Tyrion, Bechdel-Wallace, Mako-Mori: Hinter diesen Namen stehen Tests, die Filme auf Diversität hin prüfen – und zeigen, wo sie fehlt.

Vor einigen Jahren saß ich bei der re:publica (Deutschlands größter Konferenz für Menschen, die irgendwas mit Internet am Hut haben) – auf einem Podium, um über die Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien zu sprechen. Wir hoben positive Beispiele aus dem englischsprachigen Ausland hervor, diskutierten darüber, welche Stereotype es in der Darstellung immer noch gibt und formulierten Wünsche an Produktionsteams und Redaktionen.

Im anschließenden Publikumsgespräch meldete sich eine Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und erklärte uns, das sei ja alles schön und gut, aber: Die Leute wollten das nicht sehen. Die Zuschauer*innen wären ihrer Meinung nach damit überfordert, wenn Menschen mit Behinderung in den Medien repräsentiert werden würden, ohne die Behinderung zu erklären oder Mitleid anklingen zu lassen. 

Noch heute bin ich wütend, wenn ich an diese Wortmeldung zurückdenke. Inklusion (und damit für meine Begriffe auch Repräsentation) ist seit zehn Jahren ein Menschenrecht. Die Zuschauer*innen zu bevormunden und aus Angst vor Unsicherheiten an alten Erzählweisen und Schubladen festzuhalten, ist das Gegenteil von Inklusion und Fortschritt. Ich habe ihr damals geantwortet, dass ich davon überzeugt bin, dass niemand morgens aufwacht und denkt: „Wow, wie wäre das, wenn einsame Bauern auf dem Land mit einer Kamera begleitet werden und sich eine Frau suchen? Das würde ich wirklich mal gerne sehen!“

Inzwischen wächst in vielen Redaktionen und Produktionsfirmen das Bewusstsein für Diversität. Eine Gesellschaft ist nur so divers, wie sie sich selbst abbildet – in Film, TV, Print- und Online-Medien. Wie vielfältig ein Film oder eine Serie tatsächlich ist – dafür gibt es inzwischen zahlreiche Tests, die sich nicht nur auf Menschen mit Behinderung beziehen. Ich habe mir die wichtigsten mal angeschaut:

 

Bechdel-Wallace-Test: Kennt man, oder? Ursprünglich als Bechdel-Test bekannt geworden, freut sich die Autorin Alison Bechdel – aus deren Comic „Dykes to Watch out for“ der Test stammt -, wenn man den Namen Wallace heute dazu nimmt. Der Test an sich ist keine Erfindung Bechdels. Ihre Freundin Liz Wallace erzählte ihr davon, als Bechdel auf der Suche nach Ideen für ihren Comic war. Erste Ideen dieses Tests gab es schon bei Virginia Woolf. Der Bechdel-Wallace-Test fragt, ob ein Film, eine Serie oder ein Roman mindestens zwei weibliche Charaktere zeigt, die einen Namen haben und miteinander sprechen – und zwar über etwas anderes als einen Mann. 

Klingt einfach? Ist es nicht. Erstaunliche viele Filme fallen auch heute noch durch dieses Raster. „Der Herr der Ringe“ schafft es über eine ganze Trilogie hinweg, diesen Test nicht zu bestehen. Mehr als elf Stunden voller Männergeschichten und -gespräche. Ganz anders hingehen: „Die Tribute von Panem“ – ebenfalls eine Trilogie, allerdings mit starken Frauenrollen.

Allerdings: Auch Filme wie „American Pie“ oder „Gegen jede Regel“ bestehen den Test. Weil sich (zwischen lauter Männergeschichten) zwei Frauen (oder Mädchen) kurz über etwas anderes als Männer unterhalten. Das lässt sie zwar den Bechdel-Wallace-Test bestehen, macht sie aber noch lange nicht zu einem Film ohne Sexismen oder Diskriminierung. Deshalb sind in den letzten Jahren einige weitere Tests entwickelt worden, mit denen mehr Diversität sichtbar gemacht werden soll.

 

Der Mako-Mori-Test erweitert den Bechdel-Wallace-Test um die Charakterentwicklung. Er ist benannt nach einem Charakter aus dem Spielfilm Pacific Rim. Der zeigt eine dystopische Welt, die von außerirdischen Monstern angegriffen wird – klassische US-amerikanische Science-Fiction. Der Film fällt beim Bechdel-Wallace-Test sofort durch, zeigt aber mit der Heldin Mako Mori einen starken, emanzipierten Charakter mit asiatischen Wurzeln. Weil das in der weißen und männlichen Hollywood-Welt sehr selten ist, entstand aus einer Diskussion auf Tumblr der Mako-Mori-Test. Er kümmert sich nicht um die Interaktion der weiblichen Charaktere, sondern legt den Wert auf die Entwicklungskurve zumindest eines weiblichen Charakters innerhalb eines Films oder einer Serie. Wichtig dabei: Die weibliche Figur muss sich eigenständig entwickeln – nicht als Beiwerk einer eigentlichen männlichen Hauptgeschichte. Bei diesem Test würden auch „American Pie“ und „Gegen jede Regel“ glatt durchfallen.

Die Frage nach der Repräsentation von Frauen und weiblichen Charakteren in Filmen, Serien und Büchern kratzt allerdings nur an der Oberfläche der Diversität.

 

Den Kent-Test gibt es seit 2018. Er eröffnet eine neue, intersektionale Ebene und beschäftigt sich mit der Darstellung und Repräsentation von weiblichen Charakteren of Color. Die Kulturjournalistin und Autorin Clarkisha Kent hat den Test für die Organisation „Equality for her“ zusammengestellt. Wer bis heute immer noch glaubt, der Weihnachtsklassiker „Tatsächlich … Liebe!“ sei ein toller Film mit vielen weiblichen Charakteren, dem*der sei gesagt: Nein, leider nicht. Die Frauen sind hier weder handlungsstark, noch emanzipiert und vor allem fast alle sehr weiß. 

Wie so viele beliebte Romantische Komödien würde auch diese beim Kent-Test sofort durchfallen. Dieser Test ist detaillierter als die anderen Tests und funktioniert wie ein Punktesystem: Je mehr der vorgegebenen Kategorien erfüllt, umso mehr Punkte werden erreicht – das Ergebnis changiert auf einer Skala von „miserabler“ bis „sehr starker“ Darstellung von Frauen of Color. Beispiel für die Kategorien lauten: Der Charakter hat seine eigene Storyline. Der Charakter interagiert mit anderen Frauen of Color. Oder der Charakter erfüllt keine der üblichen Stereotype.

Was bei diesen Tests trotzdem fehlt, ist die Frage nach der Darstellung von queeren Charakteren und Charakteren mit Behinderung. Homosexuelle Rollen wurden in Hollywood lange als die Verkörperung des Unglücks inszeniert. Um das sichtbar zu machen und damit auch zu verändern, gibt es ebenfalls einen Test.

 

Vito-Russo-Test: Die US-amerikanische Institution GLAAD, die sich mit der Darstellung von homosexuellen und queeren Charakteren in den Medien beschäftigt, hat den Vito-Russo-Test entwickelt. Benannt nach dem schwulen Filmkritiker Vito Russo, fragt der Test (ähnlich wie der Bechdel-Wallace-Test) nach der Anzahl der queeren Charaktere und danach, ob sie auf ihre sexuelle Orientierung reduziert, beziehungsweise nur als Beiwerk inszeniert werden. Ein aktuelles Beispiel, das den Test besteht, ist „Bohemian Rhapsody“ – die Biografie von Queen-Frontmann Freddy Mercury. GLAAD veröffentlicht jedes Jahr eine Studie, in der sie die aktuellen Erscheinungen der größten Produktionsfirmen prüfen. Kein Film, aber eine sehenswerte Serie, die den Test sicher besteht: Stadtgeschichten auf Netflix. Eine Miniserie über ein Haus in der Barbary Lane in San Francisco und deren unterschiedlichen Bewohner*innen und Beziehungen zueinander.

Als kleinwüchsige Slam Poetin habe ich es nicht selten erlebt, dass nach den Auftritten Menschen zu mir kamen und mir aus dem Nichts mitteilten: „Ich schaue auch gern den ,Tatort‘ aus Münster.“ Nicht, dass ich Texte über Boerne und Co. machen würde – das ist einfach der einzige Berührungspunkt mit einer kleinwüchsigen Frau, den diese Menschen haben, und das müssen sie mir mitteilen. ChrisTine Urspruch ist Schauspielerin, kleinwüchsig und hat nicht nur das Sams in den Verfilmungen gespielt, sondern auch eine Pathologin im Münsteraner Tatort und eine Ärztin (Achtung, Flachwitz der ZDF-Redaktion) in der Serie „Dr. Klein“. Aber: Sie ist neben Peter Dinklage, dem kleinwüchsigen Darsteller aus der Erfolgsserie „Game of Thrones“, eine Ausnahme. Rollen mit Behinderung werden immer noch zu oft von Darsteller*innen ohne Behinderung gespielt (diese dann aber besonders häufig ausgezeichnet mit den wichtigsten Filmpreisen) und Darsteller*innen mit Behinderung werden immer noch zu selten engagiert. Selbstverständlich gibt es dafür inzwischen auch einen Test.

DisRep-Test wird auch Tyrion-Test genannt, nach der Rolle von Peter Dinklage in „Game of Thrones“, und testet die Repräsentation von Menschen mit Behinderung in Film und Fernsehen (englisch Disability Representation, kurz DisRep). Auch hier sind die Kategorien ähnlich wie in den anderen Tests:

Taucht mindestens ein Charakter mit Behinderung auf, …
… der nicht weiß, heterosexuell und cis ist?
… der von einer Person mit Behinderung dargestellt wird?
… dessen Storyline sich nicht (nur) um die Behinderung dreht?
… der nicht zur Inspiration oder für Mitleidseffekte gebraucht wird?

Allein, dass mir auf Anhieb kein Beispiel einfällt, das diesen Test komplett bestehen würde, zeigt, wie wenig in Produktionen noch genau auf diese Punkte geachtet wird. Dafür gibt es umso mehr Beispiele für Filme, die sich zwar mit dem Thema Behinderung beschäftigen, diesen Test aber nicht bestehen würden. In „Wo ist Fred?“ spielt Til Schweiger „Fred Krüppelmann“ (schon an dieser Stelle Kopfschütteln bei mir für die Namenswahl), der vorgibt, einen Rollstuhl zu benötigen, um seine große Liebe für sich zu gewinnen. In allen Kategorien des DisRep-Tests gnadenlos durchgefallen. Auch „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, in dem Leonardo DiCaprio „Arnie“, einen Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten, spielt (und dafür unter anderem für den „Oscar“ nominiert wurde), fällt durch. Genauso „Die Entdeckung der Unendlichkeit“, in der der nicht-behinderte Schauspieler Eddie Redmayne Stephen Hawking darstellt – und dafür einen „Oscar“ gewinnt. Oder „Forrest Gump“, mit Tom Hanks in der Hauptrolle – und „Oscar“-Gewinn. Auch das symptomatisch: Wenn nicht-behinderte Schauspieler*innen vermeintlich authentisch Behinderung spielen, regnet es Preise.

All diese Tests sind im US-amerikanischen Sprachraum entstanden. Das ist kein Zufall. Das Bewusstsein für Diversität und gleichberechtigte Repräsentation von verschiedenen Menschen in Film und TV ist dort wesentlich höher als in Deutschland. Das spiegeln vor allem aktuelle Netflix-Produktionen wider, die gegebenenfalls nicht alle der vorgestellten Tests gleichzeitig bestehen würden, aber in vielen Punkten schon diverser sind als viele andere Hollywood-Produktionen. Was vor allem daran liegt, dass Netflix selbst großen Wert auf Diversität legt und dies in jeder Neu-Produktion versucht, umzusetzen. Aber auch hier gibt es vor allem im Bereich Charakter mit Behinderung und deren authentischer Umsetzung viel Verbesserungspotenzial. Das Argument „Wir finden einfach niemanden!“ darf nicht mehr gelten.

All diese Tests machen fehlende Diversität sichtbarer. Sie müssen aber auch dazu führen, dass Produktionen und Redaktionen entsprechend reagieren und die Vielfalt unserer Gesellschaft medial abbilden. In dem Wort Sehgewohnheit steckt nicht umsonst Gewohnheit. Wenn ich etwas oft genug in den Medien konsumiere, dann gewöhne ich mich dran. Ich halte diese Darstellung irgendwann für normal. Sehgewohnheiten und damit Medien prägen unser Bild von der Welt – intuitiv, ohne dass wir das immer beeinflussen können.

Wer also weiterhin an Stereotypen festhält und noch nicht begriffen hat, dass Charaktere abseits der hetero-weißen Norm ohne Behinderung spannend und eigen erzählt werden können, wird feststellen, dass die eigene Welt dadurch ziemlich eingeschränkt ist. Wir brauchen Repräsentation von marginalisierten Gruppen auf dem Bildschirm – in jeglicher Form und jeglicher Rolle. Ich wünsche mir für die Generation nach mir mehr Identifikationsfiguren als den Zwerg in einer Fantasy-Mittelalter-Saga und eine „Dr. Klein“ im ZDF. Grüße an die Rundfunk-Mitarbeiterin aus dem Publikum: Es ist alles nur eine Frage der Gewohnheit.

 

Dieser Artikel erschien am 4. Juli 2019 auf Leidmedien.de. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

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