, da er Obamas Vizepräsident war. 

Zweite Möglichkeit: Es geht für Biden vor allem darum, die eigenen Wähler stärker als dies Hillary gelang, zu mobilisieren, und die vielen Nichtwähler. 

Allgemeine Einigkeit herrscht unter den bürgerlichen (Links-)Liberalen darüber, dass eine Frau und zwar eine nicht allzu alte Frau Vizepräsidentschaftskandidatin werden sollte. Deswegen scheint die besonders in Deutschland (warum eigentlich?) beliebte Elizabeth Warren hier eher aus dem Rennen zu sein, obwohl sie am ehesten die Bernie-Fans abfischen könnte. Spekuliert wird jetzt gerade, zum Beispiel in diesem Artikel in der „Washington Post“, darüber, ob es Biden nützt, eine Kandidatin zu ernennen, die entweder schwarze Haut hat oder eine Latina ist.

Genau dies sind die Dilemmata der Identitätspolitik, die ich in den letzten Blogs beschrieben habe, und die uns glaube ich auch in den nächsten noch beschäftigen werden.

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Trotz der Causa Floyd ist auch der afroamerikanische Filmemacher Spike Lee letzte Woche unter die US-Moral-Taliban gefallen. 

Grund: Er hatte es gewagt, „meinen Freund Woody Allen“ öffentlich gegen die weiterhin unbewiesenen Missbrauchsvorwürfe zu verteidigen. Es folgte das öffentliche Schuldeingeständnis, das auch in den USA wie in dem Moskauer Schauprozessen der 30er-Jahre mittlerweile zum routinierten Ritual solcher „Debatten“ gehört: „My Words were wrong“. „I Do Not And Will Not Tolerate Sexual Harassment, Assault Or Violence“, was Lee übrigens auch vorher nicht getan hatte. 

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Jetzt kommt die langangekündigte Corona-App. Soll man mitmachen, oder gerade nicht, oder ist es egal, weil das alles eh nichts bringt und zu spät kommt? Ich freue mich auf Eure Wortmeldungen und Erfahrungsberichte aus dem Technikwunderland BRD!

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