Zur Aufmunterung gibt’s heute eine kleine Hommage an Roald Dahl. Der hat nicht nur die Vorlage für „Der fantastische Mr. Fox“ und viele weitere Filme geliefert, sondern war irgendwie auch ein bisschen James-Bond. Und mit einer »oscar«-gekrönten Hollywood-Schauspielerin verheiratet. | Foto © 20th Century Fox

Wirtschaft & Gesellschaft: Exogene Schocks in ihrer Gesamtwirkung, Perspektivfragen und böse Rechnungen: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 18. 

„Wer soll das bezahlen?
Wer hat soviel Geld?
Wer hat soviel Pinke-Pinke

In der ganzen Welt?“
Deutscher Evergreen, erstmals 1949

„Ich wasche meine Hände in Unschuld.“
Pontius Pilatus

„Auf welcher Faktenbasis tun wir all das, was wir tun? Was, wenn wir uns geirrt haben?“
Markus Lanz

 

Das Wochenende steht an, und auch wenn es, abgesehen vom schönen Wetter, zur guten Laune eigentlich nicht so viel Anlass gibt, möchte ich doch beginnen, auf ein paar unbestreitbar schöne Dinge hinzuweisen. 

Zum Beispiel auf Roald Dahl (1916-1990). Viele werden den Waliser mit norwegischem Vater als Kinderbuchautor und Filmvorlagengeber („Der Fantastische Mr.Fox“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“) kennen, einige auch als Autor schwarzer sarkastischer Erwachsenengeschichten (“Küsschen, Küsschen“). 

Aber wer weiß schon, dass Dahl Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg war, britischer Spion in den USA, als solcher mit Ian Fleming gut befreundet und zumindest eines der Vorbilder für die Figur des James-Bond, vor allem für dessen Verhältnis zu Alkohol und zu Frauen? Und wer weiß schon, dass Dahl als solcher zu einem James-Bond-Film selbst das Drehbuch schrieb, zu „Man lebt nur zweimal“ (1967)? Wer weiß, dass der Mann zu über 70 weiteren Kino- und Fernsehfilmen die Vorlage geliefert hat? Darunter auch mehrere Folgen von „Alfred Hitchcock presents“? 

Wer weiß schon, dass er fast 30 Jahre mit einer Hollywoodschauspielerin verheiratet war, mit Patricia Neal? Wer kennt diese Patricia Neal (1926-2010) überhaupt, obwohl sie immerhin einen „Oscar“ gewann und unter anderem mit King Vidor, Otto Preminger, John Ford, Blake Edwards und Martin Ritt drehte?

Okay, ich gerate ins Schwärmen. Stephen Shearer Biographie „Patricia Neal: An Unquiet Life“ gehört jedenfalls zu den spannenderen Schauspieler-Biografien, die ich kenne, man kann größere Teile des Textes auch online lesen.

Selbst wenn man das alles weiß, weiß man dann auch, dass der vielseitige Roald Dahl auch mit zwei Freunden ein medizinisches Gerät erfand, mit dem regelmäßig überflüssige Flüssigkeit aus dem Kopf abgesaugt werden kann? Und so weiter. 

Jetzt hat der Deutschlandfunk eine „Lange Nacht“, also eine dieser guten alten klassischen Drei-Stunden-Radio-Sendungen, wie es sie früher mal gab, über Roald Dahl produziert. Die kann man sich auch tagsüber anhören, zum Beispiel bei einer Zugfahrt, falls es das je wieder geben sollte. Man muss die Aufnahme aber heute noch herunterladen, denn dann wird sie vom Netz genommen. Wirklich heute. Jetzt. Hier!

Und wer dann noch mehr Lust auf Dahl hat, dem empfehle ich seine beiden Memoiren-Bände „Boy“ und „Im Alleingang“. 

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Wer es weniger mit Literatur hat, dafür mehr mit Musik, dem möchte ich mal die großen Unbekannten der deutschen Musik ans Herz legen: „Tangerine Dream“, zum Beispiel dieses Konzert. Über die hat es vor ein paar Jahren auch einen schönen Film gegeben. Das scheint mir fürs Corona-Home-Office genau das Richtige zu sein. Auch ganz praktisch. Denn wenn man mal Ruhe zum Denken, Lesen, Arbeiten braucht, und sie nicht hat, dann kann man (Kopfhörer auf)  sich voller Vertrauen in einen „Tangerine-Dream“-Klangteppich wickeln, der ist präsent, aber nicht dominant, und laut genug, damit es ruhig wird; es geht damit immer vorwärts, und plötzlich, ohne es zu merken, schreibt, denkt und arbeitet man schneller. 

Mit Kino haben die natürlich auch eine Menge zu tun. Zum Beispiel stammt der einfach nur geniale Soundtrack zu William Friedkins „The Sorcerer“ von „Tangerine Dream“, zum Beispiel der zu Michael Manns „Thief“. Aber auch großartige Fernsehminiaturen, wie „Das Mädchen auf der Treppe“ zu einem Schimanski-Tatort.

Noch Fragen?

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Leider nicht mehr an Ulrich Kienzle. Dieser wunderbare Fernsehreporter alter Schule ist leider heute gestorben. Mit 83 Jahren. Kienzle war ein Mann meiner Kindheit – einer von denen, die einem die Welt entdeckten, als sie noch entdeckt werden konnte im Fernsehen. Und einer von denen, die mir Lust machten, Journalist zu werden, Auslandskorrespondent vielleicht. 

Kienzle, gebürtiger Schwabe war beim SDR, bei Radio Bremen, beim ZDF, er war Nah-Ost-Korrespondent im Libanon und Kairo und war in Südafrika. 

Ein nonchalanter Grandseigneur – unvoreingenommen, ironisch und mit seinen sandfarbenen Anzügen und Tweedjackets, als man bei denen noch nicht an Gauland dachte, auch noch auffallend gutgekleidet. Vor ein paar Jahren hat Kienzles Frau Ilse mal ein lesenswertes ungewöhnliches Buch geschrieben, in dem sie von beider Leben im Libanon und in Südafrika erzählt. Und ihrer Ehe, die das alles mehr als 50 Jahre gut überstanden hat. 

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Nun aber zu Corona. „Der Ausbruch ist beherrschbar geworden“ sagte Jens Spahn heute auf einer Pressekonferenz. Ja, wo beherrschst er denn irgendetwas?

Am Donnerstagabend konnte man bei „Markus Lanz“ eine in keinem anderen Talk-Format überhaupt auch nur mögliche, hochinteressante, überaus differenzierte und ausführliche Debatte zwischen Wissenschaft und Medien verfolgen, verkörpert von der promovierten Chemikerin und Wissenschaftsreporterin Mai Thi Nguyen-Kim und „Welt“-Reporter Robin Alexander, bei der die Politik, verkörpert von Bodo Ramelow, ziemlich blöd und still daneben saß. Und das war auch besser so. 

Mai Thi Nguyen-kim argumentierte über weite Strecken brillant und nahm zum Beispiel auch das letzte Leopoldina-Papier (keine „Studie“!) auseinander. 

Es ging grob gesagt, darum, wer am Ende bestimmt: Die Einsichten der Wissenschaft oder die Entscheidungsträger der Politik, die sich noch an anderen Dingen orientieren müssen, als nur an Fallzahlen, Viren-Reproduktionsfaktoren. 

Zum Beispiel auch an wirtschaftlichen Produktionsfaktoren. 

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Es ist schön, wenn die Kurven gerade nach unten gehen, aber weil auch die Kurven für Wirtschaftsleistungen und Produktion nach unten gehen, und die einzigen aufsteigenden Kurven gerade die der Arbeitslosen und Staatsschulden sind, liegt es an der Politik, und an der Gesellschaft, die sie trägt, alle Kurven in ein angemessenes Verhältnis zu setzen. 

Und sei es auch nur, um das vielgelobte deutsche Gesundheitssystem weiterhin bezahlen zu können. 

Wenn es nur nach der Wissenschaft ginge, würden wir noch heute in einem Jahr im Ausnahmezustand sitzen, einfach so lange, bis ein Impfstoff massentauglich ist. 

Die Politik ist dafür da, solchen hybriden Fantasien und Einseitigkeiten Grenzen zu ziehen.

Ich habe den Eindruck, dass hinter unserer Folgsamkeit unter das Diktat der Wissenschaft und die Verbots-Gesten der Regierenden nichts anderes steckt, als die Furcht davor, dass man in einem Jahr noch so wie jetzt in der Wohnung sitzen muss. Die Furcht dafür, dass die Zahlen nicht ganz runter gehen. 

Aber die Zahlen werden nicht ganz runter gehen.

Wir müssen mit dem Virus zu leben lernen. Der Virus wird ein Teil unseres Lebens werden bis auf weiteres. Aber eben ein Teil des Lebens. 

Wenn man das Leben beendet, um das Leben zu retten, dann ist es eben kein Leben mehr. Die Idee, das Virus „zum Verschwinden“ zu bringen, „zum Stillstand“ ist nur eine weitere Reinheitsfantasie, die an der Realität scheitern wird. Eine entsetzliche Hybris. Wir müssen lernen, mit dem Risiko zu leben. Wir müssen lernen, dass das Risiko zum Leben dazu gehört. Und der Tod. Und das Sterben. 

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Was wird unsere Gesellschaft nachhaltiger verändern: Die gesundheitlichen Folgen oder die wirtschaftlichen Folgen?

Man muss Prioritäten setzen. Aber welche?

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Klar ist: Fabriken sind geschlossen, Absatzmärkte eingebrochen, in vielen Branchen ist das wirtschaftliche Leben zum Erliegen gekommen. Für viele ist der abrupte Abschwung existenzbedrohend. 

Wieviel der Lockdown aber genau kostet, ist eigentlich bislang vollkommen unklar. Die Zahlenangaben liegen bei 10 bis 20 Milliarden Euro – pro Tag. 

Das Besondere der Zäsur ist, dass sie wirklich alle Bereiche trifft, und das auch noch weltweit. Dies ist nie dagewesen. Wir erleben für das jetzige zweite Quartal einen Absturz, der im Jahresdurchschnitt um 5 Prozent liegt. Das ändert sich mit jedem Tag der Verlängerung des Lockdown ins Negative und irgendwann kommt es zu Anpassungsprozesse in der Wirtschaft, die wir so nicht kennen. 

Nicht nur die Politik, auch die Wirtschaft hat Studien zu einer möglichen Pandemie in Auftrag gegeben und dann aber keinerlei Konsequenzen daraus gezogen. Die Ökonomen stehen hier vor der Schwierigkeit, wie man denn ein nicht-ökonomisches Phänomen bewertet?

„Wir tun uns halt schwer, solche exogenen Schocks in ihrer Gesamtwirkung zu berechnen. Das ist jetzt ein Realexperiment was hier stattfindet“, sagte Michael Hüther vom „Institut der Deutschen Wirtschaft“ in einer Diskussionssendung des Deutschlandfunk zum Thema „Deutschland vor der Rezession“. 

Zu hören war dort auch Guido Zöllick, Präsident des deutschen Hotel und Gaststättengewerbes (Dehoga), der erklärte, warum „wieder anzuschieben mindestens genauso schwierig“ wird. Gerade der Tourismusbereich wird sehr stark leiden, und es wird sehr lange dauern, bis hier wieder alles auf dem Normalstand ist. 

„Es muss“, sagt er, „ein abgestimmtes Verhalten in ganz Deutschland geben. Das, was wir bei der Schließung erlebt haben, darf sich jetzt auf keinen Fall wiederholen. Unterschiedliche Flickenteppiche dürfen wir nicht riskieren.“ 

Gerade Restaurants müssten bald und dann auch am Abend geöffnet werden. „Es bringt überhaupt nichts wenn man Restaurants öffnet, sie dann aber bis 18 Uhr schließen muss. Aus meiner Sicht ist die Ansteckung um 12 Uhr Mittag auch nicht anders als um 20 Uhr abends.“ 

Es sind elementare Dinge, die berührt werden. Wenn der Lockdown noch lange läuft, werden unsere Innenstädte anders aussehen. 

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Wir müssen von wegkommen von der Vorstellung dass Wirtschaft und Gesundheit gegeneinander stehen. Das gilt auch für den Rest: Wirtschaft und Gesellschaft, Gesellschaft und Gesundheit. Vergessen wir nicht, dass am Ende alles für die Menschen da ist, für jeden Einzelnen, aber eben auch für alle zusammen und nicht nur für bestimmte Einzelne. Auch nicht nur für die „Risikogruppen“. Nicht nur für die Alten, nicht nur für die Jungen. Nicht nur für die Reichen, aber auch nicht nur für die Armen.

Wenn wir mit einer anhaltend darbenden Wirtschaft zu rechnen haben, dann müssen wir konstatieren, dass wirtschaftliche Depression auch gesundheitliche Folgen hat. Ganz unabhängig von der Frage, ob wir dann noch Geld haben um das Gesundheitssystem so auszustatten und zu finanzieren wie wir das brauchen. 

Es gibt auch hier deutliche Widersprüche. 

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Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kritisierte, für viele Betriebe fehle weiterhin eine klare Perspektive für ihr Geschäft. „Weitere wirtschaftliche Einbußen für die gesamte Gesellschaft zeichnen sich ab“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier kündigte Gespräche mit der Wirtschaft an. „Ich werde mich am Freitag mit den Wirtschaftsverbänden eng über den genauen Ablauf der Lockerungen und möglicher weiterer Lockerungen, sobald es der Gesundheitsschutz zulässt, abstimmen“, sagte Altmaier.

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Der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof geht gerichtlich gegen die Schließung seiner Filialen wegen der Coronakrise vor und klagt gegen die Handelsbeschränkungen durch den Staat. Begründung: Die Wettbewerbsverzerrung durch die Öffnung von Baumärkten und Möbelhäusern. 

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Der Ifo-Präsident Clemens Fuest hat für gezielte Hilfen für Firmen in Not plädiert und zugleich Steuersenkungen für alle und breit angelegte Konjunkturprogramme abgelehnt. 

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Ketzerische Frage, die ich mir erlaube, da ich selber freier Autor bin. Und gut beschäftigt, deswegen gab es bisher keinen Grund, eine der entsprechenden staatlichen Hilfen zu beantragen. Ein Freund, auch Autor, der zwar  fern davon ist, arbeitslos zu sein, aber gerade etwas weniger gut beschäftigt, erzählt mir, dass er das gemacht habe: „Ich hab die 9.000 Euro schon überwiesen bekommen.“ Freut mich, fine for me. 

Was ich mich aber gefragt habe, ist folgendes: Was hindert den guten Mann jetzt eigentlich daran, für zwei Monate in Urlaub zu fahren? Abgesehen davon, dass die meisten Hotels zu sind, und das Reisen eingeschränkt. Aber nehmen wir mal an, er hätte ein Ferienhaus in Spanien – hat er nicht, und macht er auch alles nicht, nur angenommen. Frankfurt-Barcelona habe ich mal bei der Lufthansa eingegeben, Abflug nächsten Samstag, würde mit Rückflug und Gepäck rund 220 Euro kosten, also völlig okay. Wenn er dann auf Null Einnahmen im Mai/Juni kommt, könnte er damit die Auftragseinbuße gut begründen, hätte aber tatsächlich Urlaub gemacht. 

Ich weiß: Schlüpfriges Terrain. Jedes Ressentiment liegt mir fern, ich halte die allermeisten Antragsteller nicht für Betrüger, ich glaube sofort, dass viele in echter Not sind, und auch nur Einbußen muss man ausgleichen. 

Worauf ich hinaus möchte, ist hoffentlich trotzdem klar: Wie will man das alles kontrollieren? Und genügt Vertrauen? 

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Zugleich: Ein Zuschuss von 9.000 oder 15.000 Euro trägt nicht lange. Bei vielen gibt es sehr enge Kapitaldecken. Dann greifen die Kreditprogramme, schön und gut. Aber nach der Krise haben wir dann möglicherweise einen Schuldenüberhang. 

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Die Kostenlos-Mentalität mancher (!) in allen (!) Bereichen der Gesellschaft ist ein Problem. 

Leider wird sie mitunter auch noch durch öffentliche Institutionen gefördert, im Bereich der Kinos zur Zeit beispielsweise durch das Berliner „Arsenal“. Dieses Kino, das neben zwei Sälen auch einen eigenen Verleih hat, ist komplett öffentlich finanziert, und hat das Glück, im Gegensatz zu vielen anderen schönen Institutionen in seinem Bestand vorerst ungefährdet zu sein. 

Jetzt stellen sie unter dem Namen „Arsenal 3“, der den Eindruck erweckt, es handle sich um eine Art drittes Kino, auch jede Woche kostenlose Film-Kunst in Netz. So schön das auf den ersten Blick wirkt, so sehr wird es innerhalb der Branche, von mir bekannten Programmkinos, Verleihern und Filmemachern scharf kritisiert.  Denn das Angebot kostenloser Filme suggeriert, dass Kino keine Arbeit macht und nichts kostet. Das bedient die ohnehin grassierende, in Corona-Zeiten zunehmende Kostenlos-Mentalität. Außerdem werden hier Kunst und Rechte einfach verschenkt, Und wir wissen ja: Was man verschenkt, ist nichts wert. 

Das sei „Wichtigtuerei“.

Die Aktion des „Arsenal“ ist aber ein größeres, auch kulturpolitisches Problem: Es macht allen anderen Angeboten die es gerade haufenweise gibt, und die direkt den weniger geförderten Kinos und Verleihern zugute kommen, unnötig Konkurrenz. Denn das „Arsenal“ könnte es sich am ehesten leisten, einfach mal dicht zu haben.

Der inhaltliche Punkt ist glasklar: Eine öffentlich geförderte Institution macht mit kostenlosen Angeboten den prekären, privaten Institutionen und ihren Geld kostenden Angeboten Konkurrenz. Für öffentlich durchgeförderte Einrichtungen mit sicheren Stellen ist es leicht, Inhalte Dritter zu verschenken, für private Unternehmer aber unmöglich. 

Wir wollen mal hoffen, dass das „Arsenal“ immerhin alle Streaming-Rechte geklärt und zu Marktpreisen angemessen bezahlt hat. 

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Sonja Ziegltrum-Teubner, Geschäftsführerin Bayerische Blumen Zentrale GmbH, wies kürzlich darauf hin, dass zurzeit in zwölf Bundesländern Gartencenter und Blumenmärkte aufhaben, in Bayern nicht. Der verlorene Umsatz lässt sich dort nicht nachholen. Denn Pflanzen müssen innerhalb von zwei Wochen verkauft werden. 

Nur eine Marginalie, aber eine von vielen kleinen Bereichen, wo zurzeit die Dinge aus dem Ruder laufen. 

Da spätestens erfährt der Föderalismus seine Grenzen. Und was auf den ersten Blick als eine Sternstunde für Markus Söder erscheint, könnte ein Eigentor sein. Denn autokratische Figuren, die alles selber machen wollen, müssen dann nämlich auch liefern. 

Hüther ergänzte: „In bestimmten Fällen wurde auch weit über das Ziel hinausgeschossen. Beim Shutdown haben wir Dinge ganz schnell zugelassen.“

Und da sind wir wieder bei den Grundrechten, über die wir hier schon geschrieben haben. 

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Ich habe hier jetzt nicht die Kosten der 10 bis 20 Milliarden Euro pro Tag gegen Menschenleben aufgerechnet. Ich verstehe aber die, die es tun. Weil man auch das Ganze im Blick haben muss. 

Eine böse Rechnung. Bisher wurden 81.800 Deutsche als geheilt oder kuriert gezählt. Man sagt uns, dass ohne Ausgangssperren etwa 1 Prozent aller Betroffenen sterben würden. Wenn man nun diese Zahl 818 mit der der bisher aufgewendeten Kosten verrechnet, ergibt sich die Summe, die jedes gerettete Menschenleben Staat und Volkswirtschaft kostet. Nehmen wir den niedrigsten der genanten Werte, 10 Milliarden pro Tag, also in 40 Tagen 400 Milliarden Euro und teilen diese durch 818. Kann jeder selber machen. Genau soviel ist ein Menschenleben zur Zeit wert. 

Gerade wenn wir das Aufrechnen nicht wollen, müssen wir (aus ethischen Gründen) mit dem moralischen Kitsch aufhören: „Jedes Menschenleben zählt.“ Nein! Dieser Satz ist moralischer Kitsch. Denn kaum einer meint damit auch Syrien und Afrika. Unsere tolle, vielgelobte Regierung hat schon gezögert, Masken nach Italien zu liefern. Und Corona-Bonds? Bitte nicht. 

Da muss mir keiner erzählen, „Jedes Menschenleben zählt“. Nein: Jedes Menschenleben hat seinen Preis. Ich glaube nicht, dass dieser Preis für viele deutsche Bürger bei 400 Millionen Steuergeldern oder darüber liegt. 

Eben alles eine Frage der Perspektive.

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Gesundheit, Gesundheit über alles? Wirtschaft, Wirtschaft über alles? Es darf kein Primat der Gesundheit geben. Und es darf auch kein Primat der Ökonomie geben. Weder Gesundheit noch Wirtschaft sind ein Maßstab, nach dem man eine ganze Gesellschaft dauerhaft gestalten kann – es würde im Gegenteil die Gesellschaft kaputt machen, wenn das geschähe. Wenn überhaupt, muss es heißen: Freiheit Freiheit über alles. Und selbst dann muss man präzisieren: Freiheit des Einzelnen und Selbstbestimmung sind gemeint und selbstverständlich nur in einem Rahmen, der vom Rechtsstaat gezogen wird. Das heißt: Freiheit und Selbstbestimmungschancen für alle sind das Wichtigste, aber sie müssen immer abgewogen werden gegenüber den Rechten und Freiheitschancen der anderen und gegenüber den legitimen Anforderungen der Gesellschaft.

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